von Werner Berens
Da ist sie wieder, die Versuchung und/oder Hoffnung durch Erklärung, Beweis, Erfahrung etwas zu bewegen, was unbeweglich ist. Regelmäßig befällt sie den internetaffinen Facebooknutzer mit Jagd- und Fischereischein, also kurz mich: Ein lästiger Gedanke ist das. Man könnte, sollte erklären, aufzeigen, hinweisen. Doch Einstein soll behauptet haben: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“. Stimmt, aber der Mensch ist schwach. Wenn er liest, dass Wölfe in der Kulturlandschaft zur Rettung der Natur unerlässlich sind, dass Füchse die Mäusepopulation des gesamten Erdballs in Schach halten und Waschbären süß sind, dass Rehe und Hirsche ihre Zahl selbst regeln, Wildschweine sich um so stärker vermehren, je mehr von ihnen erlegt werden, vergisst er Einsteins Feststellung womöglich vorübergehend. Das mit der Vermehrung durch Bejagung gilt Übrigens für alles, auf das Jäger schießen, außer für das, auf das sie nicht oder nur bei ausreichend vorhandener Zahl schießen. Hasen stehen auf der roten Liste, weshalb man ihre Vermehrung nicht fördern darf, indem man darauf schießt. Ach so. Aber da gibt es unverständige Jäger, die gar nicht wissen, wie Natur funktioniert. Ihr Einwand, dass Hasen in Deutschland ebenso wie Elefanten in Afrika nicht gleichmäßig verteilt seien, gilt nicht. Es sind insgesamt zu wenige da… basta! Sollen doch die zu vielen Hasen um Soest herum nach Brandenburg auswandern, wo zu wenige sind und die zu vielen Elefanten von Botswana nach Marokko oder Somalia. Und erst die Füchse. Zwar wird in diversen Untersuchungen darauf verwiesen, dass Füchse nur zu ca. 4% die Mäusesterblichkeit beeinflussen, aber was macht das schon. Sie fressen schließlich Mäuse, und wen interessiert, was sie sonst noch fressen.

Ja, und wenn überhaupt auf unsere tierischen „Mitbürger“ geschossen werden soll, dann soll das gefälligst nicht Jagd heißen, sondern Management… durchgeführt von bezahlten Managern mit Gewehr und Nachtsichtzieloptiken wie in Genf. Die unter diesen Umständen erlegten Tiere sterben freudig im Einverständnis mit der Notwendigkeit ihres Todes, weil er von einem Berufsjäger herbeigeführt wird, der eine traurig machende Pflicht ohne jede Freude über den Jagderfolg erfüllt. Reine Pflichterfüllung, Selbstkasteiung, ein Hang zur Melancholie und Trauer über den morbiden Charakter seiner Tätigkeit lassen ihn diesen Beruf wählen. Spaß, Freude über gelungene Jagd kennt er nicht, denn das ist dem Hobbyjäger vorbehalten, der eben – ganz anders als der Berufsjäger – aus Lust am Töten auf Tiere schießt… ebenso wie jeder Autofahrer, der das nicht beruflich tut, aus Lust am Benzinverbrennen Auto fährt. Kurz: Der Berufsjäger schießt aus reiner Pflichterfüllung und der Hobbyjäger aus Lust, was unmoralisch ist. Ob Tiere sterben, wie sie sterben und warum sie sterben ist für die Tierfreundin und ihren Partner nicht so wichtig. Wichtig ist, dass ihr Sterben moralisch vertretbar ist. Bei Wölfen ist das so, bei der sur plus killing „Orgie“ auf der Schafweide ebenso wie der Exitus des letzten Rebhuhns durch den Fuchs. Der Wolf darf Pferden bei lebendigem Leib den Hintern wegfressen. Aber der gemeine Jäger schießt unmoralisch, denn lustbetont. Es sei denn, er ist Berufsjäger, dann schießt er gramgebeugt.
Aber im Grunde sind das ja überflüssige Gedanken. Die Natur regelt sich selbst. Das hat sie zur Zeit des Homo erectus schon gekonnt. Wieso sollte das heute anders sein. Es hat sich ja kaum was geändert, außer dass der Mensch, der an allem schuld ist, sich vermehrt hat. Und überhaupt: Warum sollte das, was im Yellowstone Park funktioniert nicht auch in Kleve am Niederrhein oder in Bochum gehen.
Nun zurück zum Anfang: „Man“ könnte anhand von Vergleichen z.b. zwischen Kultur- und Naturlandschaft, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und daraus resultierenden Zahlen beispielsweise zum Einfluss des Fuchses, mit Hinweisen auf simple Argumentationslogik und oben aufscheinende Widersprüche das Ganze im Sinne einer dialektisch generierten Synthese „auflösen“. Aber das setzt voraus, dass Diskutanten grundsätzlich bereit sind, die „Spielregeln“ von Argument und Gegenargument, Fakten und die Möglichkeit, dass der andere zumindest partiell Recht haben könnte, anzuerkennen. Moralisierend eingefärbte Deppenlogik kann das nicht, und so sind wir bei Sisyphus.
Sisyphus, König von Korinth, verärgerte die Götter. Zur Strafe verdammt, musste er im Tartarus, der Unterwelt, einen schweren Stein den Berg hinaufstemmen, nur um zuzusehen, wie er kurz vor dem Ziel wieder hinunterrollt. Und der allseits bekannte Don war hinsichtlich der Lösung seiner vermeintlichen Aufgabe ähnlich erfolgreich. Jäger und im weiteren Sinne auch Fischer heißen heute in Wirklichkeit eigentlich alle Sisyphus oder Don Quichotte, rollen Steine den Facebookberg hinauf oder kämpfen in den weiten Ebenen der Facebookgruppen gegen Windmühlenflügel namens Steffie, Biggi, Gabriella und dergleichen. So und nun beende ich mein larmoyantes Geschreibsel in dem Bewusstsein, das es dort, wo es etwas bewirken sollte, nichts bewirken wird, aber in der Hoffnung, dass Einstein vielleicht doch ein kleines bisschen Unrecht hatte und die Götter ein Einsehen haben und mindestens gelegentlich den Stein für eine Weile auf dem Gipfel liegen lassen.
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Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.
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Anmerkungen

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