Über Pilze und Liebe

von Kurt Scheel

Sinnloses Herumgehen habe ich immer abgelehnt. Will ich mich also spazierenderweise in Wald und Flur ergetzen, muss ich mir einen Vorwand für solches Tun ausdenken. Der beste, der vornehmste ist das Pilzesammeln.

Womit selbstverständlich nicht erfolgsrorientiertes Raffen und Rupfen gemeint ist, das unsere konsumgeile Ellbogengesellschaft prämiert. Nein! Sondern das meditative, in sich und dem Sein ruhende, entspannt im Hier und Jetzt wesende Umherpirschen, das auf den ersten Blick fast zufällig-unschlüssig wirkt, als ginge ich im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das wäre mein Sinn… Aber das Körbchen und das rote Taschenmesserchen sprechen eine andere Sprache: Hier geht jemand den Weg des Pilzes, kineko do, wie es auf Japanisch heißt, und das ist mithin keine seelenlos-westliche Technik, keine bloße Methode, mit der man selbsternannte „Tricks“ lernt, um in Windeseile Beute zu machen. Nein! Und es hat naturgemäß auch nichts mit dem Siegenwollen um jeden Preis zu tun, wie wir es von den mykologischen Effenbergs und Kahns kennen, wenn sie in äffischem Triumph ihre Faust in die unschuldige Waldluft stoßen, bar jeder Gnade und Grazie. Im Unterschied zu diesen habgierigen Professionals kann der Amateur und Gentleman-Sammler elegant verlieren und würdevoll den größten Steinpilz übersehen er ist Dilettant im Sinne Goethes: „Der Dilettant verhält sich zur Kunst, wie der Pfuscher zum Handwerk.“ Ich hätte es nicht besser sagen können.

Es kommt beim philosophischen, recht eigentlich peripatetischen Pilzesammeln nicht auf Größe oder Masse an, sondern auf das mühelose, ja lustvolle Zusammentreffen von Sammler und Pilz, von zärtlich tastender Hand und bereitwillig dargebotenem Ständer- oder Schlauchpilz. „It’s not the size, it’s the technique“ gilt eben auch beim Pilzefangen.

Abb.: Photo by Kalineri on Unsplash

Die allerersten freilebenden Pilze, an die ich mich dunkel erinnere, sind die handtellergroßen Wiesenchampignons, die mein Bruder in den fünfziger Jahren auf den dörflichen Kuhweiden findet und der Mutter mit großer Geste überreicht, der alte Schleimer eine miese Methode, sich beliebt zu machen, und ich verachte sie, nicht aber die Pilze, die in verquirltem Ei und Semmelbrösel gewendet und dann wie Schnitzel in der Pfanne gebraten werden.

Deutlich sehe ich die Maronen vor mir, die Pfifferlinge und Birkenpilze, die Fette Henne und den Parasol und, oh Graus, den Kahlen Krempling, der ohne jedes Problembewusstsein mit ins Körbchen wandert, wenn ich mit den Eltern in den Wäldern der Harburger Berge umherstreife. Abends dann, in der Küche, sitzen wir am Tisch und putzen die Beute; mit Schinkenwürfeln, gehackten Zwiebeln und reichlich Petersilie werden sie in Butter gebraten – schön salzen, aber Vorsicht mit dem Pfeffer! -, dazu gibt es Weißbrot und Bier, und später wird der Vater ein bedenkliches Gesicht aufsetzen und ächzend verkünden: Pilze liegen schwer im Magen.

Jetzt machen wir einen Sprung in die frühen siebziger Jahre. Dieser gutaussehende schlanke Jüngling in seiner schicken hellbraunen Lederjacke: Das bin ich. Und neben mir dieses zuckerhübsche blonde Mädchen, das ist Elvira. Sie sieht nicht nur spitzenmäßig aus, sondern ist auch anschmiegsam und bildungswillig. Eher der spirituelle Typ: Äußerlichkeiten, Firlefanz wie Diskofieber und Drogenmissbrauch interessieren sie überhaupt nicht. Wenn ich ihr von Arno Schmidt, Walter Benjamin und Marx, den ich im Original lese, vorschwärme, hängt sie gebannt an meinen Lippen, und ihre Augen werden ganz feucht vor Innigkeit und Verlangen.

