Der Hügel der Hirschböcke

Die britische Umweltjournalistin Louise Gray stellte sich in ihrem Buch Richtig Tiere essen?! die Frage: Wissen wir, woher das Fleisch kommt, das auf unserem Teller liegt? Und wissen wir, wie das Tier lebte – und starb? Um hierauf eine Antwort zu finden, beschloss sie, ein Jahr lang nur noch das Fleisch von Tieren zu essen, die von ihr selbst getötet oder gesammelt wurden. Sie recherchierte in Mastbetrieben und Schlachthöfen, ging Forellen angeln und auf die Rothirsch-Jagd, drehte Hühnern den Hals um und besuchte Fischfarmen sowie Hochseetrawler.
Einige der Erfahrungen, die sie dabei machte, waren wunderbar erfüllend. Andere wiederum wirklich übel.

Die erste Leseprobe, welche ich aus Ihrem Buch veröffentlichte, war Roadkill-Sammler. Der Text*, in dem sie eine Exzentrikerin begleitete, welche sich von überfahrenen Tieren ernährt, löste gerade bei konservativen Jägern starke Emotionen aus. Meine liebe Mutter hätte ähnlich reagiert, wenn ich auf ihre Frage, was der Inhalt meiner wunderbaren Pasteten sei, geantwortet hätte: Mäusebeine! Da ich ein logisch-theoretischer Typ bin, der über die emotionale Ausstattung eines Komodowarans verfügt, faszinieren mich diese emotionalen Eruptionen sehr.

Diese Leseprobe beinhaltet einen Teil des 14. Kapitels Der Hügel der Hirschböcke. Es ist der Höhepunkt des Buches, welcher mit einer Karnickeljagd begann. Dementsprechend ist es eine Aufgabe, die Louise Gray nervös macht.
Sie nähert sich der Jagd, in dem sie die Landschaft des Jagdreviers am Loch Torridon im Norden Schottlands geologisch und dann auch geschichtlich erklärt:
„Menschen kamen erst vor 7.000 Jahren hierher. Sie folgten den Hirschen, die ihrerseits der Tundra folgten, die sich mit dem zurückweichenden Eis nach Norden verschob. Bereits in der Mittelsteinzeit machten Menschen Jagd auf diese Tiere, wegen des Fleischs und der Felle. Aus den Geweihen und Knochen stellten sie Werkzeuge her. Es kann nur spekuliert werden, wie unsere Vorfahren es geschafft haben, Hirsche zu erlegen. Wahrscheinlich haben sie Fallgruben ausgehoben oder sind auf Bäume geklettert, um schwere Steine oder Speere auf die Tiere herabzuschleudern. Rothirsche waren damals doppelt so groß wie heute, weil der alte kaledonische Wald, der die Berge überzog, den Tieren besseres Futter bot. Klimawandel und Rodungen verkleinerten die Waldflächen im Laufe der Zeit, und so schrumpften auch die Hirsche**.

Anschließend beschreibt sie, sehr zusammengefasst, wie sich die Hirschjagd über die Geschichte zu einem Vergnügen der adligen Oberschicht wandelte. Da der Rothirsch als das edelste und herrlichste Wildtier gilt, ist er zu einem Symbol geworden, dass uns auf Werbetafeln, Krawatten und Aftershaveflakons begegnet. Heutzutage ist bei der Jagd vieles besser und artgerechter geworden. So dient die Bejagung als Hegemaßnahme, da die Tiere – zumindest auf den britischen Inseln – über keine natürlichen Feinde mehr verfügen, aber einen begrenzten Lebensraum bewohnen. The Deer initiative zufolge, gibt es in Großbritannien zur Zeit die größte Hirschdichte seit der Eisenzeit. Dies verursacht dort nicht nur jährlich 74.000 Wildunfälle, bei denen auch menschliche Todesopfer zu verzeichnen sind. Der hohe Bestand verhindert auch die Waldverjüngung. So wollen sich einige Gutsherren der Hirsche ganz entledigen, um die Bäume wachsen zu lassen, während andere von zahlungskräftigen Jagdtouristen leben möchten.
Die Pirschjagd, deren Beschreibung gleich folgt, findet auf Ben Damph statt, einem kleinen Anwesen in Torriden, welches sich der nachhaltigen Wildhegen verschrieben hat. Die Anlage verfügt über ein knapp 230 Hektar großes Waldgebiet, dessen großer Teil zur Waldverjüngung abgesperrt ist. Das Hirsch-Management erfolgt in Absprache der Landgüter untereinander und in Absprache mit staatlichen Institutionen. Ben Damph gilt als schwieriges Jagdgebiet, in welchem nur fähige (oder glückliche) Jäger Erfolg haben. Weiterhin müssen sie ihre Beute eigenhändig die Berge hinunterschleppen. Ein Großteil des Wildbrets geht an Händler wie Highland Game*.

