Perfekt Pirschen – Saujagd im Feldrevier

Buchvorstellung von André Brüggemann und Christian Wittkopp

Floris Weber – er nennt sich selbst »Der eine Jaeger« – ist 1980er Jahrgang und hat mit 16 Jahren den Jugendjagdschein gemacht. Mittlerweile ist er Pächter eines Feldreviers im Lauenburgischen und berichtet auf Facebook und Youtube von seiner Passion, der Schwarzwildjagd.

In seinem Buch nimmt sich der Autor der Thematik der Schwarzwildbejagung im Feldrevier an. Drückjagden sind im Feldrevier mangels Wald natürlich nur in begrenztem Maß möglich. Die Bejagung von Schwarzwild an Kirrungen ist nicht automatisch von Erfolg gekrönt. Deswegen präsentiert der Autor die für ihn effektivste Weise der Schwarzwildbejagung: Die Pirsch zu nächtlicher Stunde.

134 Seiten zählt das vom Autor selbst verlegte, im Paperback-Stil gehaltene Buch im Format 21×21 cm, dessen Cover eine recht detailscharfe Wärmebildaufnahme einer Wildschweinfrontale zeigt. Trotz sorgsamen Umgangs löste sich leider recht schnell die Oberfolie des Covers ab, was nicht zu einem hochwertigen Eindruck führt.

Klappt man das Buch auf, mag man zunächst von dem sage und schreibe 55 Kapitel fassenden Inhaltsverzeichnis verblüfft sein.

Nein, die unendliche Geschichte ist es nicht. Vielmehr lassen Themen wie »Ansprechen von Sauen«, »Pirschtempo«, »Vorsicht Krellschuss« oder »Kleidung und Zubehör« keine Zweifel offen, dass es sich hier um praxisnahe Jagdliteratur rund um das Thema Aufspüren und Angehen von Sauen handelt.

Allerdings werden teilweise bis zu drei Kapitel auf einer Doppelseite behandelt. Da neben Tipps und Erläuterungen auch zahlreiche persönliche Erfahrungen und Eindrücke des Autors in die kurz gehaltenen Kapitel einfließen, haben diese nicht die wissenschaftliche Tiefe eines Fachbuches. Perfekt Pirschen erinnert damit eher an gut zu lesende, reich bebilderte Artikel einiger Jagdzeitschriften. 

Die sowohl aus dem Social-Media-Jargon als auch den Werbeauftritten einer schwedischen Möbelkette bekannte Du- Anrede ist dabei nur eines der Stilmittel, mit denen sich der Autor von herkömmlicher Jagdliteratur absetzt. Auch ansonsten geht er sprachlich andere Wege als klassische Autoren wie Happ oder Hespeler. Wer in Floris Webers Werk Waidmannsprache erwartet, sucht hier an vielen Stellen vergeblich. Statt zu Äsen kommt das Schwarzwild in den Fressmodus. Mit Anglizismen wie Spotten (also Abglasen), Kirrungs-Hopping (gemeint ist das Anpirschen mehrerer Kirrungen nacheinander) oder der Jagdstrategie Sit and Stalk (Kombination aus Ansitz und Pirsch) nutzt »Der eine Jaeger« statt traditioneller Waidmannssprache englische Begriffe, was an modernes Managervokabular erinnert.

Natürlich kann Floris Weber die Sprache aber nicht das Rad neu erfinden. Viele seiner Tipps und Hinweise hat man daher vielleicht schon mal an anderer Stelle gelesen, gehört oder gesehen, z.B.:

»Führt ein stärkeres Stück eine Rotte an, in der sich Frischlinge befinden, dann handelt es sich fast immer um die Leitbache«.

Oder »Die ersten Nächte nach der Ernte gehören definitiv zur besten Zeit des Jahres«.

Nicht oft genug lesen, sehen oder hören kann man allerdings Hinweise, die der Sicherheit und der tierschutzgerechten Jagdausübung dienen: »Der Schuss ins Pulk ist nicht zu verantworten. Schieße nur dann, wenn keine weiteren Sauen dabei gefährdet werden«.

