Nase und Nasengebrauch der Jagdhunde

von Joachim Orbach

Bekanntlich ist die Nase unserer Jagdgebrauchshunde ihr wichtigstes Sinnesorgan. Was sie leisten kann und wie sie genau funktioniert, sollten Jagdhundeführer und Verbandsrichter präzise wissen. Während wir Menschen die Natur und unsere Umwelt hauptsächlich mit den Augen und den Ohren wahrnehmen, geschieht dies bei unseren Hunden in erster Linie durch das Riechorgan. Wissenschaftler und Hundeführer haben diese Tatsache bereits vor langer Zeit festgestellt. Unsere Jagdhunde sollen Niederwild suchen und vorstehen, der Hasenspur im Feld folgen, Schleppen sowie Wundfährten zuverlässig ausarbeiten, geschossenes Flugwild im Rübenacker finden, der Spur oder Fährte des Wildes auf Bewegungsjagden folgen, Enten im Schilfwasser stöbern und vieles mehr.

All dies ist ohne eine entsprechende Nasenleistung unvorstellbar. Was spielt jedoch bei der Beurteilung dieser Nasenleistung alles eine Rolle, wenn sie gerecht und objektiv erfolgen soll? Wildarten und Wildvorkommen, Witterungseinflüsse, etwa vorhandener Schweiß und Wundwitterung, Bodenbewuchs, Bodenverwundung sowie das jeweilige Gelände – all diese Faktoren sind von erheblicher Bedeutung.

Beurteilung der Nase

Aus den genannten Gründen ist die Nase das wichtigste Sinnesorgan des Jagdhundes. Das Wissen über ihren anatomischen Aufbau und ihre Funktion ist daher sowohl notwendig als auch nützlich. Einerseits hilft es uns bei der Abrichtung und Führung des Hundes, andererseits beugt es schwerwiegenden Irrtümern bei der Beurteilung in der jagdlichen Praxis vor. Allerdings muss ein Hund bei einer Prüfung auch entsprechende Anlagen und Leistungen zeigen, denn nur das tatsächlich Gezeigte kann bewertet werden. Wichtige Erkenntnisse haben unsere Vorfahren bereits aus wegweisenden Versuchen gewonnen, wie sie beispielsweise von Dr. Konrad Most und Dr. Zuschneid durchgeführt wurden. Erinnert sei hier an die Experimente mit dem Schwebsitz und dem Fährtenrad. Mit deren Hilfe wurden die Grundsteine unseres heutigen Wissens über die verschiedenen Komponenten der Fährtenwitterung sowie über die Stehzeiten von Fährten und Spuren gelegt.


Riechleistungen

In der Nase wird die Atemluft von Staub und Bakterien gereinigt, zudem wird sie dort vorgewärmt und angefeuchtet. Die Luft kann zwar auch über die Fanghöhle aufgenommen werden, dies geschieht jedoch meist nur bei starker körperlicher Belastung. Dabei wird gleichzeitig Flüssigkeit verdunstet – der Hund schwitzt sozusagen beim Hecheln. Streicht die Atemluft lediglich über den Gaumen, gelangt allerdings nur ein Bruchteil der Duftstoffe auf die Riechschleimhaut, die sich weiter oben in der Nasenhöhle befindet.

Unter der Haut der Nase liegt im oberen Teil das knöcherne Nasenbein; die untere Hälfte des Nasenrückens und die Nasenflügel sind hingegen verknorpelt. Der Hund verfügt für jedes Nasenloch über zwei separate Geruchskammern, in welche die Atemluft zur genaueren Geruchsanalyse abgezweigt wird. Die im Inneren der Nase befindliche Riechschleimhaut besitzt zahlreiche Poren, die ihrerseits aus einer Vielzahl zusammengepresster Häutchen bestehen. Die eigentliche Aufnahme des Geruchs erfolgt durch Nervenenden, die in je eine Pore münden. Das Riechorgan des Hundes verfügt über eine etwa 15-mal größere Oberfläche als das des Menschen, wobei die Riechschleimhaut – in Falten gelegt – selbst mehr als 100-mal größer und dicker ist. Trocknet diese Nasenschleimhaut aus, können die dort sitzenden Riechzellen (je nach Nasengröße des Hundes zwischen 100 und 300 Millionen) nicht mehr adäquat auf die Duftmoleküle reagieren. In der Nasenhöhle sind die Riechzellen ständig der Außenwelt ausgesetzt und werden durch diese Dauerleistung schnell verbraucht.

Im Abstand von circa 60 Tagen werden sie jedoch im Hippocampus (einem Teil des Gehirns) neu gebildet, um von dort aus in Richtung der Riechschleimhaut zu wandern. Bei der intensiven Aufnahme von Gerüchen (dem sogenannten Schnüffeln) atmet der Hund bis zu 300-mal in der Minute, um eine größere Menge an Geruchsstoffen aufnehmen zu können. Auch die Vielfalt der sogenannten Rezeptormoleküle – die darüber entscheiden, wie viele unterschiedliche Gerüche das Gehirn überhaupt identifizieren kann – ist in der Hundenase erheblich größer als beim Menschen. Aufgrund dieser enormen Riechleistungen wird der Hund zu den Makrosmatikern gezählt. Das sind Lebewesen, die sich vor allem mithilfe ihres feinen Geruchssinns orientieren.

