Mit Opa in die Pilze

von Fanny Müller

Im Herbst, manchmal aber schon in den letzten Wochen der Sommerferien, wenn sie erst spät begonnen hatten, ging es mit Opa in die Pilze. Opa war Volksschullehrer gewesen und gleichzeitig Imker und Organist. Eine Ämtervielfalt, die auf dem Lande nicht ungewöhnlich war. Während einer gewissen Zeit war es leider auch nicht ungewöhnlich gewesen, daß der Lehrer das Amt des stellvertretenden Ortsgruppenleiters bekleidete. Ein Posten, der Opa in relativer Unschuld beließ, denn auf den armen Dörfern der Geest – unseres hatte 300 Einwohner – gab es keine Juden, die geistig Armen wurden mit dem Fegen der Scheunen beschäftigt, und Versammlungen blieb er fern, er war ja nur „Stellvertretender“. Sagt Oma. Doch davon soll hier nicht die Rede sein. Nur so viel, daß er seine Entnazifizierung, durchgeführt in einem Lager im Lüneburgischen, sehr genossen haben soll – er war in reiner Männergesellschaft, und das Essen war karg, woran er gewöhnt war. Und es war Sommer. Dort lernte er von einem ostpreußischen PG eßbare und giftige Pilze voneinander zu unterscheiden.

Seine Kenntnisse gab er an meine Schwestern und mich erst dann weiter, als es ihm im Wald passiert war, daß junge Frauen, die auch auf der Suche nach Eßbarem waren – umsonst und draußen – energisch ihre kleinen Kinder an die Hand nahmen und den Bäumen verkündet hatten, daß „Pappa dahinten“ sei. Opa bot nicht den Anblick, den man damals von pensionierten Lehrern gewohnt war, die für gewöhnlich mit durchgedrücktem Kreuz und in Loden gewandet die Natur abmarschierten, um anhand eines oder mehrerer mitgebrachter Bücher („Was blüht denn da?“) schlechte Noten zu verteilen. Opa war klein und dunkelhäutig und hatte mit 86 Jahren noch pechschschwarze Haare. Eine krumme Nase, ein krummer Rücken; Hose und Joppe, die bei der Erschaffung der Welt schon dabeigewesen waren, vervollständigten das Bild eines „Zigeuners“, bei dessen Erscheinen man schleunigst die Wäsche von der Leine holte. Tatsächlich war sein Vater ein uneheliches Kind gewesen und dessen Erzeuger ein fahrender Scherenschleifer. So wurde in der Familie gemunkelt. Diese Einzelheiten tauchten im Ariernachweis allerdings nicht auf, weil Opa den gefälscht hatte. Er mogelte auch bei Kreuzworträtseln. Und ging sowieso davon aus, daß ihm nichts passierte und er immer recht hatte. Selbst die Sache mit seinem Auto und dem Führerschein in den dreißiger Jahren hatte ihn nicht vom Gegenteil überzeugen können. Doch das ist eine andere Geschichte. Diese Charakterzüge Opas waren sowohl Oma als auch unserer Mutter bekannt. Deshalb schärften sie uns Kindern ein, alle Pilze vollständig und nicht etwa nur die Hüte mitzubringen und auf gar keinen Fall solche von weißer Farbe, weil die hätten Knollenblätterpilze sein können. Oma hatte sich irgendwie ein altes Pilzbuch verschafft und verglich sorgfältig die abgebildeten Pilze mit den von uns heimgebrachten. Da blieb dann oft nicht viel von unseren übervollen Körben übrig, und die schönsten, so fanden wir, wurden einfach weggeschmissen.

