BEEF! Wild mit gutem Gewissen

von © Verena Lugert für Tre Torri

Wahrscheinlich gibt es kein Fleisch, das der Mensch mit besserem Gewissen verzehren kann, als Wildbret. Es ist regional und von Natur aus „bio“, die Tiere wurden zu keiner Zeit mit Antibiotika oder Hormonen behandelt. Wild und unbeschwert haben Reh und Hirsch ihr ganzes Leben in der Natur verbracht. Sie konnten über weite Strecken frei durchs Unterholz streifen, sich fortpflanzen und genau das äsen, wonach ihnen der Sinn stand. Gerade Rehe gelten als die Feinschmecker des Waldes, sie knabbern feine, zarte Blüten, Kräuter, Knospen und Früchte, also sehr mineralstoffreiche Nahrung mit vielen Vitaminen, die sich später im Wildbret wiederfinden. Die Tiere kennen keine Masthaltung, sondern wachsen langsam heran, sodass ihr Fleisch in aller Ruhe den besonderen edlen Wildgeschmack entwickeln kann. Es ist delikat – schlichtweg das wohl reinste und beste Fleischprodukt, das man sich gönnen kann.

Wildbret ist aber auch aus ethischer Sicht das bessere Fleisch. Keinerlei menschengemachtes Leid wurde den Tieren je zugefügt. Weder mussten sie ihr Leben in Massentierhaltung verbringen noch wurden sie industriell in riesigen Schlachtbetrieben unter Todesangst zusammengetrieben. Wildfleisch stammt tatsächlich von Tieren, bei denen der Tod durch den Schuss des Jägers fast immer schnell und unerwartet eintritt. Jäger tragen eine große Verantwortung, was den Umgang mit Wildtieren angeht. Wie gut also, dass hier ein ethischer Verhaltenskodex praktiziert wird, der weit über den gesetzlichen Rahmen hinausgeht. Waidmänner pflegen die Reviere, schützen die Muttertiere, suchen bei der Nachjagd angeschossene Tiere, um sie von ihren Schmerzen zu erlösen, und füttern nicht außerhalb der Notzeiten. Sie haben Abschussquoten in ihren Revieren, die sie erfüllen müssen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, das die moderne Zivilisation aus dem Lot gebracht hat. Denn für Rot- und Damwild wie auch für Wildschweine gibt es so gut wie keine natürlichen Feinde mehr – was die Wildtierpopulation ohne eine jagdliche Regulierung über die Maßen ansteigen ließe.

„MANCHMAL STIRBT EIN TIER, WEIL ICH ES WILL“

Dieser Abschuss der Tiere sorgt aber auch für Kritik an der Jägerschaft. Die niederländische Autorin und Jägerin Pauline de Bok wurde immer wieder gefragt, wie sie in der Lage sein könne, Tiere zu töten. Ihre Antwort, nachzulesen in ihrem Buch „Beute – Mein Jahr auf der Jagd“: „Indem ich es tue, hier in dieser Landschaft, umgeben von Hochwild, Niederwild, Raubwild, von Jägern und ihrer Beute, im Rhythmus der Tage, der Jahreszeiten und des Zyklus von Leben und Tod. Manchmal stirbt ein Tier, weil ich es will. Weil ich Fleisch essen will. Weil ich will, dass der Wald an der Chaussee unten sich verjüngt, weil ich nicht will, dass das Wild mit seinen neuen Geweihen meine Kirschbäume kaputtfegt, den Gemüsegarten leerfrisst und die zarte Rinde von den Bäumen schält. (…) Und weil ich die Hasen vermissen würde, wenn die Raubtiere fast alle fressen würden, und ich auch selbst ab und zu gerne einen verzehre.“ [siehe: https://krautjunker.com/2018/07/01/beute-mein-jahr-auf-der-jagd/]

