Psychoaktive Pflanzen: Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)

Das Schwarze Bilsenkraut hat viele Namen, so kennt man es auch als Apollinaris (Römisch »Kraut des Apollon«), Beléndek (Angelsächsisch), Bilinuntia (Keltisch »Kraut des Bel[enus]«, Dioskyamos (Griechisch »Götterbohne«), Dull-Dill, Dullkraut, Pythonion (Griechisch »Drachenkraut« oder »Kraut der Pythia«), Stinking nightshade, Swienekruud, Teufelsauge, Totenblumenkraut oder Zigeunerkraut.

 

von Dr. Christian Rätsch

Geschichtliches
Der Ethonobotaniker Wolf-Dieter Storl vermutet, daß das Bilsenkraut bereits im Paläolithikum in Eurasien rituell und schamanisch benutzt wurde. Als die Paläoindianer von Asien über die Beringstraße nach Amerika eingewandert sind, hatten sie zwar den Gebrauch des Bilsenkrautes im Reisegepäck, konnten die ihnen bekannte Pflanze auf dem amerikanischen Kontinent aber nicht finden und ersetzten sie deshalb durch ein ähnlich erscheinendes, verwandtes Gewächs, den Tabak (Nicotiana tabacum).
Das Bilsenkraut war schon bei den vorindogermanischen Völkern Mitteleuropas eine Ritualpflanze. In Österreich wurden in einer Art Urne zwei Handvoll Bilsensamen zusammen mit Knochen und Schneckenhäusern gefunden. Der Fund stammt aus der frühen Bronzezeit.
Das Schwarze Bilsenkraut war den antiken Autoren (Dioskurides, Plinius) sehr gut bekannt (siehe: Hyoscyamus albus). Es wurde sogar für das homerische Zauberkraut Nepenthes gehalten. Carl Ruck glaubt, daß das Bilsenkraut unter dem Namen hyoskyamos, „Saubohne“, der Großen Göttin Deo-Demeter-Persephone heilig war, denn ihr heiliges Tier war die Sau, das „Mutterschwein“ – vielleicht bedeutet „Schwein gehabt“, daß man von den Saubohnen kosten durfte.
Für die keltischen Gebiete ist der Name belinuntia, „Kraut des Sonnengottes Bel“, überliefert; die Gallier vergifteten ihre Wurfspieße mit Bilsensud. Heilende Eigenschaften wurden schon in den mittelalterlichen angelsächsischen Arzneibüchern angeführt. Der Name geht auf Indogermanisch *bhelena zurück und soll ursprünglich „Tollkraut“ bedeutet haben. Urgermanisch scheint bil soviel wie „Vision, Halluzination“ oder „magische Kraft, Wunderkraft“ bedeutet zu haben. Es gibt sogar eine Göttin (Asin), die Bil hieß; ihr Name wird als „Augenblick“ oder „Ermattung“ interpretiert. Sie wird als Bildnis im Mond oder als eine der Mondphasen gedeutet. Vielleicht war sie eine „Bilsenfee“ oder „Göttin des Bilsenkrautes“, eventuell sogar eine Göttin des  Regenbogens: Bil-röst ist der Name der Regenbogenbrücke, die nach Asgard führt. Bil wird dann auch als ursprüngliches Wort für „Himmelsbrücke“ angenommen.
Guy de Chauliac hat bereits im 14. Jahrhundert die narkotische Inhalation für medizinische Zwecke beschrieben. Ähnlich wird eine Räucherung in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht dargestellt. Geräuchert wurde aber meist zu magischen Zwecken. Schon Albertus Magnus berichtet in seiner Schrift De Vegetabilibus, daß das Bilsenkraut von Nekromanten (Totenbeschwörern) dazu benutzt wird, die Seelen von Verstorbenen und Dämonen herbeizurufen.
Im ausgehenden Mittelalter wurden in den berüchtigten Badehäusern Bilsenkrautsamen auf die glühenden Kohlen gestreut, um die erotische Atmosphäre anzuheizen. Der Rauch, der sich mit dem Wasserdampf vermischte, hatte offensichtlich stark aphrodisierende Wirkungen.
Das Bilsenkraut wurde im Mittelalter bereits verteufelt und dem angeblichen Hexenwesen zugeschrieben: „Die Hexen tranken jeden Abend vom Bilsenkraut und hatten jene Träume, für die sie gefoltert und hingerichtet wurden. Auch zur Hexensalbe ward es verwendet, und man benützte es zum Wettermachen und zum Geisterbeschwören. Gab es eine große Dürre, so tauchte man einen Bilsenstengel in eine Quelle und besprengte damit den sonnenglühenden Sand.“ In einem pommerschen Hexenprozeß aus dem Jahre 1538 „bekennt eine Hexe“, daß sie einem Manne Bilsenkraut gegeben habe, damit er „toll“ (= geil) herumgelaufen sei. In einer Prozeßakte der Inquisition „gibt eine Hexe zu“, daß sie einmal Bilsenkraut zwischen zwei Liebende gestreut und dazu folgenden Zauberspruch rezitiert habe: „Hier säe ich wilde Saat, dazu gab der Teufel den Rat, daß sie so lange sich hassen und meiden, bis man diese Saat tut scheiden.“
Berühmt war das Bilsenkraut als heftig wirkende Bierwürze. Dieser Gebrauch wurde mit dem „Deutschen Reinheitsgebot“ von 1516, dem ersten deutschen Drogengesetz, verboten.
Der antike Gebrauch des Bilsenkrauts hat sich bis heute vor allem in Zypern und Nordafrika, besonders in Marokko und Ägypten, erhalten. Dort wird das Bilsenkraut, oft mit der Spanischen Fliege (Canthariden; Lytta versicatoria) vermischt., gegen Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, aber auch als Schmerzmittel, Aphrodisiakum und Rauschmittel (dann mit Haschisch versetzt) verwendet.

