Die Doppelbüchse: Side by Side oder aufgebockt?

von Norbert Klups

Die erste Frage, die vor der Anschaffung einer Doppelbüchse geklärt werden muss, ist die Art der Bauweise. Soll es eine klassische Side by Side oder lieber eine moderne Bockbüchse mit übereinanderliegenden Läufen sein? Unsinnigkeit herrscht heute immer noch darüber, ob es Bockbüchse oder Bockdoppelbüchse heißt. Die Bezeichnung Bockdoppelbüchse hat sich eingebürgert und wird auch in diesem Buch verwandt. Die Herkunft des Namens ist nicht ganz eindeutig geklärt. Nach einer Deutung erhielten diese Gewehre ihren Namen deswegen, weil die ersten Waffen dieser Art – sogenannte Wendler, bei denen das in einer Achse gelagerte Laufbündel nach dem ersten Schuss gedreht wurde – sehr schwer waren und daher auf einen Bock aufgelegt wurde. Die zweite Version der Bezeichnung „Bock“ stammt aus dem Tischlerhandwerk und erklärt den Begriff des Aufbockens, was Übereinanderlegen bedeutet. Davon ausgehend ist dann die Bezeichnung „Bockdoppel“ nicht korrekt, da man nur etwas übereinander legen kann, was auch doppelt vorhanden ist. Es gibt heute aber auch schon aus Ferlacher Produktion Waffen mit 3 übereinanderliegenden Kugelläufen. Außerdem wird in Süddeutschland in einigen Gegenden die Bockbüchsflinte fälschlich als Bockbüchse bezeichnet. Bockdoppelbüchse ist dagegen eigentlich eine klare, unmissverständliche Bezeichnung, auch wenn sie sprachlich nicht ganz korrekt erscheint. Bleiben wir also bei Bockdoppelbüchse.

Abb.: Die erste Frage, die vor dem Kauf einer Doppelbüchse entschieden werden muss, ist, wie die Läufe angeordnet sein sollen – übereinander oder nebeneinander?

Bei der Entscheidung, wie die Läufe gelagert sein sollen, spielt natürlich in erster Linie der persönliche Geschmack eine Rolle. Wer schon immer lieber mit der Querflinte ins Revier ging, wird wohl auch bei der Kugelwaffe zu den nebeneinanderliegenden Rohren greifen. Hinzu kommt, dass die frühen Großwildwaffen alle mit nebeneinanderliegenden Läufen gebaut wurden und gerade diese Büchsen den „Mythos Doppelbüchse“ ausmachen. Beide Versionen haben aber auch technisch ihre Vor- und Nachteile. Während die Bockdoppelbüchse durch die übereinanderliegenden Läufe weniger vom Ziel verdeckt, bietet die Doppelbüchse den Vorteil des geringeren Öffnungswinkels und wird allgemein als führiger angesehen.
Die Querwaffe hat auch oft das geringere Gewicht, obwohl es auch erstaunlich leichte Bockdoppelbüchsen gibt. Im Allgemeinen ist es jedoch einfacher, eine leichte Doppelbüchse zu bauen als eine leichte Bockdoppelbüchse.
Das Gewicht spielt jedoch nur bei den kleineren Doppelbüchs-Kalibern eine Rolle, die vorwiegend auf heimischen Drückjagden eingesetzt werden, während sich bei den echten Großkalibern eine zu leichte Bauweise von selbst verbietet, soll die Waffe im Schuss noch beherrschbar sein. Zudem schwingt eine etwas schwerere Waffe meist besser als leichtere Varianten. Das Gewicht spielt somit bei einer Doppelbüchse, gleich welcher Bauart, kaum eine Rolle.
Der geringere Öffnungswinkel einer Doppelbüchse ist dagegen schon ein handfestes Argument. In den Händen von professionellen Jagdführern findet sich nicht umsonst fast ausschließlich die Ausführung mit nebeneinanderliegenden Läufen. Das hängt auch mit der Ladetechnik zusammen, denn viele Profis halten 2 Reservepatronen zwischen den Fingern der linken Hand bereit, um möglichst schnell nachladen zu können. Besitzt die Waffe einen Ejektor, kann so nach dem Aufklappen sofort und ohne weitere Handgriffe geladen werden. Das geht bei nebeneinanderliegenden Patronenlagern einfacher, als wenn die Hand erst noch gedreht werden muss, um die Patronen mit verdrehtem Handgelenk in die Lager zu bugsieren.

