Von Göttinnen, edlen Damen und gekrönten Häuptern: Auf Spurensuche von Frauen in der Geschichte der Jagd

 

Artemis - Guillaum Seignac

 

von Katrin Burkhardt

Es gibt wenig Literatur über die Rolle der Frau in der Geschichte der Jagd. Über die Gründe, woran das liegt, kann ich nur mutmaßen. Zum einen liegt das wahrscheinlich an der untergeordneten Rolle der Frauen in den vergangenen Jahrhunderten. Frauen selber war es, bis auf ganz wenige Ausnahmen, nicht erlaubt, Lesen und Schreiben zu lernen. Sie hatten also gar keine Möglichkeit, Geschehnisse festzuhalten. Die männlichen Geschichtsschreiber richteten ihr Augenmerk verstärkt auf die für sie wichtigen Männer der Zeit. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass so mancher Chronist von der Zufriedenheit seines Auftraggebers abhängig war. Wurde der Fürst, König oder sonst ein hochgestellter Adelsmann nicht ausreichend heldenhaft dargestellt, gab es keinen Lohn oder es drohte noch Schlimmeres wie Kerker – so einfach war das. Die Authenzität mancher Geschichtsquellen hat darunter sicherlich gelitten.

Zum anderen sind die frühen spärlichen Quellen teilweise schwer zu deuten, so dass sich das Bild der jagenden Frau erst frühestens seit dem Mittelalter detaillierter beschreiben lässt. Mir hat unter anderem das Buch „Die Geschichte der Jagd. Kultur, Gesellschaft und Jagdwesen im Wandel der Zeit“ von Werner Rösener, Professor für Geschichte an der Universität Gießen, bei der Recherche gehalten. Rösener widmet sich als einer der wenigen Autoren ausführlicher dem Thema „Frauen und Jagd“. Der hier folgende Text ist eine Zusammenfassung meiner eigenen Recherche über Frauen in der Geschichte der Jagd.

Männer waren entbehrlich

Begeben wir uns zunächst zu den frühen Anfängen der Menschheit. Bekanntlich gab es zwei Kategorien der Menschen: Jäger und Sammler. Zu den Jägern gehörten ausschließlich Männer. Die Jagd war extrem gefährlich, da zu den Beutetieren  äußerst wehrhaftes Wild wie Mammuts, Löwen, Leoparden, Wildbüffel und Flusspferde gehörten. Für deren Erlegung stand den Männern nur eine primitive Ausrüstung zur Verfügung. Sie mussten mir ihren Speeren, Äxten und selbst später mit Pfeil und Bogen sehr nah an das Wild heran. Ein verletztes Mammut war mit Sicherheit mehr als schlecht gelaunt und setzte sich entsprechend zur Wehr. Den Urzeitmännern blieb aber keine Wahl, sie brauchten das Tier zum Überleben. Das Fleisch wurde als Nahrung, das Fell zum Wärmen und die Knochen für Werkzeuge benötigt. Also mussten sie das Tier töten, egal wie – und wenn es manchen Jäger das eigene Leben kostete.

Die Frauen gehörten zu den Sammlern. Sie kümmerten sich in erster Linie um Höhle, Feuer und Kinder. Vor allem aber waren sie für den Erhalt der Sippe zuständig, denn ohne gebärfähige Frauen gab es keinen Nachwuchs und die Sippe starb aus. Männer waren für die Zeugung natürlich auch wichtig, aber der Platz eines Mannes konnte jederzeit durch einen anderen ersetzt werden. Daher war es naheliegend, dass die Frauen in der Höhle blieben und die gefährliche Jagd den Männern überlassen wurde. Die Steinzeitfrauen waren auch für die Fleischverwertung und das Verarbeiten der Felle zuständig. Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass sich bereits zu dieser Zeit Frauen bei der Netzjagd auf kleinere Tiere wie Treiber beteiligten (s. Artikel „Der verzichtbare Mann“ in der Zeitschrift „Der Spiegel“, Ausgabe 15/1998 -> Link in Anmerkungen unter Text).

