Dornhaie, die Hunde des Meeres

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Manche Fische werden erst durch eine geschickte Umbenennung gesellschaftsfähig. Wer heute in einem britischen Pub Fish ’n’ Chips bestellt und dabei genüsslich in seinen Rock Salmon (Felsenlachs) beißt, verzehrt oft, ohne es zu wissen, einen der markantesten Räuber unserer Küstengewässer.

Abb.: Fish ’n’ Chips; Bildquelle: Wikipedia

Die Geschichte des Dornhais  (Squalus acanthias) ist eine Geschichte des Rebrandings. Um die gewaltigen Mengen an Beifang der industriellen Schleppnetzfischerei an den Mann zu bringen, erfand man weltweit klangvolle Namen, die das Wort „Hai“ zu vermeiden. In Australien serviert man verschiedene Haiarten als Flake, in den USA landen sie als neutraler Whitefish oder Steakfish in der Pfanne, und die Franzosen verspeisen Hai als Saumonnette.

Besonders  waghalsig ist die italienische Bezeichnung Vitello di mare, das „Kalbfleisch aus dem Meer“. Auf der Iberischen Halbinsel wiederum ist der Dornhai (dort oft Mielga oder Cazón) tief in der „Arme-Leute-Küche“ verwurzelt. In Gerichten wie Cazón en Adobo wird er (oder der Hundshai) in einer kräftigen Marinade aus Essig, Oregano und Kreuzkümmel gebadet – eine kulinarische Notwendigkeit, um den strengen Ammoniakgeschmack zu bändigen.

In heimischen Fischgeschäften begegnen wir dem Dornhai oft unter dem klangvollen Namen Seeaal oder Königsaal. Die wohl kurioseste deutsche Tradition sind jedoch die Schillerlocken. Als man Ende des 19. Jahrhunderts begann, die Bauchlappen des Hais zu räuchern, rollten sich diese charakteristisch ein. Ein geschäftstüchtiger Fischhändler sah darin eine frappierende Ähnlichkeit zu den Locken des Dichterfürsten Friedrich Schiller. So wurde aus einem einfachen Nebenprodukt eine Hommage an die deutsche Klassik – Marketing par excellence.

Abb.: Schillerlocke; Bildquelle: Wikipedia

Bevor der Dornhai die Speisekarten eroberte, beleuchtete er unsere Nächte. Seine Leber lieferte den Küstenbewohnern ein billiges, wenn auch geruchsintensives Lampenöl. Gemeinsam mit dem Premium-Produkt Waltran wurden beide in der Mitte des 19. Jahrhunderts vom Kerosin verdrängt. Immer noch werden die Leberöle vieler Haiarten für Kosmetik und in der modernen Medizin als Wirkverstärker für Impfstoffe verwendet.

Der Dornhai ist eine Erscheinung von schlichter Eleganz: Ein schlanker, langgestreckter Körper mit spitzer Schnauze, dessen Rücken in Tönen von Dunkelgrau bis Braun gefärbt ist weißen Flecken aufweist. Namensgebend sind die zwei spitzen Dornen vor den Rückenflossen, die über eine Furche mit einer Giftdrüse verbunden sind – seine Verteidigung für ein Leben unter Feinden in den Tiefen von 50 bis 200 Metern. Dornhaie werden etwa einen Meter lang und erreichen ein Gewicht von bis zu zehn Kilogramm. Manche Weibchen erreichen eine Länge von bis zu 1,60 Metern.

Abb.: Dornhai  (Squalus acanthias); Bildquelle: Wikipedia

In Alexandre Dumas‘ Roman Die Arbeiter des Meeres (Les Travailleurs de la mer) gibt es atmosphärische Beschreibungen der Meeresfauna, in denen die Hunde des Meeres oft als unheimliche Begleiter auftauchen.
»Der Hai ist der Hund der Tiefe. Er ist das gefräßige Tier, das im Verborgenen lauert. […] Man sieht sie bisweilen in Schulen ziehen, wie eine Meute, die eine Spur verfolgt. Sie haben jene schreckliche Eigenschaft der Hunde: sie jagen gemeinsam. Wo ein Raub ist, da sind sie alle; wo Blut fließt, da versammeln sie sich. Es ist die dunkle Übereinkunft des Abgrunds.«

Dornhaie sind opportunistische Jäger, die wie eine Hundemeute oft gemeinsam zuschlagen. Sie folgen den großen Schwärmen von Heringen, Makrelen und Sprotten und machen vor fast nichts Halt, was sie überwältigen können.

