von Thomas Raak
Der Winter verabschiedet sich langsam und dem Angler beginnt es in den Fingern zu jucken. Die heimischen Gewässer sind wieder eisfrei, aber noch recht kalt. Raubfische haben Schonzeit und die Friedfische noch keinen Hunger.

Daher packen nicht wenige Fischverrückte im April Ruten, Rollen und allerhand Utensilien zusammen, um an die Ostsee zu fahren und den ersten großen Fangerfolg des Jahres zu erleben. Mit langer Rute, großem Eimer, Handtuch und Drahtsetzkescher ist der gemeine Heringsangler leicht zu erkennen. Seit Jahren gehören mein guter Angelfreund und ich auch zu dieser Spezies und wir zählten die Tage bis zum Urlaub schon ungeduldig rückwärts.
Das Auto wurde wieder bis unters Dach mit reichlich Angelequipment und etwas Bekleidung beladen und auf ging es nordwärts. Ziel in diesem Jahr waren Rostock und der Ortsteil Warnemünde, mit ihren vielen Häfen und Molen. In den sozialen Medien waren von dort schon die ersten Fangmeldungen und Eimer voller Heringe zu sehen.
Einmal kurz Berlin umfahren, waren wir auch schon an unserem ersten Ziel angekommen: ein gut sortierter Angelladen im Süden Rostocks. Ist die Vorfreude groß, vergehen 4 Stunden Autobahn wie im Fluge.
An der Eingangstür hing ein großer Zettel und es stach das Wort Fischereiabgabe heraus. Mecklenburg-Vorpommern ist also das nächste Bundesland, das Angler noch zusätzlich in die Tasche greift und eine eigene Fischereiabgabe in Höhe von 10 € pro Jahr verlangt. Für das Angeln in Warnemünde benötigten wir den üblichen Küstenschein (12 € die Woche), für den Rostocker Hafen bzw. die Unterwarnow noch eine weitere Angelberechtigung, die ebenfalls mit 10 € für eine Woche zu Buche schlug. Für das Geld müssen aber einige Fische im Eimer landen, dachte ich mir beim Bezahlen.

Als die Ferienwohnung im Ortsteil Warnemünde bezogen war, ging es ans nahe gelegene Wasser, genauer auf die Mittelmole. Zuerst wurde natürlich ein Fischbrötchen erstanden, denn an der Küste schmecken sie am besten, erst recht, wenn sie quasi direkt vom Kutter kommen.
Noch schnell ein Foto von dem leckeren Snack vor passender Kulisse, für die Daheimgebliebenen, geschossen und da wäre er beinahe weg gewesen. Eine gefräßige Möwe stürzte sich auf mich, beziehungsweise mein Brötchen. Dank meiner schnellen Reaktion, die wohl eher dem Schreck zu verdanken war, ergatterte das freche Biest nur einen kleinen Happen Backwerk. Mein Angelfreund und ich staunten nicht schlecht über die Dreistigkeit dieses Federviehs, als sich der nächste Angriff anbahnte. Dieser kam, ganz fies, von hinten über die Schulter. Ich bekam obendrein noch den Flügel an den Kopf geknallt, konnte mein Fischbrötchen aber vor dem räuberischen Angriff schützen. Danach habe ich in Windeseile aufgegessen, da wir weiterhin von allen Seiten beäugt wurden. Warum die gefiederten Rabauken meinen Kollegen und sein Aalbrötchen in Ruhe ließen, weiß ich nicht. War ihnen wohl zu fettig.

An der Kaimauer angekommen, ragte ein riesiger Pott der niederländischen Marine vor uns auf – beeindruckend. Links und rechts von uns standen einige Angler und die Eimer verrieten den Zielfisch: Hering. Es wurden auch einige Fische während unserer kurzen Anwesenheit gelandet, also war der erste Angelspot gefunden.
Da sich die Sonne langsam Richtung Horizont bewegte, gingen wir zurück in unsere Unterkunft und machten die Angeln klar. Aber nicht die großen zum Heringsangeln, doch dazu später mehr…

Am nächsten Vormittag ging es, mit der 3,6 m langen Karpfenrute mit Salzwasserrolle und Heringspaternoster samt -blei, wieder an die Kaimauer der Mittelmole. Wie am Vorabend waren einige Heringsangler und -anglerinnen fleißig beim Werfen, Einkurbeln und Anlanden von Fischen.