Das Titelbild dieses Beitrages stammt nicht aus Richtig Tiere essen?!, ich durfte es dem Titel Schalenwild artgerecht bejagen entnehmen. Auch dieses Buch findet sich in den Anmerkungen. Leseproben aus ihm bereite ich schon vor.

von Louise Gray

Ich hätte mir einen anderen Begleiter aussuchen können – ich kenne mehrere Jäger, die mich mitnehmen würden –, aber ich wollte mit meinem Vater auf die Pirsch gehen. Ich weiß, dass er ein guter Jäger ist, er kennt Ben Damph in- und auswendig, und ich möchte diese Seite an ihm gern einmal erleben, mir etwas von ihm abgucken. Wir reden nicht groß darüber; es könnte möglicherweise emotional werden, und solche Gespräche führen wir in meiner Familie nicht. Ich sage ihm also nur, dass ich nach Ben Damph komme, und hoffe, dass er weiß, wie wichtig das für mich ist. Wir tun so, als wäre es eine normale Verabredung, in Wahrheit bin ich extrem nervös.
Allein mit meinem Vater auf Jagd zu gehen, war mir dann doch zu heikel. Besorgt, dass ich seine Kritik nicht aushalte oder seine Ratschläge nicht annehmen kann, habe ich meinen Freund Ed gebeten, uns zu begleiten. Er ist ehemaliger Soldat und kennt nicht nur das Jagdgebiet, sondern auch mich und meinen Vater gut und weiß, was zu tun ist, wenn wir aneinandergeraten. Er hat sein eigenes Gewehr mitgebracht, eine moderne Blaser .270 mit Daumenloch hinter dem Abzug. Ein Schuss mit dieser Waffe wird den Hirsch auf Anhieb töten, aber sie ist schwer. Beim Einschießen bin ich überrascht, wie leichtgängig der Abzug ist und wie leise der Schuss dank des Schalldämpfers klingt, fast, als wäre gar nichts passiert. Ich bestehe darauf, das Gewehr zu tragen, zumindest einen Teil des Wegs.
Wir starten am Ufer des Loch Torridon. Ich höre den flötenden Ruf der Brachvögel, während wir bergauf marschieren. Wir durchqueren jetzt keltischen Regenwald: Mit Moos und Flechten überzogene Bäume schmiegen sich an die Schlucht. Oben am Wasserfall lichtet sich der Wald, nur ein paar uralte Kiefern stehen hier noch, und man kann seinen Blick über die Hügel und Berge von Torridon schweifen lassen. Von hier aus gesehen leuchtet das Wasser mittelmeerblau. Ich entdecke alte Fischfallen: einen Bogen aus Steinen in der Bucht, in der sich früher so viele Meerforellen tummelten, dass man sie aus dem Wasser springen sehen konnte. Wir sind auf einem beliebten Wanderweg unterwegs zum Bergsattel von Ben Damph. Ich bin sicher, dass Hirsche zwischen freundlichen Spaziergängern in bunten Anoraks und Pirschjägern in Tweed und Grün unterscheiden können. Immer wieder bleibt mein Vater stehen und wirft durch sein zerbeultes altes Fernrohr einen Blick auf den Berg, immer wieder geht er auch in Stellung, nimmt am Boden die klassische Pirschjagd-Haltung ein, das Fernrohr auf den Knien.
Mein Vater ist aufgeregt wie ein kleiner Junge. Er liebt es, auf der Pirsch zu sein. Er marschiert auch gerne mit Männern durch die Berge, die Jahrzehnte jünger sind als er, obwohl seine Jagdmontur schon bessere Zeiten gesehen hat. Seine Hose ist am Hintern fast durchgewetzt, an den Ellbogen hat er alte Lederflicken. Für meine neue, atmungsaktive, wasserfeste Kleidung hat er nur ein Lächeln übrig. Er ist komplett in Wolle gehüllt: Knickerbocker aus Tweed und ein wollenes Hemd, das bei Regen wärmt und bei Hitze „atmet“. Was bedeutet, dass er gegebenenfalls nicht nach menschlichem Schweiß riecht, sondern nach nassem Schaf – aber als Geruchstarnung dürfte das ja sogar hilfreich sein.
In Tol Ban, einer grünen Senke im Westen von Ben Damph, sehen wir einen Hirschbock und etliche Hirschkühe. Sie haben sich ein gutes, sicheres Gelände ausgesucht. Der Wind wirbelt durch die Senke, sodass die Tiere drohende Gefahren riechen können. Dieser Bock hat einen Harem von 30 Hirschkühen. Das ist ungewöhnlich, normalerweise sind es nur 15 bis 20. Er hat Geweih mit zehn Enden – viel zu gut zum Töten, zumal er eine so große Damenrunde um sich hat. Hier in Wester Ross erreichen die Hirsche selten zwölf Geweihenden, und allerhöchstens vierzehn, meistens zehn. Man erlegt nur Hirsche mit weniger Enden sowie mit Geweihstangen, die zu eng beieinanderstehen und bei Hirschkämpfen zu gefährlichen Verletzungen führen können.
