von Michael v. Prollius
Was ein Garten über gute Ordnung, schlechte Planung und die Schönheit des Gewachsenen verrät
Nach längeren Tagen im Wald und an der Küste verändert sich der Blick auf die Stadt. Nachrichten, soziale Medien und all die kleinen Aufregungen des Alltags wirken plötzlich merkwürdig laut. Nicht unbedingt, weil ihre Inhalte unwichtiger geworden wären. Aber ihre Dringlichkeit hat sich relativiert.
Der Wald verlangt keine Aufmerksamkeit. Er sendet keine Push-Nachrichten, blinkt nicht, ruft nicht nach uns. Bäume wachsen, Wasser fließt, Pilze zersetzen Holz, Vögel suchen Nahrung. Eine Ordnung ist vorhanden, ohne dass irgendjemand sie ständig erklären oder durchsetzen müsste.
Vielleicht liegt darin eine der großen Wohltaten des Waldes: Er dämpft den Lärm.
Die Stadt als Dauerreiz
In der Stadt ist es umgekehrt. Verkehr, Werbung, Nachrichten, Sirenen, Baustellen und soziale Medien konkurrieren permanent um unsere Aufmerksamkeit. Selbst wenn es äußerlich ruhig ist, bleibt eine gewisse Grundspannung.
Das hat auch mit der Art zu tun, wie komplexe Systeme funktionieren.
Wo eine Ordnung trägt, muss wenig gesteuert werden. Wo sie brüchig wird, steigt der Aufwand, sie aufrechtzuerhalten. Dann entstehen immer neue Regeln, Warnungen, Eingriffe und Korrekturen. Der Lärm wird zum Symptom einer Ordnung, die sich selbst nicht mehr recht vertraut.
Auch Städte zeigen das.
Eine Stadt, die über Jahrhunderte gewachsen ist, besitzt etwas, das eine vollständig geplante Stadt kaum erreichen kann: Schichten. Altes steht neben Neuem, unterschiedliche Baustile, Nutzungen und Lebensformen überlagern sich. London, Paris oder Rom wirken gerade deshalb lebendig, weil keine einzelne Generation die gesamte Stadt nach ihrem eigenen Bild geformt hat.
Eine Stadt dagegen, die innerhalb weniger Jahrzehnte weitgehend aus einem einzigen planerischen und ästhetischen Guss entsteht, altert gemeinsam mit ihrem ursprünglichen Entwurf.
Das Problem ist also nicht Planung an sich. Es ist die Anmaßung des Wissens.
Der Planer weiß zu wenig
Friedrich August von Hayek hat mit diesem Begriff nicht gemeint, dass der Planer tatsächlich zu viel weiß. Ein Planer kann in seinem Fachgebiet über enormes Wissen verfügen. Er kann Gebäude entwerfen, Verkehrsströme berechnen, Flächen aufteilen und die technischen Voraussetzungen eines Projekts genau kennen.
Was ihm fehlt, ist das Wissen über all das, was jenseits seines Planungsraums geschieht – und vor allem darüber, wie Menschen in Zukunft handeln werden.
Diese Grenze ist prinzipiell.
Wer heute eine Stadt plant, kann unmöglich wissen, welche Bedürfnisse ihre Bewohner in dreißig Jahren haben werden, welche technischen Entwicklungen eintreten, welche Unternehmen entstehen, welche Berufe verschwinden oder welche Formen des Zusammenlebens sich entwickeln.
Noch entscheidender: Manche Informationen existieren heute überhaupt noch nicht. Sie entstehen erst dadurch, dass Menschen handeln, ausprobieren, sich anpassen und miteinander interagieren. Unternehmer entdecken neue Möglichkeiten, Bewohner verändern ihre Gewohnheiten, Technologien schaffen neue Bedürfnisse und neue Bedürfnisse wiederum neue Angebote.
Das für eine Gesellschaft relevante Wissen ist deshalb nicht an einer Stelle versammelt. Es ist über unzählige Menschen verteilt, oft nur als Erfahrung oder praktische Fähigkeit vorhanden und verändert sich ständig.
Die Anmaßung des Wissens besteht darin, so zu tun, als ließe sich dieses verstreute und teilweise erst künftig entstehende Wissen vorwegnehmen und in einen zentralen Plan übersetzen.
Wer eine komplexe Ordnung vollständig vorausplanen will, muss daher zwangsläufig mit Informationen arbeiten, die unvollständig sind – und mit einer Zukunft, deren entscheidende Informationen erst noch entstehen.
