Athena: Auf der Suche nach dem Verstand der Weichtiere

Bei dem Verfassen des ersten Blogbeitrages am 13. Juni 2016 über Helen Mcdonalds Buch „H wie Habicht“ (siehe: https://krautjunker.com/2016/06/13/h-wie-habicht-helen-mcdonald/) stieß ich auf das Genre „New Nature Writing“. „Leviathan oder Der Wal“ (siehe: https://krautjunker.com/2016/09/14/leviathan-oder-der-wal-auf-der-suche-nach-dem-mythischen-tier-der-tiefe/) ist auch so ein Fall. Es dreht sich bei dieser Literaturgattung um ein Entdecken der wilden Natur aus der Sicht eines Stadtmenschen, also eines Theoretikers.
Ausdrücklich nicht verfasst aus der Sicht eines Försters, Fischers oder Bauern, also eines Praktikers. Dies aus dem kühlen Grunde, da für ihn die Natur oft schon aus Familientradition kein Gegenstand der Verehrung, sondern eine pragmatisch zu bearbeitende Nutzfläche ist. Kein reines Sachbuch, sondern eine Collage aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, biographischen Reflexionen, emotionalen Erlebnissen und poetischen Naturbeschreibungen.
Wobei das Thema eigentlich gar nicht so neu ist, mir fällt hier auch „Die dritte Jagd- Betrachtungen eines Pilzjägers“ (siehe: https://krautjunker.com/2017/10/02/die-dritte-jagd-betrachtungen-eines-pilzjaegers/) aus den fünfziger Jahren in der Sowjetunion ein. Ein Buch geschrieben von einem Intellektuellen, welcher der bedrohlichen Allmacht des totalitären Sozialismus aufs Land auswich.
Da wir alle von Vorfahren abstammen, die ursprünglich keine Tabellenwerke auswerteten, sondern am Lagerfeuer Geschichten lauschten, lernen wir auch die harten Fakten viel komfortabler, sofern sie in bilderreiche Erzählungen eingebettet sind.
Nicht zum ersten Mal freue ich mich, einen schönen Text über Kraken zu veröffentlichen (siehe: https://krautjunker.com/2016/11/06/kuechenpraxis-der-kraken/ & https://krautjunker.com/2017/06/03/portugiesische-tintenfischsuppe-a-la-bourdain/). Tiere, die ich gleichermaßen clever, faszinierend und lecker finde, so pervers dies sensiblen Naturen erscheinen mag. Hier folgt nun eine Leseprobe aus dem fesselnden Buch „Rendezvous mit einem Oktopus“ des mareverlags. Weitere Informationen zum Buch finden sich, wie üblich, in den „Anmerkungen“ unter dem Text.

*

 

