Hubertusmesse

von Florian Asche

Für die meisten von uns ist der November der Monat der aneinandergereihten Drückjagden, ein jagdliches En-Suite-Theater. Treiberrufe, Hundegeläut und Büchsenknall begleiten uns bis in unsere Träume. Pure Aktion kennzeichnet diese Wochen. Zugleich aber ist der November unser Einkehrmonat. Zeit, um über uns selbst und unser Tun nachzudenken. Es ist der Monat des Hubertustages und der Hubertusmessen. Dieser Teil des Kirchenjahres erfreut sich in letzter Zeit immer größerer Beliebtheit, auch bei nichtjagenden Beobachtern. Schließlich bietet die Hubertusmesse das sinnlichste Ereignis, zu dem die Kirche fähig ist, geschmückt mit einem Blick auf schöne Farben, dem Klang der Hörner und dem Duft von Waldesgrün. Da wird der Gottesdienst schnell zum Landlustspektakel. Wer will sich so eine Werbemöglichkeit schon entgehen lassen, um endlich einmal mehr als die ersten zwei Kirchenbänke zu füllen?
Doch wie steht es mit dem inhaltlichen Weltbild unserer Kirchen im Zusammenhang mit der Jagd? Ursprünglich war das Verständnis der großen Konfession gleichermaßen einfach wie einträchtig. In einer gemeinsamen Erklärung der Evangelischen Kirche Deutschlands und der katholischen Bischofskonferenz (2. Auflage 1985) hieß es noch, dass es eine Rangordnung des Lebens gebe, die das menschliche Dasein über jede tierische Existenz stellt. Der Katholische Katechismus hat dieses Weltbild nicht aufgegeben. So heißt es im Einklang mit Aristoteles und Augustinus:
„Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleider bedienen (…) Man darf Tiere gern haben, soll ihnen aber nicht die Liebe zuwenden, die allein Menschen gebührt.“ (KKK 2417 f.)
Natürlich ist so eine einfache Wahrheit für die EKD längst Geschichte. Ihr wissenschaftlicher Beirat für Umweltfragen äußert sich im Diskussionspapier „Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ (2. Auflage 1992). Darin heißt es:
„Da jedenfalls für den gesunden Erwachsenen Fleisch nach heutigen ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen – so lange andere eiweißliefernde Lebensmittel ausreichend vorhanden sind – für eine gesunde und vollständige Ernährung nicht nötig ist, gebe es keine ausreichende Legitimation, Tiere zu töten.“
Dementsprechend kritisch ist der wissenschaftliche Rat gegenüber der Jagd:
„Auch aus mitgeschöpflicher Sicht ist nichts dagegen einzuwenden, wenn der Jäger kranke, verletzte oder altersschwache Tiere waidgerecht tötet.“
Die Jagd soll also nur als Form der Euthanasie akzeptabel sein, quasi als Einschläferungskommando mit Hornsignal. Als Ausdruck der Freiheit will die EKD solche archaischen Beschäftigungen jedoch lieber nicht sehen:
„Jede Freizeitbeschäftigung, die mit dem Töten von Tieren einhergeht, setzt sich kritischen Rückfragen nach dem rechtfertigenden Grund für diese Opfer tierischen Lebens aus. Ethisch ist die Aufgabe gestellt, dem Wunsch nach Freizeitvergnügen auf eine andere Weise und mit anderen Aktivitäten zu befriedigen. (…) Daraus ergibt sich die Anfrage an die Sportangler, warum sie, anders als die Schützen, nur zu einem kleinen Teil den möglichen Weg der Sublimierung, d.h. der Umorientierung ihrer Aktivitäten gegangen sind; die große Mehrheit der Schützen schießt heute nicht mehr auf Lebewesen, sondern auf Papierscheiben oder Tontauben und trägt so auch ihre Wettkämpfe aus.“
Dass der wissenschaftliche Beirat hier sehr unwissenschaftlich, ja geradezu einfältig argumentiert, liegt auf der Hand. Schließlich ändert sich am Tode des Wildtieres nichts, wenn wir uns den Jäger wegdenken. Auch die damit verbundenen Qualen hängen nicht an der Jagd, sondern am Sterben in der Natur, also am Schöpfungssystem. Und dagegen kann die EKD wohl kaum etwas haben.
Ihr wissenschaftlicher Rat hätte es sich deshalb leichter machen können, wenn er auf den Erlöser selbst geschaut hätte, nach dem Motto, was Jesus tat, das kann so falsch nicht gewesen sein. Schließlich hatte er keine Bedenken, mit seinen Jüngern das Osterlamm zu genießen. Doch wenn man die modernistischen Tendenzen der EKD sieht, dann stellt man sich mehr und mehr die Frage, was Christus in dieser Kirche eigentlich noch zu suchen hat. Nicht umsonst wird er von ihr mehr und mehr zum Zeitgeistwesen degradiert. Jesus, so glauben viele, wäre heute wohl geschlechtsdiverser Veganer und FFF-Demonstrant, schon des geringeren ökologischen Fußabdrucks wegen.
Unter diesem Aspekt wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis die EKD dazu aufruft, auch die Weihnachtsgans oder den Karpfen im Sinne des Schöpfungsfriedens durch ein friedlicheres Gericht zu ersetzen.
Darauf einen Tofubratling!

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Dieses Essay erschien zuerst am 6. November 2019 auf dem Facebookprofil von Florian Asche.

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Florian Asche

Der Rechtsanwalt Dr. Florian Asche ist Vorstandsmitglied der Max Schmeling Stiftung und der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern.
Einem breiten Publikum wurde er bekannt durch seinen literarischen Überraschungserfolg über den göttlichen Triatlhlon: Jagen, Sex und Tiere essen (siehe: https://krautjunker.com/2017/01/04/jagen-sex-und-tiere-essen/https://krautjunker.com/2017/09/19/sind-jagd-und-sex-das-gleiche/)

Website der Kanzlei: https://www.aschestein.de/de/anwaelte-berater/detail/person/dr-florian-asche/

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Mehr von Dr. Florian Asche: https://krautjunker.com/?s=florian+asche

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe und Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

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Bildquelle der Hubertusmesse: Wikipedia

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