Was mir der Wald erzählt hat

Hörbuchvorstellung von Tim Wesly Hendrix

Es gibt Autoren, die sind einem näher als andere. Das liegt nicht daran, dass sie schlecht oder gut schreiben, sondern an einer bestimmten Resonanz im eigenen Ich. Ich kenne eine Hand voll Schriftstellern, die dieses Gefühl in mir hervorrufen. Sir Walter Scott, der Wizzard of the North und John Buchan, der neben tausend und einer Berufung im Dienst des Staates es auch noch schaffte an die hundert Bücher zu verfassen. Beiden ist sicherlich mehr als eine Sache gemeinsam, die hier wichtige ist jedoch banal: Sie sind tot. Wenn ich ihre Bücher lese, habe ich zwar eine bestimmte Stimme für die Akteure im Kopf, aber die schönste Erzählung büßt dennoch dadurch ein, dass die Stimme ihres Schöpfers unweigerlich verloren ist.

Umso schöner, dass einer, den ich für mich in die Reihe dieser besonderen Autoren einordne, noch lebt und nicht nur lebt sondern auch seine Geschichten selbst erzählt und in Form von Hörbüchern mit uns teilt.

Die Rede ist von Bertram Graf Quadt – Jagdromancier par excellence und einem schon sympathisch, da er offen zugibt, keinerlei Jeans zu besitzen.

Nun schreibt er nicht nur brillant, er erzählt noch viel brillanter.

Vor einiger Zeit war ich bereits auf die vor Jahren erschienen Geschichten gestoßen. Daran störte mich eigentlich nur, dass es ein paar wenige waren. Zu schnell verging die kurze Zeit des Zuhörens und Miterlebens.

Damit ist nun zum Glück Schluss. Das zahlreiche Stunden umfassende Hörbuch Was mir der Wald erzählt hat ist endlich erschienen und nach anfänglichen Problemen auf der autorenfreundlichen Plattform XINXII zu erhalten.

Ich muss gestehen das Warten war mir arg lang. Die Versuchung es anderweitig zu erstehen enorm, aber als ich es dann endlich mein eigen nennen durfte, war schnell klar: Das Warten hatte sich gelohnt.

Warum? Da just an diesem Abend meine Frau nicht zu Hause war. Für die meisten Leser wird sich der Zusammenhang nicht erschließen und da sie glücklicherweise nicht sonderlich an Blogs und Facebook interessiert ist, sei es hier verraten.

Meine Frau, so sehr sie auf meine Marotten Rücksicht nimmt, hasst den Geruch von Zigarre und Pfeife. Mein Rauchgenuss ist daher auf den Außenbereich beschränkt. Ist sie aber nicht da, so bringe ich die Kinder extra schnell ins Bett. Entzünde in meinem Arbeitszimmer den Kamin und setzte mich in meinen alten, noch zu Studienzeiten erstandenen Chesterfield Sessel, um einem guten Glas Whisky und einer Zigarre oder Pfeife zu frönen.

So hielt ich es dann auch an diesem Abend. Ein schöner goldener Bowmore von der Insel Islay – wie mir einer der Destillierer übrigens versicherte, ist alles über 15 Jahren aus diese Destille nicht wirklich besser, nur teurer – dazu eine Zigarre aus Mozambique, über die ich an anderer Stelle noch einmal schreiben werden.  Und so saß ich den Blick über Gehörn, Geweih und Gewaff an der Wand schweifend dar und lauschte den Worten des Autors gebannt.

Die Zeit verflog und es war, als würde man einen dieser raren Abende erleben an denen noch wahre Geschichten erzählt werden. Keine Hektik kein lästiges Klingeln des Telefons, kein Gegenüber der mit Small Talk beschäftigt werden musste nur die melodische Stimme, die eine um die andere Geschichte mit einer solchen Farbe, einem solchen Klang darbrachte, dass man eintauchte und vom Zuhörer zum Miterleber wurde. Das hatte eine gewisse Magie, die man nur schwer in Worte fassen kann.

Aber nicht nur die Art der Darbietung ist außergewöhnlich, sondern auch die schonungslose Offenheit der Geschichten. Wenn es um Fehlschüsse, Missgeschicke und grobe Fehler geht nimmt Graf Quadt sich nicht zurück, sondern schildert sie so eindringlich, dass ich gestehen muss mich meiner jagdlichen Missetaten zwar nicht weniger zu schämen, aber ein wenig weniger zu grämen. Der nagende Schmerz, den wahrscheinlich jeder Jäger im Laufe seines Lebens kennen lernt, wird gedämpft. Der Druck, vielleicht sogar die Gier, ein wenig gebremst.

Und wer würde nicht gerne den Schilderungen alter Jagden auf Flug und Schalenwild lauschen? Den Charakterbildern Weinvierteler Bauern oder der Sehnsucht nach dem Rehwild Revier in England?

Und als es um die Hirschjagd in Schottland ging, wusste ich: wenn ich nächstes Jahr nach Islay fahre, werde ich jenes Kapitel hören, bevor ich in die Heide ziehe, um meinen ersten schottischen Hirsch zu erleben.

Dabei ist das Buch nicht immer so schwer, wie es vielleicht hier wirken mag. Zwischen die süße Melancholie mischt sich immer wieder der Witz. Und so ist das Zuhören auch nicht schwer, sondern getragen von seiner Stimme, erlebt man schöne Stunden, aus denen man heraustritt und sich freut sie verlebt zu haben. Wenige Autoren und noch weniger Jagdliteraten schaffen das.

