Die letzte Bastion der Wildhunde

Afrikanische Wildhunde Grafik

Abb.: Wildhunde – bunte Wölfe

 

 

von Neil Stronach

In den frühen Morgenstunden, lange vor der Dämmerung, verließ ich meine Station Kingupira im Osten des Selous. Langsam passierte ich einige Einzelgehöfte von Tapika, einem der ersten Dörfer auf dem Weg nach Dar es Salaam, als mein Geländewagen plötzlich von einer Meute Hunden umgeben war. Es waren keine Haushunde, sondern schlanke, großohrige Wesen mit schwarz-, weiß- und braungeflecktem Fell und geschmeidigen Bewegungen.

Afrikanischer Wildhund

Ich war auf ein Rudel Afrikanischer Wildhunde gestoßen, und wie immer bei solchen Begegnungen war ihnen mein Interesse sicher und alles andere vergessen. Ihr wissenschaftlicher Name Lycaon pictus bedeutet so viel wie „bunter Wolf“ und bringt sowohl das Aussehen, als auch die Verhaltensweisen dieses größten Wildhundes Afrikas auf den Punkt. Ihr Auftauchen vertrieb auch den letzten Rest meiner frühmorgendlichen Müdigkeit. Wie kein anderes Tier erinnerten sie mich an den besonderen Status des Selous als Rückzugsgebiet für Wildtiere.
Der Afrikanische Wildhund, früher auch Hyänenhund genannt, ist vom Aussterben bedroht. Seine letzte intakte, große Population befindet sich im Ökosystem des Selous. Vor ein paar Jahrzehnten waren Wildhunde in den Savannen und Wäldern südlich der Sahara weitverbreitet. Jetzt wird der Bestand auf nur noch 5 700 Tiere geschätzt, von denen man etwa 1 500 im Selous vermutet. Wie konnte es zu diesem Niedergang kommen, und warum haben ausgerechnet die Wildhunde des Selous das Desaster überlebt?
Diese ungewöhnlichen Hunde sind so sozial, dass sie sich in kleinen Gruppen selten erfolgreich vermehren. Auf sich allein gestellte Tiere überleben nicht lange. In jedem Rudel gibt es eine Hierarchie unter den Männchen und Weibchen. Gewöhnlich paaren sich nur die dominante Hündin und der Alpha-Rüde. Doch sie benötigen die Hilfe des ganzen Rudels, um ihre Welpen aufzuziehen. Diese Zusammenarbeit sichert die – verglichen mit Löwen oder Hyänen – außergewöhnliche Erfolgsquote der Wildhunde auf der Jagd.
Warum sollte der Selous für Wildhunde so wichtig sein? Die Gründe liegen nicht auf der Hand. Sie stehen aber in Beziehung zur natürlichen Seltenheit der Tiere. Weil sie so interessant sind, wurden Wildhunde in den letzten Jahrzehnten gründlich erforscht. Vor ungefähr 150 Jahren kamen Wildhunde in den Savannen von Westafrika bis zum Kap der guten Hoffnung vor. Sie scheinen jedoch immer selten gewesen zu sein. In den Gegenden, in denen Wildhunde in letzter Zeit wissenschaftlich untersucht worden sind, kamen drei- bis zehnmal mehr Löwen und bis zu 100-mal mehr Hyänen als Wildhunde vor. Die meisten Wildhunde leben heute in Nationalparks, Wildschutzgebieten und anderen geschützten Gegenden. Wo Menschen siedeln, verschwinden die Wildhunde bald. Leute mit langer Afrika-Erfahrung berichteten von Begegnungen mit Wildhunden an Orten, an denen es heute keine mehr gibt.
Von Natur aus selten reagieren die Tiere empfindlich auf den Druck der Zivilisation. Menschen töten Wildhunde absichtlich und unabsichtlich. Sie schaden ihnen, indem sie ihre wilden Beutetiere dezimieren. Und wo immer der Mensch selbst Tiere züchtet, tötet er Wildhunde, um seine Herden zu schützen. Leider ist es sehr einfach, die relativ zutraulichen Rudeltiere abzuschießen.
Noch schärfer als die einheimischen Bauern verfolgten europäische Kolonialverwaltungen die Caniden. Die Art der Hunde, große Beutetiere zu töten, indem sie ihnen die Eingeweide herausreißen, empfanden Europäer als abstoßend und Ekel erregend. Sie verstärkte den sogenannten Rotkäppchen-Komplex, der vom „bösen Wolf“ auf alle Beutegreifer übertragen wird. Infolgedessen wurden Wildhunde eliminiert, wo immer sich die Gelegenheit bot, selbst von den Wildhütern jener Zeit und auch noch im postkolonialen Afrika. Manch ein berühmter Warden hat in jungen Jahren in seinem Nationalpark alle wilden Hunde abgeschossen, derer er habhaft werden konnte, weil er sie als „Geißel der Wildbahn“, vor allem als Gefahr für die Antilopen betrachtete. Zum Glück haben jüngere Untersuchungen über Ökologie und Verhalten der Wildhunde diese Einstellung verändert. Wo sie noch vorkommen, sind die Hunde heute gesetzlich geschützt. Dieser späte Schutz hat den Rückgang im größten Teil ihres einstigen Verbreitungsgebietes allerdings nicht verhindert.
In der Nähe des Menschen haben Wildhunde nicht nur unter direkter Verfolgung zu leiden. Sie haben die fatale Gewohnheit, auf Straßen zu liegen, vielleicht weil sie von dort Beutetiere und Fressfeinde besser ausmachen können. Sie benutzen auch Rohre unter Straßen als Ruheplätze. Leider sind Wildhunde aber nicht geschickt im Ausweichen vor schnellen Fahrzeugen. So werden einzelne Tiere regelmäßig auf der Hauptstraße durch den Mikumi-Nationalpark an der Nordgrenze des Selous überfahren. Auch in den zum Wildern von Antilopen aufgestellten Drahtschlingen fangen sich immer wieder Wildhunde und erleiden einen grausamen Tod. Noch gefährlicher werden ihnen die Krankheiten, die Haushunde übertragen: Tollwut, Parvovirose und Staupe. Das Zusammenwirken dieser direkten und indirekten menschlichen Einwirkungen führt zum Verschwinden des Wildhundes in bewohnten Gegenden.
Dass wir heute über Biologie und Verhalten der Hunde mehr wissen, liegt an der sorgfältigen Arbeit von Wissenschaftlern wie Scott und Nancy Creel im Selous und anderswo. Die meisten Untersuchungen fanden in vergleichsweise offenen Habitaten statt. Hunde, die in den Dickungen des Miombo-Buschlandes leben, sind wesentlich schwerer zu beobachten. Aber wahrscheinlich sind die Forschungsergebnisse aus der Savanne auf alle Wildhunde übertragbar.

