Im Holz steckt Hoffnung – Laute Prediger, stille Zeichen der Hoffnung

von Wolfgang Abel

Von den Untergangspredigern sind mir die Zeugen Jehovas am liebsten. Sie stehen neben dem Eingang zur Hauptpost oder vor einem Drogeriemarkt, machen keinen Lärm und sind auch sonst recht emissionsarm. Nachdem ihr vorhergesagter Weltuntergang in den Jahren 1914, 1925 und 1975 ausblieb, bleibt das Ereignis zwar auf Wiedervorlage, freilich ohne festen Liefertermin. Mit solchen Prognosen kann man auch als Ungläubiger gut leben.

Der Club of Rome, seine Wiedergänger und Nachzehrer agitieren ungleich penetranter. Weil das 1972 angekündigte Ende des Wachstums im angepeilten Intervall von 40 Jahren partout nicht eintreten wollte, muß die Menschheit seit 2012 im Angesicht des nahen Untergangs Überstunden leisten. Die neue Deadline heißt 2052. Spätestens dann gilt Land unter, Nostradamus ahoi, unser Haus brennt und so weiter. Wer eindimensionale Banalitäten nicht glauben mag, oder gar im Statistik-Proseminar anwesend war und Korrelationen von Kausalitäten unterscheiden kann, wird von Wutschülern und fünften Kolonnen schon heute weggebrüllt.

Wo die totale Ökokratur anhebt, schreitet übrigens auch die intellektuelle Verzwergung der Amtskirchen zügig voran. Leser W. B. aus M., evangelischer Pfarrer, schickt mir dazu einen bizarren Hinweis: Im Online-Kirchenshop der Amtskirche von Westfalen und Rheinland gibt es jetzt außer Lutherbonbons in der Großpackung auch Bio-Fruchtgummi-Bärchen in kompostierbaren Tütchen. Diese eigenen sich, Zitat: „hervorragend als Wurfmaterial für Karneval.“ (Quelle für Skeptiker: www.kirchenshop-westfalen.de). Mein Rat zum Reformationstag an alle Brüder und Schwestern im Geiste: „Hütet Euch vor biologisch abbaubarem Wurfmaterial und kompostierbaren Gewißheiten jeder Art.“

Je lauter das Getöse zum Untergang, desto erfreulicher sind mir stille Zeichen des Mutes. Ein ansprechend aufgesetzter Stapel Brennholz ist ein Zeichen. Uns Wenigen, die nah am Wald leben, gilt Holz bis heute nicht als drohender Feinstaub, sondern als ein Stück Hoffnung und Nähe. Wir heizen tüchtig und freuen uns, wenn eine junge Frau zu ihrem Freund sagt: „Unser Haus soll ein Feuer haben.“ Den Ofen anlegen, heißt der kleine Schöpfungsakt, der etwas eigenes hat. Den Ofen anlegen, nicht das Feuer anzünden, nicht Feuer legen – solche Unterschiede können die von der Deutschen Umwelthilfe aber weder verstehen noch einklagen. Wenn sie uns demnächst auch noch ans Holz gehen, wird es ungemütlich für die im Wahrheitsministerium.

Ich wette, daß jede warme Holzbank, jede Flasche Rotwein und jede Cohiba die humane Gesamtbilanz positiver beeinflußt als die Veitstänze von wohlstandsverwahrlosten Hysterikern. Außerdem ersparen Holzstapel den Paartherapeuten. In seiner Studie „Der Mann und das Holz“ hat der Norweger Lars Myttig auf die Korrelation (nicht Kausalität) zwischen Holzbeuge und Beziehungsfähigkeit hingewiesen. Gerader, solider Stapel – aufrechter Mann. Hoher Stapel – große Ambitionen, Einsturzgefahr. Halbfertiger Stapel, Scheite am Boden – unstet, faul, versoffen.

Auf die Psychodynamik im Holz habe ich in einem meiner Bücher hingewiesen. Erst gestern teilte mir Leserin S. K. aus A. dazu mit, sie käme seither an keinem Holzstapel vorbei, ohne sich den Mann dahinter auszumalen. Außerdem hat Frau K. die Holzbeugen-Theorie auf den deutschen Mann in der Sauna übertragen. Die Art, wie dieser sein Handtuch auf die Latten werfe, flächendeckend niederlege oder auf Knick gefaltet platziere, ließe zweifeln, vereinzelt auch hoffen, jedenfalls tiefer blicken.

Ein neu gesetzter Holzzaun wie der vor dem Hansemichelhof auf dem Stohren am Schauinsland ist auch ein Zeichen. Wer einen Zaun setzt, der eine Generation lang hält, versteht möglicherweise was vom Leben, Hoffen und Ernten. Die im Wahrheitsministerium können mit der Hoffnung im Holz aber nichts anfangen.

Abb.: Späte Blüte, neue Hoffnung – Hofgarten auf dem Stohren am Schauinsland; Bildquelle: Wolfgang Abel

*

KRAUTJUNKER-Kommentar:

 Dies ist Wolfgang Abels Kolumne vom 30. Oktober 2019.

Ich möchte dem charmanten Geschäftsführer des OASE Verlags, Herrn Wolfgang Abel höchstselbst, sehr herzlich für die Erteilung des Copyrights danken. Es empfiehlt sich nicht  nur ein Blick in Abels Kolumnen, sondern auch in das Verlagsprogramm. Das Motto lautet vielversprechend „Vom guten Leben“.
Alle Kolumnen, Bücher und Touren von Wolfgang Abel sind auf der Website des OASE Verlags aus Badenweiler zu finden: http://www.oaseverlag.de/
Zu den Kolumnen geht es direkt hier: https://www.oaseverlag.de/Abels_Kolumnen/Die_Kolumne_von_Wolfgang_Abel/

Im Südwesten Deutschlands erfreuen sich seine „kulinarisch-heimatkundliche Streifzüge“ seit dreißig Jahren einer wachsenden Leserschaft:

http://www.badische-zeitung.de/gastronomie-1/wolfgang-abel-stellt-neuen-ortenau-fuehrer-vor–87047922.html

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s