Buchvorstellung
Langjährigen Weggefährten des KRAUTJUNKER muss man Michael Klonovsky kaum noch vorstellen. Seine drei bei uns veröffentlichten Essays über die heilige Dreifaltigkeit des guten Lebens – Wein, Gastronomie und Bücher – gehören gewissermaßen zum Tafelsilber dieses Blogs. Wer sich zu dem konservativen Bildungsbürgertum zählt, mit genüßlichem Entsetzen den Niedergang Deutschlands beobachtet und eine Schwäche für schwarzen Humor besitzt, wird ohnehin regelmäßig in seinen Acta diurna lesen.
Zugegeben: In jenem digitalen Tagebuch ist mir die Dosis an Endzeitstimmung und galligem Distinktionsschmerz bisweilen ein wenig zu hoch dosiert. Doch sobald Klonovsky das tagespolitische Schlachtfeld verlässt und sich den bleibenden Werten widmet, wird er zu jener „Edelfeder“, die Matthias Matussek aufgrund ihres couragierten Nonkonformismus und elitären Witzes zum Voltaire unserer Zeit adelte.
In meinem Bücherschrank leisten sich seine Werke bereits seit Jahren gute Gesellschaft – von den Essays in Lebenswerte über die Romane Der Ramses Code sowie Land der Wunder bis hin zu dem buchstäblich nicht bierernsten Ratgeber Welcher Wein zu welcher Frau?. Radfahren. Kleine Philosophie der Passionen. Aphorismen und Ähnliches möchte ich ebenfalls nicht missen.
Im Oktober 2025 ist nun sein neuestes Werk in der Edition Sonderwege bei Manuscriptum erschienen. Der Titel ist Programm und zugleich ein lebensbejahendes Manifest: Bei Tische altert man nicht: Gastrosophische Unbotmäßigkeiten wider die Abstinenz, das Maßhalten, die Büßerkost und andere Irrlehren.
Klonovsky selbst fasst das pädagogische Ziel seines Buches mit gewohntem Understatement zusammen:
»Wenn der Effekt darin besteht, daß Sie während der Lektüre ein kaum zu bändigender Appetit anfällt, begleitet von einem geradezu soghaften Verlangen nach einem guten Wein, fühlte sich der Autor bestens verstanden.«
Auf der vorderen Innenseite des Umschlags legt er noch eine Schippe politisch unkorrekter Schärfe drauf:
»Aber mal unter uns Betschwestern (m/w/d) gesagt: Frauen wegsperren, Frauen verschleiern, Minderjährigenehen? Nun ja, andere Kulturen, andere Sitten. Steinigungen? Wenn es denn unbedingt sein muß. Doch beim Weinverbot hört meine Liberalität auf.
Im Buch geht diese Textstelle wie folgt weiter:
»Einer meiner besten Freunde ist Vegetarier, aber er trinkt Wein. Das verschafft uns die Möglichkeit, lange zusammen zu tafeln – er ist frei vom missionarischen Laster – und schöne Gespräche zu führen. Die Politisierung des Essens lehnen wir beide ab. Orthodoxe, Mohammedaner, Veganer, Abstinenzler, Klimaretter, Westküstenamerikaner: Das sind alles problematische Erscheinungen bei Tische. Die Welt ist gottlob groß genug, daß man ihnen mit einem freundlichen Nicken aus dem Wege gehen kann; Genies und schöne Frauen immer ausgenommen.«
Bei Tische altert man nicht beinhaltet 19 glänzend geschriebene Essays über die Tafelfreuden. Bei Klonovosky blitzt immer wieder sein Kulturpessimismus wie ein scharfgeschliffener Rapier durch. So schreibt er, dass wer heute seinen Tisch festlich anrichtet, »zwischen der Skylla des Kitsches und der Charybdis der Designerware hindurchsegeln muss. … Die Tischkultur gehörte noch zu den grundlegenden Lebensvollzügen, die sich in verbindlichen Formen ereigneten, so wie sich die Menschen seinerzeit, auch wenn sie nicht besonders wohlhabend waren, zu kleiden wußten und nicht im grotesken Casual chic herumliefen. … Es gibt natürlich viele Zeitgenossen, denen modernes Design gefällt – eine Gründerzeit-Wohnung würden sie freilich nie ablehnen-, und so gibt es auch Menschen, die das hippe Designergeschirr tatsächlich mögen; ich lebe mit einem solchen Menschen zusammen. Schwer sind mitunter die Prüfungen, die der Gott vor allem jenen auferlegt, die nicht an ihn glauben.«
Sprachverliebt entfaltet er ein Panorama der Sinnesfreuden und erhebt das Schlemmen und Zechen zum Akt des Widerstands. Während die Gegenwart den Einzelnen unter ein engmaschiges Netz aus medialen und politischen Imperativen zwingt – einer strategischen Umzingelung gleich, wie sie einst die Lakota gegen Custer vollzogen –, feiert Klonovsky die dionysische Freiheit.
