von Harald Schweim
Demnächst geht der Bock wieder auf (in einigen Bundesländer – leider – schon zum 01. April) Aber wie hatten wir gelernt: Man DARF dann, aber MUSS nicht schießen. Wir werden in Tschechien -wie die Altvorderen – erst ab 16.05. jagen. Es sollte sich m.E. auch der erfahrene Jäger vorbereiten. Dazu gehört die Vorbereitung und das Kontrollschießen der Waffe mit passender Rehwildmunition auf den Schießstand und die Rekapitulation der theoretischen Fakten. Während der Jagdausbildung lernt der Anwärter, den Büchsenschuss auf Schalenwild mittig im Bereich der Kammer zu platzieren. Später im Revier kommt es jedoch immer wieder zu Situationen, wo das Wild eben nicht wie am Schießstand scheibenbreit steht. Zudem fordern gegebenenfalls besondere Umstände, dass das beschossene Stück Wild in der Nähe des Anschusses zum Liegen kommen muss. Um im entscheidenden Augenblick den richtigen Haltepunkt für den sofort tödlichen Treffer zu setzen, sollte der Schalenwildjäger ausreichende Kenntnisse in der Anatomie des Wildkörpers besitzen. Hier verführt die DJV-Wildscheibe Rehbock (Abb. 1) immer wieder zu Fehleinschätzungen.

So liegt der höchstdotierte Trefferring 10 etwa eine Hand breit hinter dem anatomischen Blatt und durchschlägt lediglich die Lungenflügel (sogn. Küchenschschuss wg. geringerer Wildpretverluste). Dieser Schuss ist in den allermeisten Fällen tödlich, doch liegt das Wild meistens nicht am Platz sondern nach mehr oder wenig langer Todesflucht. Es gibt aber genug Beispiele aus der jagdlichen Praxis, wo das Wild in diesen Situationen entweder verloren geht oder erst nach schwierigen Nachsuchen gefunden wird, sodass es nicht mehr verwertbar ist. Der Fall kann schon bei einem Reh, das mit einem zu harten Geschoss beschossen wurde, eintreten. Besser wäre eine Rehbockscheibe (von Wild und Hund entwickelt, die sich am Tierwohl (sofortige Tötung) und nicht am Wildpretverlust orientiert als Standardscheibe auch für die Ausbildung zu verwenden, wie ich sie in Abb. 2 zeige.

Aber selbst Scheibenbreit im Sinne der DJV-Scheibe ist nicht immer unproblematisch. Man muss mit dem Schuss so lange warten, bis das Stück das Haupt erhoben hat. Besonders bei starkem Wild überdehnt sich die Decke, wenn das Stück äst. In der Todesflucht nach dem Schuss schiebt sich dann ggf. die Decke über den Ein- und Ausschuss und gibt keine optischen Pirschzeichen.
Für den noch unerfahrenen (Jung-) Jäger ist es umso wichtiger, sich umfassend mit der Anatomie des Schalenwildes auseinanderzusetzen (Abb.3).

Dabei wird er feststellen, dass es durchaus entscheidende Unterschiede zwischen dem Schwarzwild und den wiederkäuenden Schalenwildarten hinsichtlich Lage der Organe und der Wirbelsäule, aber auch der anzunehmenden optischen Silhouette gibt. Damit der schon beschriebene Blattschuss in den meisten Situationen, die dem Jäger manchmal nur für kurze Augenblicke eine Chance bieten, umgesetzt werden kann, muss dieser eine klare, dreidimensionale Vorstellung vom Aufbau des Wildkörpers, insbesondere über die Lage der lebenswichtigen Organe, erlangen. Bei Steilschüssen rauf oder runter sowie Nahschüssen von hohen Ansitzeinrichtungen ist eine Korrektur des Haltepunkts ebenfalls nach oben oder unten vorzunehmen, um auch hier den optimalen Schuss durch die lebenswichtigen Organe der Kammer zu verwirklichen. Vergisst der Jäger aus Jagdfieber oder Unkenntnis diese absolut notwendige Haltepunkt-Anpassung, führt das unweigerlich zum Krankschießen und teils zu schwierigen Nachsuchen. Eine schöne Hilfe ist die Elchuhr (Abb. 4).

Die Grafik der Schwedischen Elchuhr des Schwedischen Jägerbundes zeigt den tödlichen Bereich der Kammer mit den lebenswichtigen Organen bei allen unterschiedlichen Schusswinkeln sehr anschaulich. Ausgehend von der optimalen Stellung mit größtmöglicher Trefferfläche breit zum Schützen muss dieser bei dem sich von ihm abwendenden Stück je nach Winkel das Absehen unter Umständen bis auf die letzten Rippen setzen, um per diagonalem Geschossweg durch die Kammer möglichst viel Lunge, Herz und Blutgefäße zu treffen. Dreht sich das Stück hingegen zum Schützen, muss der umgekehrt verfahren und mit dem Haltepunkt vors Blatt in Richtung Stich wandern. Abb. 4a zeigt die Übertragung auf Rehwild.

Wie uns allen bekannt, ist der waidmännisch korrekte Schuss auf den Bock auf das „britzelbreit“ stehende Stück. Aber auch er muss überlegt abgegeben werde. Zum Beispiel muss man mit dem Schuss so lange warten, bis das Stück das Haupt erhoben hat (Abb. 5).

