Der Taigajäger Dersu Usala

Buchvorstellung

„Ihr Buch las ich mit großem Interesse. Abgesehen von seinem wissenschaftlichen Wert, der, selbstverständlich, ohne Zweifel auch wichtig ist, war ich begeistert und hingerissen von seiner Darstellungskraft. Ihnen ist es gelungen, Brehm mit Fenimore Cooper zu vereinen – das ist, glauben Sie mir, kein geringes Lob.“ So antwortete 1928 Maxim Gorki dem Autor auf die Zusendung eines Rezensionsexemplares.

 

Wladimir Arsenjew

Abb.: Wladimir Arsenjew

 

Der russische Offizier, Forschungsreisende, Schriftsteller und Geograf Wladimir Arsenjew (* in Sankt Petersburg; † 1930 in Wladiwostok) war seit frühester Jugend vom fernen Osten seiner Nation fasziniert. Im äußersten Westen Russlands geboren und in einer Infanterie-Kadettenschule erzogen, gelang es ihm, sich nach Wladiwostok versetzen zu lassen. Trotz ihres despektierlichen chinesischen Namens Seegurkenmarsch Russlands wichtigste Hafenstadt am Stillen Ozean. Zwischen 1902 und 1930 unternahm er zwölf Expeditionen in dem seinerzeit gänzlich unerforschte Gebiet zwischen dem Fluss Ussuri und dem Pazifik im Grenzgebiet zwischen China und Russland.

Das Ussuri-Gebiet, gehörte einst nominell dem Zarenreich an, vermutlich ohne dass sich dort mehr zaristische Beamte oder Bürger als auf dem Mond aufhielten. Während des Russisch-Japanischen Krieges 1904/05 stand es unter japanischer Besatzung und wurde nach den Wirren des Ersten Weltkrieges 1922 Teil der Sowjetunion.

 

Karte Taiga

Abb.: Karte

 

»Im Jahre 1902 führte mich ein Auftrag der Regierung in die Gegen des Flusses Zimuche, der in die Ussuri-Bucht mündet. Mein Jagdkommando bestand aus sechs sibirischen Schützen und vier Lastpferden.« Die Gegend befand sich so unfassbar fern jeder Zivilisation, dass die Einheimischen ein Tal als die »gläserne Schlucht« rühmten, weil dort sensationellerweise »in den Fenstern einer chinesischen Jägerhütte ein kleines Stückchen Glas eingesetzt war.«

 

02 Am oberen Lefu
Abb.: Am oberen Lefu

 

Eines Nachts erschien ein eingeborener Jäger vom Volk der Golde, heute nennen sie sich Nanaier, am Lagerfeuer. »Ohne erst zu fragen, wer er sei und woher er käme, bot ich ihm Essen an. So war es Brauch in der Taiga.« Der eingeborene Jäger interessierte den zaristischen Offizier, denn in »ihm lag viel Eigenartiges und Ursprüngliches.« Die Sympathie wurde erwidert und so schloss sich Dersu Usula ganz selbstverständlich der Expedition an.

 

01 Dersu Usula
Abb.: Dersu Usala

 

Zum Glück, denn er erwies sich auf diesen unglaublich strapaziösen Forschungsreisen nicht nur als angenehmer Gefährte, sondern auch als hervorragender Fährtenleser, Jäger und Überlebenskünstler. Mehrfach rettete er Arsenjew auf dieser und späteren Expeditionen das Leben durch Fähigkeiten, über die kein zeitgenössischer Survival-Experte verfügt. »Er geriet nie in Hast, alle Handgriffe waren überlegt und folgerichtig, nie gab es eine Verzögerung. Das Leben hatte ihn geschult, energisch zu sein, praktisch und keinen Augenblick nutzlos zu vergeuden.« Obwohl er unglaublich hart zu sich selbst, zeigte er nur Härte gegen andere Lebewesen, wenn er angegriffen wurde oder jagte, denn alles in der Natur war für ihn beseelt, von Ameisen über Mäuse zu Wildschweinen und Bären sprach er immer von »Leuten«.

 

04 Fallenstellerhütte
Abb.: Dersu Usala vor einer Fallenstellerhütte

 

Auf späteren Reisen im Grenzgebiet zu China kamen der Autor und sein Freund in Kontakt mit der Verelendung, welche die Ureinwohner durch die asiatische Hochkultur anheimfielen. Die Chinesen nahmen sich einheimische Frauen und aus den Verbindungen gingen Kinder hervor, die von keiner der beiden Gesellschaften akzeptiert wurden. Frauen und Kinder der Ureinwohner betäubten sich mit Opium oder Alkohol. Die indigenen Männer, vollkommen ahnungslos in Geldangelegenheiten, wurden in Schulden getrieben und mussten Unmengen von Fellen abliefern, oder Frauen und Kinder wurden ihnen mit Waffengewalt gestohlen und verkauft und sie selbst zu Krüppeln geschlagen.
Wenn zwei sehr unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, kommt es meist zu Konflikten und eine zieht den Kürzeren, daran wird sich wohl nie etwas ändern.

