»Wir haben nicht einfach nur Angst vor Raubtieren, wir sind fasziniert von ihnen, neigen dazu, Geschichten und Fabeln zu erfinden und schier endlos über sie zu reden, und unsere Faszination bewirkt, dass wir vorbereitet sind, und das ermöglicht unser Überleben. In einem zutiefst archaischen Sinn lieben wir unsere Monster«, schrieb der berühmte Harvard-Soziobiologe E.O.Wilson 1985 in einem Artikel mit dem Titel Loblied auf den Hai.

Ein Fossil in der Gegenwart
Der Hai gehört zu jenen Geschöpfen, die älter erscheinen als die Welt, die wir zu kennen glauben. In seiner Gestalt liegt etwas Unnachgiebiges, fast Zeitloses. Während sich andere Evolutionslinien verzweigten, verfeinerten oder ausstarben, blieb er, was er war: ein vollkommen angepasstes Raubtier in einer Umwelt, die ihm seit Jahrmillionen gehört. Er hat die Umwälzungen der Erdgeschichte nicht nur überstanden – er hat sie mit einer tödlichen Gleichgültigkeit an sich vorüberziehen lassen.
Es gibt Tiere, die man isst, und Tiere, über die man spricht, weil sie uns ab und dann fressen. Der Hai gehört konsequent zur zweiten Kategorie. Wenige von uns haben je einen in freier Wildbahn gesehen und doch ist er in unseren Köpfen als Symbol des ultimativen Meeresraubtieres gegenwärtig.

Die Wildnis am Badestrand
Der Hai ist kein Teil unseres Alltags, sondern unserer Erzählungen. Er taucht auf, als Symbol des Unbekannten, Geheimnisvollen, von Bedrohung und Abenteuer und auch des urzeitlichen Bösen.
Diese Projektion betrifft nicht nur den Fisch selbst, sondern unsere gesamte Beziehung zum Meer. Henry David Thoreau schrieb treffend:
»Der Ozean ist eine Wildnis, die den Erdball umspannt, wilder als ein bengalischer Dschungel und voller von Ungeheuern, und doch schwappt er an die Kais unserer Städte und die Gärten unserer Seebäder.«
In dieser Beobachtung liegt jener Kern aus Nähe und Unheimlichkeit: Das absolut Wilde bleibt für uns stets erreichbar, nur eine Armlänge unter der glitzernden Oberfläche.
Während Forschung und Handel die Grenzen des Mythischen auf dem Festland immer weiter zurückgedrängt haben, blieb kaum ein Ort übrig, an dem sich das Ungeheure noch verbergen könnte. Die Tiefsee ist so zur letzten Zufluchtstätte für unsere Monster geworden. Dass wir sie in Filmen und Schlagzeilen noch immer als dämonische Wesen stilisieren, ist kein Zufall – es zeugt von unserem tiefen, fast trotzigen Bedürfnis, an die Existenz des Unfassbaren zu glauben.
Die Perfektion des Unsichtbaren
Dabei ist die Realität, nüchtern betrachtet, unspektakulär. Haie sind seltene Verursacher menschlichen Unglücks. Sie verfolgen uns nicht mit jener hasserfüllten Hingabe, die ihnen Hollywood unterstellt.

Bildquelle: Szenenfoto aus Der weiße Hai.
Sie tun nur, was sie seit Äonen tun: schwimmen, jagen, überleben. Effizient, ohne Bosheit, ohne Absicht im menschlichen Sinne.
Und doch reden wir. Wir reden auffällig viel über sie. Vielleicht, weil der Hai genau jene Gefahr verkörpert, für die unser Gehirn verdrahtet wurde: unsichtbar, plötzlich, endgültig. Eine Gefahr, die man nicht verhandeln oder beschwichtigen kann. Der Hai ist die perfekte Projektionsfläche für eine uralte Übung: die gedankliche Annäherung an das, was uns töten könnte.
Wer sich früher nicht nur fürchtete, sondern die Gefahr analysierte, sie verglich und weitererzählte, hatte bessere Überlebenschancen. Deshalb leben schon seit der Steinzeit gnadenlos brutale Monster an den Grenzen der uns bekannten Welt. Unsere Obsession mit dem Hai ist keine kulturelle Schrulle, sondern ein Überbleibsel guter prähistorischer Praxis.
Reine Funktion
In einem gewissen Sinn brauchen wir unsere Monster. Nicht, weil wir sie treffen wollen, sondern weil sie unsere Aufmerksamkeit bündeln. Sie zwingen uns, genau hinzusehen, selbst wenn scheinbar nichts da ist. Der Hai ist dafür ideal: Er lebt dort, wo unsere Sinne enden. Er bewegt sich lautlos, ohne Mimik, ohne jene sozialen Signale, mit denen wir andere Lebewesen lesen. Er ist reine Funktion – und gerade diese Unnahbarkeit macht ihn zum ewigen Werkzeug des menschlichen Geistes. Als Schatten unter der Oberfläche zwingt er uns, die Wildnis und ihre Tiefe ernster zu nehmen, als wir es ohne ihn jemals tun würden.
Eines bleibt gewiss: Auch zukünftig werden Monster unverzichtbar sein.
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