Wein

von Michael Klonovsky

Zu den albernsten Auskünften, die man auf ärztlichen Fragebögen erteilen darf oder muss, gehört die nach der Häufigkeit des persönlichen sogenannten Alkoholkonsums. Die Optionen lauten in etwa: nie – ab und zu – täglich. Diese Frage ist ungefähr so sinnvoll wie die, ob man täglich isst, und in Kulturnationen nicht vorstellbar.

Ich meinesteils esse täglich, ausgiebigst am Abend, denn ein Mahl braucht Zeit, und da ich mir essen ohne Wein nicht vorstellen kann, kreuze ich auf diesen Fragebögen seit Jahren brav mein »täglich« an. Ich zähle also, medizinisch beziehungsweise statistisch betrachtet, zu denjenigen, die täglich »Alkohol« trinken, auch wenn ich mich nur einem kleinen Teil dieser Klientel irgendwie ähnlich oder gar geistesverwandt fühle. Wobei es natürlich ein gewaltiger Unfug ist, den holden Rebensaft auf 10 bis 14 Prozent seiner Bestandteile zureduzieren, so wichtig diese 10 bis 14 Prozent als Geschmacksträger und Daseinsaufheller auch sein mögen. Ich werde bis in mein zu erwartendes hohes Alter nicht willens sein, einer Flasche sagen wir mal: »Hillside select« Cabernet Sauvignon von Shafer Vineyards nur 0,5 Prozent Gemeinsamkeit mit einem Becks-Bier oder einem Jägermeister zuzugestehen. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, Angelina Jolie und Verona Feldbusch derselben Klasse zuzuschlagen.

Der mühevolle und anfangs gar nicht billige Weg zur kulinarischen Selbstveredelung hat mich also in eine Risikogruppe versetzt, deren Vertreter von ungefähr der Hälfte der Mediziner sorgenvoll bis streng angeblickt werden; die andere Hälfte gehört selber dazu. Unter ersteren gibt es Puristen, die behaupten, jeder Schluck sei schädlich. Vom »Göttertrank« der Alten zum »Zellgift« der Gesundheitskommissare – so weit muss man erst mal kommen. Für mich gelten jedenfalls zwei Maximen. Erstens: Jeden Tag Wein. Zweitens: Lieber zehn brandenburgische Skinheads am Tisch als einen Abstinenzler.

Große Leidenschaften beginnen gemeinhin mit einem Evidenzereignis. Solche Ereignisse überfallen den Menschen mit daseinsumstülpender Wucht. Zu meinen gehörten zum Beispiel: das erste Carlos-Kleiber-Dirigat, der Eintritt in die Scrovegni-Kapelle zu Padua, die erste Kamerafahrt in Stanley Kubricks Clockwork Orange, die ersten Seiten Tristram Shandy, der erste Alpenpass auf dem Rennrad – und: Château Margaux 1982. Von jenem Abend an – ich wäre am liebsten auf den Tisch gestiegen, um »Vive la France!« zu brüllen – bin ich ein Initiierter. Fortan war ich jahrelang auf der Suche nach solchen Offenbarungen. Oft bin ich enttäuscht worden, aber die Wunder haben alles überstrahlt. Ich muss beispielsweise an »Quilceda Creek« Cabernet Sauvignon nur denken, ein Weinmonument aus Washington State (das ist fast Kanada!), und schon stellt sich eine genüssliche Gänsehaut ein, wie in der Kirche, wenn die Orgel so erdenschwer wie himmelsahnend zu jubilieren anhebt.

Wein passt zu jeder Lebenslage und jeder Tageszeit. »Der ist so mild, den kann man sogar schon morgens trinken«, raunte mir eine ältere, sehr kultivierte Dame ins Ohr, als sie mir am frühen Vormittag einen wundervoll durchgegorenen und dennoch nur mäßig alkoholstarken Mosel-Riesling einschenkte. »Der Wein wird uns jetzt guttun!« pflegte ihr Mann, ein Maler, sich vorfreudig die Hände reibend, auszurufen, wann immer die erste Flasche entkorkt wurde, ob nun vormittags um elf oder nachts um eins. Die eingangs erwähnten Kulturvölker, Italiener und Franzosen zum Beispiel, starten vergleichsweise früh mit dem Wein, man trinkt ihn als Begleiter zu jeder Mahlzeit (gefrühstückt wird dortzulande bekanntlich kaum bis gar nicht) und kompensiert das allfällige sanfte Beschickertsein tagsüber mit Espresso. Landstriche, in denen feste Zeiten vorgegeben sind, vor denen mit dem Trinken zu beginnen als unschicklich gilt, werden gemeinhin  nicht von Genießern, sondern von Puritanern und/oder Trunkenbolden bewohnt. Zum kultivierten Umgang mit dem Trank gehört nämlich, dass der Trinker nie betrunken ist, dass er es versteht, Pausen einzulegen, dass er die Ebene des Genusses nie verlässt. Der Rausch macht dumm. Er ist etwas für Verzweifelte und junge Leute. Dagegen verleiht ein leichter Schwips dem Tag einen gewissen Schwung, zumal ein kühler Weißwein, an einem heißen Sommertag mittags auf einer schattigen Lokalterrasse verputzt, etwas ungemein Einleuchtendes hat.

