Lockjagd auf den Kurvenurhahn

von Siegfried Erker

Noch vor vier Jahrzehnten gab es in meiner Heimat, der Steiermark, wesentlich mehr Auerwildvorkommen als heute. Für mich war es schon als Kind immer ein spannendes Erlebnis, mit dem Vater bzw. Großvater auf den Hahn zu gehen. Die beiden zeigten mir alle Tricks, wie man z. B. nahe genug an den Hahn herankommt, wie man den Urhahn bzw. die Henne imitiert usw. Auch beim Ansprechen hinsichtlich des Alters hatte ich meine beiden Lehrmeister. Heute profitiere ich noch von dieser Zeit. Nach einer Bestandserhebung Ende März bekam ich Mitte der neunziger Jahre in meinem gepachteten Revier am Kienberg einen Großen Hahn zum Abschuss frei. Während der Bestandserhebung gab es frühlingshafte Temperaturen, aber je näher die Schusszeit herankam, desto schlechter wurde das Wetter wieder. Gegen Ende April lag am Berg daher noch gut ein halber Meter Schnee. Zwei Tage vor der Schusszeit stiegen die Temperaturen ein wenig ins Plus und dadurch wurde auch der Schnee weicher. Die Nacht verbrachte ich auf der Jagdhütte und zeitlich in der Früh, noch bei völliger Dunkelheit, stieg ich um 2.30 Uhr bergwärts. Der Aufstieg war kräfteraubend, denn obwohl der Schnee aufgrund seiner weichen Konsistenz ideal zum Pirschen war, drückte ich bei jedem Schritt meine Bergschuhe bis zu 20 cm in den Schnee. Schritt für Schritt bewegte ich mich nach oben, genoss die Stille und saugte die frische, reine Luft in meine Lungenflügel. Bei jeder Rast, und es gab einige davon, drehte ich mich Richtung Tal und beobachtete das Lichtermeer der Straßenbeleuchtungen. Nachdem ich bereits eine Stunde unterwegs war,  wurde das Gelände kurzfristig steiler und ich begann unter meinen Schuhen immer mehr Schnee zu verspüren und sank bei jedem Schritt noch tiefer ein. Dass noch so viel Schnee am Berg war, damit hatte ich nicht gerechnet. Ans Umkehren verschwendete ich dennoch keinen Gedanken, denn ich wollte den Hauptschlag eines Urhahnes hören, und wenn er passte, ihn auch mit ins Tal nehmen. Nach einem anstrengenden Aufstieg erreichte ich endlich den im Revier am höchsten angelegten Forstweg und pirschte ihn vorsichtig entlang.

7 Auerwild

Immer wieder machte ich Halt, um in die Dunkelheit zu horchen.

Mit meinem Fernglas suchte ich die umliegenden Lärchen nach Hennen oder gar einem Hahn ab. Unter keinen Umständen wollte ich das Auerwild, wenn überhaupt anwesend, zum Abreiten bewegen und agierte entsprechend vorsichtig. Obwohl mir bekannt war, auf welcher alleinstehenden Lärche die Hähne sich am liebsten niederließen, suchte ich dennoch alle Lärchen ab, an denen ich vorbeikam, denn die Vögel könnten ja auch einmal auf einem anderen Baum eingefallen sein.

9 Auerwild

Bereits über Jahre meldete auf der alten Kurvenlärche – oberhalb des Forstweges – ein dominanter alter Hahn, der Kurvenhahn, wie ich ihn nannte, und genau auf den hatte ich es abgesehen, obwohl ich auch noch zwei weitere schussbare Hähne, gute 100 Höhenmeter weiter oben, kannte. Die Kurvenlärche konnte ich noch nicht sehen, obwohl ich nur mehr ca. 50 Meter von ihr entfernt war. Da blieb ich stehen und wartete, bis der erste Hahn ein Lebenszeichen zeigte. Endlich war es so weit, der erste Hahn gab weit oberhalb von mir sein erstes „Gsetzl“ zum Besten und etwas näher meldeten sich auch zwei weitere Hähne, auf der Kurvenlärche blieb es jedoch still. Die Baumkonturen, die gegen den Himmel zeigten, wurden zunehmend deutlicher sichtbar. Endlich konnte ich das erste Knappen, Trillern, Hauptschlag und Schleifen des Kurvenhahnes vernehmen. Auch einige Hennen waren in der Zwischenzeit in der Ferne zu hören. Ich war sehr vorsichtig unterwegs und nutzte jede Chance, um mich anzunähern. Obwohl ich einige Male Gäste angeführt und zu Schuss gebracht hatte, war es diesmal doch etwas ganz anderes, denn ich hatte selbst den Hahn frei! Mir war bewusst, dass ich noch gute 20 Meter weiter an den Hahn heranmusste, um eine gute Sicht auf die Lärche zu bekommen. Bereits bei der Hahnenzählung hatte ich mir eine kleine Fichte neben dem Forstweg ausgemacht, bei der ich Deckung finden würde, und bis zu der musste ich mich nun vorarbeiten.

