Du glaubst, du gehst Pilze suchen? Falsch gedacht: Der Wald sucht dich!
Ab dem Augenblick, in dem du den ersten Schritt vom Parkplatz ins Unterholz setzt, hast du das Kommando abgegeben an den Geist des Waldes, eine feuchte, atmende, geduldige Macht, die in Moos, Schatten und Waldeslust zu dir spricht. Du bist kein Akteur mehr, du bist Empfänger. Du reagierst – und genau das macht dich wirklich erfolgreich, denn der Wald zieht alle Register, um Dich zu unterrichten und auf dem Laufenden, das heißt in Bewegung zu halten. Pilzesuchen ist ein reaktionäres Geschäft, im besten, im existenziellen Sinn: Der Wald zieht die Fäden und du bist die Marionette zwischen Fehlanzeigen und Funden.

Pilze suchen ist Die dritte Jagd, eine Erinnerung an die Kindheit der Menschheit und eine Schule für deine Sinne und Instinkte. Licht, Geruch, der Knacks eines Astes – alles ist Teil seiner Pädagogik. Ein Flüstern im Unterholz, ein Täuschungsmanöver aus Farbe und Form. Da – das gelbbraune Leuchten, dass du für einen Steinpilz hältst, entpuppt sich als Eichenblatt-Attrappe. Dort – zwei kleine Maronenröhrlinge, knackig wie junge Haselnüsse, der Lohn dafür, dass du dem Moospolster gefolgt bist, das dir zugerufen hat: Hier oben! Komm rauf! Und weiter hinten, ein rotes Signal im Gras – Fliegenpilze, die Flugtickets der Schamanen, noch nass vom Tau, dahinter eine Rotkappe, alt und würdevoll, fast schon am Ende. Du nickst ihr zu, lässt sie stehen. Nicht alles muss geerntet werden.
Der Wald ist keine Kulisse, er ist eine Urmutter mit tausend Stimmen, die dich erzieht, berät und kommandiert, lockt und lügt. dir Fallen stellt und Hinweise streut. Sie souffliert und suggeriert, spielt mit dir wie eine alte Trickbetrügerin, die genau weiß, wie sie dich um den Finger wickeln kann. Und du kommst immer wieder zu ihr zurück. Natürlich. Der Wald beobachtet dich und du ihn. Du blickst in Dich hinein, findest Erinnerungen aus den Urväterzeiten, als Deine Ahnen zwischen Bäumen und an Ufern pirschten und es von ihrem Scharfsinn und ihrer Gewandheit abhing, ob sie ein Haselhuhn erlegten, eine Forelle im kalten Bach fingen oder mit einem Korb voller Beeren und Pilze heimkehrten.
Deine Stimmung schwankt wie das Laub an den Bäumen: erst Frust, dann Hoffnung, dann Triumph und diese Glückseligkeit, die dich einhüllt, wenn du endlich Beute machst und voll vibrierender Erwartung bist. Du beginnst, Muster zu sehen, wo vorher nur Chaos war. Es ist wie das Entziffern eines Codes, den nur du lesen kannst und Dir eine Selbstachtung schenkt, die im Arbeitsalltag selten geworden ist.
Und irgendwann, ganz plötzlich, scheint dir alles möglich. Du schaust in den Wald und denkst: Wenn ich jetzt noch ein bisschen genauer hinschaue, finde ich vielleicht nicht nur Pilze – vielleicht finde ich das letzte Einhorn, den Eingang zum Gral, die blaue Blume der Romantiker.
In solchen Momenten begreifst du: Ein Pilz ist kein Pilz.
Er ist ein Portal.
Das Abenteuer des Suchens, das Glück des Findens – Räume werden weit und die Welt dehnt sich und atmet bei der dritten Jagd. Deine Seele ist in ihrem Element.
Am Ende des Tages bist du erschöpft, hungrig, glücklich und verzaubert – Du und der Wald, Ihr wisst jetzt, wer du bist.

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Anmerkungen

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