Köstliche Jahre: Eine Amerikanerin im Herzen Burgunds

Buchvorstellung

Manchmal schließt sich ein Kreis in der eigenen Lesebiografie. Vor zwei Jahren durfte ich an dieser Stelle noch gemeinsam mit dem viel zu früh verstorbenen Reiner Grundmann aus MFK Fishers Buch Austern zum Beispiel den Blogbeitrag Ein wollüstiger Bissen Nahrung: Oysters Rockefeller vorstellen. In dem von Sybil Gräfin Schönfeldt herausgegebenen Literarischen Küchenkalender 2026, stieß ich Ende Juni erneut auf Fisher – diesmal auf eine wunderbare Passage aus ihren burgundischen Erinnerungen Köstliche Jahre:
»Die schwerfällige, aber freundliche Kellnerin bediente mich mit der leicht beunruhigten Besorgtheit einer Krankenschwester, deren Patientin einen recht normalen Eindruck macht, aber dennoch merkwürdige Symptome aufweist: Wollte ich wirklich einen roten Meursault und nicht einen weißen? Und wollte ich wirklich ein ganzes Dutzend sowohl von den Austern als auch von den Schnecken, kein kleines, gegrilltes biftec, keinen Coq au Chambertin? Und hatte sie richtig gehört, dass ich den Zisterzienser meinte und nicht einen Camembert? Ja, ja, sagte ich … rot, ja, nein, ja, und ich aß und trank mit Vergnügen weiter.«

In diesem kurzen Moment im Wirtshaus spiegelt sich bereits die ganze Faszination wider, die Mary Frances Kennedy Fisher bis heute auslöst. Während man sie in den USA längst als literarisches Monument verehrt – John Updike taufte sie die „Poetin des Genüsse“, der New Yorker verglich sie mit Katharine Hepburn und W.H. Auden hielt ihre Prosa für die beste Amerikas –, ist sie im deutschsprachigen Raum noch immer eine Entdeckung.

MFK Fisher revolutionierte ab den späten 1930er-Jahren ein bis dahin starres Genre: die kulinarischen Memoiren. Ihre Texte tarnen sich oft als harmlose, autobiografische Anekdoten oder lockere Rezeptsammlungen. Doch unter dieser Oberfläche verbirgt sich eine radikale, fast avantgardistische Sinnlichkeit. Die wahre Qualität ihrer Prosa liegt in einer entwaffnenden, oft selbstironischen Intimität. Fisher philosophiert nicht steril über den guten Geschmack, sie macht ihn körperlich spürbar. Es geht um das Gefühl beim ersten Schlucken einer Auster, das plötzliche Heißlaufen der Ohrläppchen beim Verzehr eines perfekten Steaks und die fast heilige, regenerative Kraft von Zwiebeln, frischer Sahne, gutem Brot und dunkler Schokolade.

Sie begriff das Leben als ein Abenteuer, das man entweder ganz oder gar nicht wagt. Dieser Mut führte die damals 21jährige im Jahr 1929 nach Europa. Gemeinsam mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Al, den eine Dissertation antrieb, zog sie am Beginn der großen Weltwirtschaftskrise ins französische Dijon. Das junge Paar kam berauscht von der ersten großen Liebe an und bezog ein bescheidenes Quartier: Sie hausten zuerst in einer billigen Pension, aufgeteilt auf zwei winzige Zimmer mit scheußlichen Tapeten und einer durchgelegenen Matratze.

In Fishers Erinnerung verblasst dieses materielle Elend jedoch vor dem Zauber des Neubeginns. Abseits der Pariser Metropole, inmitten von Weinbergen und historischem Pflaster, fand sie das gastronomische Herz Frankreichs – und sich selbst. In der Provinz lernte sie, dass die französische Tischkultur kein steifes Ritual ist, sondern ein Synonym für Lebenskunst, Liebe und pure Lust. Es war die Epoche, in der sie lernte, den Wein zu verstehen, gut zu essen und schließlich in den eigenen vier Wänden selbst am Herd zu experimentieren. Burgund wurde für die junge Amerikanerin zum Katalysator einer inneren Metamorphose: In Dijon, so notierte sie später, lernte sie, endlich die Person zu sein, die sie sein wollte, statt fremde Erwartungen zu erfüllen.

Während dieses dreijährigen Aufenthalts saugte die Autorin das Wesen der burgundischen Alltagskultur regelrecht auf. Mit bemerkenswerter Klarheit porträtiert Fisher ihre exzentrischen Vermieterinnen, skizziert deren Haushalte und seziert ihre Kochgewohnheiten. Es ist ein impressionistischer Streifzug durch die Cafés und Restaurants der Stadt, vorbei an den Dozenten der Universität, deren Ehefrauen und dem internationalen studentischen Mikrokosmos. Ihre feinsinnigen Beobachtungen sind dabei weit mehr als bloße Nostalgie. Sie entführt den Leser in ein menschliches Provinztheater im Stile Balzacs. Es wimmelt von skurrilen Begegnungen, tragikkomischen Alltagsdramen und opulenten Festmehlen. Die Autorin besitzt die seltene Gabe, die Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit und Unzulänglichkeit zu porträtieren, ohne sie jemals ihrer Würde zu berauben.