von Sy Montgomery

An einem dieser seltenen warmen Tage Mitte März, wenn der Schnee in New Hampshire zu schmelzen beginnt und in Matsch übergeht, fuhr ich nach Boston, wo die Menschen am Hafen entlangspazierten oder auf Bänken saßen und ihr Waffeleis schleckten. Ich aber tauschte die wohltuende Sonne gegen die feuchte, schummrige Atmosphäre der Auffangstation des New England Aquarium, denn dort war ich mit einem Pazifischen Riesenkraken verabredet.
Ich wusste nicht viel über den Oktopus im Allgemeinen – nicht einmal, dass der wissenschaftlich korrekte Plural von Oktopus nicht Octopi ist, wie ich immer angenommen hatte (die lateinische Pluralendung – i – lässt sich nicht auf Wörter anwenden, die aus dem Griechischen stammen). Doch das Wenige, das ich wusste, machte mich neugierig. Der Oktopus ist ein Tier, das über Gift verfügt wie eine Schlange, über einen Schnabel wie ein Papagei und über Tinte wie ein altmodischer Füllfederhalter. Er kann so viel wiegen wie ein Mensch, sich bis zur Größe eines Autos ausstrecken und dennoch seinen schlabberigen, knochenlosen Körper durch ein Loch mit dem Durchmesser einer Orange zwängen. Er kann Farbe und Form verändern. Er kann mit der Haut schmecken. Am meisten faszinierte mich jedoch, dass ich gelesen hatte, Kraken seien intelligent. Das bestätigten die dürftigen Erfahrungen, die ich schon gemacht hatte: Wie so viele Menschen, die Kraken in öffentlichen Aquarien besuchen, hatte ich oft das Gefühl, dass der Oktopus, den ich beobachtete, mich seinerseits ebenfalls beobachtete, und zwar mit genauso großem Interesse wie ich ihn.
Wie war das möglich? Es findet sich ja kaum ein Tier, das dem Menschen unähnlicher ist als ein Oktopus. Sein Körper ist nicht so aufgebaut wie unserer: Kopf, Rumpf und Glieder. Bei den Kraken ist die Reihenfolge anders: erst der Rumpf, dann der Kopf und die Glieder. Der Mund sitzt also in den Achselhöhlen – oder aber, wenn man die Arme lieber mit den unteren Extremitäten des Menschen vergleichen will, zwischen den Beinen. Sie atmen Wasser. Ihre Glieder sind übersät mit geschickt und fest zupackenden Saugnäpfen – eine Konstruktion, die bei Säugetieren nicht zu finden ist.
Nicht nur zählen die Oktopoden zu jener Gruppe von Lebewesen, die sich vornehmlich durch das Fehlen einer Wirbelsäule von den Lebewesen mit Wirbelsäule unterscheiden, als da sind Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische; innerhalb der Wirbellosen werden sie zu den Mollusken gezählt wie Schnecken, Nacktschnecken und Muscheln – Tiere, die nicht unbedingt für ihren Intellekt bekannt sind. Muscheln besitzen nicht einmal ein Gehirn.
Vor über 500 Millionen Jahren haben sich die Abstammungslinie der Oktopoden und die des Menschen voneinander getrennt. Würde es möglich sein, fragte ich mich, zu einem intelligenten Wesen auf der anderen Seite dieser Scheidelinie Kontakt aufzunehmen?
Oktopoden verkörpern das große Mysterium dieses Anderen. Sie wirken völlig fremdartig, und doch umfasst ihre Lebenswelt, das Meer, einen weit größeren Teil unseres Planeten als das Land (siebzig Prozent der gesamten Erdoberfläche und über neunzig Prozent des bewohnbaren Raumes). Die meisten Tierarten leben im Meer, und von ihnen zählen die meisten zu den Wirbellosen. Ich wollte einen Oktopus kennenlernen. Ich wollte so eine alternative Lebenswirklichkeit berühren. Ich wollte eine andere Art von Bewusstsein erkunden, wenn es das überhaupt gab. Wie fühlte es sich an, ein Oktopus zu sein? Lässt es sich vergleichen mit dem Gefühl, ein Mensch zu sein? Und lässt sich das überhaupt herausfinden? So kam es, dass ich mir wie der privilegierte Besucher einer anderen Welt vorkam, als der Pressesprecher des Aquariums mich in der Halle begrüßte und anbot, mich mit Athena, einem Tintenfischweibchen, bekannt zu machen. Doch was ich an diesem Tag wirklich zu entdecken begann, war mein eigener lieblichblauer Planet, eine Welt, so atemberaubend fremdartig, so erstaunlich und wundersam – ein Ort, an dem ich nach einem halben Jahrhundert meines Erdendaseins, und eines Großteils davon als Naturforscherin, nun endlich vollkommen heimisch werden sollte.

[…]