Der Gärtner weiß das
Vielleicht lässt sich der Unterschied zwischen guter und schlechter Planung deshalb mit zwei Figuren beschreiben: dem Planer und dem Gärtner.
Der Planer entwirft das fertige Bild.
Der Gärtner schafft die Bedingungen, unter denen etwas wachsen kann. Er bestimmt den Standort, bereitet den Boden, schneidet zurück, entfernt, was überwuchert, schützt junge Pflanzen und lässt zugleich Dinge geschehen, die er nicht vollständig vorhergesehen hat. Er greift ein – aber nicht, um alles selbst hervorzubringen.
Das Entscheidende ist: Der Gärtner weiß, dass die Pflanze mehr über ihr eigenes Wachstum „weiß“, als er jemals wissen kann. Er kann ihre Bedingungen beeinflussen, aber er kann nicht im Detail bestimmen, wie sie sich entwickelt. Das macht ihn nicht zum Gegner der Planung. Im Gegenteil. Ein guter Gärtner plant durchaus. Er entscheidet, wo ein Weg verläuft und welche Pflanzen er setzt. Aber er plant Rahmenbedingungen, nicht das gesamte Ergebnis.

Die Rahmenordnung
Vielleicht liegt darin auch ein Schlüssel für Städte und Gesellschaften. Eine gute Ordnung muss nicht jeden einzelnen Schritt vorgeben. Sie schafft einen verlässlichen Rahmen, innerhalb dessen Menschen selbst handeln, entdecken und sich an neue Bedingungen anpassen können.
Das ist der große Vorteil einer Rahmenordnung: Sie lässt Raum für Wissen, das heute noch gar nicht vorhanden ist.Eingriffe in solche gewachsenen Ordnungen sind dagegen riskant. Nicht unbedingt, weil jede Veränderung schlecht wäre, sondern weil derjenige, der eingreift, die Folgen seines Eingriffs niemals vollständig kennen kann.
Der Wald macht uns das täglich vor. Kein einzelner Baum kennt den gesamten Wald. Kein Pilz kennt den Baum. Kein Tier kennt das ganze Ökosystem. Und trotzdem entsteht daraus eine erstaunlich komplexe Ordnung.
Vielleicht brauchen deshalb auch Städte und Gesellschaften mehr vom Geist des Gärtners: weniger den Versuch, das Ergebnis bis ins Letzte festzulegen, und mehr Aufmerksamkeit für die Bedingungen, unter denen Menschen selbst Lösungen hervorbringen können.
Nicht jede Unordnung muss beseitigt werden. Nicht jedes Problem verlangt eine neue Vorschrift. Nicht jede Entwicklung braucht einen Masterplan.
Manchmal genügt ein guter Rahmen. Und dann sollte man den Dingen beim Wachsen zusehen.
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KRAUTJUNKER-Kommentar: Dieser Text ist eine gekürzte und bearbeitete Fassung des Essays Der Gärtner und der Planer, der am 23. August 2026 auf Michael von Prollius’ Blog Denken in Ordnungen veröffentlicht wurde.
Am 8. September 2023 erschien auf dem KRAUTJUNKER seine Buchvorstellung Vom Wald. Eine Philosophie der Freiheit.
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Michael v. Prollius

Dr. Michael v. Prollius ist ein Denker, der die Natur ebenso versteht wie die Architektur menschlicher Ordnungen. Dass ihm der Wald am Herzen liegt, ist kein Zufall: Als Sohn eines Forstdirektors wuchs er mit dem Blick für forstliche Kreisläufe auf. Seinen scharfen Blick für komplexe Systeme vertiefte er im Studium der Betriebswirtschaftslehre und Geschichte, gefolgt von einer Promotion über das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten. Er arbeitete als Unternehmensberater, wirtschaftspolitischer Referent und lehrte Wirtschaftsgeschichte an der FU Berlin.
Heute gilt er als einer der profiliertesten Köpfe des klassischen Liberalismus im deutschsprachigen Raum. Er lenkt als stellvertretender Vorsitzender die Geschicke des Stiftungsrats der Friedrich A. von Hayek-Stiftung, wirkt als Senior Experte beim Institut für Unternehmerische Freiheit und forscht für das Liberale Institut in Zürich. Zudem gründete er das Liberale Privatseminar und die Autorenplattform Forum Freie Gesellschaft.
Dr. von Prollius ist verheiratet und lebt in Berlin.
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