Max Goldt: Der unbekannte Geruch

Max Goldt schreibt heute das schönste Deutsch aller jüngeren Autoren … Die Heiterkeit und Stille, die diese Sprache ihren Lesern schenkt, liegt nicht nur im Humor; ebenso in einem freundlichen Abstandnehmen von den Aufdringlichkeiten einer Wirklichkeit, an der man sich besser seitlich vorbeidrückt.
Gustav Seibt

Daß Max Goldts Werk sehr komisch ist, weiß ja nun jeder gute Mensch zwischen Passau und Flensburg. Daß es aber, liest man genau, zum am feinsten Gearbeiteten gehört, was unsere Literatur zu bieten hat, daß es wahre Wunder an Eleganz und Poesie enthält und daß sich hinter seinen trügerischen Gedankenfluchten die genaueste Komposition und eine blendend helle moralische Intelligenz verbergen, entgeht noch immer vielen, die nur aufs Lachen und auf Pointen aus sind. Max Goldt gehört gelesen, gerühmt und ausgezeichnet.
Daniel Kehlmann

 

von Max Goldt

Im Alter von zwölf Jahren pflegte ich meine Freizeit häufig damit zu verbringen, durch die nahen Waldgebiete zu streifen, dort allerlei Pflanzen, insbesondere Pilze, einzusammeln, um diese dann zu Hause anhand von Bestimmungsschlüsseln zu identifizieren. In einem Buch war als Geruchsbezeichnung für einen gewissen Pilz das Wort „spermatisch“ angegeben, worunter ich mir gar nichts vorstellen konnte. Ich fragte meine Mutter.
So wie folgt, so ähnlich oder ganz anders spielte sich das ab:
– Mutti, hier in dem Pilzbuch steht, dieser Pilz würde spermatisch riechen.
– Spermatisch? Was ist denn spermatisch? Ich kenne nur sympathisch! Lacht
– Also, du weißt das auch nicht. Riech doch bitte mal dran.
– Igitt, der ist ja schon ganz verfault! Was du uns hier immer anschleppst!
– Riech doch trotzdem mal dran. Der Pilz ist halt schon alt.
schnuppert   Ich finde, der riecht einfach nach Erde und Wald, nach Pilz eben.
– Und das ist spermatisch?
– Nein, das ist sicher ein Druckfehler in deinem Pilzbuch. Das muß sympathisch heißen. Der Pilz riecht einfach wie ein sympathischer Waldpilz. Lacht stockend. Geh doch zu deinem Vater. Vielleicht weiß der, was spermatisch sein soll.
– Papa, riech doch mal an diesem Pilz. In meinem Pilzbuch steht, der riecht spermatisch.
– Spermatisch? Wo hast du denn das Wort her?
– Ich sagte doch, aus dem Pilzbuch.
– Na, zeig mal her. Pfui Deibel, an dem Ding soll ich auch noch riechen?
– Das ist halt ein älterer Fruchtkörper. Riechen tut er noch gut.
– Dann komm mal her mit deinem   spricht gespreizt   älteren Fruchtkörper.   Riecht   Der riecht ganz normal, irgendwie würzig. Nach Pilz. Aber spermatisch? Nee. Wie findest du denn, daß er riecht?
– Schon ein bißchen komisch. So muffig. Ich will ja auch nur wissen, was spermatisch ist.
– Das ist halt ein ganz bestimmter Geruch. Wie soll ich dir das erklären? Schreib doch an den Verfasser von dem Pilzbuch.
– Der ist tot.
– Tot? Wahrscheinlich eine Pilzvergiftung.   Lacht schäbig.   Woher weißt du denn, daß er tot ist?
– Weil hinter seinem Namen auf der ersten Seite so ein Kreuz ist.
– Der Herr gibt`s den seinen im Schlaf.    Ärgert sich über die deplazierte Redensart, brüllt unwirsch   Hau jetzt ab mit deinem spermatischen Pilzungetüm. Frag doch deine Biolehrerin.    Wieder ruhig   Habt ihr eigentlich noch das Fräulein Hecht?
– Frau Hecht. Die ist verheiratet.
– Was? Mit den Pferdezähnen und den fettigen Haaren?
– Ja, die läuft manchmal ganz schön schlampig rum. Manchmal stinkt sie auch ein bißchen nach Schweiß. Und ihr Mann ist Ausländer. Marokkaner oder so was.
– Das sieht ihr ähnlich. Also frag die wegen dem Pilz.
– Bis zur nächsten Bio-Stunde ist der Pilz aber ganz verfault.
– Dann frier ihn solange ein. Im Fach ist noch Platz. Aber wickel Folie drum, sonst dreht Mutti durch.
– O. K. Mach ich. Geht weg.
– Komm doch noch mal her. Ich will dir mal was von Mann zu Mann sagen. Du wirst ja bald erwachsen. Frauen, die mit solchen Arabern gehen oder verheiratet sind, die interessiert nur das eine.
– Du meinst, Sex oder so.
– Wir verstehen uns schon.

