Suppenkueche Inc.

Buchvorstellung

 

Das Gasthaus ist eine Maschine, die die stillende Mutter
als Vorbild hat, und der Kellner ist ihre Hand,
die einem die Zitze in den Mund steckt.
Das ist wie eine Insel der Seligen, auf der alles essbar ist
und die Speisen zu uns kommen.
Peter Kubelka

 

Der A1 Verlag beschreibt den Titel so:

»Zwei allem Anschein nach verrückte Bayern beschließen, in San Francisco ein deutsches Restaurant zu eröffnen. Ohne die geringste Ahnung vom Geschäft brechen sie auf. Es scheint kaum möglich, dass das Projekt realisiert werden kann angesichts der zahlreichen Proteste gegen die Lizenzvergabe in der Nachbarschaft, der hohen Ausgaben und der Bürokratie, die sie in Deutschland zurückgelassen glaubten. Dennoch finden sie erste Kontakte, mieten Ecke Hayes und Laguna Street eine Ruine in direkter Nachbarschaft zu einem schwarzen Armenviertel, renovieren und dekorieren sie, inklusive Herrgottswinkel, und eröffnen schließlich das Lokal „Suppenküche“, das entgegen allen Prognosen bald zu einem der erfolgreichsten Lokale der Stadt wird.
Die vielen Hürden und Stolpersteine, mit denen sich die Protagonisten konfrontiert sehen, beschreibt Thomas Klausmann mit Ironie und saloppem Ton.
Situationskomik und eingestreute Rezepte würzen den Roman »Suppenkueche Inc.«, der zugleich von einer Reise durch die amerikanische Kultur, einer intensiven Liebe und von der Suche nach Heimat erzählt, die nur mit dem Essen, das Leib und Seele zusammenhält, gelingen kann.«

Stimmt alles, aber dieser mit dem Gourmand World Cookbook Award 2001 prämierte biographische Roman umfasst einen größeren Handlungsrahmen als „nur“ kochende und sinnenfrohe Bayern in San Francisco.

Das dem Erzähler Eigentümliche und Spannende ist, dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen:
Auf der einen Seite ein Süddeutscher, der an die Romanfiguren von Stefan Zweig und Joseph Roth erinnert. Tief verwurzelt in den deutschsprachigen schönen Künsten, insbesondere Literatur, Musik und Tafelfreuden. In seinem Herz eine Passion zu romantischem Schwermut, die ihn nie wirklich verlässt und manchmal aus der Bahn wirft.
Auf der anderen Seite von der amerikanischen Popkultur und dem Geist von 1968 geprägt. Henry Millers Forderung „Tu was du willst, wenn es nur Ekstase erzeugt“ und „Sex, Drugs and Rock`n Roll“ sind die Lustprinzipien, denen er folgt. Bürgerliche Werte und eine disziplinierte Arbeitsethik haben da keinen Platz.
So ist der empfindsame und warmherzige Romantiker aufgrund seiner Widersprüchlichkeit eine den Leser immer wieder überraschende Persönlichkeit. In seinen besten Momenten gelingt es ihm, aus aus seinen Sehnsüchten Kunst zu schaffen. In seinen Schlechtesten verwehren sie es ihm, langfristig ein beruflich und privat erfolgreiches Leben zu führen.

Zwischen Topp und Flopp wird in dem Buch geschlemmt, gesoffen und gevögelt, wie auf einem griechischen Symposion. Hierbei reicht das lustvoll beschriebene Spektrum vom underberg drinking contest über französische Sieben-Gänge-Menüs bis hin zu bisexuellem Gruppensex im Opiumrausch.

In der ersten Hälfte des 300-Seiten-Romans erzählt Thomas Klausmann mit viel Witz, wie der Protagonist und sein Kompagnon, ein Kiffer mit reichen Eltern, auf ihre Geschäftsidee kommen.

