Roadkill-Sammler

Die britische Umweltjournalistin Louise Gray stellte sich in ihrem Buch Richtig Tiere essen?! die Frage: Wissen wir, woher das Fleisch kommt, das auf unserem Teller liegt? Und wissen wir, wie das Tier lebte – und starb? Um hierauf eine Antwort zu finden, beschloss sie, ein Jahr lang nur noch das Fleisch von Tieren zu essen, die von ihr selbst getötet oder gesammelt wurden. Sie recherchierte in Mastbetrieben und Schlachthöfen, ging Forellen angeln und auf die Rothirsch-Jagd, drehte Hühnern den Hals um und besuchte Fischfarmen sowie Hochseetrawler.
Einige der Erfahrungen, die sie dabei machte, waren wunderbar erfüllend. Andere wiederum wirklich übel. Einer der skurrilsten Texte ist der, wie sie mit einer Exzentrikerin von Autos überfahrene Wildtiere sammelte und zubereitete. Muss man so etwas lesen? Ja, denn wie es Haruki Marakami so schön formuliert: „Wenn Du nur die Bücher liest, die jeder liest, kannst Du auch nur das denken, was jeder denkt.“ Wie die Tochter eines Bauern schlussendlich resümiert, ist gut erhaltener Roadkill auch nicht ekliger, als entanimalisierte Mastvieh-Teile im Supermarkt zu erwerben. Die hier veröffentlichte Leseprobe ist der Beginn des Kapitels 11 „Jäger und Sammler“.

 

Wer als Fleischesser am Steuer einschläft, überlässt anderen die Führung. Wer als Fleischesser aufwacht, sich umschaut und eingreift, übernimmt Verantwortung. Verantwortung zu übernehmen ist gut.
Catherine Friend

