Andersjagd oder Requiem auf das Paradies

von Werner Berens

Es war Anfang Mai. Wir saßen vor Sonnenaufgang und abends bis zum letzten Büchsenlicht auf den Kanzeln und offenen Leitern. Abschussplanerfüllungsjagd, solange der Bewuchs das Blatt noch sehen lässt. Zwei, drei Wochen später und der Anblick würde nur mehr ein paar Lauscher sein, die über den Weizen ragen, mit zwei kurzen Spießchen dazwischen, die im schwindenden Büchsenlicht gerade noch als solche erkennbar waren.
Die Jagd hier in der dicht bewohnten Landschaft hat etwas Heimliches, Hastiges, schnell und fast verstohlen zu Erledigendes. Zahlreiche Spaziergänger und Hundeführer durchstreifen die erwachende Restnatur bis in die Nachtstunden, machen auch vor Gebüschen und kniehohen Wiesen nicht halt. „Erlegungszeugen“ protestieren, angesichts des Jägers, der die Beute zum Auto trägt oder zieht. Die Jagdgegnerin klemmt Zettel unter die Scheibenwischer, in denen sie mit Anzeige droht. Der Schussknall im Morgengrauen ruft die Polizei auf den Plan, weil die immer grußlose Dame aus der Randsiedlung das Leben ihres Hundes, ihr Leben, mindesten aber ihr Gehör in Gefahr sieht.

Wenn dann die verhaltene Freude der ersten Maijagdwoche schwand, weil der erste Bock erlegt war, weil der Mann mit den drei Hunden immer noch mitten über die Wiese am Sitz vorbei lief, die Jagdgegnerin mit ihren zwei Hunden vor dem Wäldchen am Abend so lange auf und ab marschierte, bis auch das letzte Büchsenlicht schwand, schlichen sich in den Ansitzstunden die Bilder einer Andersjagd in einem anderen Land in meine Tagträume. In der dritten Maiwoche oder wenn das nicht möglich war spätestens in der Blattzeit, musste ein frischer jagdlicher Wind den angestauten Ärger, die Resignation fortblasen. Eine Woche Andersjagd, um die Freude wieder zurückzuholen. Eine Woche jagdliches Kontrastprogramm in einem Land mit wenig Menschen, mit riesigen Feldern und Wäldern, mit tagaktivem Wild und einer Ruhe und Weite, die sich vom hiesigen Menschen- und Hundegewimmel unterscheidet wie der Tag von der Nacht.

Bildquelle: Werner Berens

Brandenburg nahe der polnischen Grenze war das Ziel. Meist im Mai in der zweiten oder dritten Woche fuhren mein Jagdfreund und ich in die waldumrahmte gelbe Weite der Rapsfelder, die grüne Unendlichkeit riesiger Hafer-oder Weizenschläge und die zart blühenden Lupinenfelder neben dunklen Kiefernschlägen. Manchmal fuhren wir auch in der Blattzeit in die dunkel umrahmten, brandenburgischen Waldwiesen, wo der Bock treibt.

Bildquelle: Werner Berens

Dort wechselten am hellen Tag die Sauen vom Wald ins Feld und umgekehrt. Dort sah man eine Woche lang keine Menschen in Feld und Wald. Weite und Ruhe kennzeichnen die Landschaft, duftender Raps bis zum Horizont, statt einer durch zahlreiche Wirtschaftswege zerstückelten, einem Schachbrett gleichenden Kulturlandschaft.

Bildquelle: Werner Berens

Die jährliche Andersjagd war nie Jagd im Sinne von möglichst viel oder ansehnlicher Beute. Gewiss, wir nahmen am Ende unserer Woche einen guten Bock mit nach Hause, aber eben nur einen aus einem Land, in dem wir auch zwei oder fünf hätten schießen können. Die Jagd dort war Einswerden mit der Natur, war Aufgehen in einer Umgebung, indem der Schuss auf den passenden Bock fast schon ein Sakrileg war. Wir saßen auf Sitzen am Waldrand oder in hellgrün leuchtenden Buchenbeständen, auf Sitzen an vom Morgennebel durchwaberten Waldwiesen. Wir hörten  den Fröschen am Teich in der Wiese zu, sahen die Kraniche im Morgennebel über die Wiese staken und freuten uns an äsendem Rehwild, hinter dem der Fuchs vorbei schnürte. Nirgendwo waren Laute zu hören, die irgendetwas mit Menschen, mit Verkehr zu tun gehabt hätten. Keine Spaziergänger, keine Hunde, keine scheelen Blicke, kein halblautes Gemosere und keine Zettel an der Windschutzscheibe. Keine Menschen außer uns, dafür Vögel aller vorkommenden Arten, die im Frühjahr ununterbrochen sangen. Gelegentlich hörte man Rehwild schrecken, wenn die Sauen oder die Wölfe unterwegs waren.

Bildquelle: Werner Berens

Ich erinnere mich eines Abends, als im noch hellen Licht der Dachs vor meinem Sitz auftauchte, kurze Zeit später gefolgt vom Fuchs.

Bildquelle: Werner Berens

Als es dann dämmerte, trat das Rehwild auf das weite Lupinenfeld und 300 m weiter an der Waldkante entlang ein Rudel Hirsche.

Bildquelle: Werner Berens

Eine Rotte Sauen fegte aus dem Wald und verschwand in den Lupinen, gelegentlich konnte man an der Bewegung der Pflanzen sehen, wo sie gerade waren. Am anderen Feld spielten die gestreiften Frischlinge auf der Schussschneise, kamen neugierig bis vor meine offene Kanzel, sahen kurz zu mir hoch und spielten noch eine Weile weiter, bis sich die Bache aus dem Raps schob und sie einsammelte.
Unsere Andersjagd in diesem Land ohne Menschen- und Hundegewimmel war ein Schauen, ein Hören, ein Zur-Ruhe-kommen. Der Kontrast zur heimischen Jagd, die Stunden auf dem Sitz, das Sich-nicht-satt-sehen-Können an diesem Natur- und Jagdparadies war –für mich jedenfalls- jährliche Neujustierung jagdlicher Eckpfeiler. Wie jage ich, warum jage ich so und nicht anders?

Bildquelle: Werner Berens

Es ist vorbei – leider. Die Reviere unserer Andersjagd waren Keimzelle der ASP auf deutschem Boden und es ist zu befürchten, dass aus dem vormaligen Paradies eine Hölle wird, dass es vorbei ist mit Dachs, Fuchs, Reh, Hirsch und Sau, die vertraut bei Tageslicht ihren „Geschäften“ nachgehen und dem Jäger durch ihre Anwesenheit mitteilen, dass das Paradies ein solches nur bleibt, wenn sein wohlüberlegter Schuss die Ruhe nicht allzu häufig stört und wenn die Menschenmassen der Ballungsräume die Restnatur nicht überschwemmen.

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Werner Berens

Abb.: Werner Berens beim Fliegenfischen; Bildquelle: Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor (siehe: https://www.kosmos.de/search?sSearch=werner+berens) und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Outdoor-Becher aus Emaille. Die Kontaktmail für Anfragen befindet sich im Weblog-Impressum.

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