Inhaltlich überrascht Floris Weber neben eher weit verbreiteten Bejagungsweisheiten mit Erkenntnissen, die er seinem Erfahrungsschatz verdankt, wie „Wärme und Nässe treiben Sauen im Winter in die Felder“. Allerdings sind nicht alle seiner Hinweise und Erkenntnisse ohne weiteres schlüssig. So wirkt die Erläuterung einer Rottenstruktur anhand einer Wärmebildaufnahme, welche dem flüchtigen Betrachter zunächst nur eine Schar schwarzer Punkte auf grau strukturiertem Grund offenbart, nicht nur didaktisch etwas ambitioniert.

Auch Aussagen zur Rehwildbejagung scheut der eine Jäger nicht: »Schwierig ist das Pirschen in Feldrevieren, in denen die Rehwildbestände extrem hochgezüchtet worden sind. […] Hier sollte man über eine gesunde Absenkung des Rehwildbestandes nachdenken, um etwas Raum für eine ungestörte Pirsch auf Sauen zu ermöglichen«.

Den Kapiteln zu Ausrüstungsgegenständen fehlt es etwas an Tiefe. Ein Vorstellen sowie Abwägen der Vor- und Nachteile verschiedener Gegenstände, Techniken, Materialien findet kaum statt, im Wesentlichen werden die vom Autor bevorzugt verwendeten Dinge kurz vorgestellt und empfohlen.

Diese Empfehlungen sind für den Leser nicht immer über jeden Zweifel erhaben. So heißt es bspw. im Kapitel zu Waffen: »Alte Hobel wie Opas Drilling haben aus meiner Sicht für die aktive Jagd keine Bedeutung. Sie sind zu schwer und unhandlich«. Floris Weber bevorzugt nach eigener Aussage einen Geradezugrepetierer aus Isny. Laut Herstellerangaben wiegt diese Waffe in der Standardausführung ca. 3,5 kg bei einer Länge von 105 cm (Gesamtlänge je nach Variante bis zu 112 cm). Vergleicht man dies mit einem über viele Jahrzehnte hergestellten Drilling wie z.B. dem Sauer & Sohn 3000, dann ist dieser eigentlich eher leichter und keinesfalls länger, also insgesamt führiger als der Repetierer.

Im Kern geht es in dem Buch allerdings auch nicht um die Biologie von Sauen, die Reviergestaltung oder einen Ausstattungsratgeber sondern – das Titelbild lässt es bereits vermuten – um die Bejagung von Sauen mit Hilfe von Wärmebildgeräten.

Wem also lange Ansitze an Schadflächen oder Kirrungen mit ungewissem Jagderfolg nicht effizient oder schier zu langweilig erscheinen, dem stellt der Autor in seinem Buch eine aktivere Form der Schwarzwildbejagung vor. Statt an einem Ort auf das Anwechseln der Schwarzen zu warten, nimmt Floris Weber die Geschicke nebst seines Wärmebildgerätes selbst in die Hand und spürt die Sauen da auf, wo sie gerade sind, um sie dann anzugehen und zu erlegen.

Nach einer kurzen Vorstellung der Pulsar Helion XQ 50 und der Liemke Keiler-35 Pro folgen zahlreiche Beispiel-Aufnahmen mit Erläuterungen.

Teilweise finden sich bis zu vier Bilder samt Erläuterungen pro Doppelseite. Für denjenigen, der sich erstmals dem Thema Wärmebildkamera widmet, sicherlich eine Hilfe. Diese Fotos stammen nahezu ausnahmslos vom Autor selbst. Wem ansonsten die Fotos in dem reich bebilderten Buch anderweitig bekannt vorkommen mögen: Durchaus denkbar, denn bei vielen handelt es sich nicht um eigene Aufnahmen des Autors die extra für sein Buch geschossen wurden, sondern um Stockfotos, also Fotos aus Bilddatenbanken wie Fotolia.

