Galloway: Modisches Raubein für die Mittelklasse

von Dr. Dr. Michael Brackmann

„Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe!“ Dies ist für alteingesessene Bauern eine Binsenweisheit. Neu war sie offenbar für viele Neubauern in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die sich vornehmlich aus dem gehobenen Mittelstand rekrutierten.

4.1.1

Damals waren viele Ärzte, Juristen, Journalisten oder Manager auf dem Aussteigertrip. Sie drängten aus den Städten aufs Land und erwarben unzählige mehr oder weniger große Klein- und Kleinsthöfe. Die hatte der mittlerweile so richtig ins Rollen geratene Strukturwandel in der Landwirtschaft freigesetzt. Er zwang viele Hofbesitzer in die Rolle des Mondscheinbauern, wie die Nebenerwerbslandwirte spöttisch genannt werden, oder gar zur gänzlichen Aufgabe von Ackerbau und Viehzucht. Die Neueinsteigerbauern mit den weißen Hemden waren mit den modernen, pflegeintensiven Hochleistungskühen überfordert. Das ihnen adäquate Vieh weidete in den Bergen Südwestschottlands, die Galloways.

Für die Schotten sind die Galloways ein uraltes keltisches Erbstück, das mit den weniger als kargen Hochlandbedingungen problemlos fertig wird. Hauptaufgabe der ungehörnten Wuscheltiere mit der dicken Schwanzquaste ist es, die verkrauteten Weiden für die gewinnträchtigeren Schafe zu präparieren. Mit ihrem breiten Maul beseitigen sie Binsen, Quecken, Weiden und andere Gewächse, die von den schwarzgesichtigen Wolltieren verschmäht werden oder für diese unbekömmlich sind. Den Galloways war in dieser Region, wo der Penny noch zählt, ihr Arbeitsplatz sicher. Ausgaben für Kost und Logis fallen bei den nimmersatten Beikrautvernichtern nicht an. Als Extra liefern sie eine beträchtliche Menge Fleisch, das selbst verwöhnteste Gourmets zu Lobeshymnen verleitet. Diese Fleischqualität übertragen die reinblütigen Gallowaykühe auch auf diejenigen ihrer Nachkommen, die einem Seitensprung mit weißen Shorthornstieren entsprossen. Diese Mischlinge sind auch außerhalb der schottischen Grenzen in ganz England unter dem Namen „Blue Grey“ als Mutterkühe wohl geschätzt. Über viele Jahrzehnte sicherte die Produktion solcher Blauschimmel das Überleben der schwarzgelockten Hochländer – bis die Deutschen kamen. Die Entdeckung der raubeinigen Südwestler für die teutonischen Mager-, Nebenerwerbs- und Pferdeweiden löste eine Nachfrage nach Galloways aus, die mit „Boom“ nur unvollständig beschrieben ist. Die ersten Importeure von Galloways mussten sehr lange warten, bis sie das erste saftige, feinmarmorierte Steak von ihren Neuerwerbungen kosten konnten.Sobald ihre ersten Nachzuchten, dem mütterlichen Euter entwöhnt, in die Nähe der Schlachtreiferückten, hagelte es schon lukrative Angebote von Kaufinteressenten. In der Warteschlange standen vor-, hinter- und nebeneinander Hobbybauern, Freizeitcowboys, Gutshoferben und Pferdehalter, alle, die für den üppig wuchernden Grasteppich auf ihren Ländereien eigentlich keine betriebsinterne Verwendung hatten. Die Preise für die bescheidenen Hochlandwiederkäuer kletterten in astronomische Höhen. Die Beschicker der Auktionen in Castle Douglas schüttelten zwar verständnislos die kantigen Häupter, rieben sich aber gleichzeitig die knorrigen Hände, dankbar für den warmen Geldregen aus dem fernen Germany. Jedes Geld wurde gezahlt, wenn die Tiere nur eine gewisse Ähnlichkeit mit den begehrten Galloways hatten. Favorisiert war die Farbe Schwarz (black) mit dem typischen Rostschimmer auf den Locken. Gern genommen wurde aber auch „dun“, ein schmutziges Graubraun, oder „white“ mit den schwarzen Puschelohren. Seltener stand die besondere Schwarzweißscheckung „rigget“ zur Verfügung. Ästheten wählten „belted“, schwarz mit einer breiten weißen Bauchbinde. Zur Abrundung des Angebots waren alle Varianten in rot erhältlich, allerdings nur gegen ein Aufgeld.