5 Auerwild

Der Hahn gab eine Balzstrophe um die andere zum Besten, und wenn er schleifte, machte ich zwei bis drei Schritte, je nach Situation, bis ich gedeckt hinter der kleinen Fichte war. Es hatte alles bestens geklappt, nur war der Urhahn an diesem Morgen nicht auf der alten Lärche, sondern auf einer sehr alten Fichte in unmittelbarer Nähe der Kurvenlärche. Schemenhaft konnte ich den Hahn auf einem starken Ast ausfindig machen, jedoch war er von viel Reisig teilweise abgedeckt. Ein Schuss wäre viel zu riskant gewesen und so beschloss ich, mich ins Balzgeschehen – wie ich es von meinen Lehrmeistern gelernt hatte – einzubringen. In der Zwischenzeit war die Nacht dem Tag gewichen, und auch die übrigen Sänger des Waldes – Drosseln, Finken, Meisen, Tannenhäher – waren  munter und sangen sich ein. Mit dem Mund imitierte ich zwischen den Pausenzeiten der Balzstrophen des Hahnes eine Henne mit dem „Goag, goag, goag“, um den Hahn zum Umstellen zu bewegen und dadurch eine bessere Schussmöglichkeit zu haben. Ein Hahn, besonders ein alter, ist misstrauisch und man sollte es mit dem Imitieren von Stimmen nicht übertreiben, denn oft ist weniger mehr. Der Hahn nahm jedoch keine Notiz von meinem Gackern und so versuchte ich es ein weiteres Mal mit einem „Goag, goag, goag“. Auch diesmal konnte ich keine Reaktion des Hahnes verzeichnen.

6 Auerwild

Meine Lehrmeister sagten immer: „Wenn das Gackern einer Henne nichts hilft, dann muss man einen eindringenden Hahn zum Besten geben!“

Dies ist jedoch nicht so einfach, wie es klingt, denn man stellt dabei eine ganze Balzstrophe nach. Die alte Hahnbockbüchsflinte meines Großvaters im Kaliber 16/70 mit der Kugel 5,6x50R Mag. hatte ich dabei, denn ich wollte unbedingt mit dieser Waffe den Hahn erlegen. Ich war mit meiner Balzstrophe gerade beim Schleifen angelangt, da hörte ich den schweren Flügelschlag des Hahnes, der sich von der Fichte auf die Lärche überstellte. Oft geht es wirklich blöd zu, denn der Hahn nahm auf einem Ast hinter dem starken Lärchenstamm Platz und meldete kurz darauf wieder. Aus meiner Position hatte ich keine Chance zu einer Schussabgabe und ich musste mir etwas Neues einfallen lassen. Das Imitieren eines Kampflautes, vom hinteren Kehlkopf heraus, war noch ausständig. Aber das beherrschte ich nicht so gut, und da ich kein Risiko eingehen wollte, ließ ich das Nachstellen bleiben. Ich entschloss mich dazu, das Gackern der Hennen erneut zu imitieren, und im Nachhinein betrachtet, war dies die richtige Entscheidung. Schweren Flügelschlag hörte ich und der Hahn landete frei und mitten im Forstweg auf 25 Meter vor mir im Schnee. Noch bevor ich im Anschlag war, raste er mit ausgebreitetem Gefieder tanzend herum, flatterte zwischendurch immer wieder hoch und gab eine Balzstrophe um die andere von sich. Auch zwei Hennen landeten kurz darauf in seiner Nähe. Plötzlich fiel auch noch ein weiterer Hahn keine 20 Meter hinter dem alten Urhahn ein. Bei genauer Betrachtung stellte ich fest, dass auch er schon in die Jahre gekommen war. Ich war mit meiner Altersbestimmung noch nicht fertig, da gerieten sich die beiden bereits in die Federn. Heftig war dieser Kampf und man konnte glauben, es gehe dabei um Leben oder Tod. Beide mussten einige Federn im Schnee zurücklassen, der Kurvenhahn war jedoch dem Eindringling – aufgrund des Alters – unterlegen und flüchtete an mir vorbei. Ein beeindruckendes morgendliches Naturschauspiel wurde mir da geboten. Leicht gezeichnet legte der alte Hahn auf einem Stock kaum 20 Meter vor mir eine Pause ein und ich nutzte die Gelegenheit. Die 4-mm-Schrote legten den Urhahn in den Schnee und ich brauchte nicht einmal mehr meinen Wetterfleck, den man nach dem Schuss über den Hahn legt, um sicher zu gehen, dass er nicht mehr abreiten kann. Den Schuss hatte der neue Platzhahn ignoriert, womöglich war er gerade beim Schleifen, denn er gab unbeeindruckt eine Balzstrophe um die andere zum Besten, während der Kurvenhahn verendet im Schnee lag. Ein anderer Hahn hatte nun dieses Gebiet eingenommen. Ich gab dem erlegten Urhahn seinen letzten Bissen und mir den Beutebruch und stapfte nach diesem eindrucksvollen Hahnenerlebnis – mit dem Kurvenhahn am Rucksack – wieder den Weg zurück, den ich gekommen war.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Im Buch „Locken!“ heißt der Text nur „Kurvenurhahn!“.
Da es in dem Jagdbuch ausschließlich um die Lockjagd geht, erlaubte ich mir, den Titel abzuändern, um Lesern des Blogs den Inhalt zu verdeutlichen.

 

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Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Locken

Titel: Locken!

Autor: Siegfried Erker

Verlag: Neumann Neudamm

ISBN: 978-3-7888-1880-6

Verlagslink zum Buch: https://www.jana-jagd.de/buecherfilme/jagdbuecher/jagdpraxis/lock-und-fangjagd/9280/siegfried-erker-locken

Verlagslink zum Autor: https://www.neumann-neudamm.com/erker/

Fotografen der Bilder nach Chronologie: Erich Marek, Erich Marek, Hubertus Karner, Erich Marek,

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Bereits veröffentlichte Leseproben aus dem Buch Locken!

https://krautjunker.com/2018/02/28/mondnacht-locksauen/

https://krautjunker.com/2017/11/18/grunzjagd-ausserhalb-der-rauschzeit/

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