Jagd – Momente prachtvoller Vergänglichkeit

Buchvorstellung

Jagd – Momente prachtvoller Vergänglichkeit ist vom Format, Layout und Inhalt ein ungewöhnliches Buch aus der Schweiz. Ein guter Einstieg, finde ich, denn ich mag die Schweizer Kultur und schon seit einiger Zeit bevorzuge ich auch bei den Nachrichten aus Deutschland den bürgerlichen Schweizer Blick auf unsere aus dem Ruder laufende Erregungsgesellschaft, wie sie Peter Sloterdijk nennt.

Im Gegensatz zu den meisten deutschen Jagdbücher, die oft etwas alftränkisch oder allenfalls klassisch daherkommen, vermittelt die ganze Gestaltung des Buches einen frischen und modernen Geist.

Insgesamt sechs Jahre Studium Grafikdesign und Illustration an Hochschulen der Schweiz und Niederlande werden bei der Lektüre sichtbar. Die klare Gestaltung fußt auf ganz bodenständigen und traditionellen Schweizer Werten. Die Gedankengänge, denen wir folgen, sind die eines introvertierten und tiefsinnigen Mannes, der keinen Beifall sucht.

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Patentjägervereins Nidwaldens wollte Philipp Zumbühl kein Lehrbuch schreiben, aber doch so nebenbei Wissen und den Zauber seiner Passion vermitteln. So begann er 2016 mit seinem Buchprojekt, welches er nach drei Jahren mit einer Veröffentlichung im Selbstverlag beendete.

Zur Entstehungsgeschichte heißt es auf der Buchwebsite:
»Wir hatten uns in einem Restaurant zum jährlichen Mannschaftsessen eingefunden, als Jägerfotos Aufmerksamkeit auf sich zogen. Nach Musterung der eingerahmten Bilder wollte es einer meiner Fussballkameraden wissen: Haben die das nötig?“, fragte er in die Runde. Dass er keine Antwort auf die Frage erwartete, war mir recht. Denn, was er nicht wusste: Ich hatte mich während der Saisonpause selber zum Jagdlehrgang angemeldet. Bock hatte ich trotzdem nicht, eine Diskussion über die Jagd anzuzetteln. Schliesslich hatte ich keine Ahnung von der Jagd. Und nichts Schlimmeres als eine Diskussion unter Ahnungslosen! Also hielt ich mich bedeckt. Gut zehn Jahre ist es heute her und allzu oft erinnerten mich Gespräche an den Kommentar der Jägerfotos an der Wand des Restaurants. Nur waren sie nie mehr so treffend ehrlich, wie damals, als ich einen unzensurierten Einblick in die Gedanken eines Nicht-Jägers erhielt. Mittlerweile glaube ich trotzdem zu wissen, wie er zu seinem Urteil kam. Bei den Jägerfotos handelte es sich um Erinnerungsbilder. Personen, die die betreffende Jagd nicht miterlebt haben, können auch die Erinnerung nicht teilen. Sie sehen nur das Ergebnis der Jagd. Stolze Jäger, die sich über die gemachte Beute freuen. Ohne eigene jagdliche Erfahrung, mit welcher man sich zumindest in die Situation hineinversetzen kann, bleibt ein grosser blinder Fleck. Das Urteil ist rasch gefällt.

Eine andere Aussage eines ehemaligen Militärkameraden hinterliess ebenfalls einen bleibenden, wenn auch nicht guten, Eindruck. Es ging ums Schiessen und die Frage, ob man auf Menschen schiessen könnte, wenn es denn erforderlich wäre. Diese nicht speziell auffällige Person kam zum Schluss, dass er wohl weniger Mühe hätte, auf einen 200 Meter entfernten Menschen zu schiessen als auf ein Reh, das 50 Meter weit weg ist. Wiederum frage ich mich, wie er zu seiner Aussage kommen konnte. Abgesehen davon, dass ihm genügend Distanz Skrupel zu nehmen schien, vermute ich, dass er wenig übrig hatte für seine Mitmenschen. Seiner Meinung nach macht der überzählige Mensch ohnehin nur die Welt kaputt. Und im Gegensatz zum Menschen ist das Reh gänzlich unschuldig. Was ihn zur Konsequenz führte, dass das Reh verschont werden muss, die Jagd aber gehöre abgeschafft. Doch etwas bleibt ihm, selbst nach Abschaffung der Jagd: Die Verachtung der Menschheit und damit seiner eigenen Selbst.
(…)«