Über die Jagd bei unseren Urahnen schreibt auch Ilka Dorn in ihrem Artikel „Dich hätte ich gehabt“ in der Zeitschrift „HALALI“ (Ausgabe 03/2012, S. 44 ff): „… Während die Männer auf der Jagd gezwungen waren, Wagnisse und Risiken einzugehen, waren die Frauen für die Erhaltung der Art zuständig und mussten Gefahren vermeiden. Fand ein Jäger durch die Hauer einer prähistorischen Riesensau ein jähes Ende, sprang ein anderer für ihn ein und schenkte der zurückgelassenen Höhlenwitwe im Handumdrehen neues Mutterglück. Starben … Frauen, sank die Geburtenrate sofort bedrohlich. Männer waren also ersetzbar …, Frauen jedoch unersetzlich und deswegen behütet …“

Artemis wird zu Diana

Wenn wir uns in der Geschichte weiterbewegen, kommen wir in die Zeit der Götter. Sie beeinflussten das Denken und Handeln der Menschen in hohem Maße. Für fast jede Tätigkeit oder jeden Lebensbereich gab es mindestens eine Gottesfigur, so auch für die Jagd. Im dritten Jahrtausend vor Christi wurde im alten Ägypten zum Beispiel „Sechmet“ verehrt, die Herrin der Jagd. In Syrien hieß die Jagdgöttin „Ischtar“ (870 v. Chr.).

Statue_of_Sekhmet_in_the_Turin_Museum,_Italy

Die bekannteste Göttin kam aber aus Griechenland. „Artemis“, die Herrin der Tierwelt, die zu den zwölf Hauptgottheiten gehörte. Sie wird als Göttin der Natur und als gewaltige Jägerin beschrieben. Wesentlich später wurde „Artemis“ von der römischen Mythologie übernommen und sie bekam einen neuen Namen: „Diana“. Auch heute noch wird „Diana“ als Jagdgöttin verehrt. Vielleicht nicht ganz so leidenschaftlich wie damals, aber nicht selten hört man nach einer glücklichen Erlegung von Jägern den Ausspruch: „Diana sei Dank“ oder „Diana war mir hold“.

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Zur römischen Mythologie gehörte auch Königin Dido, die Gründerin Karthagos. Der Dichter Vergil (70 bis 19. V. Chr.) beschrieb in seinem Hauptwerk, der Aeneis, umfassend einen Jagdausflug der Königin. Demnach war Dido tatsächlich selber Jägerin.

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Eine interessante Entdeckung machten Wissenschaftler in Frauengräbern um das vierte Jahrhundert nach Christi: Sie fanden Hunderte von Greifvögel als Grabbeigabe. Sie folgerten daraus, dass die Beizjagd nicht nur Männern vorbehalten war. Das unterstreicht auch der Hinweis in Werner Röseners eingangs erwähnten Buchs: Im Jahr 798 n. Chr. wurde ein Verbot für das Halten von Beizvögeln wie Falken und Habichten erlassen, das auch Äbtissinnen betraf. Es ist anzunehmen, dass folglich die Nonnen in den Klöstern ebenfalls der Beizjagd ausgeübt haben. Ungefähr zur selben Zeit, im Jahr 799, sollen bei den Jagden Karls des Großen, neben seiner Gemahlin Luitgard, häufig sechs seiner Töchter im Gefolge dabei gewesen sein. Es ist allerdings nicht bekannt, ob die Frauen nur Begleiterinnen oder auch selbst an der Jagd beteiligt waren.

