Kulinarische Kalendergeschichten: 1. Mai – Haydnische Essensgelüste

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von Christine Piswanger-Richter

Wir schreiben den 1. Mai 1761. Dieser Tag sollte die Lebensumstände des damals 29 Jahre alten Komponisten Joseph Haydn signifikant verändern. Denn er unterschrieb einen Vertrag, der ihm eine lukrative Anstellung bei Fürst Esterházy einbrachte.

Haydn hatte elf Geschwister, der Vater war Marktrichter in Rohrau, seine Mutter arbeitete auf einem Gut. Wahrscheinlich konnte sie dadurch ihrer Familie eine etwas abwechslungsreichere Ernährung ermöglichen, als es in vergleichbaren Großfamilien der Fall war. Trotzdem galt der kleine Sepperl als „kümmerlich genährt“. Auch in seiner Zeit als Sängerknabe in Sankt Stephan in Wien war die Ernährung spärlich. Mit dem Stimmbruch verlor er diese Anstellung und schlug sich als Korrepetitor und Orchestermusiker durch. Er schlief in einer undichten Dachkammer am Wiener Kohlmarkt. Die Hauswirtin fütterte ihn mit stärkenden Eintöpfen durch. Eine Anstellung bei Graf Morzi9n verbesserte dann seine finanzielle Situation deutlich. 200 Gulden jährlich inklusive Kost und Logis verdiente er als Kapellmeister. Das geregelte Einkommen ermöglichte ihm nun zu heiraten. Als sich der Graf keinen Kapellmeister mehr leisten konnte, erhielt Haydn die eingangs erwähnte Anstellung bei Fürst Esterházy. Das jährliche Einkommen betgrug nun 400 Gulden bei freiem Quartgier. Haydn speiste entweder an der Offizierstafel oder erhielt ein Tagegeld. Das Quariter war bescheiden, doch Haydn war schon bald in der Lage, ein eigenes Haus zu erwerben. Die Familie hielt Hühner und Schweine, auch einen eigenen Gemüsegarten gab es. Das Frühstück fiel bereits sehr deftig aus: Eine Biersuppe mit Schneenockerl. Zur Jause Selchfleisch mit Brot, zu Mittag Eintopf und abends oft nur ein Glas Wein und etwas Brot.

Abb.: Franz Joseph Haydn (* 1732; † 1809) bei der Jagd mit Beute für die Speisekammer; Bildquelle: KI-Bildgenerator

Auf Schloss Esterházy fielen die Mahlzeiten abwechslungsreicher aus, denn dort wirkten auch französische Köche. Der Fürst leistete sich den Luxus, Meeresfische, Hummer und Austern in Wasserfässern mit Eilkutschen zu transportieren. Es ist anzunehmen, dass gelegentlich auch an der Offizierstafel französisch gespeist wurde, denn der Fürst legte Wert darauf, dass Haydn vor Ort verfügbar war. Das Schloss war prunkvoll, aber die Umgebung eher langweilig. So vertrieb sich Haydn die Zeit mit Jagen und Fischen. Die Ausbeute hat wohl den Speiseplan bereichert. Fürst Esterházy lud oftmals Jagdgesellschaften, sodass Wild und Wildgeflügel in großem Maße vorhanden waren und auch die Bediensteten davon profitierten. Als Fürst Nikolaus 1790 verstarb, schickte sein Nachfolger Haydn in Pension.

Abb.: Nikolaus I. Joseph Esterházy de Galantha (* 1714; † 1790) war ein ungarisch-österreichischer Feldmarschall, Diplomat und Kunstmäzen aus dem Haus Esterházy. Als „der Prachtliebende“ bekannt, machte er seine Residenz zum glanzvollsten Hof des Habsburgerreichs und förderte maßgeblich den Komponisten Joseph Haydn; Quelle: Wikipedia

Dieser erhielt ein Angebot, nach England zu gehen, um dort seine Symphonien aufzuführen. London kam ihm „schröcklich theuer“ vor, aber er erhielt zahlreiche Einladungen zu Abendgesellschaften und aß dort reichlich. Es wurde sehr fett gekocht, und das Wasser war von so schlechter Qualität, dass man sogar Kindern eher Bier und Wein zu trinken. Gab. Ob auch dies eine Rolle spielte, dass Haydn nach Wien zurückkehrte? Er blieb jedenfalls ein Gourmet bis zuletzt, denn sein Kammerdiener schrieb über seine letzten Lebenstage: „[…] Essen und Trünken schmecke doch immer fort …“

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Christine Piswanger-Richter

Die Musikvermittlerin Christine Piswanger-Richter hat sich im Alter von acht Jahren mit dem »Klassische Musik-Virus« infiziert und ist niemals davon genesen. Als Hobbymusikerin traktiert sie allerhand Instrumente, inklusive der eigenen Stimmbänder. »Der Amateur musiziert aus Liebe«, so ihr Credo. Diese Beschäftigung mit Musik, auch wenn sie nicht auf professionellem Niveau stattfindet, hilft, sich in Musiker hineinzuversetzen und ihre Welt besser zu verstehen. Dadurch öffnen sich ihr gegenüber Künstler verschiedenster Profession, und es entsteht Interessantes für die Leserschaft. Sie veröffentlichte schon zahlreiche Essays und Beiträge in Sammelbänden des Leiermann-Verlages. Im Sommer 2024 ist ihre Biografie Caspar Richter – Dirigent der Vielfalt erschienen. Neben ihrem Lieblingsthema Musik steht hier auch oft die »zweite Liebe« Literatur im Mittelpunkt ihrer Autorentätigkeit. Weiters ist sie Organisatorin der klangfrische-Konzertreihe im idyllischen Bergdorf Trahütten in der Südsteiermark. Mehr und aktuelle Informationen unter www.pr-pr.at

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Anmerkungen

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Titel: Kulinarische Kalendergeschichten

Verlag: Der Leiermann

Verlagslink: https://www.verlag.der-leiermann.com/kulinarische-kalendergeschichten/

ISBN: ‎ 978-3903388697

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