Der Historiker Leopold von Ranke prägte 1854 den berühmten Satz: „Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst.“ Er mahnte damit, die Vergangenheit nicht hochmütig nach heutigen Maßstäben zu verurteilen, sondern sie aus ihren eigenen Bedingungen heraus zu verstehen. Dieses Diktum sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man als Leser von heute ein Jahrhundert zurückblickt und MFK Fishers Burgund betritt.

Fisher bewegt sich in einer Scharnierzeit: am Übergang von den goldenen Zwanzigerjahren in die krisengeprägten 1930er. Die schillernde, verunsichernde Moderne erfasste damals allmählich auch die konservative französische Provinz. Dijon war eine Kulisse aus verwinkelten, kopfsteingepflasterten Straßen, geprägt von Häusern, deren historischer Charme aus heutiger Sicht schlicht ärmlich und schmutzig gewirkt hätte. Ohne nennenswerten Autoverkehr spielte sich der Alltag entschleunigt ab – zu Fuß, auf dem Fahrrad oder in der elektrischen Straßenbahn.

Sozialhistorisch herrschte eine strenge Hierarchie. Das Bürgertum, die Professoren der traditionsreichen Universität und die alte Aristokratie bildeten ein skurril-konservatives, klatschbesessenes Geflecht. Man lebte in festen Blasen; kaum etwas blieb unentdeckt oder unkommentiert. Wer wie Fisher als US-Amerikanerin in diesen Mikrokosmos einbrach, wurde von den einheimischen Burgundern mit der Mischung aus Misstrauen und Fürsorge beäugt, welche wohlhabende, verbündete Barbaren verdienen.

In dieser Welt war das tägliche Ritual des ausgiebigen, gemeinsamen Essens und die tiefe Hingabe zum Wein weit mehr als bloßer Hedonismus. Es war eine Form der gesellschaftlichen Resilienz und Bewältigung. Man trotzte den ökonomischen und politischen Verwerfungen der Zeit mit den unumstößlichen, jahrhundertealten Konstanten bewährter Sitten. Dazu gehörte auch, dass Frauen zu einigen Weinkellern zu bestimmten Zeiten keinen Zutritt erhielten, da durch ihre Anwesenheit der Wein sauer wurde.

Weiterhin ist es bemerkenswert, wie unkritisch die Amerikanerin Burgunder, welche man aus heutiger Sicht der extremen Rechten oder Linken zuordnet, als große Köpfe erwähnte, während insbesondere deutsche Studenten durchgehend plump, unsympathisch und tückisch geschildert werden. Preußen bezeichnete sie im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 als Aggressoren, obwohl Napoleon III. den Krieg erklärte und Frankreich über Jahrhunderte zu den aggressivsten Großmächten Europas gehörte.

Unterm Strich ist Köstliche Jahre ein großer, erkenntnisreicher Streifzug durch eine Welt, die uns geografisch und zeitlich zwar nah ist, sich von unserer Gegenwart aber fundamental unterscheidet. Bei aller berechtigten Skepsis gegenüber den Eigenheiten dieser untergegangenen Burgunder darf man sich im Sinne Rankes selbst die Frage stellen: Was wohl hätten die vor hundert Jahren lebenden Burgunder von unserer heutigen Lebensart gehalten?

Für MFK Fisher war Kochen und Essen weit mehr als bloße Nahrungsaufnahme. Es war eine Form des Betens und des Liebens – und der Hunger stets auch der Ausdruck eines tiefen, emotionalen Bedürfnisses nach Nähe und Trost. Genau diese Haltung macht das Werk zu weit mehr als einer kulinarischen Rückschau: Es ist eine zeitlose, berührende Liebeserklärung an das Leben selbst.


*

MFK Fisher

Mary Frances Kennedy Fisher (* 3. Juli 1908 in Albion, Michigan; † 22. Juni 1991 in Glen Ellen, Kalifornien) war eine amerikanische Essayistin, die sich vor allem mit Themen rund um die Koch- und Tafelkunst auseinandersetzte. Fisher stand in der Tradition von Brillat-Savarin. Ihre 1949 erschienene Übersetzung seines Hauptwerks, Die Physiologie des Geschmacks, machte seine Arbeit in den USA und Kanada bekannt.
Anfang der-1930er Jahre lebte Fisher für drei Jahre in Frankreich, von dessen Lebens- und Esskultur sie entscheidend geprägt wurde. Nach ihrer Rückkehr in die USA begann sie Essays über die Kochkunst zu veröffentlichen. Ihr erstes Buch, Serve it Forth, unterschied sich so grundlegend von denen anderer weiblicher Autoren vor ihr, dass viele Kritiker annahmen, es sei von einem Mann geschrieben.
In den 1970er Jahren lebte Fisher in St. Helena (Kalifornien), einer Stadt im Napa Valley, inmitten von Weinbergen.
Ihr zu Ehren wird alle zwei Jahre von Les Dames d’Escoffier International der M.F.K. Fisher Prize verliehen, mit denen Frauen ausgezeichnet werden, die maßgeblichen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Kochkunst und Tafelkultur haben.
In ihrem Todesjahr 1991 wurde sie in American Academy of Arts and Letters aufgenommen.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe.

Titel: Köstliche Jahre: Eine Amerikanerin im Herzen Burgunds

Autorin: Mary Frances Kennedy Fisher

Übersetzung: Egbert Hörmann

Verlag: edition ebersbach

ISBN: 978-3938740569


Entdecke mehr von KRAUTJUNKER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar