Gamsjagd im Wintergebirge

von Leif-Erik Jonas

Tief verschneit liegen Berg, Wald und Tal. Es ist ein trüber Nachmittag Mitte November. Mein Fahrzeug habe ich bei den letzten Häusern eines sonnseitigen Weilers geparkt und nun steige ich in leichtem Flockenfall durch den kirchenstillen Hochwald bergwärts und hinauf zu meiner Jagdhütte. Ich habe mir vorgenommen, drei Tage in der Bergeinsamkeit zu verbringen und auf das winterschwarze Gamswild zu waidwerken – eine höchstens dreijährige Geiß steht noch auf meinem Jagderlaubnisschein.
Zwischen den starken Fichtenstämmen entschwindet ein Rehbock, der bereits abgeworfen hat, meinen Blicken. Bald darauf entdecke ich in dreifacher Büchsenschussentfernung – über einen tief eingefurchten Taleinschnitt hinwegschauend – ein einzelnes Stück Gamswild, das eilig zu einer am Rande eines Kahlschlages gelegenen Salzlecke wechselt. Durchs Spektiv spreche ich es dann als Kitz an und so wird seine Mutter vermutlich im nahen Bergwald stehen.
Weiter geht es hinauf. Einige hundert Steigschritte später zieht zwischen den hohen Fichten eine Rehgeiß mit ihren beiden gut entwickelten Kitzen. So habe ich schon guten Anblick gehabt, bis ich nach reichlich einer Gehstunde die Hüttentür öffne und in den kleinen, gemütlichen Raum hineintrete. Bald lodert im Kamin ein knackendes und prasselndes Feuer, während draußen die Dämmerung ihren blaugrauen Mantel über die Winterwelt legt.

Morgen soll es weiter hinauf ins Gamsgebirge gehen und hinein in ein schroffes Seitental, in das mich bereits vor wenigen Tagen ein Pirschgang geführt hat, bei dem ich guten Anblick von Gamswild hatte. Am Vorabend jenes Tages war ich – so wie heute – zur Jagdhütte hinaufgestiegen. Anderntags war ich schon lange vor dem Tagen auf den Beinen gewesen und mit Schneeschuhen durch raumen Fichten-Lärchen-Wald hinaufgestapft. Als das morgendliche Graulicht die Oberhand über die Schatten der Nacht gewann, erreichte ich die Waldgrenze. Drunten im Tal lag ein Meer wallender Nebel, während mir hier in der Höhe ein traumhafter Wintertag bevorstand.
Weiter ging es über sanft ansteigende Hänge einem rundlichen Almgrat entgegen. Zwischen den letzten Bergbäumen kreuzten sich unzählige Hasenspuren und am Schneeboden saßen zwischen Junglärchen geduckt zwei Spielhahnen. Dann endlich hatte ich den Grat erreicht, überschritt ihn und setzte meinen Weg über kaum merklich abfallendes, plateauartiges Gelände fort. Nach zweieinhalb Stunden des Steigens und Stapfens erreichte ich einen Büchsenschuss vom Grat entfernt schließlich eine scharfe Geländekante, hinter der ein steiler Hang in das enge Gebirgstal abfiel.
Vor mir lag nun eine weite und wilde Gamsheimat. So setzte ich mich auf der Geländekante nieder und hob das Glas an die Augen. Es war kaum zu glauben, doch vorerst bekam ich kein Haar des winterschwarzen Bergwildes in Anblick. Im unbewaldeten Talschluss und dem über der Baumgrenze sich himmelhoch erhebenden Gefels entdeckte ich auch keine einzige Fährte im pulvrigen Weiß. Das jedoch hatte ich aufgrund der hohen Schneelage ohnehin erwartet. Im Waldgebiet hingegen war die Fährtenlage durchaus vielversprechend. Auf einem schmalen Kahlschlag, der mir genau gegenüberlag, und weiter talauswärts – dort, wo eine langgezogene Schrofenwand einen großen Schlag von urigem Gratwald trennt – standen unzählige Fährten.