Die Brunft hat gerade begonnen. Jetzt schließen sich die Männchen den Hirschkühen an, die den Sommer über friedlich mit ihren Jungtieren auf den Wiesen gegrast haben. Jetzt beginnt das Gefecht: Die Hirschböcke kämpfen gegeneinander, um das diesjährige dominante Männchen zu ermitteln. Die Hirschkühe sind nur für ein paar Tage im Jahr fruchtbar. Das Zeitfenster ist klein und die Konkurrenz groß. Es ist eine aufgepumpte, testosterongeschwängerte Zeit, wie bei einem Rugbyspiel oder, wenn ich es mir recht überlege, wie bei einer „Hirschbockparty“ – so nennen wir Briten den Junggesellenabschied.
Wir bekommen plötzlich Zutritt zu diesem Geschehen, weil wir den Berg erklommen haben und zur Ostseite von Ben Damph gelangen. Obwohl wir nun oben in den Wolken sind und die Sicht schlecht ist, können wir die Hirschböcke riechen. Wir gehen an Schlammpfützen vorbei. Hier urinieren die Böcke, um sich dann in dem schmierigen schwarzen Schlamm am Boden zu wälzen. Sie pissen sich auch selbst an und schwärzen so ihr Fell, um die Weibchen anzulocken und andere Männchen zu verjagen. Lustig, aber dieses Detail ist auf The Monarch of the Glen nicht zu sehen, obwohl der abgebildete Hirsch auf dem Höhepunkt seiner Brunft ist.
Wir können die Hirschböcke auch hören. Ich bin überrascht, wie unterschiedlich sie klingen. Einer hat ein tiefes, nachhallendes Röhren wie ein Nebelhorn, ein anderer klingt hoch und schrill. Ich frage mich, ob es einen Zusammenhang zwischen der Größe der Tiere und ihren Lauten gibt oder ob der prächtigste, mutigste Bock auf dem Berg vielleicht eine Fistelstimme hat wie David Beckham.
Der Nebel verzieht sich langsam und gibt teilweise den Blick auf Loch Damph frei. Ein Steinschmätzer fliegt über uns hinweg und wir hören ein Alpenschneehuhn auf den Felsen herumlärmen. Wir machen es uns in einer kleinen Schlucht gemütlich und lugen über den Rand. Mein Vater entdeckt einen jungen Hirsch. Noch nicht groß genug, um einen Kampf zu gewinnen, umkreist er dennoch die Herde und versucht sein Glück. Wir beobachten ihn durch unsere Ferngläser und essen unseren Proviant.
Creag Liathad Saoghal besteht aus einer Reihe von steilen Anhöhen und Schluchten. Man muss sich gegen den Wind bewegen und schrittweise vortasten, damit die Tiere einen nicht bemerken. Hin und wieder überprüft mein Vater die Windrichtung. Früher wurde dafür eine Zigarette oder Pfeife angezündet; mein Vater scheint die richtige Himmelsrichtung erschnuppern zu können. Ich werfe Gras in die Luft, aber das verwirrt mich nur. Dann finde ich eine bessere Methode: Ich nehme eine Strähne von meinem Haar und schaue, in welche Richtung der Wind sie weht.
Wir beginnen mit der Pirsch am Berg, mein Vater bildet die Vorhut. Langsam, langsam bewegt er sich voran, damit die Tiere ihn nicht sehen, Bewegungen nehmen sie ja sehr genau wahr. Er entdeckt einen Hirsch, dessen Geweih sich nicht verzweigt hat, die Stangen haben jeweils nur eine Spitze, was in Kämpfen zur Gefahr werden kann. Mein Vater winkt mich nach vorn. Ich kann die Spitzen des Geweihs sehen, muss aber zunächst langsam bergab robben, um in die richtige Position zu kommen. Ich gleite nach unten, stützte mich mit den Ellbogen im Heidekraut ab und wünschte, ich wäre in kratziges Tweed gekleidet und nicht in rutschiges Goretex. Ed folgt mir, er hält meinen Fuß fest, um mir zusätzlichen Halt zu geben. Ich kann den Hirsch jetzt sehen, aber das Gewehr wackelt. Ich bin selbst ganz wackelig. Das Tier bewegt sich, ich verändere meine Position, und es fühlt sich nicht gut an. Ich habe Angst. Ich kann meinen Atem nicht beruhigen. Ich gebe meinem Vater ein Zeichen, dass ich nicht schießen kann. Ich schaue ihn nicht an.
Ich versuche, mich nicht zu schämen. Warum denn? Ich habe nichts falsch gemacht. Ich habe mich nicht wohlgefühlt und deshalb eine Entscheidung gefällt. Vielleicht ist es mir doch wichtiger, was mein Vater über mich denkt, als ich mir eingestehen will. Vielleicht sollte ich mir darüber aber auch keine Gedanken machen. Es ist eine Sache zwischen mir und dem Hirsch, niemandem sonst. Wir gehen den Berg wieder hinunter, und als wir nach Hause kommen, ist es bereits Abend und die Brachvögel sind ganz still.

