Die Entwicklungsgeschichte der Doppelbüchsen: Die Vorderladerzeit

von Norbert Klups

Die Vorteile der Möglichkeit, einen schnellen zweiten Schuss abgeben zu können, wurden bei der Entwicklung der Jagdwaffen schon sehr früh erkannt. Bei der Leistung und Zielgenauigkeit der frühen Jagdbüchsen wurde das Wild selten mit nur einem Schuss zur Strecke gebracht.

 

DIE VORDERLADERZEIT

Für den Büchsenmacher des 18. Jahrhunderts war die Forderung nach einem zweiten Schuss eine schwierige Herausforderung. Es wurde mit vielen, teils sehr exotischen Lösungswegen experimentiert.
Letztlich hatte der Büchsenmacher der Vorderladerzeit aber nur die Möglichkeit, die Waffe mit einem zweiten Lauf zu versehen. Schon zur Zeit der Steinschloss- sowie Radschlossbüchsen gab es zweiläufige Gewehre, meist allerdings Flinten. Zunächst waren sie als sogenannte Wender- oder Swivel-Breech-Büchsen aufgebaut, bei der die Läufe um eine Achse gedreht und mit einem Schloss gezündet wurden. Bei dieser Konstruktion wurde versucht, das Gewicht und den Aufwand für ein zweites Schloss einzusparen. Die beiden übereinanderliegenden Läufe waren an einer mittig liegenden Achse am Rahmen befestigt und jeder Lauf war mit einer eigenen Batterie versehen. Nach Abfeuern des ersten Schusses wurde die Lauf-Fixierung entriegelt und der untere Lauf nach oben in Schussposition gewendet. Da der geladene Lauf nun in der Position des soeben abgefeuerten lag, konnte er mit demselben Schloss gezündet werden.

 

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Abb.: Frühe Steinschloss-Doppelbüchse

 

Diese Konstruktion war in ihrer Zeit recht populär, da echte Doppelbüchsen sehr schwer waren. Auch die Zündung besonders bei übereinanderliegenden Läufen war kompliziert und weniger zuverlässig als bei einschüssigen Gewehren.
Später wurden dann aber zunehmend doppelläufige Steinschlosswaffen mit 2 Schlossen gebaut sowie jagdlich eingesetzt.
Bei übereinanderliegenden Läufen musste jedoch ein Kompromiss für den Verlauf der Zündkanäle gefunden werden, die Einfluss auf die Schussauslösezeit hatten. Entweder ein Kanal schnell und der zweite eher langsam oder aber beide nicht ganz optimal. Nebeneinanderliegende Läufe erlaubten für beide den kürzest möglichen Zündkanal. In beiden Fällen benötigte der Büchsenmacher aber ein zusätzliches Schloss, welches möglichst baugleich, aber spiegelverkehrt zum rechten Schloss sein musste.
Der geschichtliche Zufall wollte es, dass die frühe Ära der Jagd auf Elefant, Nashorn, Büffel und Großkatzen mit einer raschen Entwicklung neuer Feuerwaffen einherging.
Ein Meilenstein in der Waffengeschichte war die Entwicklung der Perkussionszündung, die durch die Erfindung des Detonationspulvers ermöglicht wurde. Der schottische Pfarrer und Erfinder Alexander John Forsyth ließ sich die Perkussionszündung im Jahre 1807 patentieren. Damit begann eine neue Ära in der Waffengeschichte.
Der Hauptvorteil der Perkussionszündung war die erheblich schnellere Zündung des Pulvers. Forsyths Erfindung wurde rasch weiterentwickelt und sehr schnell stand detonierendes Zündpulver in Form von Röhrchen, Pillen, Scheiben, Kappen oder Bändern zur Verfügung. Durchgesetzt hat sich das Kupferkäppchen, das bald auch Zündhütchen genannt wurde und heute noch bei Perkussionswaffen benutzt wird. Im Jahre 1819 ließ sich der Franzose Deboubert das Metall-Zündhütchen patentieren.
Der zweite große Vorteil der Perkussionszündung war, dass sich Steinschlosswaffen mit verhältnismäßig geringem Aufwand auf die neue Perkussionszündung umbauen ließen. Anstelle des Zündloches wurde ein hohlgebohrter Nippel, Piston genannt, eingeschraubt und der alte Steinschlosshahn wurde durch einen neuen Hammer mit flacher Schlagfläche ersetzt.