von Louise Gray

Ein verschlafeneres Nest als Harrogate ist kaum denkbar, und Harrogate kaum denkbar als Wohnort für einen so quirligen Menschen wie Alison Brierley. Ich komme an einem regnerischen Morgen an und laufe an den adretten Reihenhäusern, schmiedeeisernen Zäunen und gepflegten Parks des ehemaligen Kurorts vorbei. Alison begrüßt mich am Eingang ihres „zeitweiligen Zuhauses“, einem alten Steinhaus. Ihr „echtes Zuhause“, das Hymer-Wohnmobil, steht draußen auf der Straße. Mit ihren blonden Dreadlocks, dem schwarzen Ledermini und kniehohen Stiefeln wirkt sie wie einem Manga-Comic entsprungen. Eine Figur aus der Zukunft, die gekommen ist, um ein sittsames englisches Städtchen aufzumischen.
„Jetzt geht’s auf die Jagd!“, ruft sie fröhlich. Vielleicht bilde ich mir das ein, aber als wir wegfahren, meine ich zu sehen, wie Spitzengardinen hinter Fenstern zur Seite geschoben werden. Das Wohnmobil gleicht dem Ausstellungsraum eines Tierpräparators. Über dem Armaturenbrett liegt ein Eichhörnchenfell, es stammt von einem Grauhörnchen. Jeder Lichtschalter im Wohnmobil besteht aus einem Kaninchenfuß oder einem flauschigen Schwanz. Dachsfelle liegen über den Sitzen, Fuchsschwänze hängen am Fenster. All das sind „Trophäen“, die von Alison gesammelt, aber nicht getötet wurden – die Tiere sind im Straßenverkehr überfahren und von ihr „recycelt“ worden.
Ich habe Alison vor ein paar Monaten beim Edinburgh Science Festival kennengelernt, wo sie die Aufbereitung überfahrener Tiere demonstrierte und damit die Bewohner eines anderen sittsamen Städtchens schockierte. Von meiner Idee, nur selbst getötete Tiere zu essen, war sie sofort begeistert. Sie meinte, ich solle die „wilde Frau“, die „Kämpferin“ in mir wecken, erzählte mir etwas von der Göttin Kali und von seelischen Archetypen. Das hat mir gefallen, obwohl ich nicht alles verstanden habe. Ein paar Tage später schickte sie mir eine E-Mail: „Meine Liebe, so viele Fleischesser lassen sich über den Horror der Jagd aus. Dabei ist die Jagd (Jagdsport ausgenommen) doch die menschlichste und persönlichste aller Tätigkeiten – ebenso wie das Schlachten, Präparieren und Heimtragen der Beute. Wenn wir uns von den gesichtslosen Vollstreckern in den Fabrikbetrieben unterscheiden wollen, müssen wir die Verantwortung für das übernehmen, was wir essen. Für unseren Planeten und für uns selbst ist es extrem wichtig, wieder eine Beziehung zu unserer Nahrung aufzubauen. Es wäre mir eine Ehre, dir zu helfen …“
Alison ist mit Enthusiasmus bei der Sache. Die Knochen in ihren Dreadlocks – von Python, Fuchs, Hahn, Widder und Kobra – schlagen leise klackernd aneinander, während sie uns fluchend durch den Montagmorgenverkehr manövriert. Jetzt sei die beste Zeit, um sich auf den Weg zu machen, sagt sie. Wenn sich die Hektik der Rushhour gelegt habe, finde man am ehesten frisch getötete Tiere, die von einem der vielen Pendler überfahren wurden. „Wir sind