Apropos Schmidt: Wir stehen hier mitten in Bargfeld auf dem Eichkamp; rechts ist Bangemanns Gasthof, vor uns Arnos Häuschen, aber wir gehen jetzt Richtung Räderloh und schlagen uns dann seitwärts in die Büsche. Was wir da aber an Maronen gefunden haben, du glaubst es nicht: An einer Stelle, ich erinnere mich genau, gab es mehr als sechzig fünfmarkstückgroße samtbraune Köpfchen zu bewundern, auf einer Fläche von etwa dreißig Quadratmetern, unter einer riesigen Kiefer. Es war ein heißer Augusttag, die Luft stand still, und das Herz wollte schier zerspringen vor Freude und Dankbarkeit. Denn siehe, die Schöpfung war ganz offensichtlich im Prinzip okay, und wir erkannten einander. Als wir dann auf dem Rückweg vom Herrscher der Fischteiche noch eine warme Räucherforelle mitnahmen und Frau Bangemann die Pilze uns briet, da schmeckte der grässliche Wein, den der Wirt uns kredenzte („Wie dringt hier leever Beer“), wie kein großer Chablis je gemundet. Und ich ahnte, dass solch Glück die Götter auf Dauer nicht gewähren: Zweieinhalb Jahre später trennte ich mich von Elvira; beziehungsweise sie sich von mir, ist ja egal.

Ich könnte jetzt erzählen, dass es pfeilgrad an eben diesem gebenedeiten Tag war, da ich den Eisvogel sah, einen Bunt funkelnden Edelstein, der ins Wasser stürzte, so schnell und die Augen ein Huschen nur festhielten; und erst als er aufflog aus dem See, mit dem Fischleien im Schnabel, wusste ich’s und dachte das Wort: Eisvogel, wie man den Namen der Geliebten denkt, voll Staunen und Bewunderung. Und nie wieder habe ich einen gesehen und will auch nie wieder einen sehen. Aber dass dies alles an einem Tag geschah, glaubst du mir ja sowieso nicht. Denn du bist misstrauisch und schlau und Pilzgeschichten, grienst du, sind wie Anglerlatein – sooo groß war der Hecht -, und deshalb machen wir wieder einen Sprung.

Die Morchel, die Spitz- wie die Speisemorchel, ist die Trüffel des kleinen Mannes: Da ist man endlich gerne einmal ein kleiner Mann! (Skat ist übrigens das Schach des kleinen Mannes. Nie aber darfst du jemanden einen Soundso „für Arme“ nennen, willst du dich nicht bei ihm für alle Zeiten verhasst machen. Also Milosevic sei ein Hitler für Arme oder Rainald Maria Goetz sei ein Rainald Maria Rilke für Arme.)

Tausendmal ist sie beschrieben worden, die Morchella esculenta: Angenehm aromitischer Geruch, ockergelber Hut, in der Form rundlich (wie ich!) bis langgestreckt (wie ich, früher!), mit wabenartigen Vertiefungen dafür aber ein schlichter blass-ockerer Stiel, der zu allem Überfluss auch noh hohl ist! Doch wenn man sie dann leibhaftig sieht, auf freier Wildbahn, ist man wieder überrascht, wie niedlich sie ist. Die Morchel ist der allerniedlichste Pilz überhaupt! Sie wäre, würde man sie nicht so gerne essen, ein ideales Spielzeug für Bienenköniginnen.

Du musst sie vorsichtig, am besten mit einem Pinsel, säubern – nicht waschen! – vorsichtig in Butter braten; da sie kein Wasser ziehen, darfst du, bis sie gar sind ein bisschen Wein angießen. Am liebsten esse ich sie als Sauce zu flachen Nudeln, Fettucine beispielsweise. Dann sollst du am Schluss noch etwas Sahne aufgiessen, damit sich die Pilzlein sanft und samtig an die Nudeln schmiegen. Schmeckt das nicht nach – Schokolade? So bittere, edle? Trink doch noch ein Schlückchen Prosecco, dass die Geschmackspapillen und -fibrillen wieder klargespült sind: Genau, schmeckt nach Schokolade. Aber auch nach – schwer zu sagen. Jedenfalls ist es so, als tanzten Elfen Ballett in deinem Mund.