Athena ist etwa zweieinhalb Jahre alt und wiegt ungefähr zwanzig Kilo, erzählt Scott, als er den schweren Deckel von ihrem Bassin abnimmt. Ich steige die drei kurzen Stufen einer kleinen Trittleiter hinauf und beuge mich vor, um von oben in das Becken hineinzusehen. Sie ist ungefähr einen Meter fünfzig lang. Ihr Kopf – und damit meine ich sowohl den tatsächlichen Kopf als auch den Mantel, weil „wir“ Säugetiere dort automatisch den Kopf eines jeden Lebewesens vermuten – hat die Größe einer kleinen Wassermelone. „Oder zumindest einer Honigmelone“, sagt Scott. „Als sie zu uns kam, war ihr Kopf gerade einmal so groß wie eine Grapefruit.“ Der Pazifische Riesenkrake ist eines der am schnellsten wachsen den Tiere der Welt. Er schlüpft aus einem Ei von der Größe eines Reiskorns und kann binnen drei Jahren größer und schwerer werden als ein Mensch.
Als Scott mit dem Öffnen des Deckels fertig war, hatte sich Athena schon aus der hinteren Ecke ihres 2000-Liter-Tanks hervorgewagt, um uns zu erkunden. Während sie sich mit zwei ihrer Arme in der Ecke festklammert, entrollt sie die anderen und streckt sie, am ganzen Körper rot vor Aufregung, bis an die Oberfläche aus. Die weißen Saugnäpfe zeigen nach oben wie die Handfläche eines Menschen bei der Begrüßung.
„Darf ich sie anfassen?“, frage ich Scott.
„Ja klar“, sagt er. Ich nehme Uhr und Schal ab, krempele die Ärmel hoch und tauche beide Arme bis zum Ellenbogen in das schockierende acht Grad kalte Wasser.
Unter Dreh- und Wellenbewegungen sprudeln ihre gallertartigen Arme aus dem Wasser und greifen nach meinen. Im Nu sind meine beiden Hände und Unterarme umschlungen von Dutzenden weicher, mich abtastender Saugnäpfe.
Nicht jeder würde das mögen. Der Naturkundler und Forscher William Beebe empfand die Berührung eines Oktopus als widerlich. „Ich muss mich jedes Mal überwinden, ehe ich meine Hände dazu bekomme, ihre Pflicht zu tun und einen Fangarm zu ergreifen“, gab er zu. Victor Hugo malte sich ein solches Erlebnis als absoluten Horror aus, der in das sichere Verderben führe. „Dieser Albdruck ist über euch gekommen. Der Tiger kann euch lediglich verschlingen. Der Polyp aber, o Graus!, atmet euch ein. Er zieht euch an sich und in sich hinein, und gefesselt und festgeleimt, fühlt ihr euch langsam in diesen schrecklichen Sack ausgeleert, der ein Monstrum ist“, schrieb der Dichter in seinem Roman Die Arbeiter des Meeres. „Die Muskeln spannen sich, die Fibern dehnen sich, die Haut platzt unter dem ekelhaften Druck, das Blut spritzt empor und vermischt sich mit dem abscheulichen Saft der Molluske. Das Tier stürzt sich auf uns mit tausend abscheulichen Mäulern und vereinigt sich eng mit seinem Opfer, so dass beide ineinander aufgehen.“ Die Angst vor dem Kraken ist tief in der menschlichen Psyche verankert. „Kein anderes Tier ist beim Töten eines Menschen im Wasser grausamer“, schrieb Plinius der Ältere etwa 79 n. Chr. in seiner Naturalis historia, „denn er kämpft mit ihm, umschlingt ihn, verschlingt ihn mit den Saugnäpfen und reißt ihn in Stücke.“