Oft wird als Vorteil der Bockwaffe die größere Haltbarkeit angeführt. Durch die Einbettung des unteren Kugellaufes tief unten im Verschlusssystem , und vor allem die mittig auftretenden Rückstoßkräfte, ist eine Bockwaffe, gleich ob Flinte, Doppelbüchse oder Bockbüchsflinte, sicher auch langlebiger als eine Querwaffe. Das mag bei Sportflinten sicher eine Rolle spielen, bei jagdlich geführten Doppelbüchsen ist diese Überlegung aber eher theoretisch, da die Anzahl abgegebener Schüsse in aller Regel weiter unter der Belastungsgrenze liegen wird. Zudem spielen Material und Verarbeitungsqualität eine große Rolle. Eine aus hochwertigem Stahl gefertigte sowie sorgfältig gepasste Doppelbüchse wird bei gleicher Belastung sicher eine höhere Lebensdauer haben, als eine aus minderwertigem Material „mit heißer Nadel“ gestrickte Bockdoppelbüchse. Im Umkehrschluss bedeutet dies allerdings, dass preiswerte Bockdoppelbüchsen eher zu erwerben sind als billige Doppelbüchsen. Spielt der Preis eine große Rolle, ist der Käufer mit einer Bockwaffe in puncto Haltbarkeit also besser bedient.

Abb.: Bockdoppelbüchse von Merkel

Bauartbedingte Unterschiede finden sich auch im Warmschussverhalten der verschiedenen Bauweisen. Während sich bei der Bockdoppelbüchse die Treffpunktlage bei Folgeschüssen oder nicht eingehaltenem Zeittakt nach oben bewegt, verändert sie sich bei der Doppelbüchse in der Regel zur Seite – und zwar nach rechts.
Da Wild in der Regel breiter als hoch ist, hat die Veränderung der Treffpunktlage zur Seite im Grunde Vorteile in der Jagdpraxis. Ausschalten lässt sich das Wandern der Treffpunktlage durch Wärmespannungen nur durch einen freiliegenden Kugellauf.
Das Rückstoßverhalten ist bei einer Waffe mit übereinanderliegenden Läufen etwas geradliniger als bei einer Querwaffe  ein Umstand, der dazu geführt hat, dass bei Sportflinten die Bockflinte heute führend ist, da sie nicht so weit aus der Ziellinie geworfen wird und der zweite Schuss daher etwas schneller folgen kann. Beim erheblich größeren Rückstoß einer Doppelbüchse ist dieser Umstand aber nicht so maßgeblich.

Abb.: Rückstoß einer .500 NE. Die Frage der Laufanordnung ist hier völlig nebensächlich.
Abb.: Die 500 NE von vorn.

Trotzdem sind viele Schützen der Meinung, dass sich eine Waffe mit übereinanderliegenden Läufen – gleich ob Büchse oder Flinte – etwas angenehmer schießt. Dieses Empfinden ist aber eher subjektiv. Hier dürften Gewicht und Schäftung eine weitaus größere Rolle spielen als die Bauart.
Dieser kleine Vergleich zeigt, dass es zwischen den beiden Bauarten zwar einige Unterschiede gibt, aber keine Bauart wirklich eindeutige Vorteile für sich verbuchen kann. Die Entscheidung, ob die Läufe neben- oder übereinander liegen sollen, sollte daher ruhig dem persönlichen Geschmack überlassen werden.

Abb.: Viele Hersteller bieten wahlweise Bock- und Querdoppelbüchsen an. Hier 2 Modelle von Krieghoff.

Die Doppelbüchse ist sicher die klassischere Wahl, während die Bockdoppelbüchse eher den modernen Jäger ansprechen wird.

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Verlagsinformation zum Autor:

Norbert Klups.

Norbert Klups, geboren 1960, besitzt seinen Jagdschein bereits seit 1979. Seit 1984 ist er als freier Mitarbeiter bei verschiedenen Jagd- und Waffenzeitungen für Produkttestberichte aus den Bereichen Waffen, Munition, Messer und Jagdausrüstung tätig. Außerdem ist er Verfasser von 12 Fachbüchern aus dem Bereich Waffen und Munition, Kreisjagdberater und Mitglied des Jägerprüfungsausschusses sowie Schießtrainer für Seminare der RWJ-Akademie.

Deutsches Jagdlexikon: http://www.deutsches-jagd-lexikon.de/index.php?title=Klups,_Norbert

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

die doppelbüchse

Titel: Die Doppelbüchse

Autor: Norbert Klups

Verlag: Heel Verlag GmbH

Verlagslink: https://www.heel-verlag.de/Doppelbuechse.htm

ISBN: 978-3958436312

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Erste Leseprobe: https://krautjunker.com/2019/01/18/die-entwicklungsgeschichte-der-doppelbuechsen-die-vorderladerzeit/

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KRAUTJUNKER-Kommentar: „Die Doppelbüchse“ ist Band 2 der Waffenedition von Norbert Klups. Band 1 heißt „Der Drilling“. Leseproben finden sich im Blog.

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