Abb.: Deutsch Kurzhaar; Bildquelle: Marie-Pier Fillion auf Unsplash

Stehzeiten

Der Duft einer Spur hält sich unter verschiedenen Klimabedingungen und Bodenverhältnissen unterschiedlich lange. Hier ist ein grober Anhaltspunkt nach Dr. K. Most anhand von menschlichen Spuren:

  • 0 Stunden: Bei trockenem Fels, Sandboden sowie Asphalt.
  • Bis zu 3 Stunden: Bei trockener Luft, starkem Regen oder starker Luftbewegung (abhängig von der Dichte der Bodenflora).
  • 3 bis 12 Stunden: Bei Beschattung, nur mäßigem Regen, bewachsenem Boden und feuchter Laubstreu.
  • 12 bis 48 Stunden: Bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit, Windstille, dicht bewachsenem Boden oder dichter Laubstreu.

Bei den Bodenverhältnissen gibt es je nach Beschaffenheit erhebliche Unterschiede. Je mehr das Erdreich und dessen Oberfläche „lebt“ – wie es bei Wiesen- und Waldböden oder bestellten Feldern der Fall ist –, desto geruchsintensiver ist die Spur oder Fährte. Und umgekehrt gilt: Je weniger der Boden lebt – wie bei Sandböden, leichtem Untergrund und kahlen Flächen ohne Bewuchs wie Feld- und Waldwegen –, desto weniger unterscheidet sich die Spur oder Fährte von ihrer Umgebung. Daher stellen asphaltierte Straßen für die Hundenase oft unüberwindbare Hindernisse dar.

Wildwitterung

Die Eigenwitterung des Wildes stellt einen besonderen Reiz dar, zu dem im Einzelfall noch verstärkend eine etwaige Wundwitterung hinzukommen kann. Sie beruht auf der Absonderung von Sekreten aus den Drüsen im Lauf- und Schalenbereich. Die reine Körperwitterung entsteht aus einer Mischung chemisch verschiedener Duftkomponenten. Die von ihnen ausgehenden gasförmigen Moleküle werden von Menschen und Tieren beispielsweise durch Schweißdrüsen an die Luft, an die Umgebung sowie an das Erdreich abgegeben. Obwohl diese Menge gering ist, kann sie von der Hundenase noch wahrgenommen werden.

Die Führer von Jagdgebrauchshunden unterschätzen gelegentlich – im Gegensatz zu Führern von Dienstgebrauchshunden – bei der Schleppenarbeit und auf künstlichen Schweißfährten den Eigengeruch des Schleppen- beziehungsweise Fährtenlegers, der als Beigeruch wirkt. Hierbei wurde herausgefunden, dass nicht nur der Geruch einzelner Körperteile des Menschen einen einheitlichen Individualgeruch ergibt. Zusätzlich erzeugen Fremdgerüche durch Stiefel, Schuhe, Schuhcreme und ähnliche Faktoren eine charakteristische Geruchsmischung. Unter idealen Bedingungen kann sich dieser „Individualgeruch“ des Fährtenlegers viele Stunden lang für den Hund wahrnehmbar halten.


Bodenverwundung

Nach überwiegender Meinung aller Fachleute – insbesondere nach den Erkenntnissen der Hirschmannschule – spielen die durch die Schalen des Wildes verursachten Bodenverwundungen bei der Ausarbeitung von Fährten eine wesentliche Rolle. Je schwerer das Stück Wild ist, desto stärker fällt auch die Bodenverwundung aus.

Bei hohem Neuschnee, vor allem bei Pulverschnee, wird der unter der Schneedecke liegende Schweiß konserviert. Ein erfahrener Hund kann diese Fährte leicht arbeiten, sofern die Schneedecke nicht allzu hoch ist. Hingegen verhindert eine Eisdecke („Harsch“) das Emporsteigen der ätherischen Öle, die für den Hund die eigentliche Leitschnur seiner Arbeit bilden. Einen weiteren und oft nicht genügend beachteten Einfluss haben atmosphärische Faktoren und die Ausbreitung des Geruchsstoffes in der Luft. So bewerten Hundeführer und Richter oft Bedingungen, die in ihrer eigenen Gesichtshöhe herrschen, während in Höhe des arbeitenden Hundes, direkt auf der Bodenfährte, oft ganz andere Verhältnisse vorliegen.


Mikroklima

Die Wissenschaft der Mikrometeorologie (die Untersuchung der atmosphärischen Grenzschichten innerhalb der ersten hundert Meter oberhalb der Erdoberfläche) hat viel dazu beigetragen, unsere Kenntnisse in diesem Bereich zu erweitern. So gibt es gerade unmittelbar über der Erdoberfläche durch Temperaturunterschiede starke Turbulenzen, die einerseits zum Auftrieb von Luftströmungen, andererseits zu einem seitlichen Wegdriften des Geruchs führen können. Temperatur und Feuchtigkeit spielen eine wichtige Rolle, da sie den Luftstrom und die Luftdichte beeinflussen. Auch die Tageszeit ist von Bedeutung für die Geruchsentwicklung der Spur oder Fährte. So können sich durch den Wind großflächige Duftfelder aufbauen. In anderen Fällen (wie bei Hitze oder Sturm) kann es jedoch zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Arbeit des Hundes kommen.