*

Der nächste Tag ist ein Sonntag, und die Pirschjagd ist sonntags nicht erlaubt – oder wird zumindest hier nicht betrieben, nicht in den gottesfürchtigen westlichen Highlands. Ich nutze die Zeit, um zu trainieren. Mein Vater leiht mir sein „7mm-08“, ein leichteres, speziell für die Pirschjagd geeignetes Gewehr. Es ist nicht ganz so leistungsstark, was eigentlich bedeutet, dass man ein besserer Schütze sein muss. Unerfahrene Jäger zielen auf den „Heizraum“, die Gegend rund um Herz und Lunge, denn sie ist leicht zu treffen und der Schuss tötet das Tier schnell. Erfahrene Jäger zielen auf den Kopf. So stirbt das Tier sofort. Dafür muss man aber sehr gut zielen können. Je kleiner eine Fläche, desto wahrscheinlicher, dass man danebenschießt. Mein Vater meint, ein Jäger sollte mit dem Schießen so vertraut sein, dass er mit der Waffe im Anschlag einschlafen kann. Ich robbe über die Heide, Splitter bohren sich in meine Handflächen, und übe schießen: von einem Felsen aus, von einem Hügel hinunter, einen Abhang hinauf.
Dem spanischen Philosophen José Ortega y Gasset* zufolge, der mit Meditationen über die Jagd das meistzitierte Buch über diesen Sport geschrieben hat, ist die Pirschjagd eine Möglichkeit, sich mit der Natur zu verbinden. „Man jagt nicht, um zu töten“, schrieb er, „sondern umgekehrt, man tötet, um gejagt zu haben.“ Und zwar „mit allem, was das mit sich bringt: Das Untertauchen in der Landschaft, die Wohligkeit der Bewegung, die Ablenkung von der Arbeit usw.“
Wir ziehen erneut los, mein Vater ist von Anfang an hellwach. Er bemerkt einen Baumschutz, der erneuert werden müsste, und Rhododendren, die Wasser brauchen. Dieses Mal ist mein Freund Dan dabei, der zwar ein Jagdneuling, aber neugierig und außerdem stark genug ist, einen ausgewachsenen Hirsch nach Hause zu schleppen. Mein Vater verhält sich anders als beim letzten Mal. Er ist weniger gereizt, viel konzentrierter. Ich spüre ein Ziehen in der Brust, als mir klar wird, dass er mir helfen will. Er will mich nicht enttäuschen. Er muss so vieles beachten: den Wind, das Terrain, wo die Hirschkühe grasen, wo die Hirschböcke sich hinbewegen, wo sie sich ausruhen.
Wir wollen heute zur anderen Seite des Berges gehen und nehmen ein Boot zum gegenüberliegenden Ufer des Loch Damph. Immer wieder werfen wir durch das Fernrohr einen Blick auf die Anhöhe. Ben Damph – der „Hügel der Hirschböcke“ – sollte eigentlich genug Tiere bieten. Aber wir sind spät aufgebrochen, haben uns viel Zeit für das Einschießen der Waffe gelassen, und nun steht die Sonne hoch am Himmel, das Licht ist hell und flächig. Sogar für meinen Vater ist es schwierig, etwas zu erkennen. Ich habe gar keine Chance – jeder tote Baum sieht für mich wie ein Geweih aus, jedes Fleckchen Torfmoos wie ein Hirsch.
Wir machen das Boot in der „Karibik“ fest. Mit diesem Fleckchen Erde bin ich gut vertraut. An dem weißen Sandstrand habe ich viele glückliche Stunden verbracht. Hier steht auch die größte und schönste Eiche des Anwesens. In einem englischen Park würde man sie nicht weiter beachten, aber in dieser Umgebung fällt sie wirklich auf. Sie ist wie zur Dekoration mit Flechten und Moos behangen. Wir nehmen einen Trampelpfad durch ein Gebiet, aus dem die Hirsche ausgesperrt wurden. Die Abwesenheit der Paarhufer hat die Vegetation gleichsam explodieren lassen. Ich entdecke Traubeneichen, Moor-Birken, Stechpalmen, Waldkiefern und Erlen. Alles summt und singt vor Leben. Ich reibe mich mit den Blättern des Gagelstrauchs ein, um die Mücken zu vertreiben. Dann durchqueren wir ein Tor und stehen auf einem ruhigen, unbewaldeten Hügel. Hier, wo die Hirsche alles wegknabbern können, wachsen keine Bäume. Wir sind auf Meall na Saobhaidhe, der „Anhöhe des Fuchsbaus“. Es ist eine unwirtliche Gegend, der früher vergletscherte Hügel ist mit Felsbrocken übersät – eine ganz andere Welt als die gegenüberliegende Seite von Ben Damph. Ein Ort, um sich hinzulegen und zu warten, ein Fuchsbau.
Die Hirsche röhren auf der anderen Seite des Sees. Hier hingegen ist es ruhig. Hier kommen die jungen Hirsche her, bevor sie sich dem Kampf um die Hirschkühe stellen. Es gibt zahlreiche Winkel, wo sie sich hinlegen und dösen können. Mein Vater duckt sich, spricht nur im Flüsterton. Wir müssen uns vorsichtig fortbewegen; überall könnte ein Hirsch sein. Überall entdecken wir Tierspuren und Kot: Geschichten, wenn ich sie nur lesen könnte! Das Gras der Highlands ist zu dieser Jahreszeit dreifarbig, es verwandelt sich von grün zu golden und rot. Die Besenheide ist zu einem pfirsichfarbenen Ton verblasst, die Glockenheide schimmert malvenfarben. Das Wollgras ist nach einem langen Sommer müde und struppig. Die Natur befindet sich im Wandel, die duftenden Gräser sterben, die Hirsche ziehen von da nach dort, die Farben verändern sich. Alles verändert sich.
Die Windrichtung ist schwer zu bestimmen. An den Strudeln im Loch unter uns können wir erkennen, dass der Wind ständig die Richtung wechselt und um die Felsen wirbelt. Ein Windstoß trägt unseren Geruch mit sich, sodass wir zwei Hirsche aufschrecken; wir sehen ihre Geweihe in der Ferne verschwinden. Mein Vater flucht und schlägt vor, dass wir erst mal Mittagspause machen; jetzt würden wir ganz bestimmt nichts erwischen. Mir ist das egal, ich genieße es, hier oben zu sein. Wir essen unsere Sandwiches mit Blick über den Loch Damph, teilen uns ein paar verschrumpelte Heidelbeeren, die ich gesammelt habe, und beobachten die Frösche unter den Felsen.
Als guter Jagdführer, der er ist, macht mein Vater sich wieder auf, um die Anhöhe durchs Fernglas zu beobachten. Und kommt bald zurück. Er hat einen jungen Hirsch entdeckt, der erlegt werden kann. Ich gehe ihn mir anschauen, stütze das Fernglas auf einem Felsen ab. Ja, ich sehe ihn, und ich nehme mir Zeit, ihn zu bewundern. Ein Achtender mit eng stehendem Geweih, der im Windschatten eines Felsens ein Mittagsschläfchen hält. Ein schönes Tier, keine Frage. Mein Vater erklärt zuerst, wie wir am besten vorgehen. Wir müssen einen weiten Weg zurücklegen, ohne dass der Hirsch uns sieht. Wir werden umkehren, um das felsige Gelände vor dem Hirsch zu überqueren. Dann werden wir einem Bächlein hinauf zu einem kleinen See folgen und die letzten paar Meter robben. Wir brechen auf, laufen leise über das Kar. Das Licht wird schon schwächer, wir haben nicht viel Zeit. Ich trage das Gewehr, das Fernglas schlägt mir gegen die Brust, ich spüre mein Herz klopfen. Der Bachlauf ist trocken genug, dass wir ihn hochlaufen können. Oben am See schleichen wir zu einem Felsvorsprung, der ins Wasser hineinragt. Der Wind lässt kleine weiße Schaumpferde auf der Wasseroberfläche tanzen.
Jetzt pirschen wir uns an den Hirsch heran. Dan bleibt zurück. Behutsam folge ich meinem Vater. Ich spüre den harten, kratzigen Felsen unter meinen Knien, die Heide sticht mir in die Schenkel. Ich kann die trockene Erde riechen. Das Gewehr lastet schwer auf meinem Rücken, mein Vater nimmt es mir ab. „Deine Haare!“, sagt er. Ich schiebe sie unter meine wollene Mütze und warte ab, während er die Waffe in Position bringt. Dann winkt er mich nach vorn.
Das Gewehr ruht sicher auf einem Felsen. Ich muss es erreichen, ohne dass es sich bewegt –und ohne meinen Kopf zu heben. Schaft an der Schulter, Wange am Holz: Der Hirsch ist 80 Meter entfernt, ich kann ihn gut sehen. Ich stütze mich mit den Beinen ab, finde eine stabile Haltung. „Er legt sich hin“, flüstert mein Vater. „Du musst auf sein Genick zielen.“ Der Hirsch ist relativ ruhig, sein Kopf ist uns zugewandt, fast lässt er sein Kinn auf dem Boden ruhen. Das Genick ist verborgen.
„Nein, ich kann auf den Kopf zielen“, sage ich. „Zwischen die Augen.“
„Wenn du meinst, dass du das hinkriegst.“
„Ja, ich kriege das hin.“ Ich starre den Hirsch an, vollkommen konzentriert, und dann spüre ich, wie mein Geist sich von mir löst und zusammen mit der Kugel nach vorn schießt. Der Hirsch fällt geradewegs vom Felsvorsprung, sein Geweih gleicht dem Mast eines sinkenden Schiffes. „Ist er tot?“
„Ja, er ist tot.“
Ich sichere die Waffe, lasse die Patronen fallen. Nichts, keine gälischen Lieder, keine Jagdliteratur, kein philosophischer Ansatz, rein gar nichts kann einem da helfen. Die Leute fragen: Was ist dir durch den Kopf gegangen? Was hast du in dem Moment gedacht? Ich weiß, was ich nicht gedacht habe. Ich habe keinen Testosteronschub verspürt, keine urmenschlichen Gefühle, keine Euphorie. Beim Griff zur Waffe geht es nicht darum, frei zu sein oder wild, sondern darum, die absolute Kontrolle zu haben. Mit „männlich“ oder „weiblich“ hat das nichts zu tun. Entweder du hast die Kontrolle – oder eben nicht. Entweder du gibst einen guten, sauberen Schuss ab – oder eben nicht.