Nur die Pfifferlinge, die waren unverwechselbar, und selbst die „falschen Pfifferlinge“ eßbar, wie Oma dem Pilzbuch entnahm. Doch die fanden wir nicht oft, häufiger schon Schweinsohren oder Herbsttrompeten, „die dem Pfifferling an Wohlgeschmack nur wenig nachstehen“, wie es im Pilzbuch hieß. Ebensogern wie der Pfifferling versteckte sich der Steinpilz, aber auf dem Rückweg vom Wald fanden wir manchmal am Rande der sandigen, von Birken gesäumten Wege Birkenpilze, Maronen, Rotkappen und andere Röhrlinge, von denen Mutter immer ein kleines Stück abbiß, um zu prüfen, ob nicht etwa ein Gallenpilz dabei sei, der die gesamte Mahlzeit versaut hätte. Diese Pilzmahlzeiten! Mit Speck und Zwiebeln und einem kleinen Schuß Sahne, der oben von der Milchkanne abgeschöpft wurde. Und dann Petersilie drübergestreut! „Und alles umsonst!“ betonte Opa, der ja nicht nur in Armut, sondern daraus folgend sparsam aufgewachsen war, auch wenn Oma nicht „sparsam“, sondern „knickerig“ dazu sagte. Ökonomische Fragen kümmrten uns Kinder nicht. Pilzsuche war Abenteuer! Und besonders spannend auch noch deshalb, weil „der Feind uns auf den Fersen war. Der Förster pflegte den Wald zu durchstreifen, um nach Verbrechern Ausschau zu halten, die keinen Schein vorzuweisen hatten, der sie zur Pilzsuche berechtigte. Wenn Zweige knackten oder fremde Schritte zu hören waren, lagen wir platt im Unterholz und hielten den Atem an. Das stellte jedes Räuber- und Gendarmspiel weit in den Schatten. Daß der Förster uns wohl kaum verhaftet hätte – schließlich war er bei Opa in die Schule gegangen wie der Rest der Dorfbevölkerung auch -, kam uns nicht in den Sinn. Und Opa klärte uns glücklicherweise und vielleicht auch absichtlich nicht über diese Zusammenhänge auf.

Die Vorbereitungen für unsere Ausflüge waren umständlich. Jedes Kind bekam einen kleinen Korb, dann wurden Margarinebrote, bestreut mit Zucker, in Zeitungspapier eingewickelt; alte Flaschen mit einer Mischung aus Apfelsaft und Wasser gefüllt oder – ganz toll! – mit „Kindersekt“, einem Getränk, das meine Mutter aus Holunderblüten selbst herstellte. Alte Schälmesser wurden auf ihre Schärfe hin – „bloß nicht zu scharf“ – geprüft und mit Ermahnungen, ja aufzupassen, an uns verteilt. Dann holte Opa sein Fahrrad heraus, das er aber schob, denn es wurde mitgenommen, damit wir später die vollen Körbe daranhängen konnten. Kinder besaßen zu jener Zeit keine Fahrräder.

Im nahgelegenen Staatsforst angekommen, wurden das Fahrrad und die Butterbrote am Rande einer Lichtung versteckt, und dann schwärmten wir aus. Opa fand nicht so viele Pilze wie wir, die wir „mit glänzenden Augen und roten Wangen“, wie ich annehme, in die Schonungen krochen, im Gebüsch herumstocherten, Gräben entlangrobbten und ganz allgemein eine Geduld und Emsigkeit an den Tag legten, die wir für unsere Schularbeiten nicht aufbrachten, wie Oma häufig betonte. Eines Tages fanden wir einen Riesenbovist, den Mutter dann in Scheiben schnitt, panierte und als „Beamtenkotelett“ auf den Tisch brachte.

Waren unsere Körbe voll oder ließ es sich absehen, daß sie nicht mehr voll werden würden, begann das Picknick. Die Hauptattraktion dabei bestand nicht im Verzehr der „Butterbrote“, die traditionell so hießen, obwohl keine Butter im Spiel war, sondern in der Geschichte, die Opa jetzt erzählen mußte. Er langweilte uns nie mit Vorträgen über Tiere, Pflanzen und Bäume, die der Wald ja auch noch zu bieten hatte; seine pädagogischen Intentionen, wenn er denn je welche gehabt haben sollte, hatten sich mit dem Ende seiner Dienstzeit vollkommen verflüchtigt. Bei diesen Geschichten handelte es sich vielmehr um das Grimmsche „Schneeweißchen und Rosenrot“, allerdings in abenteuerlichen Variationen. Da wir drei Schwestern waren, spielte ein gewisses „Blauäuglein“ die dritte tragende Rolle, bei dessen Erwähnung meine jüngste Schwester, die entgegen den sonstigen Gewohnheiten der Familie blaue Augen hatte, stolze Blicke um sich warf. Mal waren die drei Schwestern Königstöchter, mal Kinder armer Köhler. Doch konnten ihre Eltern auch Besitzer eines Gemischtwaren-Ladens oder in Übersee verschollen sein. Am liebsten war uns  die Variante mit den Fahrrädern: „Und es begab sich, daß Schneeweißchen, Rosenrot und Blauäuglein mit ihren Fahrrädern in die Pilze fuhren und im Wald auf drei verzauberte Pilze … äh, Prinzen trafen …“ Daß hie und da auch Radios, Schwimmbäder, die Bundeswehr und Fußballspieler auftauchten,  störte uns nicht.