Sicher eine Viertelstunde oder mehr hatte ich mit dem Glas die schroffe Bergwelt abgesucht, als ich endlich das erste Gamswild in Anblick bekam. Dort, wo der Gratwald in extrem steile, felsdurchsetzte Graslahner überging, äste in einer abgelahnten Furche ein einzelnes Stück des Bergwildes. Genau ansprechen konnte ich es im kargen Morgenlicht auf die Distanz von rund anderthalb Kilometern nicht – aufgrund seiner tiefschwarzen Farbe vermutete ich jedoch einen Bock. Bald darauf entdeckte ich ein zweites, helleres Stück, das schräg oberhalb des anderen am Grat lagerte.
Erst als die Sonne ihre wärmenden Strahlen auf die tiefwinterliche Gebirgswelt warf, kam das Gamswild richtig auf die Läufe und binnen kurzer Zeit hatte ich auf den Lahnern etwa zehn Stücke zusammengezählt. Bejagen ließ sich dieses Rudel jedoch vorerst nicht. Zwar hielt ich es keinesfalls für unmöglich, auf Schussdistanz an das Wild heranzukommen, auch wenn man dazu einen weiten Umweg durch den Gratwald in Kauf nehmen musste. Doch in diesem ausgesetzten Gelände war es schon im Sommer riskant, ein Stück Wild zu erlegen. Im günstigsten Fall wäre die Bergung eine heikle Sache, bei der man sich keinen falschen Schritt erlauben durfte. Nicht unwahrscheinlich wäre es allerdings, dass das erlegte Wild beim unvermeidlichen Absturz entweder übel zerschlagen oder sich an unerreichbarer Stelle im Gefels verkeilen würde. Im Winter darf man so ein Unterfangen gar nicht erst angehen, will man sich nicht in Lebensgefahr begeben.

Abb.: Serviervorschlag des Jagdbuches; Bildquelle: Leif-Erik Jonas

Nein, ich musste warten und hoffen, dass das Gamswild in die Schrofenwand hinabwechseln würde, die rund hundert Meter tiefer und etwas weiter rechts lag. Dann könnte ich es von unten her anpirschen und nach dem Schuss würde das beschossene Wild mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Wand stürzen, sodass ich es gefahrlos bergen könnte. Ich hatte einen ganzen Tag vor mir und war guter Dinge. In der Brunft konnte schließlich viel passieren. Hier heroben auf der freien Geländekante kroch mir die Kälte jedoch allmählich in die Knochen. Deshalb, und weil ich das Wild genauer ansprechen wollte, packte ich meine Siebensachen zusammen, machte mich wieder auf den Weg und stapfte parallel zum Almgrat dem lichten Lärchenwald entgegen. Irgendwo fauchte und grugelte ein Spielhahn wie am sonnigsten Maienmorgen.
Dort, wo der geschlossene Bergwald begann, erreichte ich das Ende eines tief verschneiten Forstweges. Diesem Weg folgte ich nun talwärts, bis ich nach einer Gehstunde an einer Geländekante anlangte, unter der sich ein halbhektargroßer Schlag ausbreitete, sodass man freien Blick auf den Gegenhang hatte. Ich wischte den Schnee von einem Baumstock und setzte mich nieder.
Mir genau gegenüber befand sich nun die reichlich schrotschusshohe Schrofenwand, darunter der große Kahlschlag und finsterer Fichtenhochwald. Über der Wand war der Wald lichter und reichte bis zum hundertfünfzig Meter höher liegenden, mäßig steil ansteigenden Grat hinauf. Dieser Gratwald bestand zu etwa gleichen Teilen aus alten Lärchen und schmalastigen Fichten. Hie und da mischte sich außerdem eine knorrige Föhre ins Landschaftsbild. An einer starkstämmigen Fichte wenig oberhalb der Schrofenwand befand sich eine Salzkiste, die mir ein wertvoller Anhaltspunkt war. Einen Schuss durfte ich erst wagen, wenn das Wild dem Salz nahe war oder – besser noch – es bereits hinter sich gelassen hatte. Links des lichten Waldes stand das Gamswild immer noch dort, wo der Schnee auf den steilen Grashängen abgerutscht war. Das Rudel war in der Zwischenzeit zwar nicht weit, aber zumindest in die richtige Richtung gezogen. Und mittlerweile zählte ich beinahe zwanzig Stücke, die dort drüben das braunwelke Lahnergras ästen.
