Das Ideal

Der Jahreswechsel liegt gerade hinter uns und das neue Jahr erstreckt sich weitgehend unschuldig vor uns. Beruflich und privat ist es in der ersten Januarhälfte noch recht ruhig. Gut so, denn die berufliche Jahresendrally und der private Weihnachtstrubel bis hin zur Silvesterfeier steckt uns noch in den Knochen. Und zeigt sich auf der Waage. Viele ziehen jetzt Bilanz der Vergangenheit und planen Neues. Besteht Grund, mit seinem Leben zufrieden zu sein? Was einem dabei durch den Kopf gehen kann, hat einer der größten Schreiber Deutschlands, Kurt Tucholsky, so wunderbar formuliert, dass eigentlich jeder denkende Mensch deutscher Zunge seine Verse auswendig wissen sollte.

 

Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

 

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

kurt-tucholsky

Titelbild mit Villa: Photo by dylan nolte on Unsplash

Kurt Tucholsky (* 1890; † 1935)
schrieb dieses Gedicht 1927

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