Athenas Saugen ist sanft, aber nachdrücklich. Es fühlt sich an wie der Kuss eines Unbekannten. Mit Schwung schießt ihr melonengroßer Kopf an die Oberfläche und ihr linkes Auge – Kraken haben ein dominantes Auge, wie Menschen eine dominante Hand haben – dreht sich in der Augenhöhle, um meinen Blick zu erhaschen. Ihre schwarze Pupille ist ein dicker Strich auf einer perlmuttfarbenen Kugel. Ihr Ausdruck erinnert mich an die Augen von Hindugöttern und -göttinnen: Abgeklärt und allwissend blickt sie weise bis tief in die Urzeit zurück.
„Sie sieht dich direkt an“, sagt Scott.
Während ich ihrem funkelnden Blick standhalte, strecke ich instinktiv die Arme aus, um ihren Kopf zu berühren. „So geschmeidig wie Leder, hart wie Stahl, kalt wie die Nacht“, schrieb Victor Hugo über das Fleisch des Oktopus; zu meiner Überraschung ist ihr Kopf aber seidig und geschmeidig wie Vanillesoße. Ihre Haut ist weinrot und silbrig gesprenkelt wie der Nachthimmel über Blutroter See. Als ich sie mit den Fingerspitzen streichele, wird ihre Haut ganz weiß. Weiß ist die Farbe des entspannten Oktopus; beim Kuttelfisch, einem zehnarmigen Verwandten des Oktopus, werden die Weibchen weiß, wenn sie einem anderen Weibchen begegnen, mit dem sie nicht kämpfen und vor dem sie auch nicht fliehen müssen.
Es ist gut möglich, dass Athena sogar spürt, dass ich ein weibliches Wesen bin. Wie weibliche Menschen besitzen weibliche Kraken Östrogene, und deshalb könnte sie diese auch bei mir schmecken und erkennen. Oktopoden können mit ihrem gesamten Körper schmecken, aber am feinsten ausgebildet ist dieser Sinn in ihren Saugnäpfen. Athenas Umarmung ist außergewöhnlich intim. Gleichzeitig berührt und erschmeckt sie meine Haut und wohl auch die Muskulatur darunter, Knochen und Blut. Obwohl wir uns gerade erst kennengelernt haben, kennt Athena mich schon so genau wie kein anderes Lebewesen vor ihr.
Auch scheint sie genauso neugierig auf mich zu sein wie ich auf sie. Ganz langsam überträgt sie ihren Griff von den kleineren Näpfen am Ende ihrer Arme auf die größeren, kräftigeren in der Nähe ihres Kopfes. Inzwischen stehe ich vornübergebeugt auf dem kleinen Tritt und hänge in einem 90-Grad-Winkel über dem Becken wie ein aufgeklapptes Buch. Und ich merke, was geschieht: Ganz langsam zieht Athena mich in ihr Bassin.
Wie gerne würde ich ihr folgen, doch leider passe ich nicht hinein. Ihre Höhle, in die sie wie Wasser hineinfließen kann, liegt hinter einem Felsvorsprung, und dorthin schaffe ich es, in meiner Beweglichkeit durch Knochen und Gelenke eingeschränkt, nicht. Stehend würde mir das Wasser im Becken bis zur Brust reichen, aber so, wie sie gerade an mir zieht, würde ich kopfüber hineinfallen und sehr bald an die Grenzen meiner sauerstoffhungrigen Lungen gelangen. Ich frage Scott, ob ich versuchen solle, mich aus ihrem Griff zu befreien, und ganz vorsichtig zieht er uns auseinander. Beim Abziehen von meiner Haut machen die Saugnäpfe schmatzende Ploppgeräusche wie kleine Pömpel.