Wir machen uns auf den Weg zum Hirsch. „Der Schuss hätte nicht besser sein können“, sagt mein Vater, holt sein Messer hervor und lässt das Tier ausbluten, ein roter Strom flutet die Heide. Wir schmieren uns kein Blut in Gesicht, den Brauch gibt es hier nicht. Es geht sowieso nicht um mich oder ein Facebook-Foto oder den Moment gerade. Es geht um den Hirsch, um das überwältigende Gefühl der Dankbarkeit, das ich empfinde, das wir alle drei still empfinden. Feiern werden wir später, beim Essen.
Wir machen mit der Arbeit weiter. Mein Vater schneidet den Bauch auf, und ich bestehe darauf, die Eingeweide selbst zu entfernen, aber mein Arm ist nicht lang genug. Mein Vater macht einen Knoten in die Speiseröhre und hebt sie heraus. Dampf steigt in die kalte Luft auf, als die glänzenden grauen, blauen und roten Innereien auf den Hügel fallen. Das Blut wird auch „Farbe“ genannt, so rot ist es, die Haare nennt man „Nadeln“, die Eingeweide „Aufbruch“. Wörter, damit das Ganze weniger blutrünstig erscheint? Oder Wörter, die immer schon da waren und die wir einfach vergessen haben? Die Krähen kreisen schon über unseren Köpfen, Mittler zwischen Leben und Tod, bereit, ihren Anteil des „Aufbruchs“ sogar gegen einen Adler zu verteidigen. Der Fuchs hat wahrscheinlich auch schon Wind von dem Ereignis bekommen und wartet nur noch darauf, dass die Nacht anbricht, bis er für ein Festmahl herübertrabt. Immerhin ist das hier sein Hügel.
Nach dem Ausweiden essen wir Schokoriegel. Wir haben sonst nichts dabei, was in Folie verpackt wäre – so kommen unsere blutigen Hände nicht mit dem Essen in Berührung. Die Männer binden Seile um die Hinter- und Vorderbeine des Hirsches, und wir schleppen ihn bergab. Ich versuche zu helfen, aber es wird bald klar, dass der Gewichtsunterschied zwischen uns zu groß ist, also trage ich stattdessen das Gewehr und die Stöcke. Die Stimmung draußen hat sich wieder verändert, der Himmel ist dunkler geworden, die Gräser ducken sich im Wind und das Bächlein wirbelt und strudelt.
Ich bemerke, dass ich mein Fernglas vergessen habe, und laufe über den rauen Grund bis zu der Stelle zurück, an der der Hirsch erschossen wurde – mein Hirsch. Der Boden ist blutbesudelt. Plötzlich bin ich allein. Ich spüre, wie die andere Louise, die Person, die den Abzug gedrückt hat, die alles unter Kontrolle hatte, sich zurückzieht. Meine Fantasie kehrt wieder, und ich lasse es zu. Ich spüre, dass die Natur wütend auf mich ist, sie knurrt und peitscht meine Wangen mit Regen. Und doch habe ich keine Angst. Ich stemme meine Füße in die Erde, spüre den Widerhall der Welt in meinen Knochen. Ich kann dagegenhalten. Mit federnden Schritten laufe ich über die Heide, den Hügel wieder hinab, das Gewehr schlägt mir hart gegen den Rücken. Ich bin auch hier, ich existiere, so wie die Felsen, die Heide und das Gras, die Hirsche und die Berge.
Dan und mein Vater stolpern inzwischen Cadha Leum-Dharaich herunter, den „Sprung der Eiche“. Gesprungen wird hier viel. Dan berichtet, dass er bereits einige „doppelte Saltos mit halber Drehung“ vollführt hat. Der Hirsch ist so schwer, dass eher er die Männer den Berg herunterzerrt als umgekehrt. Ich folge ihnen, springe und stolpere selbst über Löcher und Spalten. Und achte wieder auf Blumen. Orchideen, Braunellen, Läusekräuter, Moorlilien. Langsam komme ich wieder zu mir. Mein Talisman ist zerbröckelt, wahrscheinlich beim Anschleichen, die Überreste mischen sich in meiner Tasche mit Sandwichkrümeln und Frischhaltefolie. Am Fuß des Berges verfrachten wir den Hirsch ins Boot. Seine Zunge hängt heraus, sie ist grau, seine Augen haben einen grünen, glasigen Schimmer. Mein Vater wirft den Motor an, und wir gleiten nach Hause; die Oberfläche des Sees ist schwarz, das Wasser tief.
Als wir zurückkommen, wird es dunkel. Mein Vater macht ein seltenes Eingeständnis: Er ist müde. Dan und ich setzen ihn vor dem Haus ab, bevor wir den Hirsch zur Wildkammer bringen. Ich sehe meinen Vater die Straße hinunterlaufen, ein wenig nach vorn gebeugt, die Hände ineinandergelegt, so wie mein Großvater. Er geht nicht gleich hinein, er geht noch Holz für das Feuer sammeln.