Der Wein bringt Glanz an den Tisch und ins Leben. Er funkelt im Glas, und er strahlt am Gaumen. Der Rebensaft ist die Grundvoraussetzung dafür, dass aus der Nahrungszufuhr ein Essen und aus einem Essen ein Festmahl werden kann. Ohne ihn bekommt ein gedeckter Tisch etwas Trostloses, Asketisches, Allzu-Gesundes, Westküstenamerikanisches. Mir ist es schleierhaft, wie jemand eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann ohne ein Glas Wein dazu (Apfelschorle zum Steinbutt! Wasser zur Penne con Salsiccia!). Die Wahl des zum jeweiligen Essen passenden Tranks gehört zu den wichtigsten Entscheidungen des Tages – und zu den bedeutenden akademischen Themen ohnehin. Dass es an deutschen Universitäten Lehrstühle für Gender Studies gibt, aber nirgends ein Professor über den passenden Rebsaft zur Kalbsleber oder zum Kabeljau doziert, darf wohl als ein bedauerliches Zeichen fehlenden Dekadenzbewusstseins gelten.

Wein ist ein lebendiges Wesen. Er hat einen Namen, ein Geburtsjahr, einen Geburtsort (es gibt auch illegale Einwanderer mit gefälschten Pässen) und eine Biographie. In der Flasche kann ein tolpatschiges Kind stecken, eine feurige junge Frau, ein eleganter gereifter Mann, ein schwächlicher Greis. Ein großer Wein durchläuft all diese Stadien, sofern er nicht zuvor entkorkt wird, andere kommen über das Kinderstadium nie hinaus. Ein Wein, der nicht geöffnet wird, stirbt irgendwann. Jeder gute Rebstoff besitzt eine unverwechselbare Persönlichkeit, in ihm existieren sein Herkunftsland, das Klima seines Geburtsjahres und die Handschrift seines Kellermeisters fort. Wein ist auf Flaschen gezogene Sonne, und zugleich trägt er in sich die Essenz des jeweiligen Terroirs, er ist gesegnet vom Himmel und aus der Tiefe.

Wein ist göttlich. Zu allen Zeiten haben Menschen den Wein mit den heiligen Ritualen und den roten Wein mit dem Blut in Verbindung gebracht, am eindrücklichsten natürlich im Ritual der Eucharistie, der Wandlung des Messweins zum Blut Christi. »Trinket alle daraus: das ist mein Blut des neuen Testaments«, spricht der Heiland beim letzten Abendmahl, »ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, da ich’s neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich« (Matthäus 26, 27–29). Die Parusie-Verzögerung hat einen gewaltigen Durst in der Welt aufgestaut, den vorgreifend zu stillen sich ein sterbliches Wesen nicht versagen sollte.

»Was machst du heute noch?« fragte mich eine viele hundert Kilometer entfernt lebende Freundin eines Abends am Telefon. »Ich höre gerade Musik und überlege, ob ich mir eine Flasche Wein dazu aufmache«, erwiderte ich. »Bist du verrückt, da noch zu überlegen?« rief sie aus. »Du kannst morgen abend schon tot sein!« – –

 

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

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Dies ist ein Kapitel aus Michael Klonovoskys Essaysammlung „Lebenswerte“. Ich danke der Manuscriptum Verlagsbuchhandlung für die Erteilung des Copyrights.

Eine Rezension wird nicht folgen, da der Autor so glänzend schreibt, dass ich mir nicht anmaßen mag, ihn mit meinen eigenen Worten zu beurteilen.

Lebenswerte

Titel: Lebenswerte: Über Wein, Kunst, High-Heels und andere Freuden

Autor: Michael Klonovsky

Verlag: Manuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG

ISBN: 978-3-944872-01-8

Verlagslink: http://www.manuscriptum.de/lebenswerte-574.html

 

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