unterwegs zu den besten Revieren“, sagt sie. Normalerweise gibt es auf Landstraßen, die von hohen Hecken oder Mauern gesäumt sind, reichlich überfahrene Tiere. Von den Hauptstraßen halte man sich besser fern, wegen der Abgase, erklärt Alison. Man solle an der Fundstelle außerdem problemlos anhalten, aus dem Wagen springen und ein blutiges Tier in den Kofferraum hieven können. Auch die Umgebung von Ländereien, in denen viele Fasane ausgesetzt wurden, eigne sich gut. Eine Straße in der Gegend sei so ergiebig, dass sie „Supermarket Sweep“ genannt werde. Wir fahren in Richtung Harewood House, und beim Gedanken daran, dass ich genau dort die diesjährige Landwirtschaftsschau der Country Land and Business Association (CLA) besucht habe, muss ich lachen. Bei der Schau kamen die Landbesitzer zusammen, um die Jagd zu feiern – verglichen mit dem Aufsammeln von überfahrenen Tieren ein ziemlich teurer Weg, um an einen Fasan zu kommen.
Alison hat einen starken Leeds-Akzent und redet wie ein Wasserfall. Ich frage nach einem Paar Babyschühchen mit roten, blauen und grünen Leuchtdioden, das vom Rückspiegel baumelt. Ja, sagt sie, die Schuhe seien aus ihrer Plazenta hergestellt, den Rest hätten Max’ Vater und ein paar andere Leute bei einer nomadisch inspirierten Versammlung verspeist, „um die Geburt unseres Sohns zu feiern“. Schmecke im Mund sehr gut, aber im Kopf sehr seltsam, habe einer der Teilnehmer befunden. Alison ist auf Schockeffekte aus. Sie will Tabus brechen, alle Tabus, die es noch gibt. Unter den Autositzen bewahrt sie Weckgläser mit Vogelfüßen, -zähnen, -schnäbeln auf, Geweihe und Schädel. Ich fühle mich wie in einer Hexenküche – ich bin in einer!
Ihre wilde Seite hat Alison nicht immer so offen ausgelebt. Sie hat als Zahnarzthelferin, Grafikdesignerin, Croupière, Performancekünstlerin und Lehrerin gearbeitet und auch andere „normale“ Jobs gehabt. Vor etwa zehn Jahren hat sie angefangen, überfahrene Tiere zu sammeln – zunächst nur, um sie für ihre künstlerischen Projekte zu verwenden. Sie hinterfragt ständig alles: wie wir uns kleiden, wie wir leben, wie wir essen. Eines Tages fragte sie sich, warum sie die toten Tiere eigentlich nicht auch essen sollte. Das Fleisch war schließlich völlig in Ordnung. Es unterschied sich nicht von dem Hirsch-, Kaninchen- oder Rehfleisch, das man kaufen kann.
„Jetzt bringe ich dir was bei.“ Alison lacht. „Urbane Nahrungssuche“ nennt sie unser Vorhaben. Wir lassen die Villenvororte von Harrogate hinter uns und fahren durch die Täler von Yorkshire. Die Bäume sind fast kahl, lassen ihre letzten Blätter in die Bäche und Gräben fallen. „Im Winter ist es leichter“, sagt Alison. „Man sieht mehr. Das Fleisch hält sich auch länger.“