 

05 Udechesischer Schamanebb.: Udechesischer Schamane

 

Während russische Siedler, auch mit staatlichen Zuschüssen und Unterstützung ihrer Regierung, auf keinen grünen Zweig kamen, hatten die Chinesen Business im Blut.
»Man muss sich über den Unternehmungsgeist der Chinesen immer wieder wundern. Die einen jagen Hirsche, andere suchen Ginseng, die dritten fangen Zobel, die vierten beschäftigen sich mit der Gewinnung von Moschus. Dort siehst du Seekohlsammler, an anderer Stelle Perlen- oder Krabbenfischer. Hier säen sie Mohn und stellen Opium her, dort suchen sie Gold. An einer Stelle gewinnen sie Pflanzenöl, anderswo wird Schnaps gebrannt. In jeder Fanse ist ein anderer Erwerbszweig vertreten. Überall finden sie eine Erwerbsquelle. Die Frage, welcher Aufwand erforderlich ist, spielt dabei keine Rolle, Hauptsache die Quelle bleibt unerschöpflich.«
Doch natürlich ist es eine Illusion zu glauben, dass Raubbau an kein Ende kommt.

 

03 Am Chanka-See
Abb.: Am Chanka-See

 

Vorherrschend war jedoch immer noch eine weite und unberührte Natur, wie es sie in Europa seit langem nicht mehr gibt und in der der Mensch, neben Leopard, Bär, Wolf und Tiger, nur einer von mehreren Top-Predatoren war. Manchmal auch nur die Nummer Zwei, so wenn eine Tigerin ins Camp eindrang, um sich am Lagerfeuer zwischen schlafenden Männern einen Jagdhund zu schnappen. Immer wieder aufs Neue verblüffte der Golde den gebürtigen Petersburger mit seinen Fähigkeiten und rettete ihm und seinen Männern das Leben. Daran ob die Luft sich beim Einatmen leicht oder schwer anfühlte, konnte er Wetterumschwünge vorhersagen und rechtzeitig Schutzmaßnahmen ergreifen. Oder er wurde dadurch vor einem Schneeorkan gewarnt, dass die Vögel schnell fraßen, weil sie es eilig hatten Energie zu tanken, bevor sie flohen.
»Sein Nachtlager wählte er immer irgendwo unter einem Baum zwischen zwei Wurzeln, die ihn vor Wind schützten. Unter sich breitete er Korkbaumrinde aus und hängte seine Schuhe so an einen Zweig, dass sie nicht versengt wurden. Sein Gewehr war in Griffweite, lag aber nicht auf der Erde, sondern ruhte auf zwei kurzen Ästen. Sein Holz brannte stets besser als das unsere. Es sprühte keine Funken, und der Rauch zog immer seitlich ab.«
Während sie einmal marschierten, begeisterte sich der Russe an der Natur, während der Eingeborene unentwegt die Umgebung analysierte und feststellte, dass vor ihnen jemand gegangen war, »untersuchte einen in Handhöhe abgebrochenen Zweig und stellte daran, wie er geknickt war, die Richtung fest, in die der Mensch gegangen war. An der Frische der Bruchstelle erkannte der den Zeitpunkt, dann erriet er die Fußbekleidung und vieles andere mehr.
Jedes Mal, wenn ich etwas nicht begriff oder Zweifel äußerte, sagte er: „Was ist, so viele Jahre gehst du in die Berge und verstehst nicht?“ Was mir unverständlich war, schien ihm ganz einfach und klar zu sein. Oft sah er Spuren, wo ich beim besten Willen nichts entdecken konnte. Er aber wusste, dass eine alte Hirschkuh mit einem einjährigen Kalb hier vorbeigekommen war. Sie hatten geäst, waren dann aber erschreckt worden und geflohen.«
»Wenn ich irgendeine deutliche Spur übersah, lächelte Dersu, schüttelte den Kopf und sagte: „Hm! Wie ein kleiner Junge. Gehen und mit dem Kopf wackeln. Augen haben und doch nichts sehen und nichts verstehen. So leben die Leute in der Stadt. Müssen keinen Hirsch suchen. Wenn sie essen, dann kaufen sie. Wenn sie allein in den Bergen leben, sterben sie bald.«

 

Udechesische Sommerjurten

Abb.: Udechesische Sommerjurten aus Birkenrinde

 