Nach kurzer Zeit gab es in Deutschland mehr Galloways als in ihrer ursprünglichen Heimat. Seit 1985 führen sie die Rassenstatistik der offiziell registrierten bundesdeutschen Fleischrinderherden an. Das Verzeichnis der Herdenbesitzer las sich wie ein „Who is who“. Die meisten von ihnen führen wenigstens einen Doktoren- oder Professorentitel, wenn es nicht gerade ein Baron, Graf oder gar ein Prinz ist. Dabei drohte die Rasse durch die Mode zu verkommen. Es wurde, nicht erstaunlich bei den Preisen, eher vermehrt als gezüchtet. Selektion wurde bei den Galloways zum Fremdwort.

Der unaufhaltsam erscheinende Triumphzug der Galloways in Deutschland wurde jäh gebremst durch drei Buchstaben: BSE, die Abkürzung für die unaussprechliche Bezeichnung „Bovine Spongiforme Encephalopathie“. Eine ähnliche Gehirnkrankheit ist im Vereinigten Königreich seit Jahrhunderten bei Schafen unter dem Namen „Traberkrankheit“ bekannt. Sie trat ab 1986 auch bei Kühen auf, was von Journalisten salopp mit „Rinderwahnsinn“ überschrieben wurde. Der Wahnsinn liegt allerdings woanders. Wahrscheinlich verantwortlich für das Drama war unsachgemäß aufgearbeitetes Tierkörpermehl, das die Briten dem Milchpulver für Kälber und dem Kraftfutter für Rinder beimischten. Paradoxerweise waren die ersten in Deutschland registrierten Opfer Galloways und Highlands, Robustrinder, die ihrem Wesen nach auf jegliche Konzentratfütterung gut verzichten können. Sie verdankten die Unheil bringenden Futtergaben dem bereits erwähnten Modetrend, der diese rauen Perlen der Tierzucht eben auch in ahnungslose, jeglicher Sach- und Fachkenntnis bare Hände gebracht hatte. Diese verlangten, zu jeder Jahreszeit rasseuntypisch abgedrehte, pummelige Rundlinge in England kaufen zu können. Entsprechend dieser Nachfrage kredenzten die Züchter ihren exportgeeigneten Schützlingen in den mageren Wintermonaten die schädlichen Mahlzeiten. Letztendlich erschütterte dieser von den Medien begeistert geschürte und in der Verbraucherreaktion an Hysterie grenzende Skandal den deutschen Rindfleischmarkt in seinen Grundfesten, gottseidank nur vorübergehend.

Lang anhaltenden, wahrhaft fundamentalen Schaden erlitt die Rasse in ihrer Heimat gleich zu Beginn des dritten Jahrtausends durch drei andere Buchstaben: MKS! Nicht die Maul und Klauenseuche selbst, sondern die staatliche Bekämpfung ohne Impfung, aber mit rigoroser Keulung vernichtete ganze Herden, die über Jahrzehnte sorgfältigst gehegt und gepflegt worden waren. Mit jeder dieser ausgelöschten Zuchten wurde gedankenlos uraltes schottisches Kulturgut unwiederbringlich ausradiert.

Die Schotten machen nach kurzer Resignation weiter, und auch bei uns gereichten die Krisen den Galloways zum Nutzen. Alle Trendfolger und Modejünger haben sich aus der einst so schicken Tierhaltung zurückgezogen. Es blieben nur die wahren, verantwortungsbewussten Enthusiasten, die ihre Galloways kennen und schätzen, genau wissen, was ihnen gut tut und sie deshalb art- und rassegemäß halten. Bei diesen echten Freunden haben die Mutterkühe aus dem Norden mit dem wuscheligen, schwarzen Pony eine neue Heimat nun auch auf Dauer gefunden. Sie nutzen hier Grenzstandorte, düngen Brachland, weiden Pferdewiesen nach, pflegen Landschaftsschutzgebiete und ermöglichen es schließlich dem deutschen Feinschmecker, sich mit gesund gewachsenem Rindfleisch zu verwöhnen.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

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Titel: Das andere Kuhbuch – 45 Rasseporträts und mehr

Autor: Michael Brackmann

Illustration: Brigitte Forman, Jutta Kaiser-Atcherley

Verlag: Cadmos Verlag

Verlagslink: https://www.cadmos.de/das-andere-kuhbuch.html

ISBN: 978-3-8404-3038-1

 

Erste Leseprobe: https://krautjunker.com/2018/08/02/maasai-rind-die-gottesgabe/

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Der Tierarzt Dr. Dr. Michael Brackmann

https://www.noz.de/lokales/ostercappeln/artikel/453086/tierarzt-hat-die-kuh-fur-sich-entdeckt

http://www.kuh-projekt.de/Buch/kuhbuch.html

 https://www.tierklinik.de/tierspezialist/1932-Brackmann

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