Der englische Gärtner: Gute Vorsätze zum neuen Jahr

von Robin Lane Fox

Mein neues Jahr wimmelt von guten Absichten – sie Vorsätze zu nennen, wäre allerdings zu optimistisch. Ich nehme mir vor, die Dinge, die im Garten anfallen, pünktlicher zu erledigen. Ich nehme mir vor, daran zu denken, die Pflanzen in den Töpfen zu gießen, auch wenn sie mitten in der Wachstumsphase sind. Ich fasse den Entschluss, keine Blumenzwiebeln in braunen Papiersäcken ungepflanzt herumliegen zu lassen. Ich möchte versuchen, Pflanzen, die es brauchen, rechtzeitig hochzubinden und nicht erst am Morgen, nachdem sie umgeknickt sind. Vielleicht schaffe ich es ja sogar, auf Ohrwürmer Jagd zu machen. Ich nehme mir vor, während strenger Frostperioden nicht auf den Rasenflächen herumzuspazieren. Ich möchte daran denken, die Sweet-Williams-Samen auszusäten, damit sie im Jahr darauf blühen, und das in der ersten Juniwoche zu erledigen. Ich nehme mir vor, nicht mit Steinen nach Eichhörnchen zu werfen. Stattdessen werde ich eine neue Eichhörnchen-Falle kaufen und Erdnussbutter als Lockmittel benutzen. Wenn ich ein Eichhörnchen gefangen habe, packe ich es ins Auto und lasse es im Garten des am nächsten wohnenden Parlamentsmitglied frei, das für ein Verbot der Fuchsjagd votiert.
Außerdem möchte ich mich mit den Bedürfnissen eines Gartens auseinandersetzen, der bereits einige Jahre hinter sich hat. Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß sich vieles ganz anders entwickelt hat, als ich es ursprünglich geplant hatte. Die Kletterpflanzen an den Mauern sind größtenteils zu mächtig. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Hainbuchen und Pyrus calleryna >Chanticleer<, die meine Wege säumen, so groß werden und einen solchen Aufwand an Formschnitt brauchen würden. Ich habe nicht erwartet, dass so viele Beetpflanzen in einem derartigen Ausmaß ins Kraut schießen würden. In Bodennähe sind einige der besten kleinen mehrjährigen Pflanzen an Altersschwäche eingegangen, ein Risiko, auf das Gartenbücher nur selten hinweisen. Sämtliche Nelken haben nicht einmal abgewartet, bis sie mittelalt waren, und ich kann kaum fassen, wie viele ich schon ersetzt habe. Ich hatte immer angenommen, Besitzer von Hochtbeeten hätten den Überblick verloren, wenn ihre Beete im Herbst über und über mit feuerroten Zauschnerien-(Weiderösche-)Blüten bedeckt waren. Im vergangenen Herbst bildeten meine eigenen Hochbeete eine flammend rote Zauschnerien-Zone. Die alten Matten niedrigwachsender Phloxpflanzen haben in der Mitte braune Flecken. Ameisen haben einen kleinen Reiherschnabel (Erodium) mit rotäugigen Blüten umgebracht, und irgendetwas hat sich offenbar in der Mitte meines im Herbst blühenden Enzians niedergelassen. Gar nicht denken möchte ich an die herrliche kleine Campanula >Lynchmere<, die sich in einem ganz prächtigen Zustand befand, als ich sie letztes Jahr ausgrub und versuchte, sie zu teilen. Aufgrund der Form ihrer Wurzeln kann sie nicht geteilt werden – und ist eingegangen. Offenbar bin ich nicht der Einzige, dem es nicht gelingt, sie zu vermehren, denn sie ist jetzt aus dem Angebot vieler Pflanzenschulen im Plant Finder verschwunden, dem Führer der „Royal Horticultural Society“ zu „über 70.000 Pflanzen und 640 Stellen, von denen man sie beziehen kann“.
Die bequemste Methode, mit bereits älteren Gärten umzugehen, ist, sie einfach in Ruhe weiterwachsen zu lassen, bis sie senil werden. Das erste Anzeichen reiferen Alters ist gegeben, wenn die Besitzer solcher Gärten verkünden, sie würden nur anpflanzen, was zu ihren Gärten passt. Diese Pflanzen gewinnen dann die Oberhand, und die Besitzer bezeichnen ihren Pflanzenstil als „Wiesen-Look“. Der „Look“ besteht aus zu vielen winterharten Geranien und Baldrianpflanzen sowie aus zu vielen Vergissmeinnicht des Vorjahres, die sich selbst ausgesät haben. Wenn ich in diesem Jahr den Sonnenhut Rudbeckia >Goldsturm< nicht unter Kontrolle bekomme, werde ich behaupten müssen, dass das Beet, in dem er steht schon vor Jahren als Wiese geplant worden war.