Aufmerksam suchen wir die Fahrbahnränder ab, halten Ausschau nach Beute, nach dem verräterischen Anblick der Raben und Krähen, die immer als erste beim Aas sind. „Es ist wie beim Jagen“, sagt Alison, „man will unbedingt Erfolg haben und etwas finden. Schau mal da!“ Sie deutet auf ein Paar Handschuhe und ein Kinderspielzeug am Straßenrand. „Man fühlt sich wie auf der Pirsch.“ – „Nur besser“, sage ich. So wenig Erfahrung ich bis jetzt auch mit Pirschjagden habe – ein Teil von mir hat dabei insgeheim immer gehofft, dass wir kein Tier aufspüren würden. Bei Alisons Art des Jagens gibt es dieses Dilemma nicht. Im Grunde nehmen wir der Kommune nur Arbeit ab. Es ist die perfekte Pirschjagd für Hipster, die sich unwohl damit fühlen, Tiere selbst zu töten, die für die Wilderei zu unerfahren sind – oder zu wenig Geld haben, um die Jagdgebühren zu bezahlen.
Alison hat bereits die Aufmerksamkeit der Medien, und das international. Die Leute sind fasziniert von dieser Frau, die Fleisch vom Straßenrand aufsammelt. Aber es ist nicht nur das: Ich denke, Alison ist auch deswegen so interessant, weil sie keine Angst hat. Was sie tut, ist nämlich, ehrlich gesagt, nicht besonders schwierig. Man braucht dazu vor allem eine gute Portion gesunden Menschenverstand – und Mut.
Aber jetzt suchen wir uns erst mal ein Mittagessen. Die letzten Arbeitstage vor Weihnachten stehen bevor, und der Verkehrsstrom scheint noch einmal anzuschwellen. Die grünen Felder wirken stumpf vom Nieselregen, die Trockensteinmauern glänzen und die Blätter leuchten, orange mit schwarzen Flecken – wie die Nackenfedern eines Fasans. Wir fahren eine weitere Straße ab, durchsuchen die nassen Blätterhaufen am Straßenrand. „Nichts, nicht mal ein Eichhörnchen“, sagt Alison. Aber sie hat einen überfahrenen Fasan dabei, mit dem sie mir die Kunst des „Roadkill-Recyclings“ trotzdem näherbringen kann. „Okay“, sagt sie. „Weißt du den Merkspruch noch?“
„Oh, äh –“ Ich bin nicht darauf vorbereitet, die Checkliste für überfahrene Tiere abgefragt zu werden, die Alison mir vor ein paar Tagen zugeschickt hat – dabei hatte sie gesagt, dass ich sie auswendig lernen soll! „Also …“ Ein Audi fährt an uns vorbei; der Fahrer bremst leicht ab, um den beiden merkwürdigen Frauen am Straßenrand einen düsteren Blick zuzuwerfen. „O je“, sagt Alison. „Eine besonders gute Schülerin bist du nicht. Don’t. Eat. Flat. Furry. Roadside. Snacks. Before. Last. Diagnostic. Smell. Check. Verstanden?“
„Ja, ich denke schon.“ Keine überfahrenen Tiere essen, ohne vorher daran gerochen zu haben, okay. Eigentlich kommt es natürlich auf die Anfangsbuchstaben der einzelnen Wörter an.
„Also, D steht für?“, fragt Alison.
„Äh –“
Damage. Schaden.“ Wir untersuchen den Vogel. Es ist eine schöne Fasanenhenne, ihre beigebraune Zeichnung ähnelt einer geometrisch gemusterten Tapete. Sie ist von einem Wagen „abgeprallt“, wie Alison sagt. Von Tieren, die mehrfach überrollt wurden, rät sie ab. Wenn man miterlebt, wie ein Tier überfahren wird, weiß man natürlich, dass es frisch ist. Alison empfiehlt, OP-Handschuhe sowie eine Plastiktüte oder eine Plane für die Lagerung des Tieres im Auto zu haben.

