von Nicolas Fetting
Eine Neuinterpretation eines Solinger Klassikers
Wenn man im deutschsprachigen Raum vom Nicker spricht, denkt man unweigerlich an Loden, Gamsbart und Lederhosen. An Biergärten im Voralpenland. An Brauchtum, das Generationen überdauert hat. Der Begriff ist untrennbar mit Solingen verbunden.

Dabei ist der sogenannte Solinger Nicker keineswegs eine bayerische Erfindung. Die Messerform existiert im deutschsprachigen Raum seit mindestens 250 Jahren.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie in Solingen im Gesenk geschmiedet und in Serie gefertigt. Das Ergebnis: eine Verbindung aus hoher handwerklicher Qualität und industrieller Reproduzierbarkeit – und damit eine Klinge, die erschwinglich blieb, ohne an Güte einzubüßen. Nach und nach verdrängte sie die regional üblichen Fuhrmannsbestecke.

Über mehr als 175 Jahre hinweg hat sich das Design des Nickers kaum verändert. Vielleicht wurde die Klinge im vorderen Bereich minimal bauchiger – eine subtile Anpassung, um ihn jagdlich universeller einsetzbar zu machen. Ursprünglich war der Nicker in erster Linie für den präzisen Stich konzipiert: schlank, spitz, kompromisslos, eine teilweise sehr kräftige Klinge, unter der die Schneideigenschaften litten.
Gerade diese Filigranität macht seinen Charakter aus. Eine lange, feine Spitze. Ein sehr schlanker Hals – kaum stärker als ein Montblanc Füllfederhalter. In der Hand wirkt er beinahe zierlich, doch im Einsatz zeigt er eine erstaunliche Präzision. Der klassische Nicker ist kein grobes, „tactical“ Werkzeug. Er ist ein präzises Instrument.

Traditionalisten schätzen diese Form. Und doch stellt sich die Frage: Passt dieses Messerbild noch in eine Welt von Blaze Orange, Kunststoffschäften und Gore-Tex?
Also zu meiner Neuinterpretation.
Diese Neuinterpretation soll nicht mit der Tradition brechen, sondern übersetzt sie in eine zeitgemäße Formensprache. Klinge und Kropf sind aus einem Stück Stahl gefertigt – eine sogenannte Halbintegral-Bauweise. Technisch anspruchsvoll, sehr solide, optisch klar. Weniger verspielte Linien, dafür definierte Kanten, die mit Licht und Schatten spielen.

Die Flächen habe ich teilweise satiniert oder auch poliert, am Kropf die Satinierung der Flächen um 90º versetzt, sodass das Lichtspiel nochmals verstärkt und Formen hervorgehoben werden.
Das Ergebnis ist eine bewusst reduzierte Silhouette. Kein Zierrat. Keine Übertreibung. Stattdessen ein ruhiges, schlichtes Design.
Ursprünglich war ein Griff aus Micarta oder Ebenholz geplant – doch dann guckte mich jedoch dieses kleine Stückchen Sambar aus der Schublade an und als Liebhaber von Naturmaterialien habe ich mich dann doch wieder zu Sambar hinreißen lassen.

Gerade im Kontrast zur sachlichen Klinge entfaltet das Sambar seine Wirkung: warm, organisch, lebendig, einzigartig. Vielleicht liegt genau in dieser Spannung – technische, klare Linien treffen auf Natürlichkeit – der eigentliche Reiz dieses Messers.
Dieses Messer ist als „Take-Down“-Konstruktion ausgeführt – vollständig zerlegbar. Objektiv betrachtet bringt das im jagdlichen Alltag keinen Vorteil. Im Gegenteil: Die Reinigung ist aufwendiger, und funktional wäre eine fest montierte Bauweise sinnvoller.