Auf 13 Jagderzählungen begleiten wir den Autor. Dabei stellt er in seiner alpinen Heimat Rehen, Gämsen, Rothirschen, Steinböcken und einem Fuchs nach. Es handelt sich hierbei um keine klassischen Heldenerzählungen, die mit kapitalen Trophäen enden. Gleich im ersten Kapitel erlegt er eines von zwei Kitzen einer Ricke. Unpopulärer geht es wohl kaum.

Das Reh hält noch inne und lässt mehrere Warnrufe ertönen, bevor es endgültig im Wald verschwindet. Vom Mündungsknall angelockt rennen zwei der vier Kinder des Jägers an den Ort des Geschehens. Das im Gras liegende tote Tierkind gibt ein Bild ab, welches eher an unser Mitgefühl, als an unser Beuteraster appelliert.

Der Blick seiner Tochter, welches das Beutetier den Berg herunterträgt, berührt mich ebenso, denn hier weiß ein Kind mehr um die Zusammenhänge von Leben und Sterben, als diejenigen, die erst im Wildpark im Streichelgehege schmusen und anschließend Fastfood aus Stallhaltung essen.

»Nicht von ungefähr war die Jagd auf Rehkitze auch unter Jägern lange Zeit umstritten«, schreibt Zumbühl. »Unterdessen hat sich aber mehrheitlich die Meinung durchgesetzt, dass sie für den Erhalt einer naturnahen Bestandesstruktur erforderlich ist.« Im Klartext: Mit nur einem Kitz kann die Ricke, im Schwyzerdütsch Geiss genannt, nicht nur den Winter besser überstehen. Auch in einer menschenleeren Wildnis mit vielen Raubtieren hätte das Kitz das größte Risiko.

Sympathiepunkte bekommt man in unserer zeitgenössischen Erregungsgesellschaft nicht, aber Zumbühl versucht gar nicht mit dem Weichzeichnerfilter zu werben. Er zeigt das Waidwerk, wie es ist. »Wir mögen ihnen das Leben nehmen, nicht aber ihre Freiheit«, schreibt Zumbühl und das ist es auf den Punkt gebracht.

Was mich, der ich in der Norddeutschen Tiefebene geboren und aufgewachsen bin, sind die Texte und Fotos über die Topographie des Schweizer Hochgebirges, seine Fauna und Flora und die Herausforderungen, welche sie an den jagenden Menschen stellen.

Wer hat schon Nächte im Bergwald verbracht und im Dunkeln die Erscheinungsformen der Natur wahrgenommen?

Die Herausforderungen sind auch nach dem Erlegen nicht vorbei, wenn ein Rothirsch ohne technische Unterstützung aus einem bewaldeten Berghang geborgen werden muss.

Erlebnisse sind die wahren Trophäen.
»Noch heute sehe ich den eindringlichen Blick des Hirsches, als er sich auf gleicher Höhe zu mir abdrehte und gerade auf mich zukam. Dann diese Leichtigkeit, mit welcher er sich fortbewegte, als hätte er die Schwerkraft überwunden. Augenblicke, die sich tief ins Gedächtnis einbrennen.« Jagd – Momente prachtvoller Vergänglichkeit.

Durch das Schreiben dieses Buches versteht Philipp Zumbühl seine Passion besser, auch wenn es ihm nach eigener Aussage schwer fällt, die intensiven Lebensgefühle, die sie ihm beschert, in Worte zu fassen.


»Die Jagd ist etwas Animalisches, Triebhaftes«, resümiert der Autor und zitiert den weisen Ratschlag des Alt-Wildhüters Hans Hug: »Du musst die Jagd beherrschen. Die Jagd darf aber nicht dich beherrschen«.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Jagd – Momente prachtvoller Vergänglichkeit

Autor: Philipp Zumbühl

Fotografien: Philipp Zumbühl

Illustrationen: Nadja Baltensweiler

Herausgeber: Herausgeber : Zumbühl, Philipp; Erstauflage 3. Juni 2019

Internet: http://www.jagdbuch.ch/

ISBN: 978-3-033-06741-7

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