[…]

Nach unserer Umarmung glitt Athena in ihre Höhle zurück und ich wankte die drei Stufen des kleinen Tritts hinunter. Einen Augenblick stand ich da, mir war leicht schwindelig, und ich musste erst einmal tief durchatmen. Das einzige Wort, das ich herausbrachte, war „Wow“.
„Wie sie dir ihren Kopf darbot, war ungewöhnlich“, sagte Scott, „das hat mich überrascht.“ Und dann erzählte er mir, dass die beiden letzten Oktopoden, die hier lebten, Truman und vor ihm noch George, Besuchern ihre Arme, aber nie ihren Kopf entgegenstreckten.
In Anbetracht ihrer Persönlichkeit war Athenas Verhalten besonders erstaunlich. Truman und George waren ganz entspannte Tiere gewesen, aber Athena hatte sich ihren Namen, den der griechischen Göttin der Strategie und des Kampfes, redlich verdient. Sie war ein besonders streitsüchtiger Oktopus: sehr aktiv und immer geneigt, sich aufzuregen, was sie durch Rötung und Schwellung der Haut anzeigte.
Kraken sind große Individuen, was sich oft in den Namen niederschlägt, die ihre Pfleger ihnen geben. Im Seattle Aquarium hieß ein Pazifischer Riesenkrake Emily Dickinson. Der Krake war so scheu, dass er sich immer hinter der Kulisse seines Bassins verkroch; das Publikum bekam ihn fast nie zu sehen. Irgendwann wurde er im Puget Sound im Nordwesten der USA freigelassen, dort, wo er einst gefangen wurde. Ein anderes Tier im selben Aquarium hieß Leisure Suit Larry – der „Jogginghosen-Larry“: Sobald sich der Pfleger einen der tastenden Krakenarme vom Körper pellte, rückten zwei andere nach. Ein dritter Oktopus verdiente sich den Namen Lucretia McEvil – „Lucretia von Böse“ –, weil er ständig alle Dinge im Bassin zerlegte. Kraken spüren, dass Menschen auch Individuen sind. Sie mögen die einen, die anderen mögen sie nicht. Und sie verhalten sich anders, wenn sie jemanden kennen und ihm vertrauen. Obwohl leicht misstrauisch gegenüber Besuchern, pflegte George einen freundlich-entspannten Umgang mit seinem Pfleger, dem leitenden Aquaristen Bill Murphy. Ehe ich zu meinem Besuch aufbrach, hatte ich mir ein Video angesehen, das 2007 vom Aquarium auf YouTube (siehe: https://www.youtube.com/watch?v=_6DWQZkgiaU) eingestellt worden war und die beiden zeigte. George trieb an der Oberfläche seines Beckens. Behutsam tasteten seine Saugnäpfe Bill ab, während der hoch aufgeschossene Aquarist sich hinunterbeugte und den Kraken kraulte und streichelte. „Er ist inzwischen mein Freund geworden“, wandte sich Bill an den Kameramann und ließ seine Finger über Georges Kopf gleiten, „weil ich häufig mit ihm kommuniziert habe. Ich habe mich um ihn gekümmert und ihn jeden Tag besucht. Manche Leute finden Kraken ziemlich gruselig und schleimig“, sagte er, „aber mir gefällt das. Irgendwie sind sie wie Hunde. Ich streiche ihm über den Kopf oder kraule ihm die Stirn. Er liebt das.“
Ein Oktopus braucht nicht lange, um herauszufinden, wer seine Freunde sind. In einer Studie des Seattle Aquarium konfrontierte der Biologe Roland Anderson acht Pazifische Riesenkraken mit zwei ihnen unbekannten Männern, die beide die gleiche blaue Aquariumsuniform trugen. Einer der beiden fütterte einen bestimmten Oktopus regelmäßig, der andere kratzte ihn immer mit einem stacheligen Stock. Binnen einer Woche bewegten sich fast alle Kraken, sobald sie die Männer sahen, ohne sie je berührt oder geschmeckt zu haben, hin zu dem fütternden und weg von dem, der sie ärgerte. Es kam auch vor, dass der Oktopus seinen Wasser speienden Trichter an der Seite des Kopfes, Sipho oder auch Funnel genannt, mit dessen Ausstoß er sich durch das Wasser pflügt, auf die Person richtete, die ihn mit dem stacheligen Stock berührt hatte.