*

Die Wildkammer gehört dem National Trust for Scotland. Äußerlich besteht sie aus dem gleichen weiß getünchten Stein wie das Häuschen daneben, aber innen ist der Boden gummiert, wie in einem Schlachthof. Es gibt einen Haken, um das Tier aufzuhängen, und im hinteren Teil einen Kühlraum zur Lagerung des Schlachtkörpers. Wir befestigen den Hirsch am Haken und fangen an, ihn zu häuten. Mir fällt eine Szene in Game of Thrones ein, in der Charles Dance in der Rolle des patriarchalen Kriegsherren einen Hirsch zerlegt*. Für mich war es entsetzlich, ihm dabei zuzusehen: „Aber so häutet man keinen Hirsch!“
„Sei still, Louise, darauf kommt es doch gar nicht an.“
„Aber er macht das völlig verkehrt!“
Charles Dance hackt und sägt vor sich hin, es geht ihm darum, seine Rede über die anstehenden Morde und Vergewaltigungen dramatisch zu untermalen, und nicht darum, dem Tier das Fell abzuziehen. Was für eine Verschwendung! Tatsächlich ist es eine Kunst, einen Hirsch zu häuten. Man fängt bei den Hinterbeinen an und schneidet um den Knochen herum wie um einen Flaschenhals. Dann macht man einen Schnitt bis zur Leistengegend und zieht das Fell nach unten ab. Ein paar Längsschnitte in die Faszien, das weiße Gewebe, das Muskeln und Haut wie Klebstoff zusammenhält, genügen, damit die Haut sich aufklappen lässt. Man darf nie direkt ins Fleisch schneiden. Die Haut sollte relativ leicht zu lösen sein, übrig bleibt nur festes rosa Muskelfleisch und natürlich das Fell, das in Falten auf dem Boden liegt.
Wir erledigen das Wesentliche und heben den Rest für später auf. Ich nehme die Nieren fürs Frühstück mit sowie Herz und Leber, die mit Kräutern aus der Region zubereitet werden sollen: Bergthymian und Wacholder. Nebenan steht ein Tablett mit den Kieferknochen anderer Hirsche, die kürzlich erlegt wurden. An ihnen kann man das Alter und die Gesundheit der Tiere ablesen, was bei der Überwachung des Bestandes hilft. Seamus MacNally, der Aufseher des National Trust for Scotland, kommt vorbei, um die Zähne zu untersuchen und zu schauen, wie wir vorankommen. Mein Hirsch war noch jung, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Seamus erzählt mir, dass deutsche Jäger den erlegten Tieren gern ein bisschen Heidekraut zwischen die Zähne stecken, wie zum Trost oder als ob sie ihnen etwas für die Reise ins Jenseits mitgeben wollten. Ich frage mich, ob ich das auch hätte tun sollen. Geändert hätte es allerdings nichts.

