Waffe und Kaliber des Rehwildjägers

am

von Forstdirektor a. D. Dr. Kurt Menzel

Waffe und Kaliber
Auf keinem jagdlichen Gebiet gehen die persönlichen Ansichten und der Geschmack des jeweiligen Jägers so weit auseinander und werden die Diskussionen darüber so emotional geführt wie bei der Wahl von Kaliber und Geschoss der Jagdwaffe. Ich werde es daher unterlassen, einem bestimmten Durchmesser oder einer bestimmten Patrone das Wort zu reden. Ein paar praktische Hinweise seien jedoch erlaubt. Wenn ich zunächst aus meiner eigenen Erfahrung und von meiner Ausrüstung berichte, kann man erkennen, wie weit gefächert das Problem der passenden Ausrüstung ist.

Ein Blick zurück
Als ich mit 21 Jahren meinen ersten Jagdschein erhielt (als Anwärter für den höheren Forstdienst bekam man diesen damals noch ohne Prüfung!), kaufte ich mir einen gebrauchten 98er Repetierer im Kaliber 8 x 57 IS, der aus einem alten Wehrmachts-MG-Lauf gefertigt war. Als Zielfernrohr kam dann einige Zeit später ein 4 x 36 der Firma Bender auf das Gewehr, nachdem ich die ersten Sauen und Rehe über Kimme und Korn geschossen hatte. Diese Waffe schoss vorzüglich, und ich habe Rehwild und auch Hochwild – selbst einen Gamsbock im Hochgebirge – damit geschossen.
Als ich dann als frei schaffender Forstassessor selbst ein kleines Rotwildrevier pachtete und viele Einladungen zu Treibjagden auf Sauen und Niederwild bekam, erwarb ich einen Drilling mit dem Kugelkaliber 7 x 6 5 R und schoss mit der 11,5 g schweren TIGKugel neben sämtlichem Rehwild auch starke Hirsche und Sauen damit. Als ich dann regelmäßig zur Gamsjagd nach Österreich eingeladen wurde, legte ich mir einen Mannlicher Stutzen im Kaliber 5,6 x 57 zu, den ich fortan führte, wenn es speziell auf Rehwild oder Gamswild ging. Da die Leistung des kleinen, nur 4,8 Gramm schweren Kegelspitz-Geschosses auf schweres Gamswild auf weite Entfernungen nicht überzeugend war und bei starkem Wind leicht abgetrieben wurde, kehrte ich wieder zu dem bewährten Kaliber 7 x 64 zurück, dieses Mal in Form eines Stutzens.
An diesem Gewehr habe ich immer meine Freude gehabt, denn es fiel mit einem Schuss daraus nicht nur das Reh, sondern auch manch alter Hirsch. Wenn heute gelegentlich die 7 x 64 in Schweißhundführerkreisen als das Kaliber bezeichnet wird, das die meisten Nachsuchen verursacht, so kann ich mir das nur damit erklären, dass die 7 x 64 vermutlich die meistgeführte Patrone ist und somit auch statistisch die meisten Nachsuchen hervorrufen wird.

Abb.: Ob bei der Rehwildjagd ein Repetierer oder eine Kipplaufwaffe geführt werden, ist in erster Linie Geschmackssache. Ersterer bietet wie immer den Vorteil des schnellen zweiten Schusses.

7 x 64 und 9,3 x 64
Bei der 7 x 64 ist es wie bei den anderen Patronen auch: Auf den Schützen kommt es an und damit auf den Sitz der Kugel und weniger auf Geschossart und -gewicht. Und doch rückte eines Tages die 7 x 64 ins zweite Glied meiner Waffen. Als der Sauer-90-Repetierer auf den Markt kam, war ich nach einigen Probeschüssen von der Waffe im Kaliber 6,5 x 68 so überzeugt, dass ich mir spontan eine Büchse mit ausgesuchter Schussleistung beschaffte. Nun konnte ich nicht nur im Hochgebirge auch einmal einen weiten Schuss riskieren – die Geschosswirkung war immer auch bei Weitschüssen hervorragend –, sondern auch im heimischen Revier überzeugte die Waffe auf alle Schalenwildarten.
Wie wohl jeder Jäger träumte auch ich davon, einmal einen starken Elch in Alaska zu erlegen, nachdem ich schon einige Stücke Elchwild in Norwegen und Schweden (mit der 8 x 57) geschossen hatte. Als es dann so weit war, den Traum wahr zu machen, ließ ich mir von einem Hamburger Büchsenmacher eine Repetierbüchse mit langem Lauf im Kaliber 9,3 x 64 anfertigen. Bei eisiger Kälte hatte ich dann mit dem 19 Gramm schweren TUG den erhofften Erfolg, auch wenn der schwere Schaufler drei Patronen brauchte, bis er schließlich zusammenbrach. Diese Waffe steht nun nach dem Alaskatrip bei mir nicht nutzlos im Waffenschrank herum, sondern ich führe sie oft, wenn ich zu Drückjagden auf Schwarz- und Rotwild in Wald revieren eingeladen werde, bei denen man nicht zu weit zu schießen braucht und tunlichst keine Nachsuchen produzieren möchte. Als ich kürzlich bei solch einer Gelegenheit eine alte, nicht führende Ricke schoss, war ich überrascht, dass das schwere Geschoss – es war kurz hinter dem Blatt in den Wildkörper eingedrungen – das Wildbret nicht mehr zerstört hatte als jedes andere Kaliber auch.
Damit möchte ich meinen kurzen Ausflug in die Geschichte meiner Jagdwaffen aber beenden. Man mag daraus erkennen, dass Rehwild mit einer ganzen Reihe von Waffen und Kalibern bejagt werden kann.