Nun sprach ich ein Stück nach dem anderen durchs Spektiv an. Der pechschwarze Platzbock war nicht sonderlich alt, trug aber starke Krucken und war ein Mordslackel im Wildbret. Die übrigen Stücke waren Geißen mit ihren Kitzen sowie ein halbes Dutzend Jahrlinge. Eine jüngere Geiß hielt sich zwar etwas abseits des Rudels auf, aber ob diese auch wirklich kein Kitz führte, vermochte ich nicht sicher zu sagen. So kam für mich also nur eine Jahrlingsgeiß infrage, von denen mindestens drei passende im Rudel standen.
Also hieß es nun warten und hoffen, dass das Wild weiterhin in die richtige Richtung wechseln würde. Bald entdeckte ich viel weiter rechts im lichten Gratwald über den Schrofen ein einzelnes Stück Gamswild, das ich durchs Spektiv als Kitz ansprach. Kurz darauf trat dort auch eine mittelalte Geiß hinter den urigen Bergbäumen hervor. Die beiden zogen ohne Hast nach links, und nachdem ich meinen Blick für kurze Zeit in eine andere Richtung gewandt hatte, waren sie wie vom Erdboden verschluckt. Dann erschaute ich auf einem kleinen Kahlschlag, der sich unterhalb der Lahner befand, eine weitere Geiß mit ihrem Kitz. Der Anblick dieser Geiß erfreute mich besonders, denn sie war eine alte Bekannte, der ich im Laufe der Jahre schon oft begegnet war. Sie war leicht wiederzuerkennen, denn durch Steinschlag oder Absturz war ihr linker Stirnzapfen angebrochen, sodass sich die Krucken überkreuzten.
Eine ganze Weile war schon vergangen, bis die ersten Stücke des Rudels einen tief eingefurchten Felsgraben erreichten, der die grasigen Lahner vom raumen Gratwald trennte. Reichlich fünfzig Meter musste das Wild nun noch tieferwechseln, damit ich eine Chance hatte. Nachdem ich vielleicht eine Stunde auf meinem Baumstock verhockt hatte, entschied ich, die Forststraße ein Stück weiter hinunterzugehen. Die Bewegung des Rudels konnte ich auch von dort verfolgen, bekam zudem jedoch Einblick in andere Freiflächen – und wenn es wirklich dazu kommen sollte, dass ich das Rudel anpirschen konnte, wäre mein Weg so schon ein wenig kürzer. Also brach ich auf!

Abb.: Winter auf der Hochalm; Bildquelle: Leif-Erik Jonas

Weit war ich dann noch nicht gekommen, als ich meinen Schritt verhielt, um mit dem Glas nach dem Rudel zu schauen. Und dabei entdeckte ich weiter rechts und tiefer am Hang – doppelt schrotschussweit unter der Salzlecke – ein Stück Gamswild in der Schrofenwand. Während ich den Rucksack ablegte und das Spektiv daraus hervorkramte, zog Nebel ins Tal herein. Im wabernden Dunst bekam ich die Gams zwar noch in die hochvergrößernden Linsen, doch von Ansprechen konnte keine Rede sein. Lediglich erahnen ließ sich, dass ihre Krucken eher kurz waren. Bald darauf sah man durchs Spektiv nur mehr milchiges Weiß und so setzte ich meinen Weg fort.
Schließlich erreichte ich einen Kahlschlag, den der Forstweg quert. Von dort hat man bei klarem Wetter weiten Blick bis hinein in den Talschluss, hinauf in abweisendes Felsgewänd und hinüber zu den Lahnern und der Salzlecke. Nun hingegen verhüllte der grauweiße Gamshüter das Gebirge und so blieb mir vorerst nichts anderes übrig, als abzuwarten. Eine knappe Stunde mochte vergangen sein, bis erste Grate und Gipfel wieder aus dem Nebelmeer ragten. Und bald bot sich mir auch freier Blick auf den Gegenhang. Das Gamswild hatte sich in der Zwischenzeit kaum bewegt und die Vorhut des Rudels lagerte am Rande des Felsgrabens. So blieb Zeit, auch die übrigen Freiflächen, Schläge, Geröllhalden und Rinnen abzuglasen. Doch Wild erschaute ich nicht.