BALANCE-AKT

Ohne Jagd gäbe es also irgendwann keinen Wald mehr – denn zu viele Wildtiere fräßen ihn buchstäblich auf, „Verbiss“ wird dies genannt. Regelmäßige Untersuchungen zeigen, ob zu viele Rehe oder Hirsche im Revier unterwegs sind. Gibt es kaum Verbiss, ist die Wilddichte stimmig. Nimmt er überhand, kann sich der Wald nicht mehr verjüngen, denn Wild liebt nun mal die jungen Triebe. Dann muss die Abschussquote erhöht werden. Es ist die Pflicht des Jägers, Wild und Wald in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Auch drohenden Epidemien kann er durch Abschuss vorbeugen, wie im Fall der aktuell beim Wildschwein grassierenden Afrikanischen Schweinepest: Mit der bisher höchsten in Deutschland erlegten Strecke von über 800 000 Abschüssen im Jahr 2018 – mehr als 40 Prozent als im Jahr davor – haben die Jäger erheblich zur Eindämmung dieser gefährlichen Viruserkrankung beigetragen.

Die Jagd dient also der Gesundheit von Wald und Wild. Nicht zuletzt sensibilisiert sie den Jäger für einen bewussten Umgang mit dem Fleisch. Immerhin ist er es, der das Wild erlegt, aufbricht und zerwirkt, es oft selbst in der Küche zu einem Gericht verarbeitet und schließlich verzehrt. Er übernimmt die Verantwortung für seine Nahrung, die er sich selber hart erarbeiten muss, buchstäblich, denn das Aufbrechen ist nichts für zarte Gemüter. Jagd und Jäger halten der modernen Gesellschaft, die immer mehr Fleisch konsumiert und gleichzeitig immer weniger vom Töten wissen will, den Spiegel der Realität vor. „Jäger leben in einer parallelen Wirklichkeit, wurde mir allmählich klar, einer Wirklichkeit, von der die meisten Menschen keine Vorstellung haben“, schreibt de Bok. Wahrscheinlich in einer ehrlicheren Wirklichkeit.

Der ehemalige Vegetarier und heutige Jäger Fabian Grimm schreibt in seinem Blog http://www.haut-gout.de [siehe: https://krautjunker.com/empfehlenswerte-weblogs/]: „Als Jäger verarbeite ich Tiere vom Lebewesen zum Lebensmittel. Töten und Ausnehmen, Zerteilen und Zubereiten kann ich noch als Einheit erleben. Ich verwerte ausschließlich Wild, egal ob Fleisch oder Fisch: Das hat mit Freude am Selbermachen zu tun, mit ehrlicher, regionaler Ernährung, und vor allem mit Tieren, die ihre Bedürfnisse und Instinkte in Freiheit ausleben konnten.“

Dennoch ist und bleibt Jagen das Töten von Tieren. „Ich jage nicht, um über die Natur zu herrschen“, schreibt de Bok, „sondern weil ich Natur bin, Tier, Säugetier, Raubtier.“ Der vegetarisch lebende Tierethiker und Philosophieprofessor Markus Wild sagte in einem Interview: „Tiere empfinden Lust und Leid, Furcht und Freud. Sie haben ein Bewusstsein, basale Interessen. Zu diesen Interessen zähle ich die Freiheit von Leid, das Recht auf Leben und Bewegungsfreiheit.“

Abb.: Der Schuss saß: Ein Jäger hat einen Keiler erlegt und „eignet ihn sich an“ (Jägersprache)

Wild muss nicht leiden, es hat Bewegungsfreiheit. Dennoch gibt es den finalen Schuss, der ein Leben nimmt. Wie man dazu steht, kann nur jeder für sich selbst beantworten. Vielleicht, indem man sich mit der Jagd, die so alt ist wie die Menschheit selbst, ganz bewusst auseinandersetzt – in all ihren Facetten.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: BEEF! WILD: Meisterstücke für Männer (BEEF!-Kochbuchreihe)

Text: © Verena Lugert für Tre Torri

Fotograf: Michael Stadtfeld

Verlag: Tre Torri Verlag

Verlagslink: https://tretorri-shop.de/BEEF-WILD

ISBN: 978-3960330134

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