Darüber hinaus muss ich mich der Tatsache stellen, dass viele der schlimmsten Eindringlinge Pflanzen sind, für die ich gutes Geld bezahlt und die ich eingeschleppt habe. Lassen Sie sich nie eine nicht näher bestimmte im Herbst blühende Sonnenblume aufschwatzen. Zu dieser Familie gehört unter anderem die zügellose Jerusalem-Artischocke (Topinambur), deren Knollen entsetzlich schwer auszurotten sind. Pflanzen Sie nie eine weißblühende Achillea ptarmica >The Pearl< oder >Perry’s White< in einem Beet, das einen zivilisierten Eindruck machen soll. Als Schnittblumen sind sie hübsch anzusehen, aber die wuchernden weißen Wurzeln widersetzen sich sogar einem Spaten.
Am wichtigsten ist in solchen Situationen Entschlusskraft. Anfänger und Besitzer von neuen Gärten haben, wenn sie mit dem Gärtnern beginnen, ihre Fehler noch vor sich, wohingegen Gärtner mittleren Alters mit den Fehlern leben müssen, die sie selbst verschuldet haben. Versuchen Sie, auf Ihre alternden Kreationen mit dem Auge eines gerade neu eingetroffenen Besitzers zu schauen. Nachdem ich mich auf dieses Wagnis eingelassen hatte, gab ich mehrere skrupellose Schnitt- und Fällungsmaßnahmen in Auftrag. Weg mit den faden, staubigen Platanen und einem mittelalten Walnussbaum, der in zu großer Nähe zum Haus stand und den ich übernommen hatte. Die Hälfte meiner Bäume hätte schon vor Jahren verschwinden können, doch ich hatte vergessen, wie ich mir meinen Garten zu Beginn zurichten musste, indem ich einen ganzen Wald vernichtete. Unterstützt von der Ladeschaufel eines Baggers entwurzelte ich, als ich das Gelände übernahm und erst einmal für Durchblick sorgen und Platz für Wiesen schaffen musste, über einhundert riesige Leyland-Zypressen. Und es ist nie zu spät, das Licht hereinzulassen.
Dass Gärten in Schönheit altern und im Lauf der Zeit einen friedvollen Zustand der Reife erlangen, ist nichts als Wunschdenken. Stillstand gibt es in Gärten nicht, und wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass wir eine Dauerkarte für den Weg des geringsten Widerstands haben. Gärten brauchen in ihrem fünfundzwanzigsten Jahr genauso viel Kontrolle, Strukturierung und Umdenken wie in ihrem dritten Jahr. Die letzten zehn Jahre, in denen im Fernsehen und in umwerfend gut gemachten Zeitschriften das Gärtnern in leuchtendsten Farben dargestellt wurde, haben viele Menschen dazu verlockt, Gärtnern als eine Art ins Freie versetzte Innendekorations-Aufgabe anzusehen, als handle es sich um eine neue Lampe oder einen Sofabezug. Erst wenn einige Pflanzen sterben und andere anfangen zu wuchern, lernen Gärtner, dass der eigentliche Reiz des Gärtnerns darin besteht, dass man nie etwas festnageln kann.
Ich selbst werde mich jedenfalls nie festnageln lassen. Ich habe gelernt, meiner Experimentierfähigkeit zu vertrauen, meinem Vermögen, mich auf Versuche einzulassen, die der Realität mindestens zwei Schritte voraus sind. Ich bin so veranlagt, dass ich in meinem Garten mit viel Aufwand einen neuen Swimming Pool anlegen ließ und prompt jegliches Interesse am Schwimmen verlor. Jahrelang stand der Pool Mutter Natur zur freien Verfügung, und er verwandelte sich in eine dramatische Wildnis aus selbst ausgesätem Sommerflieder und Binsengras. Ernährt werden die Pflanzen mit einer Diät aus ertrunkenen Igeln, die während der Wintermonate auf dem Wasser treiben. Jahrelang hoffte ich, das Wasser würde spontan menschliches Leben hervorbringen. Oder noch besser: Es würde der Beweis gelingen, dass die Bibel recht hat, und aus dem Wasser entstiege mir eine Gehilfin, ein muskulöser Eva-Klon. Jedenfalls würde sie keine Arbeitserlaubnis brauchen.
Bis jetzt hat der Pool allerdings lediglich eine Generation Molche zustande gebracht. Meine aktuelle Vision sieht momentan so aus, dass ich das vormals flache Ende mit klarem, grasfreiem Wasser fülle und in alten Autoreifen weißblühende Wasserrosen darin anpflanze. Sie wissen ja, wie das so ist mit Vorsätzen – mir gefällt die Vorstellung, mich in einen „Künstler der fließenden Welt“ zu verwandeln. Aber wahrscheinlicher ist wohl, dass sich die Wasserrosen zu den nächsten Eindringlingen auswachsen werden, die ich selbst eingeladen habe.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Der englische Gärtner

Titel: Der englische Gärtner – Leben und Arbeiten im Garten

Autor: Robin Lane Fox

Verlag: Klett-Cotta

Verlagslink: https://www.klett-cotta.de/buch/Leben/Der_englische_Gaertner/90548

Titel-Foto: Photo by Erda Estremera on Unsplash

*

Bereits veröffentlichte Leseprobe:
https://krautjunker.com/2018/11/14/der-englische-gaertner-foxit-nach-kirgisien/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s