Beute – Mein Jahr auf der Jagd

Buchvorstellung

Im Jahr 2011, während eines Arbeitsstipendiums im Wendland, stieß die niederländische Schriftstellerin Pauline de Bok  auf die Geschichte einer Jägerin, deren Revier in den Achtzigerjahren ihr Revier direkt am Eisernen Vorhang lag und welche zur Stasi-Informantin wurde. Die Geschichte faszinierte sie so sehr, dass sie alles über die Jagd lernen wollte, um ein Buch hierüber schreiben zu können. Um zu spüren, wie sich das Jagen und Töten anfühlen wird und wie sie sich darüber womöglich verändern würde, musste sie die Jagdprüfung ablegen und selbst im Wendland jagen. Das Buch schrieb sie zu Ende, mit dem Jagen war es jedoch nicht vorbei.

Es veränderte etwas in ihr, sie hatte Blut geleckt und wurde eine andere. Als Jägerin auf der Pirsch fühlt sich die Tochter eines Tierarztes immer wieder in die Tage ihrer Kindheit zurückversetzt, als sie im Bauernland durch Wiesen und Wälder stiefelte und Tiere ihr Leben bevölkerten. Nicht wie in der Stadt mit ihren Haustieren, wo man Tiere verbraucht, aber den Tod ausblendet und das Töten verfemten Spezialisten überlässt, sondern mitten drin im pulsierendem Lebenszyklus. Von der Geburt, über die Geschlechtsaktivitäten, bis hin zum Tod bei dem sich ein Tier in Fleisch verwandelt und es zum Treibstoff in der Nahrungspyramide wird.

Durch ihre Metamorphose zur Jägerin entwickelte sich Pauline de Bok zu einem Predator im Leben und Sterben im Rythmus der Jahreszeiten. Ist man ein aktiver Teil des Ökosystems, sind die Sinneseindrücke und geistigen Erkenntnisse in der Natur viel intensiver, als wenn man es beim bloßen Wandern und Flanieren durch Wald und Feld beläßt.

Seit einigen Jahren lebt sie nun nicht mehr nur im fünften Stock eines Wohnhauses in Amsterdam, sondern auch in einem rustikal umgebauten Kuhstall in Mecklenburg.  In ihrem Buch Beute – Mein Jahr auf der Jagd beschreibt sie ihr drittes Jagdjahr in Mecklenburg. Die Literatin geht hierbei der Frage nach: Wie sind die Tiere und wie sind wir, als Tiere unter Tieren?

In ihren menschlichen Beziehungen manövrierte sie sich teilweise ins Abseits. Ihre Freunde im akademischen Großstadtmilieu waren perplex darüber, dass sie freiwillig Tiere tötete. Mit ihrem Jagdschein schoss sie sich in den Augen vieler Tierfreunde in Stücke. Dabei lebte sie nun viel mehr an der Seite der Tiere und wurden ihr hierdurch überhaupt erst die Augen für die Härten und die Freuden des wilden Lebens geöffnet. Dafür, wie es ist, beim Zerlegen von Tierkörpern blutiges Handwerk zu betreiben, aber auch Natureindrücke zu erleben, die zum Weinen schön sind. Es sind zwei einander bedingende Seiten der gleichen Medaille. Je städtischer Menschen werden, um so tierlieber werden sie und um so weniger verstehen sie von Tieren.

Doch auch in der Gemeinschaft der Grünröcke bleibt sie eine Außenseiterin. Sie entstammt nicht einer Jägerfamilie, gehört nicht zum Adel, gehört nicht zur Landbevölkerung, auch nicht zum alten Geld oder den nouveaux riches. Sie ist kein Mann und obendrei zu alt, um eine Jungjägerin zu sein. Eine niederländische Intellektuelle in der Mecklenburger Provinz. Gut, dass sie Bildung und Humor besitzt und das entspannt nehmen annehmen kann.

Ihr Resümee lautet, dass wir nicht jagen, um über die Natur zu herrschen, sondern weil wir Natur sind. Tier, Säugetier, Raubtier. Und indem wir uns auf unsere instinktive Verbundenheit mit dem Leben und Sterben des Wildes einlassen, schärfen wir unsere Sinne, wecken unsere Instinkte, werden kräftiger und abgehärteter. Schon als Kinder spielen wir mit Lust Fangen und Verstecken. Das Unsichtbarwerden, Auflauern, Verfolgen und Anspringen ist ein Teil von uns. Als körperlich schwache Wesen in einer Welt von Antilopen und Löwen waren unsere Ahnen gezwungen, Rudel zu bilden und zu kooperieren, um Ziele zu erreichen. Sich in das Verhalten von Beute hineinzuversetzen und im Sozialverband Strategien zu entwickeln, um Dinge zu erreichen, die alleine unmöglich sind, machte uns erst zu höheren Wesen. Jagen und Sammeln, Beute machen und Tiere in Essen zu verwandeln ist ein Teil unserer Natur. Das Tierische und das Menschliche vereint, das ist es, was Pauline de Bok auf der Jagd findet.

Eine weitere Erkenntnisse stellt sich ein, wenn man Pauline de Bok bei ihren vielen Jagden über das ganze Jahr hindurch begleitet: Man muss nicht in ferne Länder reisen, um seltsame Begegnungen mit skurillen Eingeborenen und urwüchsigen Tieren zu erleben. Das Mysterium befindet sich in der Nachbarschaft. In Mecklenburg beispielsweise.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Beute - Mein Jahr auf der Jagd

Titel: Beute – Mein Jahr auf der Jagd

Autorin: Pauline de Bok

Verlag: C.H.Beck

Verlagslink: https://www.chbeck.de/de-bok-beute/product/22723520

ISBN: 978-3406721120

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Leseprobe: https://krautjunker.com/2018/05/04/beute-machen-im-fruehling-die-bache/

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Die Website der Autorin: http://www.paulinedebok.nl/?page_id=3&taal=du#top

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