Afrikanische WildhundeAbb.: Einstimmung auf die Jagd

Jeder, der das Jagdverhalten von Wildhunden und Löwen vergleicht, ist beeindruckt von den Unterschieden. Löwen pirschen ihre Beute an, oft einzeln, schlagen nach einem möglichst kurzen Sprint zu und töten mit einem Biss, der das Genick bricht oder zum Ersticken führt. Wildhunde dagegen hetzen ihre Beute immer im Rudel. Die Zusammenarbeit bei der Jagd erhöht die Erfolgsaussichten. Bei Löwen enden nur 15 bis 30 % der Jagden erfolgreich, bei Wildhunden sind es etwa die Hälfte. Die Ungeschicklichkeit, die Löwen auf der Jagd oft scheitern lässt, ist erstaunlich: Ein schleichender Löwe wird von einem Kollegen verraten, der völlig ungedeckt in der Botanik steht. Oder er verrät sich selbst, weil er zwar mit außerordentlich tief gehaltenem Kopf pirscht, sein Hintern aber hoch aus dem Gras ragt.
Ein Wildhundrudel versammelt sich vor dem Aufbruch zur Jagd zu einem Begrüßungsritual. Es hat dieselbe psychologische Funktion wie der Kreis, den Fußballmannschaften vor dem Spiel bilden. Als hoch motivierte, dynamische Gruppe machen sich die Hunde anschließend im Trab auf Beutesuche. Wenn ein Beutetier gefunden und zur Flucht gezwungen wurde, beginnt die Hatz…

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Ende der Leseprobe, aber nicht des Kapitels. Das Buch wurde als „Jagdbuch des Jahres 2011“ von der Zeitschrift Wild und Hund ausgezeichnet.

 

Frischling

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Wildes Herz von Afrika

Titel: Wildes Herz von Afrika

Autor dieses Textes: Dr. Neil Stronach

Titelbild: Gemälde von © Bodo Meier -> http://www.bodo-meier.de/

Fotos: © Spike Williamson -> http://www.intrepidexpeditions.com/spike_about.php

Herausgeber: Dr. Rolf D. Baldus -> http://www.wildlife-baldus.com/selous_buch.html

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

Verlagslink: https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/jagd/bildbaende-belletristik/4953/wildes-herz-von-afrika

ISBN: 978-3440127896

Erste Leseproben aus dem Buch: 
https://krautjunker.com/2017/07/09/menschenfresser-loewen-tote-die-zurueckkehren/
https://krautjunker.com/2017/08/20/die-jagdwaffen-von-f-c-selous/

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