Strange Food. Skurrile Spezialitäten. Insekten, Quallen und andere Köstlichkeiten

Buchvorstellung

 

„Das war ein mutiger Mann,
der als Erster eine Auster schlürfte.“
Jonathan Swith

 

Beim Durchschauen einer alten Ausgabe der kulinarischen Kampfschrift Häuptling Eigener Herd (Heft Nr. 10), machte ich eine Entdeckung. Wieder einmal am ich mir vor wie ein einsamer alter Perverser, der zufällig im Kiosk eine Ausgabe von Müllbeutelphantasien findet. Die Freude und Erleichterung, die der Erkenntnis „Du bist nicht allein!“ folgten, waren wunderbar. Initialzündung dieses Erlebnisses bildete die Empfehlung des buchstäblich merkwürdigen Buches Strange Food. Skurrille Spezialitäten. Insekten, Quallen und andere Köstlichkeiten des Autors Jerry Hopkins und des Fotografen Michael Freeman. Es sind die kulinarischen Heldenreisen von unerschrockenen Männern, die ihren Mägen in die Hölle gefolgt und mit Geschichten zurückgekehrt sind.

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Jerry Hopkins, schrieb 20 Jahre als Journalist für das Magazins Rolling Stone und ist unter anderem Autor der Jim-Morrison-Biographie Keiner kommt hier lebend raus. Im Klappentext gibt der Verlag wie folgt Auskunft über diesen Food-Guru:

»Auf seinen Reisen hat er viele unterschiedliche Kulturen kennen gelernt und kommt zu dem Schluss, dass das, was gegessen wird und was nicht gegessen wird, überwiegend eine Frage von Gewohnheit, Geschichte und Lebensumständen ist.

Hat er nicht Recht? Warum empfinden wir einen zubereiteten Tierkopf als ekelhaft, während wir Nieren und Leber in den verschiedensten Variationen zu uns nehmen? Warum gelten Weinbergschnecken und Austern als Delikatesse, während uns der Gedanke an ein Mahl aus Spinnen, Heuschrecken oder Skorpion-Kanapees kalte Schauer über den Rücken jagt?«

Der Fotograf Michael Freeman bekennt in seinen einleitenden Anmerkungen zu Strange Food folgendes:

»Meine geheime Ausbildung genoss ich als Kind auf einem englischen Internat. Ich weiß, dass nur wenige Leser dies nachvollziehen werden, aber das Überleben dort hing entscheidend davon ab, dass man in der Lage war, sich wochenlang nach einem Speiseplan zu ernähren, der sich lose an die Ernährung in viktorianischen Gefängnissen anlehnte.
Der Karrikaturist Ronald Searle (KRAUTJUNKER-Anmerkung: Ein Großer!) hat einmal ein Buch über diese typisch englischen Institutionen herausgebracht, und meiner Meinung nach ist seine Definition des Schulessens unübertrefflich: „das Stück Kabeljau, das jeder Beschreibung spottet“. Es kann keine bessere Bildung des Gaumens geben, um das Unmögliche zu akzeptieren, als die, die ich und meine Mitinsassen genossen, und dafür bin ich, wie wir vor jeder Mahlzeit im Chor anstimmten, „wahrhaft dankbar“.
Als Fotograf kam mir mein katholisches Geschmacksempfinden zugute, als ich vor vielen Jahren die ausgefallenen kulinarischen Gewohnheiten fotografierte, die ich erlebte – größtenteils in Asien, und zwar nicht nur, weil diese Region so etwas wie meine Spezialität wurde, sondern weil die Südchinesen und ihre Nachbarn, besonders in Thailand, Laos und Vietnam, ein größeres Faible für ungewöhnliche Speisen haben als jede andere Kultur, die ich kenne. Und bezeichnenderweise lernte ich Jerry in Bangkok kennen, wo wir entdeckten, dass wir in geschmacklicher Hinsicht viel gemeinsam haben.
Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, aß ich, was Sie auf den Fotos in diesem Buch sehen. Dass der Fotograf die Requisiten behalten oder konsumieren darf, gilt als eine angenehme Begleiterscheinung der Fotografie. Während ein Modefotograf nach dem Shooting vielleicht die Kleider kriegt (oder das Model, wenn er Glück hat), musste ich mich mit den glibbrigen Teilen begnügen. Ja, dazu zählen die Ratten und die Fledermäuse und der Büffelpenis – 75 Zentimeter lang übrigens, wenn er schlaff ist.
Ich bedaure nur, dass der Verleger aus Anstandsgründen einige der besten Stücke weggelassen hat. Sie hätten doch sicher keinen Anstoß genommen an dem Frühstück aus rohem Hackfleisch vom Hund, mit seiner Galle gewürzt, oder? Nach reiflicher Überlegung vielleicht doch.«