Abb.: Zu den vom DJV empfohlenen Rehwildkalibern zählt die .243 Winchester (l.). Wer mit gleicher Waffe auch anderes Schalenwild bejagen möchte, greift eher zu stärkeren Kalibern wie z. B. der .30-06 oder der 8 x 57 IS.

Das Einsatzspektrum entscheidet
Bei der Wahl des bestgeeigneten Gewehres wird es darauf ankommen, ob man in seinem Revier nur auf Rehwild jagt oder auch für die Jagd auf Rehwild stets eine spezielle Waffe benutzen möchte. Werden in einem Revier mehrere Schalenwildarten bejagt oder hat der Jäger einen weiten Aktionsradius, wird er möglichst eine universelle Waffe führen und sich dabei weniger am Rehwild als vielmehr an den stärkeren Wildarten orientieren. Da neben dem Rehwild heute in einer Vielzahl von Revieren auch Schwarzwild vorkommt, ist es sicher sinnvoll, eine für beide Wildarten gleichermaßen geeignete Waffe zu führen.

Rehwildspezialpatronen
Für die Jagd auf Rehwild schreibt das Jagdgesetz eine Mindestenergie von 1000 Joule auf einhundert Meter (E100) vor. Vom Deutschen Jagdverband werden als Rehwildpatronen folgende Kaliber empfohlen: .222 Remington, .223 Rem., 56 x 52 R, 5,6 x 57, 5,6 x 57 R und .243 Winchester.
Ich persönlich würde mir heute als spezielle Rehwildbüchse eine Kipplaufwaffe im Kaliber 5,6 x 50 R Magnum bzw. 5,6 x 52 R Savage oder einen Repetierer im Kaliber 5,6 x 57 zulegen. Aus diesen Waffen kann eine rasante Kugel mit relativ geringer Wildbret zerstörung auch auf größere Entfernungen – also gelegentlich auch auf 200 Meter – geschossen werden.

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Verlagsinformation über den Autor:

Forstdirektor a. D. Dr. Kurt Menzel wuchs in einem Forsthaus im ehemaligen Osten Deutschlands auf. Seit den Kindertagen mit Wild, Wald und Jagd eng verbunden, studierte er Forstwissenschaften an der Georg-August-Universität in Göttingen und promovierte später am dortigen Institut für Jagdkunde bei Professor Nüßlein, dem heute noch unvergessenen „Nestor“ der deutschen Jagdwissenschaft. 
Einige Jahre war Dr. Kurt Menzel freiberuflich forstlich tätig, bevor er in den Bundesforstdienst eintrat. Hier leitete er mehr als zwei Jahrzehnte das wegen seines Schalenwildreichtums legendäre Bundesforstamt Siebensteinhäuser in der Lüneburger Heide und erwarb sich große Verdienste um den Naturschutz, die Jagd und Hege des Wildes.
Dr. Kurt Menzel ist Autor des im Kosmos Verlag erschienenen Buches „Die Altersansprache beim Schalenwild“. Sein ebenfalls bei Kosmos erschienenes und in diesem Doppelband enthaltenes Werk „Hege und Bejagung des Rehwildes“ wählten die Leser der „Wild und Hund“, Europas größter Jagdfachzeitschrift, zum Jagdsachbuch des Jahres. Dr. Kurt Menzel war über viele Jahre ständiger Mitarbeiter der „Wild und Hund“ und hat sich durch zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge weit über die Grenzen der Heimat hinaus einen geachteten Ruf als Schalenwildexperte erworben.

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Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Jagdpraxis Reh- und Rotwild: Verhalten, Hege und Bejagung

Autor: Kurt Menzel

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

Verlagslink:https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/jagd/jagdpraxis-hege/9485/jagdpraxis-reh-und-rotwild

ISBN: 978-3440159118

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Deutsches Jagdlexikon zu Dr. Kurt Menzel: 
http://deutsches-jagd-lexikon.de/index.php?title=Menzel,_Kurt

Bereits veröffentlichte Leseprobe aus dem Buch:
https://krautjunker.com/2019/03/27/rehwild-fortpflanzung-und-bestandsdynamik/

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