Sie sehen zauberhaft aus und schmecken sagenhaft gut. Darüber hinaus bieten sie sich auch noch zu einer ungewöhnlichen Zeit dar, im Frühling. Dieser etwas grau und füllig gewordene Jüngling, keine Schönheit, aber durchaus vorzeigbar mit seinen interessanten Geheimratsecken (vulgo: Halbglatze): Genau, das bin wieder ich, Mitte der achtziger Jahre. Neben mir, die aparte Rothaarige mit dem angestrengten Lächeln, das ist Petra (dieses Lächeln, du bist ein hervorragender Menschenkenner, gibt dir zu denken). Wir sind sehr verliebt, es ist der 23. April, und wir befinden uns in den Isarauen, etwas oberhalb von Ismaning. Links fließt ruhig die Isar, rechts lockt brünstig der Auwald. Es ist warm und feucht, fast schon schwül beziehungsweise „mushi-atsui“, wie der Japaner so treffend sagt. Man könnte auf dumme Gedanken kommen, aber der Boden ist doch noch recht klamm. Wenn ich allerdings meinen Anorak als Unterlage nehme – ein Schrei reißt mich aus meinen müßigen Spekulationen, und nun sehe auch ich, was die Geliebte entzückt hat: Fünf Morcheln lächeln uns an, ganz eng stehen sie nebeneinander, ein Trüpplein, das sich direkt auf diesen Trampelpfad verirrt hat und wohl nach dem Wegen fragen wollte zum großen Morchel-Meeting. Daraus wird nun nichts mehr, ruhig und sicher liegen sie im Korb, und kein Wildschwein kann ihnen fürderhin ein Leids antun…

Wenn wir nach Hause kommen, müssen wir uns erst einmal hinlegen. Wie brünstig doch die Natur ist, mit welcher Lust sie sich im Frühling verschwendet, all dies Gebalze und Geknospe, Befruchten und Begatten – da wird man ja schon vom Zugucken ganz fickerig. Danach rauchen wir ein Zigarettchen und überlegen, wie wir die Morcheln zubereiten sollen. Als Risotto? Also eine gehackte Zwiebel in Butter glasig werden lassen, den Arborio-Reis hinzu (eine Tasse pro Person), mit zuverlässiger Würzl-Brühe aufgießen und rühren, rühren. Zum Schluss die gebratenen Morcheln hinzutun, Petersilie, Pfeffer (Vorsicht!), nachsalzen – warm, aber nicht heiß servieren. Von Parmesan rate ich ab, die Morcheln sind zu zart und fein für diesen Grobian.

Wenn ich als Tier wiedergeboren würde, wäre ich gerne ein Biber oder eine Ente; und als Pilz – wer hat eben „Stinkmorchel“ gerufen? Ich hab’s genau gehört, und wenn der „Spaßvogel“ sich nicht freiwillig meldet, verrate ich nicht mein allerbestes ultrageheimes Pilzrezept und breche sofort ab. Also?!

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Kurt Scheel

Kurt Scheel (* 23. April 1948; † 31. Juli 2018) wuchs auf der Elbinsel Altenwerder auf, wo seine Eltern das Kino „Altenwerder Lichtspiel“ betrieben. Er studierte Germanistik, Politische Wissenschaft und Soziologie in Hamburg, München und Berlin, wo er 1977 bis 1980 war er als DAAD-Lektor für deutsche Literatur und Sprache an der Universität Hiroshima tätig. 1980 wurde er Redakteur der Zeitschrift Merkur. 1991 wurde er neben Karl Heinz Bohrer nach dessen Fürsprache bei Verleger Michael Klett bis 2011 dessen Mitherausgeber. Nach dem Krebstod seines Freundes Michael Rutschky, den er zuletzt gepflegt hatte, ordnete er gemeinsam mit Jörg Lau dessen schriftstellerischen Nachlass. Scheel starb 2018 durch Suizid.
Quelle: Wikipedia

Artikel über Kurt Scheel:

https://www.tagesspiegel.de/kultur/zum-tod-des-publizisten-kurt-scheel-gestorben/22873730.html  

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Häuptling Eigener Herd Heft 8

Herausgeber: Wiglaf Droste und Vincent Klink

Verlag: © Edition Vincent Klink, 2001

ISBN: 3-927350-06-0

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Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Vincent Klink, Küchengott im Restaurant Wielandshöhe in Stuttgart. Ich empfehle den Besuch seines Gourmet-Tempels.

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