Durch die Sonneneinstrahlung gingen drüben auf den Lahnern immer wieder kleine Gleitschneelawinen ab und bald waren die steilen Grashänge mehr welkbraun als schneeweiß. Einmal lösten sich unter dem höchsten Gipfel des Revieres auch etwas größere Schneemassen, zwängten sich durch eine enge Felsfurche und stürzten schließlich einem Wasserfall gleich über himmelhohes Gewänd in die Tiefe.
Es ging dann schon der Mittagszeit entgegen, als wieder etwas Bewegung ins Gamswild kam. Drei Jahrlingsböcke sowie eine eng gestellte Jahrlingsgeiß zogen ohne Hast und immer wieder äsend schräg abwärts, mithin genau in Richtung der Salzlecke. Als sie noch etwa die Distanz eines Schrotschusses von einer Stelle trennte, wo ich den Schuss hätte wagen dürfen, entschied ich, dass es Zeit war, das Wild anzupirschen.

Abb.: Blick in das illustrierte Buch; Bildquelle: Leif-Erik Jonas

Kaum hatte ich den Rucksack wieder geschultert, überschlugen sich die Ereignisse. Zuerst zog erneut Nebel ins Tal herein, ließ mich zögern. Nur kurz darauf wurde das Gamswild schon vom grauweißen Dunst verhüllt und auch mich erreichten die ersten Schwaden. Als ich meinen Blick nun mehr zufällig auf einen langen Kahlschlag richtete, der meinem Aussichtsplatz genau gegenüberlag, erschaute ich mit freiem Auge Tier und Kalb. Diese Gelegenheit wollte ich ungern ungenutzt verstreichen lassen. Ich wusste, dass die Distanz dort hinüber weit, aber vertretbar war, schätzte sie auf etwa 350 Meter. Also zog ich den Entfernungsmesser aus dem Hosensack – doch aufgrund der dünnen Nebelschwaden brachte er kein Messergebnis zustande. So musste die Kugel wohl oder übel im Lauf bleiben, denn leicht verschätzt man sich um einige Dutzend Meter.
Wenige Herzschläge später hüllte der Gamshüter den Schlag und das Rotwild vollends ein. Mein Blick wanderte hinüber auf einen anderen Kahlschlag, der weiter taleinwärts lag. Und dort stand ein einzelnes Stück Gamswild! Während ich das Spektiv einrichtete, wechselte die Gams hinter eine doppelt christbaumgroße Jungfichte. Als die ersten Nebelschwaden auch diesen Schlag umwaberten, zog die Gams aus der Deckung des spitznadeligen Gezweiges hervor – und wenn ich es im Dunst richtig erschaut habe, war es ein Jahrlingsbock.
Der Nebel hielt sich im Tal. Mir blieb nur, abzuwarten und zu hoffen. Doch als sich das Blatt auch in den zeitigen Nachmittagsstunden nicht zu meinen Gunsten wenden wollte, trat ich den weiten Rückweg zur Jagdhütte an. Und weil die Wetterprognose für den nächsten Tag ebenfalls Nebel meldete, verwarf ich meinen ursprünglichen Plan, in der Hütte zu nächtigen. So stieg ich zu meinem Fahrzeug hinab, wo ich im Vergehen des kurzen Wintertages anlangte.
Das war also jener Pirschgang, den ich morgen so ähnlich ein weiteres Mal unternehmen möchte. Vom Schneefall der letzten Stunden erhoffe ich mir, dass die aperen Lahner wieder von knöcheltiefem Schnee bedeckt sind und das Gamswild in die tiefer gelegenen Schrofen ausweicht, wo die Äsung leichter zugänglich ist – und wo das Wild zu erjagen wäre!
Als ich später in meinen Schlafsack krieche, glimmt im Kamin die letzte Glut vor sich hin. Am nächsten Morgen trete ich unter übersterntem Firmament aus der Hütte. Das Thermometer zeigt eisige Minusgrade und immer wieder rauscht in stürmischen Böen der Nordföhn durch die Kronen der alten Fichten und mächtigen Lärchen. Rasch habe ich die Schneeschuhe angelegt und stapfe am Rande eines tief eingefurchten Felsgrabens durch den raumen Hochwald bergwärts. Nachdem ich den Graben hinter mir gelassen habe, ist vom Wind nichts mehr zu spüren. Und wenn ich einmal verschnaufend stehen bleibe, umgibt mich die einsame Stille einer kalten Novembernacht. Dann setze ich meinen Weg durch die märchenhafte Winterwelt fort.