Falknerin zu Pferd Mittelalter

Jagdunfälle waren nicht selten

Die Beizjagd gehört also zu den frühesten Formen der Gesellschaftsjagd. Sie wurde fast ausschließlich vom Adel ausgeübt. Dieser konnte sich die kostenintensive Anschaffung der Greifvögel leisten. Auch für die Unterbringung, Pflege und Ausbildung musste entsprechendes Personal zur Verfügung stehen. Die Beizjagd war vor allem zur Unterhaltung der vornehmen Gesellschaft gedacht. Der Ablauf der Jagden war immer gleich: Die prunkvolle Gesellschaft ritt in großer Zahl aus, Knechte stöberten mögliche Beutetiere auf, die prächtig gekleideten Damen und Herren hielten ihre Beizvögel parat. War ein Beutetier erspäht, wurden die Vögel in den Himmel geworfen. Danach hofften die Teilnehmer auf einen möglichst spektakulären Kampf zwischen Greifvogel und Beute. Zu Letzterer gehörten übrigens Reiher, Kraniche, Stare, Schwäne, Trappen, Fasane, Brachvögel, Kiebitze, Lerchen, wilde Hühner, Tauben, Gänse und Enten. Sobald der Vogel seine Beute geschlagen hatte und damit landen wollte, ging es in vollem Galopp hinterher. Naturgemäß blickten die Reiter dabei himmelwärts, anstatt auf das Gelände zu achten. Maria von Burgund, die erste Gemahlin von Kaiser Maximilian I., stürzte bei einer solchen Jagd auf Reiher tödlich – genauso wie seine zweite Frau, Bianca Maria Sforza. Solche Unfälle und andere Verletzungen waren keine Seltenheit. Die Jagd war nicht nur zur Zeit der Höhlenbewohner gefährlich.

Falknerin Mittelalter

Was hat die Edelfrauen motiviert, sich solchen Risiken auszusetzen? Den Männern diente die Jagd als Zeitvertreib, zur Kampferprobung und Betonung der eigenen Herrlichkeit. Nicht umsonst hielt der Adel über Jahrhunderte an seinen exklusiven Jagdrechten fest. Ein 1682 verfasstes Werk rühmt die Jagd als „eine Gemütserquickung, eine Schwermutsvertreibung, eine Feindin des Müßiggangs und aller daraus entspringenden Laster, eine Ernährerin der Gesundheit, Übung des Leibs, Vorspiel und Spiegel des Krieges und eine gute und reiche Küchenmeisterin, die unsere Tafeln mit herrlichen Speisen versorgt.

 

Im Gegensatz zu den Jagden waren Frauen bei den Ritterturnieren des Mittelalters allein auf die Zuschauerrolle beschränkt. Sie munterten ihren jeweiligen Favoriten durch Zurufe und kleine Geschenke auf. Die Turniere dienten unter anderem der Erprobung der Kampfkunst und Darstellung der Macht – eine rein männliche Angelegenheit.

Jägerin Armbrust

Die Jagd dagegen brachte auch für die Frauen Sport und Spaß. Sie diente ihnen zur Selbstinszenierung, Standespräsentation – und für amouröse Abenteuer. Obwohl man nie zu zwei allein war, erlaubten die weitläufigen Jagden erotische kontakte wie sie laut Rösener „… innerhalb der engen Grenzen von Burg und höfischer Umgebung nicht möglich und aufgrund der Anstandsregeln gerade für junge Frauen auch nicht zuträglich waren.“ Die hohe Gesellschaft nahm es aber mit der Treue nicht so genau, weshalb die Möglichkeit für ein Schäferstündchen in freier Natur gerne genutzt wurde.

Jagdgesellschaft

Passion oder Pflichtgefühl?

Neben den schriftlichen Quellen gibt es viele Abbildungen, die adelige Frauen mit Falknerhandschuh und Beizvogel zeigen. Die Frage, ob diese Damen aus Passion oder nur aus gesellschaftlicher Verpflichtung der Jagd nachgingen, kann ich nicht beantworten. Die Geschichtsschreibung ist in diesem Fall weder eindeutig noch ergiebig. Die Jagd war, auch für Frauen, schlicht ein Bestandteil des täglichen Lebens – gewollt oder nicht.