Jagdfasan 9

„E?“
„Äh –“
Eyes. Augen!“ Wir ziehen das Lid zurück, das Auge ist klar und glänzt immer noch. „Viele überfahrene Tiere haben keine Augen mehr, denn für die Krähen sind das die bequemsten Häppchen. Wenn die Augen fehlen, lässt das Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt zu“, erklärt Alison. „Und F und F, Flat und Furry, stehen für …? Ganz einfach: Flöhe und Fliegen. Flöhe sind gut – das Tier liegt noch nicht lange hier. Fliegen sind schlecht – irgendetwas hat sich eingenistet.“ Wir untersuchen den Fasan. Ich entdecke Milben auf den Federn, aber keine Fliegen.
„R steht für rigor mortis, die Totenstarre.“
„O ja, er ist noch schlaff“, sage ich.
„Das heißt aber nicht unbedingt frisch“, sagt Alison. „Das ist wichtig zu wissen: Die Totenstarre setzt relativ schnellein, innerhalb von anderthalb Stunden, und hält bei einem Vogel wie diesem etwa acht Stunden an, dann löst sie sich wieder. Deswegen lässt man Fleisch übrigens auch abhängen – damit es weicher und zarter wird. Snacks steht für ‚skin‘ – Haut. Fühl mal.“ Ich kann das feste Fleisch unter den Fasanenfedern spüren, es fühlt sich an wie bei einem gerupften Tier. „Die Haut sollte sich gut und geschmeidig anfühlen und über den Muskel gleiten“, sagt Alison. „Wenn sie steinhart ist, ist es zu spät. B steht für Blut. Es sollte nicht allzu viel Blut zu sehen sein, nur ein wenig rund um die Verletzungen. Und es sollte rot sein, nicht lila.“ Ich hebe den Kopf des Vogels behutsam an und entdecke ein bisschen rotes Blut. Hier sind die OP-Handschuhe nützlich. Es ist auch sinnvoll, Feuchttücher im Auto zu haben.
„L steht für ‚law‘ – das Gesetz. Wildtiere auf der Straße gelten generell als freigegeben. Haustiere und Nutztiere aber nicht. In dem Fall solltest du die Polizei, die Besitzer oder Halter benachrichtigen. Zuchtwild, das man auf der Straße findet, geht auch in Ordnung, solange die Straße öffentlich. Und man darf natürlich kein Tier absichtlich überfahren – das ist illegal. Äh – was kommt als Nächstes?“ Sogar Alison vergisst manchmal ihren Merksatz. „Ach ja. Diagnostic steht für ‚diseases‘, Krankheiten. Mach deine Hausaufgaben: Kaninchen können die Kaninchenpest haben, Dachse Tuberkulose. Fast alle Tiere können von Toxoplasmose befallen sein, aber wenn man das Fleisch gut kocht oder brät, kann einem eigentlich nichts passieren. Rehe und Fasane sind meistens in Ordnung. Vergewissere dich, dass das Tier gesund war. Mach dich mit den entsprechenden Untersuchungen vertraut. Manche Bauern vergiften Tiere und laden sie am Straßenrand ab, damit es wie ein Verkehrsunfall aussieht. Wenn du Zweifel hast, lass das Tier lieber liegen. Und jetzt kommt Teil, der mir am besten gefällt: Smell – der Geruch!“ Wir beugen uns über das Tier und beschnuppern es, obwohl ich denke, dass wir es jetzt wahrscheinlich schon wüssten, wenn das Tier nicht zum Verzehr geeignet wäre. Ich finde, der Fasan riecht gut – wie ein Hund, der von einem Regenspaziergang nach Hause kommt. „Vertrau deiner Nase“, sagt Alison. „Sie sagt dir schon, wenn du etwas nicht essen solltest. Check steht für ‚climate‘ und ‚cooking‘, Klima und Kochen. An kalten Tagen wie heute hält sich das Fleisch länger, in einem warmen Land wäre das heikler. Pass auch bei der Zubereitung auf. Nimm andere Messer und Schneidebretter als für die Sachen, die du roh isst. Und lass das Fleisch gut durchgaren, bei mindestens 75° C. Wenn du Zweifel hast, wirf das Tier lieber in den Kochtopf.“
Wir stecken den Fasan zurück in die Tüte. Ich fühle mich, als hätte ich bei einer Tombola gewonnen oder ein Schnäppchen im Schlussverkauf gemacht. Ich ahne auch, warum wir kein überfahrenes Tier gefunden haben: Alison ist Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Dank ihrer Webseite und den Anweisungen darauf weiß mittlerweile jeder, wie man überfahrene Tiere einsammelt. Die Leute haben nicht so viel Angst vor der Natur, wie uns die Supermärkte weismachen wollen.