Obwohl meine alte Stapfspur kaum noch zu erkennen ist, ist das Gehen heute ein wesentlich angenehmeres, denn die Neuschneedecke ist dünn und der Altschnee trägt wesentlich besser als vor ein paar Tagen. Bereits nach einer Stunde des kräftesparenden Steigens habe ich die Waldgrenze erreicht. Der östliche Horizont ist schon ein wenig heller und über mir steht eine schmale Mondsichel am Himmel, die kaum merklich Licht spendet. Den Weg hinauf auf den Almgrat erspare ich mir heute und gehe stattdessen gleich zum Wegende hinüber. Hier bläst plötzlich auch der Föhnwind wieder und seine Böen, die Schneekristalle aufwirbeln, erreichen Sturmstärke und lassen mich frösteln, sodass ich bald wärmere Kleidung anlegen muss. Dann geht es weiter den Forstweg hinab. Langsam schält sich der Bergmorgen aus dem Finster der Nacht, rotgolden schimmert der Osthimmel und das vielschattierte Grau weicht bläulichem Schneelicht. Und gerade als es richtig Tag geworden ist, erreiche ich meinen Baumstock.
Ein rascher Blick mit dem Glas auf den Gegenhang zeigt kein Wild. Dann gehe ich den Forstweg noch etwas tiefer hinunter, da der Föhnsturm auf der exponierten Geländekante wenig einladend ist. Als ich kurz darauf einen anderen Aussichtspunkt erreicht habe und das Glas auf Gratwald und Schrofenwand richte, habe ich beidseits der Salzlecke in den oberen Ausläufern der Schrofen auch gleich einige Stücke Gamswild in den Linsen. Rasch lege ich den Rucksack ab und richte darauf das Spektiv ein. Rechts der Salzlecke stehen drei winterschwarze Stücke im steilfelsigen Geschröff. Die unteren zwei sind eine Geiß, die ich nicht genauer anspreche, und ihr Kitz. Über den beiden äst eine Jahrlingsgeiß das welke Berggras, das an Geländestufen freiliegt. Ihre Krucken stehen eng und sind von unterdurchschnittlicher Länge. In der Wildbretstärke fällt das Geißlein hingegen nicht aus dem Rahmen. Es ist also ein Stück, das man erlegen kann, aber gewiss nicht muss – mir wäre es hier und heute jedoch mehr als recht. Nun schwenke ich das Spektiv auf jene Stücke, die links der Salzlecke stehen. Auch dort sind es drei an der Zahl – eine Geiß mit ihrem Kitz sowie ein Bock.
Passend wäre für mich also nur die Jahrlingsgeiß – und auf die will ich es auf jeden Fall probieren! Kurz werfe ich noch einen Blick auf das Gelände. Ich kann nur hoffen, dass das Geißlein etwa dort bleibt, wo es jetzt steht. An diesem Ort auf eine vertretbare Schussentfernung an das Wild heranzukommen, sollte machbar sein. Und wenn das Stück im Feuer liegt, wird es über das extrem steile Gefels herunterstürzen und ohne größere Schwierigkeiten zu bergen sein. Je weiter der Jahrling jedoch nach rechts zieht, desto weiter wird der Schuss. Und je weiter er nach links wechselt, desto kritischer mag sich die Bergung gestalten. Im ungünstigsten Fall könnte er sich gar hinter einem niedergebrochenen Dürrholzstamm oder in einer Felsspalte verklemmen und kaum zu erreichen sein. Es gilt also, keine Zeit zu verlieren.