Das neue Hörbuch von Graf Quadt ist damit in Wirklichkeit ein Antidot gegen die Moderne. Hier geht es nicht um schnelle Eindrücke, hier wird auch nicht die Erlegung als Konsumgut dargeboten, sondern hier werden Geschichten voller Schönheit erzählt, die oft in Seitensträngen aufgehen und in denen das Erlegen des Wildes nie voyeuristische Zurschaustellung des Tötungsaktes ist, sondern nur ein kleiner Teil des reichen Erlebnisses der Jagd.

Wer die Jagd in all ihren Fassetten erleben will sollte genau zu diesem Hörbuch greifen – er wird es nicht bereuen.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Aus Zeitgründen konnte ich erst heute auf einer langen Autofahrt über Spotify reinhören. Abgesehen von dem Inhalt der Geschichten schätze ich vor allem den gediegenen Wortschatz und den lyrischen Tonfall. Bertram Graf v. Quadt verwendet rhythmische Satzstrukturen und eine musikalische Sprache, die dem Leser ein intensives Gefühl für die Emotionen und Stimmungen seiner Walderfahrungen vermittelt. Aufgrund seiner subtilen Ironie vermeidet er Pathos und preist doch demütig die Schönheit der Schöpfung. Vergleichbare Wortmusik ist in zeitgenössischen Büchern oder gar Zeitungen kaum noch zu finden. Bertram Graf v. Quadts Qualitäten als Sprecher seiner Geschichten ist ebenfalls zu loben. Eine Kunst, die oft zu wenig beachtet und geschätzt wird.
Schlussendlich eine kleine Ergänzung: Auch Fliegenfischer kommen in Was mir der Wald erzählt hat auf Ihre Kosten.

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Bertram Graf v. Quadt

Man kann sich gegen schwere erbliche Belastungen nicht wirklich zur Wehr setzen. Damit war die Jagd unausweichlich. Beim Blick in die Generationen gibt es auf weite Sicht keinen männlichen Vorfahr – und nur wenige weibliche – die nicht gejagt hätten. Vater, Mutter, beide Großväter und so weiter und so fort – alles Jäger, und zum Teil hochprofilierte Jäger: der Vater meiner Mutter, Herzog Albrecht v. Bayern, hat die bedeutendste Monographie des 20. Jahrhunderts über Rehwild verfasst (Über Rehe in einem steirischen Gebirsgrevier) und darin mit viel Unsinn über diese Wildart aufgeräumt. Meine Mutter war an den Forschungen dazu intensiv beteiligt, gemeinsam mit meinem Vater hat sie die Erkenntnisse im gemeinsamen Revier im Allgäu umgesetzt. Nun will und muss aber jeder junge Mensch rebellieren. Ich habe mir dafür aber nicht das jagdliche Erbe ausgesucht, sondern die Schullaufbahn, das nie begonnene Studium, das Ergreifen anrüchiger Berufe (Journalist, pfui!) und anderes mehr. Und ich kann im Rückblick sagen: das war die richtige Entscheidung.

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Dr. Tim Wesly Hendrix

Tims Frau beschreibt ihn so: „Der ist einfach ein wenig verrückt“ würde sie sagen. Nun liegt das Genie nah am Irrsinn, er nimmt das also als Kompliment.

Aus dem Bergischen kommend zog es ihn in die weite Welt zum Studium – also nicht ganz so weit weg vielleicht – nach Köln. Mit Zwischenstation in Edinburgh beurteilte ihn dann eine Reihe von Professoren als soweit gereift, um ihm den Doktortitel im Fach Kunstgeschichte zu verleihen. Man möge es ihnen verzeihen. Nebenbei gab es dann noch einen Master in Anglophone Literature – was wiederum nichts anderes ist als das schnöde Anglistik Studium vergangener Tage.

Man sieht also, Tim ist den britischen Inseln und der englischen Sprache sehr zu getan. Seine Frau fragt ihn schon nicht mehr, wo der Jahresurlaub seiner Meinung nach hingehen soll, die Antwort ist ihr hinreichend bekannt. Schottland mit seiner raue, poetischen Westküste hat ihn so in den Bann gezogen, dass er dort jeden Urlaub verbringen könnte.

Das heißt nicht, dass er die anderen Länder nicht wertschätzt – aber keines, nicht einmal die berühmten Wasser Afrikas – haben ihn so vollkommen einnehmen können.

Das spiegelt sich auch in der Leidenschaft für Whisky nieder, obwohl er einem guten Wein auch nicht abgeneigt ist. Kommt dann noch eine Zigarre, oder eine seiner geliebten Pfeifen dazu – das ist wahrer Es(s)kapismus für ihn.

Früh schon zog es ihn ans Wasser, um den heimischen Forellen in kleinen Bergbächen nachzustellen und auch heute noch schwingt er gelegentlich seine Fliegenrute. Was gibt es auch schöneres, als bei ausreichend Wind an einem Bach auf einer Hebrideninsel zu stehen und Fliegen aus der Vegetation zu befreien?

Das seine Hardy Ruten nur noch gelegentlich genutzt werden, liegt vor allem an seiner wohl größten Passion: Der Jagd.

Sie war immer irgendwie da. Schon als kleiner Junge vor der beeindruckenden Wand seines Großonkels. So richtig hat er aber erst vor relativ kurzer Zeit zu ihr gefunden. Dies konnte er freilich durch Eifer, seine Frau spricht von manischem Zwang, ausgleichen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Porzellantassen. Weitere Informationen hier.

Man kann dem Hörbuch über Thalia, RTL, Spotify, XINXII und vermutlich noch anderen Quellen lauschen.


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