– Frau Hecht, können Sie mir sagen, wie der Pilz hier riecht? In meinem Pilzbuch habe ich gelesen, der riecht spermatisch?
– Röche.
– Was?
– Röche … der röche spermatisch. Konjunktiv.
– Ach so. Ich habe zuerst „röcheln“ verstanden.
– Na, was ist denn los mit deinem Pilz? Zeig mal her. Ironisch   Na, das ist ja ein wahres Waldjuwel! Ein Prachtstück! Aber wieso ist der denn so kalt? Der Pilz ist ja eiskalt.
– Ich habe ihn erst heute früh aus dem Tiefkühlfach geholt.
– Ach so, aus dem Tiefkühlfach. Da gehören Pilze ja auch hin. Und wie soll der riechen? Spermatisch?   Riecht   Ja, mein Gott. Ein bißchen vielleicht. Aber eigentlich riecht er ganz normal nach Pilz.
altklug   Pilze riechen aber alle anders. Manche riechen sogar nach Gurkensalat oder alten Küchenlappen.
– Wo hast du denn das her?
– Aus dem Pilzbuch. Aber was ist denn nun spermatisch?
– Spermatisch kommt von Sperma. Das ist der männliche Samen. Der wird zur Fortpflanzung gebraucht. Das haben wir doch durchgenommen. Auch der menschliche Samen heißt Sperma. Du kommst ja auch bald in die Pubertät. Dann wird es auch bei dir soweit sein. Wie alt bist du denn jetzt?
– Zwölfeinhalb.
– Dann kann es nicht mehr lange dauern.   Eifrig   Du wirst eines Nachts aufwachen und denken, nanu, hier ist ja alles ganz naß…   Erinnert sich plötzlich, daß sie als Lehrerin zu einem Schüler spricht und zögert   … Du hast mich schon verstanden.
angewidert   Und das riecht? Wie riecht das denn? So wie der Pilz?
– Nein, so wie der Pilz ganz bestimmt nicht. Man kann das schlecht beschreiben, wie das riecht. So ein bißchen dumpf, erdig, mehlig, nicht besonders angenehm eigentlich. Menschliche Ausscheidungen riechen ja meistens nicht so schön. Kotze oder Urin zum Beispiel…
– Oder Schweiß!
– Ja. Schweiß auch. Hör mal, irgendwas gefällt mir heute an deinem Gesichtsausdruck nicht. Wir verstehen uns?
– Ich weiß nicht, was sie meinen.
– Du weißt genau, was ich meine. Zurück zu deinem Pilz und dem spermatischen Geruch. Es ist ja kein besonders intensiver Geruch. Du brauchst dir  da keinen Gedanken zu machen. Es ist nicht so, daß man sagen würde, um Himmels willen, das stinkt ja bestialisch… Es riecht eher mild.
– Ja, wie denn?
– Ja, wie gesagt: ein bißchen dumpf und muffig. Ein bißchen wie ein ungelüftetes Zimmer. Wie so ein muffiger Schlafsaal in einer Jugendhererge, vielleicht etwas gewächshausartig…
– Ach so. Woher wissen sie eigentlich, wie das riecht.
– Als Biolgin weiß man das zwangsläufig.   Lacht   Wozu, glaubst du, studiert man jahrelang? Außerdem wissen alle Erwachsenen, wie das riecht.
– Meine Eltern wissen das aber nicht.
– Das glaube ich nicht, daß die das nicht wissen. Du hast sie vielleicht nicht richtig gefragt.
– Doch, habe ich. Und sie wußten es nicht. Warum sollten die mich anlügen. Außerdem sind meine Eltern Deutsche.
– Was soll denn das nun wieder? Warum sollten Deutsche nicht wissen, wie so was riecht?
– Aber es stimmt doch, daß Sie mit einem Araber verheiratet sind, oder?
– Was du alles wissen willst? Hör mal gut zu! Mein Mann ist nicht Araber, sondern Perser. Er stammt aus dem Iran. Und jetzt lebt er hier, weil man ihn in seiner Heimat nicht gut behandelt hat.
– Entschuldigung. Das hab ich nicht gewußt. Sind Perser denn anders als Araber?
– Äußerlich nicht sehr viel anders. Aber sie haben eine ganz andere Kultur und Sprache und so weiter. Sag mal, was ist das eigentlich für ein Pilzbuch, was du da hast?
– 750 Pilze in Wald und Flur.
Und da steht wirklich das Wort spermatisch drin?
– Ja.
– Das könnte man aber auch verständlicher ausdrücken. Welcher Pilzsucher hat denn schon ständig den Geruch von Sperma in der Nase? Das hat man doch nicht immer parat. Man hätte ja auch schreiben können, riecht nach Erde oder faulendem Moos. Das ist so ein süßlicher, abgestandener Geruch.
So riecht der Pilz auch. Vielen Dank, Frau Hecht, und auf Wiedersehen. Wieso haben Sie eigentlich einen deutschen Namen? Heißen sie nicht so wie ihr Mann?
lacht Den Zungenbrecher könnte ich meinen Schülern nicht zumuten. Tschüß!