Bei stärkerem Wild überdehnt sich die Decke, wenn das Stück äst. In der Flucht nach dem Schuss schiebt sich die Decke über den Ein- und Ausschuss und gibt keine optischen Pirschzeichen.
Wer also aus der jagdlichen Situation heraus – hereinbrechende Dunkelheit/ kein Nachsuchenhund erreichbar/ Reviergrenze/ gefährliches Gelände/ Straßennähe/ – darauf angewiesen ist, dass sich das Stück so sicher wie möglich nicht mehr vom Anschuss entfernt, muss den Haltepunkt auf der vorderen Blattschaufel suchen. Das geht selbst bei modernen Geschosskonstruktionen nicht ohne Wildbretverlust. Der wesentliche Vorteil liegt aber in der augenblicklichen Tötungswirkung, die wir geschoss- und laborierungsabhängig eben nur durch den härteren Widerstand beim Auftreffen auf die dichten Muskelpartien und die knöcherne Blattschaufel oder den Oberarmknochen erzielen. Das Geschoss gibt hierbei nicht nur deutlich mehr Energie in den Wildkörper ab, sondern vergrößert je nach Konstruktion durch Aufpilzen, Deformieren oder Zerlegung den Schusskanal – einhergehend mit einer messbar höheren Zerstörung von Gewebe, Nervenbahnen, Herz und Herzkranzgefäßen. Steht das Wild vor der Schussabgabe auf den Schützen zu, haben wir die ganze Bandbreite von leicht schräg bis halbspitz zu berücksichtigen. Der korrigierte Haltepunkt muss nun entsprechend der Stellung des Wildes vom Blattvorderrand bis fast zum Stich wandern, um einen möglichst langen Weg und eine Maximalwirkung des Geschosses durch die Kammer erzielen zu können. Vorsicht ist geboten bei starken Stücken. Leichte und hochrasante Geschosse könnten an harten Knochen zersplittern und keine ausreichende Tiefenwirkung zeigen oder sogar durch den steilen Auftreffwinkel vom Knochen ab- und aus der Kammer herausgelenkt werden. Wandert der Haltepunkt hingegen auf oder gar hinter das Blatt, ergeben sich unweigerlich „weiche“ Schüsse.
Grundsätzlich soll das zu beschießende Stück Wild durch nichts verdeckt sein (Abb.6).

Zu leicht könnten insbesondere hochrasante Teilzerlegungsgeschosse auf kleinste Ästchen, Getreideähren oder Blätter ansprechen und zersplittern lassen. In der Folge wird das Geschoss unkontrolliert abgelenkt und verfehlt sein Ziel oder zerlegt sich im Vorfeld und verletzt das Wild durch einzelne Splitter. Nachsuchen gestalten sich extrem schwierig, und nicht selten verendet das Wild erst nach langer Zeit. Geringer ist diese Gefahr bei robusten, schweren Geschosskonstruktionen (z.B. .30-er Kaliber für Rehwild wie .308 oder .30-06 Spr), wenn sich weiche Hindernisse wie Grashalme oder Blätter zudem direkt vor dem Wildkörper befinden.
Wird der Wildkörper infolge von Hindernissen in der Flugbahn des Geschosses stark verdeckt, sollte der Schuss unterbleiben (Abb. 7).

Wir jagen nicht für unsere sonst „(ver-) hungernde Familie“. In absoluten Ausnahmesituationen (ich war glücklicherweise noch nie in einer solchen) kann der Schuss auf den Träger auf geringe Entfernung und bei stabiler Auflage möglich sein. Beim Rehwild wird ein sofort tödlicher Treffer sicher gelingen, wenn der Schuss mittig angetragen wird. Das Restrisiko eines widerlich Gebrechschusses bleibt. Nach Möglichkeit sollte der Träger von hinten beschossen werden, um die Wirbelsäule zu treffen. Grundsätzlich muss der Jäger bei der Stellung des Wildes den Austritt des Restgeschosses im Blickfeld haben. Direkt von vorn ist die Gefahr, dass es im Hintergrund in den Rücken- oder Keulenbereich eindringen kann. Höhenabweichungen infolge der geringen Entfernung spielen beim frontalen Schuss keine Rolle. Seitlich auf den Träger hingegen kann er genau aus diesem Grund bereits zu einem Drosselschuss führen. Bei allem Schalenwild steigt die Gefahr mit zunehmender Stärke des Trägers, die Wirbelsäule zu verfehlen und schwere Krankschüsse zu produzieren. Schüsse auf das Haupt finden bei gesundem Wild keinerlei Rechtfertigung, sondern müssen allenfalls dem Fangschuss im Ausnahmefall auf kurze Distanz vorbehalten bleiben. Zu hoch ist das Risiko, üble Schüsse durch Äser, Gebrech oder die Nackenmuskulatur zu verursachen, insbesondere wenn das Haupt seitlich beschossen wird.
*
Kommentar von Harald Schweim zu den Quellen: Textauszüge und einige Bilder von Wildmeister Matthias Meyer aus der PIRSCH 09/2023.
KRAUTJUNKER-Kommentar: Um kein Copyright zu verletzen, verwendete ich soweit möglich auf KI erzeugte Bilder. Der Blog ist ein Nonprofit-Projekt aus Liebhaberei und ich kann keine Lizenzgebühren zahlen.
*.
Harald Schweim

Seit früher Jugend rund um die Jagd vielseitig interessiert. Musiker, Seemann, Hundeführer, Jäger und Pharmazieprofessor.
***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe.
Entdecke mehr von KRAUTJUNKER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.