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M. F. K. Fisher, eine der geistreichsten Gastro-Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, hat 1942 in ihrem Buch mit dem passenden Titel How to Cook a Wolf geschrieben: „Warum ist es letztlich schlimmer zuzuschauen, wie der Kopf eines Tiers statt einer Hüfte, einem Schwanz oder einer Rippe gekocht und zu unserem Vergnügen zubereitet wird? Wenn wir von anderen Bewohnern dieser Welt leben wollen, dürfen wir uns nicht an unlogische Vorurteile halten, sondern müssen die Tiere, die wir getötet haben, in vollen Zügen genießen.“

Das liest sich ebenso amüsant wie schockierend. Zwischen Deinen Ohren, mein geneigter Leser, erfolgt ein gedankliches Nachbeben, sobald Dir bewusst wird, wie voreingenommen und eingeschränkt Du immer noch angesichts der kulinarischen Möglichkeiten dieses Erdenknödels bist, wo wir doch ständig angehalten werden, die Buntheit dieser Welt in allen Facetten anzunehmen …

„Auf der ganzen Welt sind nicht mehr als ein Dutzend Haustierarten die Hauptnahrungslieferanten“ schrieb Russell Kyle in seinem 1987 erschienenem Buch A Feast in the Wild: „Selbst wenn man die Arten von lokal begrenzter Bedeutung wie den Yak im Himalaya oder das Alpaka in den Anden hinzunimmt, spielen weniger als zwanzig Haustierarten eine wichtige Rolle als Nahrungsquelle. Und doch gibt es auf der ganzen Welt über 200 Arten Pflanzen fressender Tiere von der Größe eines Hasen aufwärts. Warum haben die Menschen anscheinend nie daran gedacht, so viele wilde Tiere gezielt für die Nahrungsmittelproduktion einzusetzen?“

Doch noch werden in allen Regionen der Welt traditionelle kulinarische Traditionen und Tabus gepflegt. So liebt die Landbevölkerung der amerikanischen Südstaaten ihre Klapperschlangensteaks und werden im Westen die als Rocky Mountain Oysters gepriesenen Bullen- und Hammelhoden verspeist. Die Chinesen verspeisen genüsslich Fischaugen, Schweineohren und Hahnenkehllappen, während ihnen Käse Übelkeit erregt. Meerschweinchen sind in Peru zum Essen und nicht zum Schmusen da und vielerorts knabbert man in den Tropen wie selbstverständlich Ameisen, Termiten sowie allerlei andere Insekten. Doch man muss nicht nach Weitwegistan reisen, um sich zu grausen. Im ostwestfälischen Lippe leben wüste Naturen, die nicht davor zurückschrecken, eine als Pickert benannte Abart des Pfannkuchen mit Leberwurst zu verzehren. Höchstselbst habe ich als Student (und selten Studierender) in den Katakomben der Leipziger Mensa Sättigungsbeilagen serviert bekommen, die nur der Hunger rein- und der Ekel runterwürgte. Euphemistisch als Broiler bezeichnete Käfighühner, bleich zerkocht in einem roten Gemantsche, welches auf den Namen Letscho hörte und an die Requisite aus einem Alien-Film erinnerte. Urwaldbewohner, die sich halbnackt um einen Affenfleischeintopf versammeln, pflegen eine kultiviertere Tafel.
Sicher ist nur eines: Was in den Küchen des einen Landes Abscheu erweckt, wird in einem anderen als Leckerei serviert.

So ist die Bandbreite dessen, was Menschen im Laufe der Geschichte auf diesem Erdenknödel mit Genuss verspeisten, gewaltig. Aller Voraussicht nach wird es so kommen, dass sich auch in Deutschland das Spektrum dessen, was auf die Teller kommt, immer weiter vergrößern wird.
Mittlerweile reisen massenhaft Landsleute mit normalen Einkommen durch die hintersten Winkel der Welt, schauen dort neugierig in die Töpfe und besorgen sich, zurück in der kalten Heimat, über das Internet die unwahrscheinlichsten Nahrungsmittel.
Zum anderen bringen auch die Hunderttausende von legalen und illegalen Einwanderern nicht nur ihre befremdlichen Sitten, sondern auch ihre seltsamen Essgewohnheiten ins Land.
Schlussendlich liefern liberale Naturforscher und Umweltschützer kluge Argumente, wie sich bedrohte Arten durch die Anwendung marktwirtschaftlicher Gesetze schützen lassen: Sobald es einen legalen Markt für das Verspeisen seltener Pflanzen und Tiere gibt, werden diese kommerziell aufgewertet. Dies bietet Unternehmern Anreize, gefährdete Arten zu züchten und zu vermehren, um damit Geld zu verdienen. Eigentlich logisch, denn wenn man möchte, dass jemand, der einen nicht liebt, etwas für einen macht, muss er davon überzeugt sein, dass es sich für ihn auszahlt.
Warum sich so viele Umweltschützer noch vor dieser Erkenntnis sperren? Meiner persönlichen Vermutung nach ist es für verunsicherte Menschen beglückender, sich Verbote, Steuern und andere Enteignungen ihrer Mitmenschen auszudenken, als sich auf das Abenteuer rationalen Denkens einzulassen. Schließlich können sie durch die Gewährung von Freiheit keine Macht ausüben.