Über eineinhalb Stunden lang hatten auch wir fleißig die Angel (bzw. den Köder) ausgeworfen und wieder eingekurbelt. Nur mit dem Fischefangen haperte es erheblich. Mein Angelfreund stellte fest, dass die anderen Angelnden mit anderen Ruten fischten als wir beide. Sie benutzten sehr lange, leichtere Ruten, um möglichst weit bis an die Fahrrinne der Schiffe zu werfen. Wir hingegen konnten zwar nahezu jedes Gewicht mit den schweren Karpfenruten auswerfen, ohne sie zu zerbrechen, aber nicht endlos weit.
Also brachen wir an der Stelle ab und fuhren – natürlich – in einen gut sortierten Angelshop. Ehrlicherweise hatte ich schon tags zuvor mit dem Kauf einer MeFo-Rute geliebäugelt. Diese speziellen Spinruten für die Meerforellenangelei sind länger als normale Ruten, um die Köder sehr weit hinaus in die Wellen zu werfen. Beim Sbirolinoangeln am Forellenteich sind sie ebenso nützlich, da sich das lange Vorfach besser händeln lässt.
Mir gefiel die Daiwa Procaster in 3,6 m und 40-100 g Wurfgewicht und da sie auch noch reduziert war, gehörte dieses Schmuckstück fortan mir. Mein Leidensgenosse griff zu einer MK Adventure mit ähnlichen Werten.

Derart neu ausgerüstet fuhren wir zum nahegelegenen Rostocker Stadthafen und wollten unsere neuen Stöckchen gleich ausprobieren. Am Kai waren ein paar ältere Menschen und fingen bereits erfolgreich die kleinen Silberlinge. Wir stellten uns dazu und testeten die Wurfweiten unserer Neuanschaffung. Nebenbei beobachteten wir unsere Mitangler und deren Methode. Während wir unsere Paternoster weit draußen absinken und aufsteigen ließen, ohne einen einzigen Biss, fingen die anderen direkt vor ihren Füßen.
Mein Freund und ich tauschten vielsagende Blicke aus und wir warfen unsere Köder jetzt in 6-8 m Entfernung in das etwa 2 m tiefe Wasser. Es dauerte nicht lange und ich hatte den ersten Hering am Band. Schnell abschlagen, Schuppen von den Händen wischen und weiter geht’s. Ich will hier keineswegs abwertend von „Rentnerangeln“ schreiben, aber es war total entspannt: Das Heringsblei mit leichtem Schwung in Richtung Wasser pendeln, absinken lassen und langsam einholen. An gespannter Schnur das Blei über den Grund schleifen und ab und an mal hüpfen lassen. Bamm, kam der Einschlag und ein oder manchmal gleich zwei Fische hingen an den kleinen Haken mit Leuchtperle und Fischhaut. Ich landete sogar ein Triple (3 Heringe auf einmal). Es konnte manchmal so einfach sein.

Nach etwa 2,5 Stunden hatten wir unseren Eimer voll und es ging ans Entschuppen. Etappenweisen schütteten wir unseren Fang in den Drahtsetzkescher und spülten ihn im Wasser zu unseren Füßen ordentlich durch. Jedes Mal stob eine silbrige Wolke aus Schuppen im Wasser auf, ein herrlicher Anblick.

Im Fangeimer war der Anblick nicht ganz so herrlich. Die Fische hatten bereits beim Abhaken, kräftig zappelnd, einiges an Milch und Rogen großzügig verteilt. Unsere Klamotten und Rucksäcke sahen dementsprechend aus. Im Eimer hatte sich dann eine größere Menge dieser Fortpflanzungshinterlassenschaften mit Blut, Schleim und Schuppen vermischt, in der die unteren Heringe lagen. Es wurde eine sehr schlüpfrige Angelegenheit. Beim Ausspülen des Eimers überlegte ich noch kurz, ob wir damit vielleicht neues Leben geschaffen hätten.

In unserer Herberge angekommen ging es ans Schlachten und Putzen, was bei über 80 Fischen schon fast in Akkordarbeit ausartete. Ein Großteil der Silberlinge wurde in einem Behälter mit sehr viel Salz aufgeschichtet, der Rest filetiert, auf Nematoden kontrolliert und sauer eingelegt. In der Pfanne brutzelten auch einige Fische zusammen mit Speck, Knoblauch und Zitrone.

Am nächsten Tag ging es direkt wieder zum Stadthafen und der Eimer wurde erneut voll. So konnten wir uns ab Nachmittag einem anderen leckeren Flossenträger zuwenden.

Rezept für „Saure Lappen“ bzw. eingelegte Heringe nach nordischer Art
Zutaten:
8-10 Heringe
200 ml Apfelessig
etwas Wasser
1 Zwiebel
1 EL Zucker
2 EL Salz
5-6 Lorbeerblätter
1 TL Pfefferkörner
1 TL Pimentkörner

Zubereitung:
Heringe filetieren und auf Nematoden kontrollieren (man kann die Fische auch etwa eine Woche einfrieren, worunter aber die Konsistenz leidet).
Zwiebeln in dünne Halbringe schneiden.
Pfeffer und Piment mörsern
Essig mit Zucker und Salz vermengen, je nach Geschmack bzw. Säure Wasser zugeben
Die Filets mit den Zwiebeln, Lorbeer, Pfeffer und Piment in eine Schüssel schichten und mit dem Essigsud übergießen, bis alles bedeckt ist.
Über Nacht abgedeckt in den Kühlschrank stellen
Am nächsten Tag die Haut von den Filets abziehen (sollte sich leicht ablösen) und mit den Zwiebeln servieren.

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