Gelegentlich entwickelt ein Oktopus auch ohne Grund eine Abneigung gegenüber einer bestimmten Person. Im Seattle Aquarium zum Beispiel wurde eine Biologin jedes Mal mit einem Schwall schmerzhaft kaltem Salzwasser aus der Trichterröhre empfangen, wenn sie abends nach einem sonst immer freundlichen Oktopus schaute. Der Krake spritzte sie nass, und zwar nur sie. Wilde Kraken nutzen ihre Trichterröhre nicht nur als Antrieb für die Fortbewegung, sondern auch, um Dinge loszuwerden, die sie nicht mehr benötigen – ganz so wie wir einen Laubbläser benutzen, um den Gehweg zu reinigen. Womöglich hatte die Lampe der Nachtschicht- Biologin den Oktopus irritiert. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin im New England Aquarium hat von Truman immer eine ähnliche Behandlung erfahren, der sie jedes Mal, wenn er sie sah, mit einem gewaltigen Schwall Salzwasser empfing und vollständig durchnässte. Später dann verließ die Ehrenamtliche das Aquarium und ging aufs College. Nach etlichen Monaten kehrte sie besuchsweise zurück. Und Truman, der zwischenzeitlich niemand anderen nass gespritzt hatte, beglückte sie augenblicklich wieder mit einer Dusche.
Die Vorstellung, dass Tintenfische Gedanken, Gefühle und eine Persönlichkeit haben, klingt für manchen Wissenschaftler oder Philosophen eher befremdlich. Aber selbst den Schimpansen, die mit dem Menschen so nah verwandt sind, dass sie uns ihr Blut spenden könnten, wurde von der Wissenschaft erst kürzlich bescheinigt, ein Lebewesen mit Verstand zu sein.
Der Gedanke, den der Philosoph René Descartes 1637 in die Welt setzte, dass nämlich nur der Mensch denkt (und folglich im Universum der Moral nur Menschen existieren – „Ich denke, also bin ich“), ist in der modernen Wissenschaft immer noch so weit verbreitet, dass sogar Jane Goodall, eine der weltweit anerkanntesten Wissenschaftlerinnen, sich davon einschüchtern ließ: Über zwanzig Jahre lang traute sie sich nicht, einige ihrer äußerst verblüffenden Beobachtungen an wild lebenden Schimpansen zu veröffentlichen. Bei ihren ausgedehnten Studien im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania beobachtete sie viele Male, wie wilde Schimpansen einander mit Absicht täuschten, indem sie zum Beispiel einen Freudenschrei unterdrückten, wenn sie etwas Essbares entdeckt hatten, damit andere nicht auch auf die Früchte aufmerksam wurden. Goodalls langes Zögern, darüber zu schreiben, rührte von ihrer Angst, andere Wissenschaftler könnten ihr vorwerfen, die Tiere zu vermenschlichen, „menschliche“ Empfindungen in ihre Studienobjekte hineinzuprojizieren, was in der Tierkunde als Todsünde gilt. Ich habe mit anderen Forschern in Gombe gesprochen, die ebenfalls einige ihrer Erkenntnisse aus den 1970er- Jahren bis heute nicht veröffentlicht haben, weil sie fürchten, ihre Kollegen würden ihnen kein Wort glauben.
„Immer wieder gibt es Bestrebungen, das Vorhandensein von Emotionen und Intelligenz bei anderen Arten kleinzureden«, sagte der Pressesprecher des New England Aquarium, Tony LaCasse, nachdem ich Athena kennengelernt hatte. „Bei Fischen und Wirbellosen sind die Vorurteile besonders groß«, stimmte Scott ihm zu. Wir gingen die Rampe hinauf, die sich spiralförmig um den Giant Ocean Tank rankt, der liebevoll GOT genannt wird. Die dreistöckige, 750 000 Liter fassende Nachbildung einer karibischen Riffgemeinschaft ist die Hauptattraktion des Aquariums. Haie, Rochen, Schildkröten und ganze Schwärme tropischer Fische schwammen wie Traumbilder vorbei, während wir ein wissenschaftliches Tabu brachen und uns über die Existenz eines Bewusstseins unterhielten, der von vielen geleugnet wird.
Scott erinnerte sich an einen Oktopus, dessen hinterlistige Missetaten es mit den raffinierten Täuschungen von Goodalls Affen aufnehmen konnten. »Ungefähr fünf Meter vom Oktopus-Becken entfernt befand sich ein Becken mit einer besonderen Flunderart«, erzählte er. Diese Fische waren Teil einer Studie. Doch zum Schrecken des Wissenschaftlers verschwanden die Fische einer nach dem anderen, Stück für Stück. Eines Tages erwischten sie den Übeltäter – mit roten Armen. Der Oktopus war aus seinem Tank geglitten und hatte eine Flunder gefressen! Als sie dem Oktopus auf die Schliche gekommen waren, „schaute er schuldbewusst zur Seite und glitt fort“.