»Kalifornien, schlug er vor. San Francisco sei der richtige Platz für ein solches Unternehmen. Er konnte den Gedanken, an den Herkunftsort dieser Graspflanzen zu ziehen, durchaus etwas abgewinnen. Auch ich fand, dass es sehr vernünftig sei, im Leben an der Quelle, am Ursprungsort zu sein und erwähnte noch den König der Kiffer, Neil Young, der genau dort, in Kalifornien, große Büffelherden besitzen sollte, wie ich einmal gehört hatte. Als ich von den Büffeln erzählte, begannen seine Augen zu leuchten.
Angeregt vom Bier und dem Duft des Marihuanas begann ich, die Zwiebeln mit der Schale grob zu hacken, Knoblauchzehen zu schälen und mit dem Messer zu zermantschen. Die Kümmelsamen zerstieß ich im Mörser. Mit einer Rasierklinge schnitt ich Rauten in die Schwarte eines Schweinebauchs und massierte die Mischung aus gestoßenem Kümmel, Knoblauch, Salz und Pfeffer in den Schweinebauch.
„Hart zur Sau und sanft zur Frau, hat einmal ein Metzger zu mir gesagt, um mir seinen Beruf zu beschreiben. Klingt zwar lustig, ist aber eigentlich Quatsch. Zumindest der Koch muss unbedingt auch zart zur Sau sein, wenn er einen Schweinebraten macht. Die Gewürze müssen gut einmassiert werden, so dass das Fleisch ganz und gar durchdrungen werden kann. Eigentlich eine sehr zärtliche Angelegenheit“, sagte ich zu Heinzi.
Mein Gast nahm einen ordentlichen Zug, inhalierte tief, übergab mir den Joint und formulierte mit großer Geste seine erste Frage: „Und du meinst, die Amis essen so was?“ „Was, Frauen?“, fragte ich etwas irritiert, da der Rauch bereits in meinem Hirn angelangt war. „Nein, Schweinsbraten“, meinte Heinzi gelassen. „Wenn nicht, dann zwingen wir sie einfach dazu!“, antwortete ich und meinte, was ich sagte. „Hey, ein anständiges Wirtshaus, stell dir vor, richtiges Bier, Schweinsbraten und Semmelknödel, Krautsalat. Ich schwöre, die geraten in Verzückung“, bekräftigte ich mein Vorhaben. Heinzi nickte nur nachdenklich.
„Verstehst du, das ist wirkliches, echtes Essen und nicht dieser Unsinn, den sie California Cuisine nennen. Das ist keine Küche. Das ist eigentlich gar nichts. Kalbsschnitzel mit Ananas und Kirschen oben drauf, dazu Sojasauce und Ringelblumen an Tofu-Gratin. Schwachsinn“, versuchte ich ihm die ganze Tragweite meiner Vision zu verdeutlichen.«

Und in den Augen unseres Helden spricht noch mehr für San Francisco: »„Hier fing alles an, Neil Young und so. Liebe und alles, Gruppensex und Frieden für alle“«

Ihr neues Habitat wird von lebenslustigen Schwulen, sittenstrengen afroamerikanischen Baptisten, Drogensüchtigen und seltsamen Migranten bewohnt. Sie selbst wohnen zuerst in einem Altersheim für Homosexuelle. Vor allem mit Hilfe der halbseidenen Perser, die das Heim betreiben, überwinden sie alle Hindernisse. Das unternehmerische Glücksspiel gelingt und der Laden schlägt wie eine Bombe ein.

»Wir bekamen noch bessere Kritiken und waren oft für Tage ausgebucht. Nichts, so schien es, konnte das Erfolgskonzept, die Amerikaner mit zwanzig Sorten deutschem Bier vom Fass und wirklichem Essen abzufüllen, mehr aufhalten. Suppenkueche Inc. wurde ein Money Maker, eine Geldmaschine. Ich mochte aber nicht mehr hingehen. Es war viel zu voll, viel zu laut, viel zu erfolgreich, als dass ich mich dort noch wohl gefühlt hätte.«