Smoothhound shark swimming sideways underwater with small fish in background
Bildquelle: Dornhai; Bildquelle: KI

In Zeiten, als die Meere noch reicher an Leben waren, traten sie weltweit in gewaltigen Schulen von bis zu tausend Tieren auf. Für die Fischer jener Tage waren sie jedoch kein faszinierendes Naturschauspiel, sondern schlicht die Geißel der Meere oder, wie man in Irland sagte, eine Sea Pest. Die Haie fielen über die Netze her, bissen Löcher in das Garn, um an den Fang zu gelangen, und richteten dabei Zerstörungen an, die weit über ihren eigentlichen Hunger hinausgingen. Spanische Fischer des 19. Jahrhunderts berichteten gar von Mielga-Schwärmen, die so dicht über Sardinenzüge herfielen, dass das Meer regelrecht zu „kochen“ schien.

Trotz seiner eigenen Jagdkünste ist der Dornhai keineswegs sicher im Ozean. Er steht auf dem Speiseplan der Großen: Kabeljau, Seeteufel und sogar Thunfische machen Jagd auf ihn. Auch Meeressäuger wie Robben und Orcas sowie der Riesenkrake gehören zu seinen natürlichen Feinden. Wird er bedrängt, krümmt der Hai seinen Körper zu einem Bogen und setzt seine giftigen Rückenstacheln wie Peitschen gegen den Angreifer ein.

Diese Stacheln – im Spanischen Aguijones genannt – fanden früher eine kuriose Verwendung an Land: Fischer nutzten die getrockneten Dornen als improvisierte Nähnadeln, um grobe Säcke oder Segel zu flicken. Doch selbst im trockenen Zustand war Vorsicht geboten; Restgift in den Stacheln konnte bei Unachtsamkeit schmerzhafte Schwellungen verursachen.

Heute lauert die Gefahr für den Konsumenten jedoch weniger im Stachel als im Fleisch selbst. Als Raubfisch am Ende der Nahrungskette reichert der Dornhai über die Jahrzehnte massive Mengen an Methylquecksilber an. Eine Studie des Instituts für Toxikologie in Kiel verdeutlicht die Brisanz: Bereits eine Portion von 150 Gramm Schillerlocken kann die duldbare Tagesdosis für Erwachsene um das Zehnfache überschreiten.

Dass die Art heute als gefährdet gilt, liegt auch an ihrer außergewöhnlichen Biologie. Ein Dornhai-Weibchen benötigt rund 23 Jahre, um geschlechtsreif zu werden – und ist dann zwei Jahre lang trächtig, fast so lange wie ein Elefant. Bei nur etwa sechs bis sieben Nachkommen pro Wurf können sich die Bestände nur extrem langsam regenerieren. Nachdem die Population zwischen 1905 und dem Tiefpunkt im Jahr 2001 um über 95 Prozent eingebrochen war, gibt es nun einen vorsichtigen Lichtblick: Schätzungen von Organisationen wie Elasmocean gehen davon aus, dass das Bestandsniveau heute wieder etwa 20 % der ursprünglichen historischen Biomasse erreicht hat. Seit April 2023 ist die gezielte Befischung in EU-Gewässern wieder erlaubt, da sich die Bestände laut wissenschaftlichen Gutachten stabilisiert haben.

Abb.: Inspiration aus einem Buch, welches ich am 1. Juli 2006 erwarb. Famoses Lesezeichen für große Jungs, oder?; Bildquelle: KRAUTJUNKER

Ein fragiles Comeback für den rastlosen Jäger der Küstenmeere mit seinen markanten Dornen. Es bleibt zu hoffen, dass wir ihm künftig mit neuem Respekt begegnen – nicht nur als Lieferant für Delikatessen, sondern als faszinierendem Überlebenskünstler und unverzichtbarem Taktgeber unseres Ökosystems. Sein Erhalt sichert das fein abgestimmte Gleichgewicht der Meere, von dem letztlich auch wir Menschen abhängen. Wenn wir heute auf das weite Blau des Atlantischen Ozeans blicken, dürfen wir uns freuen: Die Hunde des Meeres patrouillieren wieder in ihren Revieren.


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