Entgegen unseren Befürchtungen, daß die Kinderzeit endlos und wir nie erwachsen sein würden, um dann die sensationellsten Geschichten selbst zu erleben, wurden wir doch älter und verließen das Dorf. Es wurde dann doch nicht so spannend, und die Geschichten, die andere Männer erzählten, kannten wir bald rauf und runter, denn es waren immer dieselben. Als wir aus dem Hause waren, ging Opa nicht mehr in die Pilze. Auch er war älter geworden, noch kleiner und krummer, und starb. Überall auf dem Friedhof und auch an seinem Grab wachsen Pilze, Schopftintlinge, die wir damals nicht hatten pflücken dürfen, weil es weiße Pilze mit Lamellen sind. Die Nachbarin, die das Grab besorgt, duldet eine solche Unordnung aber nicht und reißt sie regelmäßig aus.

Meine älteste Schwester hat das Orgelspielen erlernt. Die jüngste hat das Pilzesuchen nach Tschernobyl nicht eingestellt und ist überhaupt immer auf der Suche nach „Schnäppchen“. Und ich, ich erzähle Geschichten, die nicht immer ganz wahr sind.

 

***
KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Diese Geschichte ist das erste Kapitel aus der Literaturzeitschrift „Der Rabe“, einer Literaturzeitschrift im Taschenbuchformat, die zwischen 1982 und 2001 im Haffmanns Verlag, Zürich, erschien.

Die Autorin Fanny Müller ist leider verstorben. Es besteht kein Zweifel, dass ihre Texte noch lange leben und viele Leser glücklich machen werden. Ich bedanke mich bei Frau Alice Paul für die freundliche Erteilung der Veröffentlichungsrechte auf diesem Weblog, dem Haffmanns Verlag und Herrn Klaus Bittermann von der Edition Tiamat für ihre Vermittlung.

der-rabe

Verlag: Haffmanns Verlag AG Zürich

Titel: Der Rabe – Magazin für jede Art von Literatur – Nummer 53 (1998)

ISBN: 3 251 10053 3

Der Inhalt dieser Ausgabe lässt sich wie folgt zusammenfassen: Stopfpilze & Pilzköpfe, Speisepilze & Pilzspeisen, Mischpilze & Pilzmischungen, Giftpilze & Pilzgifte, Faulpelze & Pilzfäule, Blätterpilze & Pilzblätter.

Viele weitere Kunstwerke von Fanny Müller werden weiterhin in der Edition Tiamat verlegt, welcher die Autorin auch nach großen Erfolgen immer treu blieb. Sie wird gewusst haben, warum. Es sind großartige Bücher, die ich immer wieder gerne in die Hand nehme und wärmstens empfehlen möchte.

Verlagslink: http://www.edition-tiamat.de/

Nachruf: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fanny-mueller-ist-tot-a-1093296.html

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Für die Bereitstellung des märchenhaften Fotos bedanke ich mich bei Roland Letscher. Fliegenpilze werden zwar nicht explizit erwähnt, aber die verzauberte Stimmung des Fotos finde ich sehr passend.
copyright ©Roland Letscher

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Rosi Kapp sagt:

    Wunderschoene Erinnerungen an meine eigene Kindheit wo meine Oma mir alles beibrachte ueber essbares in der Natur… ohne die spannenden Geschichten zwar aber ebenso effektiv 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: KRAUTJUNKER

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