*

Als ich aus dem Norden zurückkomme, tragen die Vogelbeerbäume in meiner Straße gerade Früchte. Die Zweige hängen schwer herunter, und die Beeren scheinen mit einer gewissen Erleichterung in meinen Korb zu fallen. Sie haben das Rot von sauerstoffreichem Blut, von „Farbe“. Ich bleibe bis 1 Uhr nachts wach, um die Beeren wie eine Besessene zu Vogelbeerkonfitüre einzukochen. Sie schäumen im Kochtopf. Es riecht nach nassem Herbstlaub. Obwohl ich müde bin, arbeite ich weiter, rühre stetig in den großen Töpfen. Ich seihe den prächtigen rötlichen Saft durch ein Tuch und verwandele meine Küche in eine tropfende, leckende Fabrik. Am nächsten Morgen löffele ich die Flüssigkeit in Einmachgläser und stelle sie auf die Fensterbank. Sie sehen wie Herbstjuwelen aus.
Über die nächsten Monate hinweg serviere ich die Vogelbeerkonfitüre zu geschmortem Hirsch, zu Hirschpastete, zu Hirschherz-Eintopf, zu Hirschwürsten, Hirschburgern, Hirsch-Chili und Hirschsteak. Meine Freunde lagern Teile des Hirsches in ihren Tiefkühltruhen, und so bringt er uns durch den langen Winter. Das Wildbret hat ein kräftiges Aroma; ich esse es nicht öfter als ein- oder zweimal pro Woche. Ich nehme mir Zeit, es zuzubereiten. Jedes Mal, wenn ich davon esse, denke ich an den Berg und an meinen Hirsch und an all die Jäger, die Pirsch gegangen sind.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.
Zu den mit einem oder mehreren * gekennzeichneten Textstellen bitte unten schauen.

richtig tiere essen louise gray

Titel: Richtig Tiere essen?! Wie ich ein Jahr lang nur Fleisch von Tieren aß, die ich selbst tötete

Autor: Louise Gray

Verlag: Edel Germany

ISBN: 978-3841905062

Verlagslink: https://www.edel.com/de/label-verlage/buch/edel-books/

Übersetzung: Hanna Lemke 

Website der Autorin: http://www.louisebgray.com/

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Wie oben erwähnt stammt das Titelbild aus einem Jagdbuch. Beiträge aus diesem Titel werden gerade vorbereitet.

1579_Schalenwild_25021616.indd

Titel: Schalenwild artgerecht bejagen – Zum Schutz von Wald & Flur

Autor: Hans Dieter Willkomm

Verlag: BLV Buchverlag

Foto der Hirsche: © Welke/BLV Buchverlag

ISBN: 978-3-8354-1579-9

Verlagslink: https://www.blvverlag.de/hans-dieter-willkomm/schalenwild-artgerecht-bejagen.html

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Hier alle Links zu den beiden mit einem * gekennzeichneten Textpassagen:

* Erste Leseprobe aus dem Buch:https://krautjunker.com/2017/04/23/roadkill-sammler/

*Meines Wissens nicht richtig. Wieso Riesenhirsche ausgestorben sind, weiß man nicht genau und auch die heutigen Rothirsche ursprünglich Bewohner offener und halboffener Landschaften. In die Wälder sind sie erst durch die Bejagung mit Feuerwaffen eingedrungen:https://de.wikipedia.org/wiki/Megaloceros & https://de.wikipedia.org/wiki/Rothirsch

Ben Damph: http://www.bendamph.com/

Highland Game: https://www.highlandgame.com/

*José Ortega y Gassets Meditationen über die Jagd: https://krautjunker.com/2016/06/14/meditationen-ueber-die-jagd/comment-page-1/

*Ein Festessen in der Fantasy-Welt von Game of Thrones: https://krautjunker.com/2016/12/23/gebratener-auerochse-a-la-winterfell/

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