Während ich mich wieder auf den Weg mache, jagt der tiefschwarze Bock drüben im stiebenden Pulverschnee den Hang hinab und so wird er vermutlich irgendwo einen Rivalen eräugt haben, den er nun durch vereiste Schrofen und verschneite Steilhänge verteufeln will. Um das Rudel gedeckt anpirschen zu können, folge ich weiter der Forststraße, die zunächst taleinwärts führt, sodass die Distanz zum Wild sich stetig vergrößert. Immer wenn ich wieder einmal freien Blick auf den Gegenhang erlange, bleibe ich stehen und schaue nach dem Gamsrudel. Das Wild bewegt sich kaum vom Fleck, tendiert aber nach links.
Weiter geht es. Bald entdecke ich auf der anderen Talseite ein weiteres Stück Gamswild, das am Rande einer in den Hochwald eingefurchten Lahnrinne lagert. Ein rascher Blick durchs Glas zeigt einen jungen Bock, dessen Krucken etwa lauscherhoch sind. Mehr ist auf die Distanz zweier Büchsenschüsse nicht zu erkennen. Und da das Stück ohnehin kein passendes wäre, bleibt das Spektiv im Rucksack.
Schließlich habe ich den Talgrund erreicht. Hier beschreibt der Forstweg eine enge Kehre und führt nun parallel zu einem Gebirgsbach, der um diese Jahreszeit zahm dahinfließt, talauswärts. Weit bin ich danach noch nicht gekommen, als zu meiner Rechten Fichtengezweig raschelt und der Schnee unter den Schritten eines schweren Wildkörpers knirscht. Schon trollt in doppelter Schrotschussentfernung ein junger Hirsch – ein dünnstangiger Achter mit kurzen, brandigen Gabelenden – aus einer Jungwuchsgruppe heraus und durch hochstämmigen Fichtenwald hinauf. Dann verhofft er halb von einem modrigen Baumstock verdeckt und äugt eine ganze Weile zu mir herab, bevor er über eine Geländekante meinen Blicken entschwindet.
Nur ein paar Dutzend Stapfschritte weiter bekomme ich wieder Gamswild in Anblick. Einige hundert Meter rechts der Salzlecke steht ein einzelnes Stück im lichten, verschneiten Gratwald oberhalb der abweisenden Schrofen. Da es an dieser Stelle ohnehin kaum zu erjagen wäre, verschwende ich keine Zeit damit, es durchs Spektiv anzusprechen.
Jener Abschnitt des Geschröffs, in dem sich das kleine Gamsrudel aufhält, wird etwa seit der Kehre durch einen bewaldeten Geländerücken überriegelt. Bald bin ich jedoch so weit gekommen, dass ich zwischen den Wipfeln des Waldrückens die erste Gams des Rudels erschauen kann. Da mich nun nur mehr die Distanz zweier weiter Büchsenschüsse vom Wild trennt, darf ich es nicht riskieren, ungedeckt weiterzugehen. Also verlasse ich die tief verschneite Forststraße, schlage mich durch einen Jungwuchsstreifen und setze meinen Weg schließlich im Bachbett fort. Auch hier herunten im Talgrund rauscht immer wieder eine starke Windbö durch die Kronen der alten Bergbäume und lässt sie schwanken, sodass ich gewarnt bin und weiß, dass heute bei einem weiten Schuss auf die Windverhältnisse besonders achtzugeben ist.
Dann erreiche ich einen Schottergraben, der vor dem Waldrücken liegt und rechtwinklig ins Bachbett mündet. Diesen Graben will ich nun hinaufsteigen. Und da ich dazu zuerst den Bach queren muss und die Bindung der Schneeschuhe nicht nass werden und gefrieren soll, schnalle ich die Schneeschuhe ab und binde sie auf den Rucksack – später, im steilen Gelände, wären sie schließlich ohnehin hinderlich.
Den Graben bin ich dann erst ein kurzes Stück hinaufgestiegen, als ich im darüber liegenden Gefels zwei Stücke Gamswild entdecke – Bock und Geiß scheinen es zu sein. Auch hier will ich keine Zeit mit Ansprechen vertun und setze meinen Weg fort. Bald verlasse ich den Schottergraben und steige den steilen Waldrücken hinauf. Hier im Hochwald ist die Schneedecke nicht besonders hoch und das von den alten Fichten heruntergetropfte Schmelzwasser und die folgende Kälte haben die Schneeoberfläche eisig hart gefrieren lassen. So will jeder Schritt mit Bedacht gesetzt sein. Dann erreiche ich einen breiten Wechsel, der schräg über den Hang hinaufführt und das Steigen erleichtert.