»Selbstverständlich trinkt kein Mensch, weil er meint, es sei gesund, sondern weil ihm das Trinken ein erhebliches Vergnügen bereitet. Die Frage: ’Wieso trinkst du Alkohol? Es ist doch ungesund wäre ungefähr vergleichbar mit der Frage an einen Alpinisten, warum er auf Berge steige, das sei doch gefährlich. Es steht bei diesen angeblich ungesunden oder gefährlichen Beschäftigungen etwas auf der sogenannten Habenseite, das sämtliche Einwände wegwischt. Jemand sollte den Verzichtsaposteln erklären, daß man insbesondere den Wein nicht trinkt, um sein Leben zu verlängern, sondern um ihm einen besonderen Glanz zu verleihen.«
Auch den gemeinschaftsstiftende Aspekt, den der Genuss von Alkohol bietet, lobt er und befindet sich dabei in der Gesellschaft des verstorbenen britischen Philosophen Roger Scruton:
»Denn dieses gemeinsame Trinken gestatte es, daß Menschen sich schnell von einer Gruppe, Beziehung, Geschäftsverbindung oder einem Lebensstil zum nächsten wenden, daß sie immer neue Institutionen und Zusammenschlüsse schaffen könnten und – bei aller Verschiedenheit – friedlich miteinander umgingen, ohne daß es einer besonderen Loyalität gegenüber einer Bruderschaft oder einem Stamm bedürfte. Die Fluidität der westlichen Gesellschaften wurde gewissermaßen vom Trank erzeugt.«
Den bedauernswerten puritanischen Zeitgeistgefangenen, die sich anmaßen, besonders klar im Kopf zu sein und welche Ausschweifungen als anstößig empfunden, möge man den Lifestyle unseren größten Dichterfürsten entgegenhalten:
»Der große Weintrinker Goethe war nach aktuellen Maßstäben mit seinen ein bis zwei Flaschen pro Tag ein schwerer Alkoholiker.; er ließ sich den Wein sogar zur Kur nachschicken. Trotzdem überschritt er er locker die Achtzig – für seine Zeit ein biblisches Alter. „Alle tranken tapfer, aber der alte Goethe am tapfersten“, notierte der Berliner Archäologe Wilhelm Zahn nach einem Besuch im Hause des Dichters anno 1827. „Ihm allein konnte der Wein nichts anhaben. Wie ein siegreicher Feldherr überblickte er das Schlachtfeld und die niedergetrunkenen Reihen.“ Offenbar besaß der Weimarer Weltreisende die sokratische Gabe, sich nüchtern zu trinken. «
Ab und dann stieß ich auch auf überheblichen und kenntnisfreien Blödsinn, so wenn er im Kapitel Deutsche Küche schreibt:
»Die Deutschen braten Fisch in der Pfanne, statt ihn auf den Grill zu legen, und wissen gar nicht, daß man dafür unweigerlich in die Hölle kommt. Mit dem Karpfen haben sie den ungenießbarsten aller Fische auf dem Speiseplan [Quatsch: siehe hier], aber Scholle [Quatsch: siehe hier], Hering, Flunder und Aal [Quatsch: siehe hier] stehen ihm an Reizlosigkeit kaum nach. Die Geographie ist auch das kulinarische Schicksal.«
Dass ein Buch bei mir Funken schlägt, zeigt sich an seinem Zustand: Randnotizen und Unterstreichungen bezeugen den Dialog mit dem Text, die Essenz wandert schließlich in meine Sudelbücher. Klonovskys gastrosophische Streitschrift gegen Abstinenz und Büßerkost gehört zu jenen raren Werken, deren Spurendichte meine Begeisterung verrät. Sein Stil ist brillant, seine furchtlose Haltung provokant erzkonservativ, sein Unterhaltungswert unbestritten. Gerade für linke Leser mag die Lektüre phasenweise eine schmerzhafte Herausforderung darstellen – doch Gedanken, die lediglich den eigenen Konsens bestätigen, bedürfen ohnehin kaum der Niederschrift.
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Michael Klonovsky

Michael Klonovsky, geboren und abgenabelt anno 1962 zu Schlema im Erzgebirge, verbrachte die Zeit bis zum Mauerfall ohne die Spur einer Karriere in der kulinarischen Ödnis Ostberlins. 1990 wurde er eher zufällig Journalist, vor allem aber stieg er von Alkohol auf Wein um und war auch sonst bemüht, seinen Sarmatengaumen gastronomisch zu kultivieren. Von 1992 bis 2016 verdiente er das Geld dafür beim Focus in München, die meiste Zeit als Textchef, zuletzt als Leiter des »Debattenressorts«. Neben seinem Online-Tagebuch Acta diurna schreibt Klonovsky Romane, Erzählungen, Essays, Aphorismen, aber auch Betrachtungen über Wein, Rennradfahren, klassische Musik und wer weiß, was noch so alles. Er lebt und tafelt mit seiner Familie in München.
https://www.klonovsky.de/
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Anmerkungen

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Titel: Bei Tische altert man nicht: Gastrosophische Unbotmäßigkeiten wider die Abstinenz, das Maßhalten, die Büßerkost und andere Irrlehren
Autor: Michael Klonovsky
Verlag: Manuscriptum Verlagsbuchhandlung
Verlagslink: https://www.manuscriptum.de/Bei-Tische-altert-man-nicht
ISBN: 978-3691180039
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