Verbreitung
Das Schwarze Bilsenkraut hat von allen Arten der Gattung das weiteste Verbreitungsgebiet. Es kommt von Europa bis Asien vor und wächst wild von der Iberischen Halbinsel bis nach Skandinavien. Es ist häufig in Nordafrika (besonders Marokko) anzutreffen. Im Himalaya gedeiht es bis auf 3600 Meter Höhe. In Nordamerika und Australien ist es eingebürgert worden.

Rituelle Verwendung
Die Assyrer gaben dem Bilsenkraut den Namen sakiru. Sie verwendeten das Kraut medizinisch, als berauschenden Bierzusatz und als Räucherwerk in Kombination mit Schwefel und zum Schutz vor Zauberei.
Im alten Persien wure das Bilsenkraut bangha genannt, ein Name,, der später auf den Hanf (Cannabis sativa) und auf andere psychoaktive Kräuter übertragen wurde. Es hatte neben dem bis heute nicht sicher identifizierten Haoma eine religiöse Bedeutung als Ritualdroge. In vielen persischen Quellen werden Jenseitsreisen und Visionen beschrieben, die durch verschiedene Bilsenkrautzubereitungen ausgelöst wurden. Der Fürst Vishtasp, der als Beschützer Zoroasters (= Zarathustra) in die Geschichte einging, trank mang, eine Zubereitung aus Bilsenkraut und Wein. Drauf fiel er für drei Tage und Nächte in einen todesähnlichen Schlaf. Während dieser Zeit reiste seine Seele in das Obere Paradies. [Kürzung].
Bei den Kelten hieß das Schwarze Bilsenkraut beleno und war dem Orakel- und Sonnengott Belenos geweiht. Ihm zu Ehren wurde es geräuchert. Der inhalierte Rauch versetzte die Druiden und Barden in die „Anderswelt“. Dort konnten sie mit Feen und anderen Wesen kommunizieren.
Das Bilsenkraut war anscheinend auch eine der wichtigsten Ritualpflanzen der Wikinger. In Wikingergräbern aus der Eisenzeit hat man Hunderte von Bilsenkrautsamen gefunden. Berühmt wurde das Grab einer Frau aus Fyrkat in Dänemark. Sie trug als wichtigste Grabbeigabe einen Lederbeutel, gefüllt mit unzähligen Bilsensamen, bei sich.
[Das ist das erste Viertel des Textes. Rest gekürzt.]

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KRAUTJUNKER-Kommentar: In dem unten bezeichneten Buch Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen geht es mit folgenden Unterkapiteln weiter: Anbau, Aussehen, Droge, Zubereitung und Dosierung (inkl. Rezept für Bilsenkrautbier), Rituelle Verwendung (unglaublich interessante Kulturgeschichte), Artefakte, Medizinische Anwendung, Inhaltsstoffe, Wirkung sowie Marktformen und Vorschriften. Den Schluss bilden Literaturhinweise.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Enzyklopaedie_der_psychoaktiven_Pflanzen_2017

Titel: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen

Autor: Dr. Christian Rätsch

Verlag: AT Verlag

ISBN: 978-3-03800-995-5

Verlagslink: https://www.at-verlag.ch/buch/978-3-03800-995-5/Dr_Christian_Raetsch_Enzyklopaedie_der_psychoaktiven_Pflanzen.html

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Erste Leseproben:
https://krautjunker.com/2018/03/28/psychoaktive-pflanzen-wermut-artemisia-absinthium/
https://krautjunker.com/2018/06/17/psychoaktive-pflanzen-tollkirsche-atropa-belladonna/

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Mehr Infos zum Autor:
1057294

Abb.: Quelle https://www.at-verlag.ch/autoren/1057294-raetsch-christian.html

Die Website des Autors:

http://www.christian-raetsch.de/

 http://www.christian-raetsch.de/portrait/dr-phil-christian-raetsch.html

 

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