Roadkill 2

Dass das Ganze so einfach allerdings doch nicht ist, wird mir klar, als wir nach Hause kommen und Alison mir eröffnet, dass wir die Haut als Ganzes abziehen werden. Alison wirft den Kopf zurück und zeichnet mit dem Finger eine Linie von ihrem Brustbein zum Kinn. „Dann quer über die Flügel.“ Sie simuliert den Schnitt über ihrem eigenen Herzen.
Alison hat neue Klingen für ihre Skalpelle besorgt, die aber die falsche Größe haben, sodass wir sie mit Klebeband befestigen müssen. Sie wackeln ein bisschen. Ich teile die Federn und beginne, die Haut zum Schnabel hin aufzuschneiden. Langsam fällt die gefiederte Haut zur Seite. Neben mir arbeitet Alison an einer Krähe, die sie vor einigen Monaten gefunden und eingefroren hat. Während der Arbeit reden wir über die Rolle der Frau bei den traditionellen Jägern und Sammlern. „Frauen haben nicht nur Beeren gesammelt“, sagt Alison, „sie haben auch die Aufbereitung der Tiere übernommen. Schon immer wurden Tierteile als Schmuck verwendet.“
Es ist nicht so, dass Frauen nicht jagen könnten. Ich bin mir sicher, dass es zu allen Zeiten Frauen gegeben hat, die gut rennen und Speere werfen konnten. Aber die Jagd ist gefährlich, und man geht einfach nicht gern das Risiko ein, dass die wertvollsten Menschen des Stammes – die Lebensspenderinnen – von einem Mammut zertrampelt werden. Vielleicht hat Alison auch recht und Frauen haben eher einen Hang zu der feinen Kunst, Tiere in Nahrung, Kleidung oder Musikinstrumente zu verwandeln und sie auf diese Weise wieder ins Leben zurückzubringen. „Wenn ich ein Tier häute oder Fleisch von der Haut abschabe, vergesse ich manchmal alles um mich herum“, sagt Alison. „Dann fange ich an, über Leben und Tod nachzudenken, mich wirklich damit auseinanderzusetzen. Das muss man irgendwann tun. Wir sterben alle.“
Wir reden auch über „die wilde Frau“ und „Öko-Feminismus“. Ich habe mich im Rahmen meiner Recherchen ein wenig vorbereitet und Auszüge aus Die Wolfsfrau gelesen. Einige Geschichten darin gefallen mir. Sie handeln von einer tiefen Verbindung der Frauen zur Natur und zur Tierwelt. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Kraft eines Tieres auf mich übergeht oder dergleichen. Aber ich denke, dass mein Mitgefühl etwas Kraftvolles ist, ob das nun ein männliches oder weibliches Prinzip ist. Vom modernen Alltag, in dem man keine Verbindung mehr zu Tieren hat, wird dieses Gefühl oft erstickt.
„Wenn alle Supermärkte zumachen, sind wir acht Mahlzeiten von der totalen Anarchie entfernt“, sagt Alison. „Zumindest weiß ich, wie ich für mich selbst sorgen kann.“ Ja, unter Verwendung gewisser Kräuter und Gewürze, denke ich – die aus dem Supermarkt stammen.
Wir kochen das Fasanenfleisch mit eingelegtem Kürbis, Brennnesseln, Ingwer, Kurkuma und Honig im Schongarer. Alle essbaren Teile werden behalten, sogar die Leber. Wir essen vor dem Fernseher, mit den Tellern auf den Knien. „Ich spüre eine tiefe Verbindung mit meiner Nahrung, wenn ich sie mir selbst beschafft und von Anfang bis Ende selbst verarbeitet habe“, sagt Alison. „Ich kann das Fleisch viel mehr wertschätzen, ich nehme es nicht als selbstverständlich hin. Und ich möchte es so frisch essen wie möglich.“
Morgen muss Alisons Sohn Max zum Zahnarzt, und sie muss noch kurz Milch holen. Es gibt ein paar Familiendinge zu erledigen. Alison und ihr Mann leben in einem Vorort von Harrogate, lieben ihren Sohn und essen auch Produkte aus dem Supermarkt. Die Tatsache, dass sie ihren Lebensmittelvorrat durch ein paar überfahrene Tiere ergänzen, macht keinen großen Unterschied. Alison ist eigentlich nicht sonderlich seltsam. Tut mir leid, das ist sie wirklich nicht. Nicht in meinen Augen, nicht nach dem Jahr, das ich hinter mir habe. Die meisten ihrer Theorien sind bereits im Mainstream angekommen. Was ist seltsamer: einen Fasan zu essen, der nach Herbstregen riecht und nach Wild und Honig schmeckt? Oder ein Huhn zu essen, das nach nichts schmeckt und vier kurze Wochen in seiner eigenen Scheiße gelebt hat? Ich persönlich weiß, was ich merkwürdiger finde.
Ein paar Wochen später entdecke ich selbst ein überfahrenes Tier, einen männlichen Fasan. Schwarz vom Regen, nicht mehr als ein Bündel aus Federn, so liegt er am Fahrbahnrand der A697 nach Kelso. Ich springe aus dem Wagen. Zunächst ist mir das Ganze ein bisschen peinlich; verstohlen schaue ich mich um, ob mich auch niemand beobachtet. Ich erinnere mich nicht mehr so genau an Alisons Merksatz, nur an „D wie Damage“. Offensichtlich hat hier schon ein Bussard in den Innereien herumgepickt. Aber die Brustpartie ist noch intakt. Ich drücke sie, das Fleisch ist fest, und schnuppere daran: Es riecht gut. Ich packe den Fasan an den Beinen und eile zurück zum Auto, bevor irgendwer etwas mitbekommt. Aber ich fühle mich danach nicht innerlich gestärkt, eher so, als hätte ich etwas Unanständiges getan.
Zu Hause benutze ich ein gewöhnliches Messer, um das Tier am Knochen entlang aufzuschneiden und die Brustpartie herauszulösen. Es geht viel leichter als bei einem Huhn. Innerhalb weniger Minuten habe ich rosafarbene Filets vor mir liegen, die aussehen, als kämen sie direkt aus der Verpackung. Keine Hautreste, rein gar nichts deutet darauf hin, woher das Fleisch stammt. Und es hat keine Brustblasen von Ammoniakverätzungen. Seit Monaten habe ich keine Geflügelpfanne mehr gegessen, aber genau die bereite ich mir jetzt zu, eine leckere, konventionelle, überhaupt nicht merkwürdige Mahlzeit, die man sonst als Fertiggericht im Supermarkt bekommt. Aufgeregt schreibe ich Alison eine Nachricht. „Gut gemacht!“, antwortet sie und schickt einen Haufen Smileys hinterher.