[…]

Wieder zu Hause, versuchte ich, meine Begegnung mit Athena noch einmal Revue passieren zu lassen. Das war nicht einfach. Sie war so vielseitig, sie war überall. Ich konnte meine Eindrücke kaum sortieren: der gallertartige Körper und die acht im Wasser schwebenden Gummiarme; die sich ständig verändernden Farben, ihre Form und ihre Textur. Einen Moment hellrot und voller Beulen, war sie kurz darauf wieder glatt und dunkelbraun oder weiß geädert. Einige Stellen ihres Körpers wechselten so schnell – in weniger als einer Sekunde – die Farbe, dass sie schon wieder eine andere Farbe angenommen hatten, ehe ich überhaupt dazu kam, die vorherige Farbe festzuhalten. Sie füllte meine Sinne auf, um es mit dem Songwriter John Denver zu sagen.
In ihrer Beweglichkeit nicht durch Gelenke eingeschränkt, waren ihre Arme fortwährend auf der Suche, bildeten Schlingen, streckten und reckten sich, rollten sich auf und wieder ein, und das in alle Richtungen gleichzeitig. Jeder Arm wirkte wie ein eigenständiges Wesen mit einem separat gesteuerten Bewusstsein. Und das kann man wörtlich nehmen. Drei Fünftel der Neuronen eines Oktopus sitzen in den Armen und nicht im Gehirn. Sollte einmal ein Arm vom Körper abgetrennt werden, kann er sich mehrere Stunden lang weiterhin bewegen, als wäre nichts geschehen. Man könnte meinen, der abgetrennte Arm würde immer noch jagen und vielleicht sogar Beute machen, um sie dann in eine Mundöffnung zu befördern, die dummerweise nicht mehr mit dem Arm verbunden ist.
Schon ein einziger von Athenas Saugnäpfen reichte aus, um meine ganze Aufmerksamkeit zu fesseln – und sie hatte 1600 davon. Jeder einzelne war ein Multitasking-Talent und konnte saugen, schmecken, zupacken, festhalten, zupfen und wieder loslassen. Jeder Arm des Pazifischen Riesenkraken hat zwei Reihen mit Saugnäpfen, die kleinsten sitzen an den Spitzen, die größten (mit einem Durchmesser von 7,5 Zentimetern bei einem großen männlichen Tier, bei Athena waren es etwa 2 Zentimeter) ungefähr auf einem Drittel der Armlänge, vom Mund aus gemessen. Jeder Saugnapf hat zwei Kammern. Die äußere ist wie eine breite Saugglocke geformt und besitzt Hunderte feiner, sternförmig von der Mitte zum Rand verlaufender Grate. Die innere Kammer ist ein kleines Loch in der Mitte des Napfes, das die Saugkraft erzeugt. Die gesamte Konstruktion ist so biegsam, dass sie sich an die Konturen jedweden Objekts anpassen kann, das der Saugnapf erfasst. Die Näpfe können sich auch zusammenziehen und mit ihren Lippen einen Pinzettengriff bilden, wie wir es mit Daumen und Zeigefinger können. Jeder einzelne wird von eigenen Nerven gesteuert, und der Oktopus kann sie individuell und unabhängig voneinander steuern. Alle Saugnäpfe sind erstaunlich stark. James Wood, verantwortlich für die schon lange bestehende Biologie-Webseite „The Cephalopod Page“, hat ausgerechnet, dass ein Saugnapf von etwa sechs Zentimetern Durchmesser fast sechzehn Kilogramm Gewicht anheben kann. Wenn alle Saugnäpfe diese Größe hätten, läge die gesamte Saugkraft eines Oktopus bei 25 000 Kilogramm. Ein anderer Wissenschaftler hat ausgerechnet, dass man die Zugkraft einer Vierteltonne benötigt, um den Griff des wesentlich kleineren Gewöhnlichen Kraken zu lösen. „Taucher“, sagte Wood, „sollten sehr vorsichtig sein.“ 

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Verlagsinformation über die Autorin:
Sy Montgomery
, 1958 geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete Naturforscherin, Drehbuchautorin und Verfasserin von über zwanzig Sachbüchern. Rendezvous mit einem Oktopus war ein New York Times-Bestseller und unter den Finalisten für den National Book Award 2015. Montgomery lebt in New Hampshire.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook

Sy Montgomery_Oktopus.indd

Titel: Rendezvous mit einem Oktopus

Autorin: Sy Montgomery

Übersetzung: Heide Sommer

Verlag: Mare Verlag

ISBN 978-3-86648-265-4

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Titelbild des Blogbeitrages: Photo by Masaaki Komori on Unsplash

Sehenswert: https://www.youtube.com/watch?v=_N2yDf7_1oc

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