Seit dem ersten Anblick des Gamswildes ist schließlich schon mehr als eine Stunde vergangen, bis ich mich dem Grat des Waldrückens nähere. Und weil sich hinter diesem Grat ein Kahlschlag und Fichtenjungwuchs anschließen, erlange ich nun zwischen den hohen Fichtenstämmen mit jedem Schritt besseren Blick hinüber in die Schrofen, in denen das Gamsrudel hoffentlich noch steht. Immer setze ich nur zwei, drei Schritte auf den eisigen Schnee, spähe mit dem Fernglas zwischen den Fichten hindurch, um dann wieder ein paar wenige Schritte zu tun.
Endlich habe ich rechts der Salzlecke ein Stück Gamswild im Glas – das Rudel ist in der Zwischenzeit also nicht fortgewechselt. Ein, zwei Dutzend Pirschschritte muss ich allerdings noch uneräugt hinter mich bringen, denn aus liegender Position würde der rundliche Waldgrat das Geschröff nach wie vor überriegeln. Also setze ich mit aller Vorsicht immer dann einen Schritt in den Schnee, wenn die Gams ihr Haupt zum Äsen am Boden hat. Bald entdecke ich neben ihr ein zweites Stück und schrotschussweit links der Salzlecke ein halbes Dutzend weitere. Zu Letzteren geben mir vier Fichtenstämme, die versetzt hintereinander gewachsen sind, gute Deckung, sodass ich nur auf die beiden anderen Stücke zu achten habe. Dann endlich habe ich eine geeignete Schussposition erreicht, lege Bockbüchsflinte und Rucksack auf den hart gefrorenen Schnee und richte das Spektiv auf die beiden rechten Stücke ein. Das untere ist eine ältere Geiß, die allem Anschein nach kein Kitz führt. Das obere ist eine Jahrlingsgeiß – doch wohl kaum jene, die ich bereits von der anderen Talseite in Anblick bekommen habe. Die Krucken dieses Geißleins sind länger, aber gerade noch kurz genug, um den Abschussrichtlinien zu entsprechen. In der Wildbretstärke scheinen sich die beiden Jahrlinge jedoch annähernd ebenbürtig zu sein.
Die übrigen Stücke werden immer noch von den vier Fichten verdeckt. Um auch sie genau anzusprechen und vielleicht den kurzkruckigen Jahrling zu entdecken, müsste ich also einige Bergstocklängen weiter den Waldgrat hinauf – und ob ich dabei uneräugt bleiben würde, ist fraglich. Deshalb, und weil der bessere Jahrling an einer äußerst günstigen Stelle steht, wo er nach dem Schuss mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit aus dem Geschröff stürzen und hernach ohne Schwierigkeiten zu bergen sein wird, will ich nun nicht lange herumfackeln und entscheide mich zum Schuss.
In diesen Augenblicken zieht die Jahrlingsgeiß jedoch einige Schritte nach rechts und wird bald vom nadellosen Gezweig einer einzelnen alten Lärche übergittert. Mir bleibt also Zeit, eine gute Auflage zu richten. Das gestaltet sich dann allerdings gar nicht so einfach. Denn obwohl der Schusswinkel nicht übermäßig steil ist, ist die Vorderschaftauflage – der Rucksack und meine zusammengeknüllte Jacke – etwas zu niedrig, um liegend in die verschneiten Schrofen hinaufzuschießen.
Deshalb schlage ich mit den Händen den eisigen Schnee unter meinem Oberkörper weg. So liege ich zwar etwas tiefer, doch wirklich ideal ist der Anschlag immer noch nicht, da ich den Hinterschaft einfach nicht richtig in die Schulter ziehen kann und damit rechnen muss, dass mich beim Schuss das Zielglas an der Augenbraue treffen wird – da sein Okular jedoch durch einen Gummiring gepolstert ist, mache ich mir darüber wenig Gedanken. Und nachdem der Hinterschaft auf einer zusammengelegten Decke gebettet ist, liegt die Bockbüchsflinte ohnehin äußerst ruhig. Die Jahrlingsgeiß äst immer noch hinter der Lärche umher. Ein paar Schritte muss sie noch tun, um freizuwerden. Die Entfernung dort hinauf beträgt reichlich 230 Meter, ballistisch ist es aufgrund des Schusswinkels etwas weniger – also verstelle ich das Absehen lediglich um zwei Rasten. Dann werde ich hinter den biegsamen Lärchenzweigen etwas oberhalb des Jahrlings einer weiteren Gams gewahr. Ein rascher Blick durchs Spektiv zeigt einen jungen Bock.