Doch Messer sind nicht nur Werkzeuge. Sie sind Objekte der Faszination und dieses hier habe ich für mich selber gebaut.
Die Möglichkeit, ein Messer bis in seine konstruktiven Details zu zerlegen, spricht den Spieltrieb des Sammlers an. Denjenigen, der verstehen will, wie es von drinnen aussieht, wie Passungen sitzen und theoretisch könnte ein weiterer Griff gefertigt werden und das Messer nochmals komplett anders aussehen lassen.

Gefertigt ist die Klinge aus dem klassischen, nicht rostfreien Werkzeugstahl 1.2842, mit der Zeit wird dieser eine schöne Patina entwickeln, die wiederum Geschichten erzählen kann – gleichzeitig liegt in der Werkstatt bereits ein massiver Barren RWL34 bereit – ein pulvermetallurgischer, rostfreier Hochleistungsstahl den ich in absehbarer Zeit dann verarbeiten werde. Ob Sambar, Ebenholz oder gar Mammut Elfenbein, das wird sich zeigen.
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Nicolas Fetting

Ich heiße Nicolas Fetting. Geboren in Hamburg, lebe ich seit vielen Jahren in Spanien.
Als gelernter Grafikdesigner habe ich stets eine starke Verbindung zur Gestaltung gehabt und ein geübtes Auge für Proportionen und Formen – doch die Flüchtigkeit der digitalen Welt ließ in mir den Wunsch wachsen, etwas Bleibendes zu schaffen. Gegenstände mit Substanz. Dinge, die uns – und vielleicht auch kommende Generationen – ein Leben lang begleiten und Freude bereiten.
Ich bin Romantiker.
Die Natur in all ihren Facetten, die Stimmungen, die sie in uns auslöst, ihre Kraft und ihre Stille, Gerüche und Geräusche – all das übt eine unwiderstehliche Anziehung auf mich aus. Aufgewachsen in den 70er- und 80er-Jahren in den Hamburger Walddörfern, in ständigem Kontakt mit Wald und Wiesen – und fast immer mit einem Messer in der Tasche – war der Weg vielleicht vorgezeichnet. Irgendwann wurde aus dieser Verbindung eine klare Erkenntnis:
Ich muss Messer bauen.
Messer besitzen eine besondere Faszination. Der berühmte Messermacher Bob Loveless sagte einmal:
„Wenn ein Mann ein Messer in die Hand nimmt, taucht eine alte Erinnerung aus dem kollektiven Unbewussten auf. Ein Messer ist eine urtümliche Erfahrung. Es war das erste Werkzeug und die erste Waffe des Menschen. Bevor er das Rad erfand, bearbeitete der Mensch Feuerstein zu Schneidkanten. Egal wie hoch entwickelt wir werden – ein Messer führt uns zurück in die Höhle.“
Besonders faszinieren mich traditionelle Messer. Naturmaterialien wie Hirschhorn, Rentier, Mammut oder edle Hölzer, kombiniert mit Bronze oder sorgfältig auf jede Anwendung abgestimmte, ausgewählten Stähle, verleihen jedem Stück Charakter und Seele.
Mein Anspruch ist es, für jede Anwendung das perfekte Messer zu bauen. Deshalb arbeite ich nahezu ausschließlich auf Bestellung – in enger Abstimmung mit meinen Kunden. Jedes Messer ist ein Unikat. Ein Bespoke-Messer.
Wofür soll es verwendet werden?
Als Jagdmesser? Für Outdoor und Camping? Für die Brotzeit? Als täglicher Begleiter (EDC)?
Auch Fragen wie Pflege und Einsatzbedingungen entscheiden über die Materialwahl:
Soll ein fein ausschleifbarer, rostender Werkzeugstahl mit maximaler Schärfe zum Einsatz kommen – oder ein rostfreier Stahl mit hoher Alltagstauglichkeit?
Am Ende entsteht ein sehr persönliches Messer, das nicht nur funktioniert – sondern verbindet.
Mit der Natur. Mit seinem Besitzer. Und mit einer sehr alten, ursprünglichen Erfahrung.
https://www.instagram.com/fetting_messer/
https://www.facebook.com/p/Fetting-Messer-Hamburg-100064262070944/
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Anmerkungen

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