Man sollte in diesem Zusammenhang auch beachten, dass die Ausbildung von Duftstoffen eine gewisse Zeit benötigt. So kann aufgrund nicht erkannter Einflüsse der erste Hund auf der Spur versagen, während der zweite Hund dieselbe Spur erfolgreich ausarbeitet. Dies besagt jedoch nicht zwingend, dass der zweite Hund seine Nase besser zu gebrauchen weiß. Im Rahmen seiner praktischen Versuche konnte Dr. Zuschneid nachweisen, dass der Hund Gerüche deutlich voneinander unterscheiden kann und dass bestimmte Duftstoffe eine ganz spezifische Wirkung auf das Verhalten des Hundes ausüben. So kann beispielsweise durch den Einsatz entsprechender Chemikalien der Folgetrieb des Hundes ausgelöst und damit eine Wundfährte simuliert werden. Mithilfe modernster Hilfsmittel ist es zudem möglich, präzise Aufzeichnungen über diese Versuche herzustellen. So können Herzstromkurve und Atmung aufgezeichnet werden, was wertvolle Rückschlüsse auf die Atemtechnik und den eigentlichen Nasengebrauch ermöglicht.


Nasenarbeit üben

Ist die entsprechende Riechreizschwelle – die nach oben oder unten variabel ist – sowie der Wille zum Suchen bei unseren Jagdhunden genetisch bedingt vorhanden, so kann der Nasengebrauch selbst trainiert werden. In diesem Zusammenhang möchte ich nachdrücklich auf die Nutzung der Prägungsphase, beispielsweise mittels einer Futterschleppe, hinweisen. Behutsam und schrittweise wird der junge Hund in seinen weiteren Entwicklungsphasen auch an ungünstige Witterungsverhältnisse und unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten gewöhnt. Dies gilt insbesondere für Übungsschleppen, Übungsschweißfährten sowie für Übungen im Feld und im Wasser.

Nur der Gebrauch der Nase kann beurteilt werden, nicht das vorhandene Riechvermögen an sich. Die „feinere“ Nase zeigt sich vor allem bei der Suche durch das häufige Finden von Wild im Vergleich zu anderen Hunden bei Feldprüfungen. Wild wird bereits auf weite Entfernung angezeigt, Huderstellen werden markiert und auch Lerchen werden gelegentlich von noch unerfahrenen Hunden vorgestanden. Bei der Beurteilung des Gebrauchs der Nase ist besonders auf die Reaktion beim Verlieren der Spur, beim Kreuzen derselben durch anderes Wild und beim Bemühen um das Wiederfinden der Ansatzspur oder -fährte zu achten. Wenn es um die Nachsuchenarbeit geht, bedeutet „feine Nase“ nicht allein ein gutes Riechvermögen, sondern auch die Fähigkeit, das mit dem Riechorgan Aufgenommene im Gehirn richtig zu verarbeiten und zu differenzieren.


Frühe Förderung

Ein besonderes Augenmerk sollten Hundeführer und Hundeführerinnen auf die frühe Förderung der Anlagen bereits in den ersten Entwicklungsphasen ihres Jagdhundes richten. Viele Hundeführer und Hundeführerinnen, die auf eine rechtzeitige und schrittweise frühe Förderung der Anlagen eines Welpen und Junghundes setzen, können auf späteren Prüfungen und in der Jagdpraxis überzeugende Erfolge vorweisen.

„Gleichgültig wie gut die ererbten Eigenschaften eines Hundes auch sein mögen, sie werden nie so gut werden, wie sie hätten werden können, wenn seine Anlagen bis zu einem Alter von 16 Wochen entwickelt und gefördert wurden.“ (C. Pfaffenberger)

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Joachim Orbach

Seit 1968 führt Joachim Orbach Jagdhunde (Erd – u. Vorstehhunde). Im gleichen Jahr meldete er auch seinen Zwinger für die Teckelzucht an. Einige Jahre später führte er dann auch Deutsch Drahthaar und Kleine Münsterländer. Ab 1983 begann er damit Artikel für Jagdzeitungen, Mitteilungsblätter des JGHV und Zuchtvereine sowie Jagdblogs zu schreiben. Eine Liste seiner Veröffentlichungen findet sich auf www.jagfibel.de (Suchbegriff Joachim Orbach eingeben). Auch ist er für die Redaktion der Jagdfibel (s. Impressum), Pressesprecher der Bergischen Arbeitsgemeinschaft Schweiß sowie für den JGV Oberbergischer Jäger e.V. tätig. Er ist Mitglied im Forum lebendige Jagdkultur sowie Zucht – und Prüfungsvereinen für Jagdhunde.

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Anmerkungen

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