Roadkill 1

Alison ist ein Mensch, der Verantwortung für seine Nahrung übernommen hat. Ich bewundere ihr Selbstvertrauen, ihr Können, ihre Unabhängigkeit vom „System Supermarkt“. Ich möchte ein Stück weit Jägerin und Sammlerin sein wie sie und weder auf viel Geld noch eine schicke Einladung noch ein Tweedoutfit angewiesen sein, um mir fleischliche Nahrung zu beschaffen. Ich muss nur die richtigen Leute fragen und mir die richtigen Kenntnisse aneignen. So fühlt sich die ganze Sache für mich tatsächlich besser an, freier und, ehrlich gesagt, auch ethisch besser vertretbar.

*

KRAUTJUNKER-Kommentar: In verschiedenen Facebook-Gruppen erhielt der Beitrag verschiedene Kommentare. Stellvertretend für viele andere Beiträge veröffentliche ich hier den von Werner Steckmann, Blogger von www.wernerkochtwild.de:

„Ohne jetzt übermäßig spießig rüberkommen zu wollen:

a) die rechtliche Seite: wäre in Deutschland Wilderei;

b) bezweifle ich, dass Otto Normalbürger die Expertise besitzt zu beurteilen, was noch oder schon essbar ist (Stichwort Fleischreifung) oder welches Tier z.B. der Trichinenschau bedarf.

Des weiteren fehlt halt die Möglichkeit das Wild vor dem Schuss auf Auffälligkeiten sowie Verhaltensstörungen anzusprechen. Und der letztendlich für mich ausschlaggebende Punkt:

c) ist das Ganze eine richtige Sauerrei! Wer schon mal eine Rehgais für den Hund zerwirkt hat die kurz vorher ein Rendezvous mit dem Milchlaster hatte, der weiß wovon ich spreche…

Aber da offenbart sich wahrscheinlich der schmale Grad zwischen reiner Zuführung von Kalorien und dem gehobenen Genuss.

Ich für meinen Teil würde jedenfalls dankend darauf verzichten einen blutigen Klumpen, der mit Dieselfeinstaub, Streusalz und ähnlichen kontaminiert ist mit Genuß zu verzehren.

Wohlgemerkt – in einer Survivalsituation, mit mehreren Tagen nichts im Magen, würde ich das Ganze wahrscheinlich anders bewerten.“

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

richtig tiere essen louise gray

Titel: Richtig Tiere essen?! Wie ich ein Jahr lang nur Fleisch von Tieren aß, die ich selbst tötete

Autor: Louise Gray

Verlag: Edel Germany

ISBN: 978-3841905062

Verlagslink: https://www.edel.com/de/label-verlage/buch/edel-books/

Übersetzung: Hanna Lemke 

 Fotos: Die Fotos wurden von mir im April 2017 erstellt. Liebe Mama, wenn Du dies hier liest und Dir die Teetasse in der Hand zittert: Obwohl Du mich als notorischer Schlemmer kennst, konnte ich mich doch zurückhalten und habe nicht genascht.

Website der Autorin: http://www.louisebgray.com/

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