Zurück zu den wilden Küchen dieser Welt. Jerry Hopkins hat auf seinen Reisen nahezu alle kulinarischen Vorbehalte abgelegt, »von gedünsteten Wasserwanzen, gebratenen Heuschrecken und Ameisen bis zu Spatz im Pfännchen, gegrilltem Büffel und einem Krokodilcurry. In Mexiko habe ich frittierte Bullenhoden gegessen, lebendige Shrimpsushi auf Hawaii, über einem offenen Holzfeuer gekochte Mäuse in Thailand, Schweinemagensuppe in Singapur, Wasserbüffelhackfleisch und Yakbuttertee in Nepal, kurz gebratenen Hund und „Fünf-Penis-Wein“ in China und in Vietnam das gekochte Blut verschiedener Tiere genossen. Die Liste ließe sich fortsetzen und in den folgenden Kapiteln teile ich einige dieser Erlebnisse mit, zusammen mit einigen Rezepten.«

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Das Buch ist unterteilt in folgende Kapitel voller Farbfotos und Rezepte:

  • Säugetiere
    Hunde & Katzen / Pferd / Ratte & Maus / Fledermäuse / Primaten & anderes Buschfleisch / Bison, Wasserbüffel & Yak / Wal / Innereien / Ohren, Augen, Nasen, Lungen, Zungen, Lippen, Zahnfleisch, Drüsen & Füße / Genitalien / Menschenfleisch
  • Reptilien & Meereslebewesen
    Schlange / Echsen / Alligator & Krokodil / Frosch & Kröte / Hai / Kugelfisch / Quallen / Schnecken / Würmer / Fischeier
  • Vögel
    Strauß & Emu / Singvögel & Tauben / Vogelnester / Balut [Enten- oder Hühnerembryos]
  • Insekten, Spinnen & Skorpione
    Heuschrecken / Ameisen & Termiten / Spinnen & Skorpione / Käfer / Grillen & Zikaden /Schmetterlinge & Falter / Fliegen & Libellen
  • Pflanzen
    Giftpflanzen / Blüten / Kakteen / Durian [„schmeckt wie der Himmel und stinkt wie die Hölle]
  • Reste
    Blut / Lebendig & fast lebendig / Vergorene Nahrung / Gefälschte Nahrung / Gold, Silber & Perlen / Erde

Ist das alles nicht ohne Risiko? Aber ja, doch denken Sie an den Menschen, der als Erster eine Auster kostete. Probieren hat nicht nur etwas mit Essen zu tun, es ist ein Abenteuer. Leutnant Frank Drebin, der Spezialspezialist von der speziellen Spezialeinheit in Die nackte Kanone, hat gewusst, was man Bangemachern antworten soll: „Man geht schon ein Risiko ein, wenn man morgens aufsteht, über die Straße geht und seinen Kopf in einen Ventilator steckt!“
Mahlzeit!

 

***
KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

*

Der Titel ist aktuell vergriffen. Gebrauchte Exemplare kann man für schmales Geld bei www.buchhai.de erwerben. Am besten die ISBN von Amazon kopieren und in die Suchmaske bei Buchhai eingeben.

Strange food. Skurrile Spezialitäten

Titel: Strange Food. Skurrile Spezialitäten. Insekten, Quallen und andere Köstlichkeiten

Autor: Jerry Hopkins -> http://www.jerryhopkins.com/

Fotograf: Michael Freeman -> http://www.michaelfreemanphoto.com/

Verlag: Komet (2001) -> https://www.komet-verlag.de/

ISBN: 978-3898361064

* 

Rezension in FAZ: http://www.faz.net/aktuell/sport/essen-wurmragout-quallensalat-und-andere-koestlichkeiten-130977.html

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Luisa sagt:

    Mein Lieblingszitat, wie schön! 🙂

    Gefällt mir

    1. KRAUTJUNKER sagt:

      Liebe Luisa, Dein Lieblingszitat habe ich auch auf Deinem Blog gefunden. Freue mich schon darauf, was ich noch alles finden werde.

      Gefällt 1 Person

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