 

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Abb.: Prunkvolle Perkussions-Doppelbüchse von Funk & Söhne

 

Die meisten jagdlichen Perkussionsbüchsen beruhen auf der deutschen Jägerbüchse. Die gezogene Büchse gewann immer mehr an Bedeutung. Jagdlich verdrängte sie sehr schnell die glattläufgen Musketen, an denen das Militär wegen der schnelleren Ladegeschwindigkeit und der damals üblichen Taktik des ungezielten Massenfeuers aus vielen Waffen festhielt. Dem Jäger war Präzision wichtiger als schnelles Nachladen.
Die wirkliche Geschichte der Doppelbüchsen begann mit der Ausbreitung des britischen Empires, als Soldaten, Beamte und Forscher ganz neue Möglichkeiten zur Jagd auf Großwild fanden.
Schnell merkten sie, dass die bisherigen Büchsen für die Jagd auf Elefanten, Büffel, Nashörner oder Tiger in Afrika oder Indien ungeeignet waren und ein Schuss oftmals nicht genügte, um das Wild zur Strecke zu bringen. Angesichts der Entwicklung der Waffentechnik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb zunächst nur eine Lösung: Die Büchsen mussten solche Dimensionen bekommen, dass sie mit schweren Bleigeschossen eine halbwegs akzeptable Wirkung auf Großwild erreichten.

 

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Abb.: 200 Jahre alter doppelläufiger Saustutzen von A. Huhnstock, Hannover

 

Mit den üblichen Zollangaben kam man bei den hier erforderlichen Größenordnungen nicht mehr aus. Daher wurden die Bezeichnungen der Schrotkaliber benutzt. Mit diesen großkalibrigen, glattläufigen Büchsen im Kaliber 4, 8 oder 10 (das Flintenmaß gibt die Zahl an, wie viele gleichgroße Rundkugeln zusammen ein englisches Pfund, 453 Gramm, wiegen) konnte nicht weiter als etwa 40 Meter zielgenau geschossen werden, wenn die notwendigen starken Ladungen benutzt wurden. Der Jäger musste also sehr nahe ans Ziel heran und wenn ein zweiter Schuss notwendig war, musste es schnell gehen. Um sich nicht auf die oftmals sehr unzuverlässigen einheimischen Gewehrträger verlassen zu müssen, kamen mehr und mehr doppelläufige Büchsen auf. So konnte ohne Zeitverzögerung sofort ein zweiter Schuss abgegeben werden. Die Doppelbüchse wurde dadurch schnell die Standardwaffe der professionellen Jäger.
Treffsicherer wurden die damaligen Büchsen durch den zweiten Lauf jedoch auch nicht. Und so war die Verbesserung der Präzision dringend notwendig. Gezogene Läufe vertrugen aber in den großen Kalibern nicht die für Großwild notwendigen starken Ladungen. Sie übersprangen dann die Züge. Kleinere Kaliber hatten noch zu wenig Auftreffwucht, um Großwild sicher zu stoppen.
Gelöst wurde das Problem dann durch die „Flügelkugel“. Der Lauf hatte nur 2, dafür aber sehr tiefe Züge und die Geschosse 2 zu den Zügen passende Vorsprünge. Mit diesen Spezialgeschossen war es möglich, sehr starke Ladungen zu verwenden, ohne dass die Geschosse die Züge übersprangen. Bei brauchbarer Präzision war es jetzt möglich, bis auf Distanzen von etwa 100 Meter zu schießen, ohne große Haltepunktveränderungen vornehmen zu müssen. Einer der bekanntesten Jäger, die eine solche Büchse benutzten, war Sir Samuel White Baker, der in Afrika und Ceylon jagte. Seine Doppelbüchse vom Kaliber 10 wog 15 Pfund. Jeder Lauf vertrug Ladungen von über 17 Gramm grobkörnigem Pulver. Für Baker baute Holland & Holland sogar eine Doppelbüchse im Kaliber 2 (33,7 Millimeter), die ein 227 Gramm schweres Geschoss vor 18,4 Gramm Schwarzpulver verschoss. Baker nannte die Büchse liebevoll Baby, seine arabischen Begleiter allerdings ehrfurchtvoll Jenna el Mootfah, was so viel heißt wie „Kind einer Kanone“.

 

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Abb.: Schnell ging man von der Rundkugel zu Langgeschossen mit Fettrillen und später dann zu Expansionsgeschossen mit Hohlboden über

 

Baker jagte mit dieser Waffe zu Fuß und schoss auf Entfernungen von wenigen Metern. Spannend wurde es, wenn ein Lauf abgefeuert war, denn die Rauchwolke der starken Schwarzpulverladung verhüllte alles. Annehmendes Wild wurde erst sichtbar, wenn es fast über ihm war. Das Nachladen solcher Waffen war natürlich relativ zeitraubend. Daher bevorzugten viele der großen Jäger dieser Zeit auch noch glattläufige Doppelbüchsen.