Jägerin Mittelalter

Die Einzel- oder Ansitzjagd, wie wir sie heute kennen, gab es in der Vergangenheit kaum. Wenn es zur Jagd ging, dann meist mit großem Gefolge und in prächtiger Ausstattung. Allein schon für das Aufspüren des Wildes und dessen Transport war Begleitpersonal nötig. Die früheren Gesellschaftsjagden waren im Grunde nur Schaujagden. Es ging weder um Wildschadenverhütung, noch Verbiss-Schutz oder Wildreduzierung – sie dienten in erster Linie der Freizeitbeschäftigung des Hochadels. Inwiefern die teilnehmenden Frauen dabei tatsächlich aktiv in das Jagdgeschehen eingriffen, ist aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen. Manche Quellen sprechen davon, dass Frauen dabei häufig nur schmückendes Beiwerk“ waren. Ein Indiz dafür ist, dass die Damen meist mit Beizvögeln wie Baumfalken oder Merlin jagten – also Greifvögeln, die nur kleine Beutetiere schlagen konnten. Einige Bildquellen zeigen die Damen als unerschrockene Jägerinnen. So zum Beispiel eine Miniatur aus dem Gebet- und Stundenbuch „Taymouth Hours“ um 1330: „Eine Dame auf Eberjagd. Ihr Kleid dünkt uns ein Risiko, doch die Dame ist passioniert und deshalb auch durch einen Rocksaum nicht aufzuhalten – ihr Speer rammt die Wildschweinbrust.“

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Ende der Leseprobe, jedoch nicht des Buchkapitels.

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KRAUTJUNKER

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe.

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Titel: Die Jägerin – Was Frauen an der Jagd fasziniert

Herausgeberin: Katrin Burkhardt

Verlag: Müller Rüschlikon

ISBN: 978-3-275-01869-7

Verlagslink: https://www.motorbuch-versand.de/product_info.php/info/7313

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Beitragsbilder: copyrightfreie historische Bilder

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SPIEGEL: Der verzichtbare Mann: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7859889.html

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. KRAUTJUNKER sagt:

    Eine Dame aus der Facebook- Gruppe „Falknerei & Greifvögel teilte mir einige interessante Informationen mit, die ich hier gerne weitergebe:
    Es gibt Funde von Frauenskeletten mit Jagdwaffen aus der Steinzeit und der Bronzezeit und auch zur Völkerwanderung

    http://www.deutschlandfunkkultur.de/geschlechter-in-der-steinzeit-jaegerinnen-und-sammler.976.de.html?dram%3Aarticle_id=319760

    https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/der-sammler-und-die-jaegerin/-/id=660374/did=16631380/nid=660374/14mz9sa/index.html

    https://books.google.de/books?id=Q1gX0IFEAFoC&pg=PA80&lpg=PA80&dq=frauengrab%20waffen&source=bl&ots=6fsiqnMZbU&sig=mPyKIYT99SbOx_oAVQMrTDy6Wls&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwj9gY-BmZjVAhVGLVAKHd2CAWkQ6AEIMDAC#v=onepage&q=frauengrab%20waffen&f=false

    https://de.wikipedia.org/wiki/Kurgankultur

    https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/schatzkammer-in-der-steppe-100.html

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/sarmaten-grab-mit-gold-und-taetowiernadel-a-923298.html

    Wörtlich kommentierte sie: „was das problem ist, ist dass wir leider immer noch der Archäollogie des 18./19. jahrhunderts nachhängen. Damals wurden die Knochen liegen gelassen und nur gegenstände mitgenommen. Das damalige Bild teilte in Frauen Schmuck und Haushalt und Männer Waffen und Werkzeuge. Zur Zeit werden alte Grabfunde, die komplett geborgen wuurden (Mit Skelett) neu zugeordnet und da gibt es so einige Überraschungen. Als Männergräber einkategorisierte funde müssen umbezeichnet werden.“

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