»Früher«, so gestand es sich der Geograf und Offizier des Zaren ein, »hatte ich geglaubt, der Egoismus sei eine Grundeigenschaft der unzivilisierten Völker, während das Gefühl der Nächstenliebe und Rücksicht auf fremde Interessen nur den Europäern eigen sei.«
Doch Dersu Usala belehrte Arsenjew eines Besseren; denn immer sorgte der eingeborene Jäger dafür, dass für Wanderer die nach ihnen kamen, etwas zum Essen und Holz zum Wärmen vorhanden war, wenn sie selbst die Übernachtungshütten verließen.
»Ich erinnere mich gut, wie tief mich das damals erschütterte«, schrieb Arsenjew. »Der Golde sorgte sich um irgendeinen Unbekannten, den er nie gesehen und der auch nie erfahren würde, wer ihm Holz und Verpflegung zurechtgelegt hatte. Und mir fiel ein, wie dagegen unsere Schützen gedankenlos stets alles übrig gebliebene Brennholz ins Feuer warfen, wenn sie einen Lagerplatz verließen. Sie taten es nicht aus Bosheit, einfach nur aus Vergnügen, und ich hatte sie nie davon abgehalten. Dieser Einheimische – besaß er nicht in seiner Ursprünglichkeit viel mehr Mitgefühl als ich?«
Doch ebenso wie für die Menschen übernahm Dersu Verantwortung für die Tiere. Wütend platzte er auf, als Arsenjew gedankenlos ein übrig gebliebenes Stückchen Fleisch in die Flammen warf:
»„Wieso wirfst du Fleisch ins Feuer?“, fragte er unwillig. „Wie kann man das nutzlos verbrennen! Wir gehen morgen fort, aber andere Leute kommen hierher und essen. Wenn das Fleisch im Feuer verbrennt, verkommt es unnütz.“ – „Wer soll denn ausgerechnet hierher kommen?“, fragte ich zurück. – „Wieso wer?“, wunderte sich Dersu. „Der Waschbär kommt, der Dachs oder die Krähe. Und wenn nicht die Krähe, dann die Maus, wenn nicht die Maus, dann die Ameise. In der Taiga leben viele verschiedene Leute.“«

 

Expedition Amagu

Abb.: Die Mitglieder der Expedition am Amagu.

 

Anderes, was uns ganz selbstverständlich ist oder war, wie mit Tinte zu schreiben, übersetzte der Taigajäger in seine eigene Weltanschauung.
Tinte bezeichnete er als »Schmutziges Wasser«. »Es gebe Worte, sagte er, die dem Mund des Menschen entweichen und sich durch Luft ausbreiten, aber nicht weit gelangten. Andere dagegen seien in einer Flasche verschlossen. Sie setzten sich dann aufs Papier und könnten weit reisen. Während die gesprochenen Worte rasch verklängen, könnten die mit schmutzigem Wasser geschriebenen hundert Jahre und noch länger leben.«

 

Marsch Kattu-Gebirge

Abb.: Auf dem Marsch zum Kattu-Gebirge.

 

Dadurch, dass der Offizier und Geograph die Wildnis bereiste, beschrieb und kartographierte, ebnete er den Weg für die Eisenbahn- und Bergwerksgesellschaften, die schon bald den Küstenstreifen seiner Ursprünglichkeit berauben sollten. So beinhaltet die Freundschaft, zwischen den beiden von ihrer Herkunft so verschiedenen Männern, den archetypischen tragischen Konflikt zwischen Wildnis und Moderne.

Auch nach den ungefähr hundert Jahren, welche seit der Erstveröffentlichung vergangen sind, berühren Arsenjews Beschreibungen der lebensgefährlichen Reisen mit ihren unvorstellbaren Strapazen, durch die Vielfalt der festgehaltenen Beobachtungen, Arsenjews erzählerische Kraft und noble humanistische Haltung.

Längst ist das Buch zum literarischen Klassiker und in viele Sprachen übersetzt worden. Weltweit bekannt wurde es 1975 durch Akira Kurosawas (Die 7 Samurai) mehrfach preisgekrönte Verfilmung Uzala der Kirgise, welche 1976 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt.

 

***

Anmerkungen

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Der Taigajäger Dersu Usala

Titel: Der Taigajäger Dersu Usala

Autor: Wladimir Arsenjew

Verlag: Unionsverlag

Verlagslink: http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=2204

ISBN: 978-3293204577

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Weblinks zum Film:

https://www.trigon-film.org/de/movies/Dersu_Uzala

https://www.youtube.com/watch?v=bp2ihvch45k

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Taylor sagt:

    Klingt allgemein nicht uninteressant, ein Leben jener Menschen abseits der Massen, die noch wissen/wussten, wie sie alleine in der Wildnis klarkamen. Auch wenn die Survivalszene vorhanden ist, die meisten würden draußen nicht mal Feuer machen können.

    Gute Idee auch solche Bücher vorzustellen.

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