Jetzt, wo das Ziel erreicht ist, kippt die Komödie in eine Tragödie, denn in der professionellen Restaurantküche fühlt sich der geniale Hobbykoch bald nicht nur fremd, sondern stört auch. Schließlich sind seine Antriebe »Fressen, Vögeln und Saufen.« Zu tagtäglicher disziplinierter und koordinierter Arbeit kann er sich nicht überwinden. Erst muss er nur noch Vorbereitungen übernehmen, schließlich nichts mehr als die täglich die steigenden Einnahmen zur Bank bringen. Die Abende verbringt er an seinem »Platz in der Ecke an der Bar neben meinem geliebten Oskar Maria Graf«, dessen Foto dort hängt. Das Restaurant wird zum »Money Maker«, doch Thomas fängt an die Gäste zu hassen und ist es müde geworden, sie quatschen zu hören. Er findet in einer schwermütigen, vampirhaften Südosteuropäerin seine große Liebe. Als diese ihn bald spurlos verlässt, führt er ein immer einsameres und schrulligeres Leben, betäubt von Alkohol und Drogen. San Francisco wird ihm nie vertraut. Freunde findet er nur unter europäischen Einwanderern. Seine Liebsten werden ein schwuler Barmann aus der Schweiz und eine irische Prostituierte, die er gleichzeitig bezahlt und liebt. Das kann nicht lange gutgehen …

So wie es aussieht, ist es die nur leicht künstlerisch verfremdete wahre Geschichte des Autors, der mittlerweile in Irland lebt. Das Restaurant Suppenküche (siehe: http://www.suppenkuche.com/) besteht immer noch.

Die erste Hälfte der schrägen gastrosophischen Heldenreise gefällt mir besser. Ich habe sie jedoch im Abstand von ungefähr anderthalb Jahren zweimal gelesen, denn die sprachliche Opulenz und kritische Selbstdarstellung waren ein intensives Leseerlebnis.

 

***
KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

 

Gebundenes Buch

Suppenkueche Inc.

Titel: Suppenkueche Inc.

Autor: Thomas Klausmann

Verlag: A1 Verlag

ISBN: 978-3-927743-52-6

Verlagslink: http://www.a1-verlag.de/de/books/literatur/60.html

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E-Book

Suppenkueche ebook

Titel: Suppenküche Inc.

Autor: Thomas Klausmann

Verlag: Mundbuchverlag

ASIN: B073X2R8QH

Verlagslink: https://mundbuchverlag.wordpress.com/ 

Amazon: https://www.amazon.de/Suppenkueche-Inc-San-Francisco-Heimatroman-ebook/dp/B073X2R8QH/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1515069472&sr=8-2&keywords=suppenkueche+inc.

 

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ira Moritz sagt:

    Ich freue mich über Deine sehr unterhaltsame und kurzweilige Rezension, die mir Lust macht auch mal in das Buch reinzuschauen, müssen ja nicht immer Kochbücher sein, die auf meinem Nachttisch liegen. Danke Dir Ira.

    Gefällt 1 Person

    1. KRAUTJUNKER sagt:

      Über das Kompliment von jemandem, der einen so schönen Blog betreibt wie Du, freue ich mich ganz besonders.

      In vielerlei Hinsicht ist für mich das kulinarische Kampfblatt „Häuptling Eigener Herd“ sehr inspirierend. Die Reihe wurde leider eingestellt, aber ich kaufe mir immer mal wieder einen Schwung Hefte beim Online-Händler Medimops.

      Was ein bisschen schade ist: Beiträge wie dieser liegen mir ganz besonders am Herzen, werden aber allgemein viel weniger gelesen, als andere, für die ich viel weniger Aufwand betreiben muss.

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      1. Ira Moritz sagt:

        Das kenne ich gut, aber ich finde man merkt Deinem Beitrag die intensive Auseinandersetzung mit dem Buch sehr an und die Mühe das auch ansprechend kurzweilig für uns zu präsentieren. Schade, dass viele sich nicht mehr die Zeit nehmen, einen Beitrag wirklich ganz lesen, dann wäre das allen sonnenklar.

        Liebe Grüße ich mag Deine Beiträge und den Blog unheimlich gerne, man spürt die persönliche Handschrift bei jeder Zeile.

        Gefällt 1 Person

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