Unser persönliches Fazit: Trotz aller Faszination für das Schwarzwild und dessen Bejagung bleibt es bei der alten Weisheit „Es sind schon mehr Reviere leer gepirscht als leer geschossen worden“ – auch Wärmebildtechnik ändert nichts daran, dass störungsempfindliche Wild- und Tierarten entsprechend auf das Pirschen reagieren werden.

Wer mit dem Gedanken spielt, sich eine Wärmebildkamera für mehrere Tausend Euro zuzulegen (oder sie sich schon zugelegt hat), für den dürfte der Kaufpreis von 14,90 € kaum ins Gewicht fallen; der Leser gewinnt mit dem Buch einige Eindrücke über die Anwendungs- und Auswertungsmöglichkeiten seiner Kamera.

Für viele andere dürfte der Preis vermutlich auch nicht ins Gewicht fallen – allerdings würden wir jemandem, der sich keine Wärmebildkamera kaufen möchte, trotzdem nicht unbedingt zu dem Buch raten, denn im Grunde enthält es kaum Neues: Abseits der Anwendungsbeispiele einer Wärmebildkamera präsentiert Floris Weber lediglich bereits aus der Jägerausbildung, Fachbüchern/-zeitschriften oder Praxis hinlänglich bekannte Informationen. Bestenfalls Jungjäger dürften hier einen Erkenntnisgewinn haben, allerdings i.d.R. ohne tiefergehende Hintergrundinformationen zu erhalten.

*

KRAUTJUNKER-Rezensent André Brüggemann

André Brüggemann ist passionierter Jäger, Hundeführer und Jagdhornbläser sowie begeisterter Hobbykoch und Genießer. Aufgrund seiner Tätigkeit als Steuerberater in eigener Kanzlei bleibt ihm dazu allerdings weniger Zeit, als ihm lieb wäre.
https://www.sdb-hameln.de

KRAUTJUNKER-Rezensent Christian Wittkopp

Christian Wittkopp hat den Jagdschein „schon ewig“ und ist wie André Brügemann im Weserbergland Hundeführer und Jagdhornbläser. Er jagt in seinem eigenen Feldrevier ebenfalls mit einer Wärmebildkamera auf Schwarzwild.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Perfekt Pirschen – Saujagd im Feldrevier

Autor: Floris Weber – Der eine Jaeger

Verlag: Floris Weber UG

Verlagslink: https://dereinejaeger.de/perfektpirschen

ISBN: 9-783981-973617

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. andi sagt:

    schöne besprechung 🤓

    was das „leerpirschen“ angeht: ich glaube es nicht. vergrämen und heimlich machen, ja. aber vor allem im wald.
    im feld kennt das wild die störung.
    bei der gummipirsch bleiben die sauen einfach neben dem weg stehen, wenn man mit dem auto vorbeikommt…

    hinsichtlich der effizienz und nachhaltigkeit der bejagung der sauen im feld mit wbk durch nächtliches pirschen habe ich nun ein paar jahre die erfahrung gemacht: das „schadet“ dem wild deutlich weniger als das ständige hereintragen von witterung durch häufiges ansitzen im wald.

    in den typischen gemischten revieren (bebauungsrand, feld, hecke, wald) kann man sehr gut im feld auf befestigten wegen pirschen, ggf. auch gummipirschen.

    wenn dann sauen zu schaden gehen kann man die hervorragend angehen und beute machen. dabei habe ich es oft erlebt, dass die übrigen sauen auf den schuss mit dämpfer nicht weit geflüchtet sind oder gar in meine richtung geflüchtet sind.

    ja, das ganze ist auch sehr spannend, aber das ist ja nicht verboten 🤓

    obwohl in floris heft für mich keine neuen bahnbrechenden erkenntnisse zu finden waren sondern eher bestätigungen, fand ich es eine gute zusammenfassung einer sehr effektiven jagdmethode. also habe ich es gerne an jungjäger weiterempfohlen und auch an alte hasen, die die ewige kirrjagd leid waren…

    Liken

Schreibe eine Antwort zu andi Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s