 

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Abb.: Die Flügelkugel machte es möglich, starke Ladungen zu verwenden, ohne dass das Geschoss die Züge übersprang

 

William Cotton Oswell, der mit Dr. Livingstone und Murray jahrelang im nördlichen Südafrika auf Forschungsreisen unterwegs war, benutzte eine von Purdey gebaute Doppelbüchse vom Kaliber 10 mit glatten Läufen und einer Pulverladung von lediglich 10,6 Gramm. Oswell jagte zu Pferde und schoss auch vom Sattel, wenn zum Absteigen keine Zeit mehr blieb. Die Pulverladung führte er fertig abgewogen in einer Papierpatrone mit und als Geschoss diente eine gewachste Pflasterkugel. Oswell konnte seine Purdey sogar im Sattel sehr schnell nachladen, denn Pulverladung und Kugel rutschten leicht durch den glatten Lauf. Seine Schussdistanzen lagen aber deutlich unter 20 Meter.
Wie riskant diese Jagd war, ist gut daran zu erkennen, dass Oswell in 5 Jahren auf Safari 45 seiner Pferde verlor. Oswell starb 1893 und mit ihm die erste Generation der afrikanischen Großwildjäger.
Leicht hatten es die Großwildjäger der Vorderladerzeit gewiss nicht. Beim Blick in alte Jagdberichte aus dieser Zeit finden sich oft extrem hohe Schusszahlen für die Erlegung eines Stück Wildes. In einem der ganz frühen Bücher über die Jagd in Afrika von Cornwallis Harris aus dem Jahre 1835 gibt er für die Erlegung eines Büffels 20 Schuss und für ein Rhino sogar 27 Treffer an. Harris schreibt außerdem, dass es unmöglich war, die Stirnplatte eines Büffels mit den damaligen Bleigeschossen zu durchdringen. Das ist ballistisch logisch, denn die Auftreff Geschwindigkeiten der Geschosse lagen mit 350 bis 400 m/s in dem Bereich, ab denen Blei sich im weichen Ziel verformt. Die Bleikugeln werden im Ziel plattgeklopft, können also nicht tief eindringen, in Knochen schon gar nicht.
Eine englische Statistik stellte fest, dass die Lebenserwartung eines Elefantenjägers im Dienst durchschnittlich 2 Jahre betrug. Er hatte die Wahl, von einem Elefanten zertreten, von Eingeborenen ermordet, von einer Schlange gebissen zu werden oder an Malaria, Schwarzwasser oder einer anderen Tropenkrankheit zu sterben.
Mehr als 400 weiße Forscher und Jäger galten im Laufe der Zeit in Afrika als verschollen. Männer wie Livingstone, Baker, Jean-Baptiste Marchand oder Oswell marschierten mit Hunderten von Trägern los und waren oft mehrere Jahre unterwegs. Die medizinische Ausrüstung war mehr als primitiv. Die großen Expeditionen während der Kolonialzeit hatten das Ziel, die Herrschaftsbereiche der Länder auszudehnen und neue Kolonien zu gründen. Große Teile Afrikas waren noch schwarze Flecken auf der Landkarte. Es fand ein gnadenloser Wettlauf der Nationen ins Innere des Kontinents statt, um die unerforschten Gebiete für das eigene Land zu sichern.
Häufig wurden gleich mehrere Expeditionsteams losgeschickt. Den Forschern folgten schnell bewaffnete Schutztruppen, die das Land in Besitz nahmen. So wurde Afrika aufgeteilt und ein Strom von Auswanderern aus Ländern wie England, Spanien, Frankreich, Portugal, Deutschland sowie Belgien pilgerte in die Kolonien.

 

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Abb.: Tigerjagden in Indien waren ein großes Ereignis mit entsprechendem Aufwand

 

Die reinen Jagdexpeditionen oder Safaris folgten erst später, als der Kontinent schon halb erschlossen war und es in Europa Mode wurde, sich mit den wilden Tieren Afrikas zu messen und die Herrenhäuser mit Trophäen zu schmücken.

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Verlagsinformation zum Autor:

Norbert Klups.

Norbert Klups, geboren 1960, besitzt seinen Jagdschein bereits seit 1979. Seit 1984 ist er als freier Mitarbeiter bei verschiedenen Jagd- und Waffenzeitungen für Produkttestberichte aus den Bereichen Waffen, Munition, Messer und Jagdausrüstung tätig. Außerdem ist er Verfasser von 12 Fachbüchern aus dem Bereich Waffen und Munition, Kreisjagdberater und Mitglied des Jägerprüfungsausschusses sowie Schießtrainer für Seminare der RWJ-Akademie.

Deutsches Jagdlexikon: http://www.deutsches-jagd-lexikon.de/index.php?title=Klups,_Norbert

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

die doppelbüchse

Titel: Die Doppelbüchse

Autor: Norbert Klups

Verlag: Heel Verlag GmbH

Verlagslink: https://www.heel-verlag.de/Doppelbuechse.htm

ISBN: 978-3958436312

 

KRAUTJUNKER-Kommentar: „Die Doppelbüchse“ ist Band 2 der Waffenedition von Norbert Klups. Band 1 heißt „Der Drilling“. Leseproben finden sich im Blog.

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