– Papa, die Frau Hecht ist gar nicht mit einem Araber verheiratet, sondern mit einem Perser.
– Was soll denn der Unterschied sein?
– Die Perser haben eine andere Kultur.
– Das ist ja allerhand. Und was hat sie zu dem Pilz gesagt?
– Daß der nur ganz wenig spermatisch riecht. Und spermatisch kommt von Sperma, und das riecht, sagt sie, wie in einer Jugendherberge, wo nicht gelüftet wird.
– schlägt die Hände über den Kopf zusammen und brüllt Araber!
– Nein, Papa! Perser!

*

Der Kontakt zu dem legendären Künstler Max Goldt kam, wie schon zuvor bei dem großartigen Text der leider verstorbenen Fanny Müller, über Tom Produkt (siehe: http://www.tomprodukt.de/) zustande. Die Website ist ein Arsenal großartiger Künstler. Hier bin ich unter anderem auf Jaques Palminger gestoßen. „Palminger ist wie der Weg zur Toilette in einem öffentlichen Parkhaus: Lang, dunkel und kompliziert.“
Stöbern und entdecken!

 

***
KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Diese Geschichte ist ein Kapitel aus der Literaturzeitschrift „Der Rabe“, einer Literaturzeitschrift im Taschenbuchformat, die zwischen 1982 und 2001 im Haffmanns Verlag, Zürich, erschien.

der-rabe

Verlag: Haffmanns Verlag AG Zürich

Titel: Der Rabe – Magazin für jede Art von Literatur – Nummer 53 (1998)

ISBN: 3 251 10053 3

Verlagslink: http://www.edition-tiamat.de/

Der Inhalt dieser Ausgabe lässt sich wie folgt zusammenfassen: Stopfpilze & Pilzköpfe, Speisepilze & Pilzspeisen, Mischpilze & Pilzmischungen, Giftpilze & Pilzgifte, Faulpelze & Pilzfäule, Blätterpilze & Pilzblätter.

Der Text von Fanny Müller: https://krautjunker.com/2016/09/09/mit-opa-in-die-pilze/

Foto: Wikipedia, Blaufüßiger Risspilz (Inocybe calamistrata)

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