Nun zieht die Jahrlingsgeiß endlich ein, zwei Gamslängen weiter. Nur mehr ein einziger Zweig hängt in die Geschoßflugbahn. Ich liege im Anschlag. Wenig später tut der Jahrling einen weiteren Schritt, wird frei und wendet sich spitz von mir fort, um das welke Gras eines aperen Schrofenabsatzes zu äsen. Doch schon bald dreht sich die Jahrlingsgeiß breit und steht etwas ungünstig bergab. Wind spüre ich keinen, das Fadenkreuz saugt sich am Blatt fest und wenige Herzschläge später hallt der schneegedämpfte Schussknall durch das tiefwinterliche Gebirge. Augenblicklich reißt es den Jahrling von den Läufen und sich der Länge nach überschlagend stürzt er über die mit Eiszapfen behangene Schrofenwand herunter und mir aus der Sicht. Das übrige Wild springt den licht bewaldeten Hang ein kurzes Stück hinauf, beruhigt sich jedoch bald und setzt seine Morgenäsung fort.
Nach einer kurzen Weile packe ich mein Zeug zusammen, zerlege die Bockbüchsflinte und verstaue sie im Rucksack. Vom Hochwald führt mich mein Weg nun erst hangparallel in einen tief verschneiten, grasbodigen Graben hinein und dann weiter durch einen schmalen Streifen Fichtenstangenholz. Dahinter schließt sich wiederum ein steilwandiger Graben an, dessen Grund von den überschneiten Geröllmassen eines wenige Jahre zurückliegenden Felssturzes bedeckt ist. Als ich den Rand dieses Grabens erreiche, sehe ich weit oben an seinem jenseitigen Rande – wenig unterhalb der Schrofenwand – neben einigen hohen Fichten schon den Jahrling verendet im kristallenen Pulverweiß liegen. Darüber steht im abweisenden Geschröff immer noch Gamswild und ein scharfer Pfiff tönt zu mir herunter.

Abb.: Schwarz auf Weiß; Bildquelle: Leif-Erik Jonas

Nun kraxele ich den mit christbaumgroßen Jungfichten bestockten und extrem steilen Hang in den Graben hinab, um mich dann dem Graben folgend zu meiner winterschwarzen Beute hinaufzumühen. Als ich schließlich an den Jahrling herantrete und er genau so ist wie angesprochen, bin ich einfach nur glücklich über diesen wunderbaren Jagdtag im Wintergebirge. Nicht die geringe Trophäe zählt hier, sondern das Jagen in dieser rauen Welt, in die seit dem ersten ergiebigen Schneefall kein anderer Mensch seinen Fuß gesetzt hat. Nach einigen Erinnerungsfotos ziehe ich den Jahrling hinab in eine nahe Schneemulde, wo ich die Rote Arbeit verrichte. Hernach wische ich den Schnee von einem Baumstock, setze mich nieder und jausne.
Die tief stehende Wintersonne spendet angenehme Wärme, mahnt aber auch, dass Novembertage kurz sind und mir noch ein weiter Weg bevorsteht. Gegen Mittag raffe ich mich daher auf, schlinge dem Geißlein einen kurzen Strick um den Träger und ziehe es über den großen Kahlschlag zum Bach hinunter. Nachdem ich die glucksenden und sprudelnden Wasser gequert habe, schnalle ich wieder Schneeschuhe unter die Bergschuhe und stapfe meine Beute nachschleifend entlang des Forstweges talauswärts. Viel leichter und schneller geht das, als ich zu hoffen gewagt hätte. Bereits nach zwei Wegstunden erreiche ich die weiten Wiesenflächen, die jenen Weiler umgeben, wo ich mein Fahrzeug geparkt habe. Zu einer meiner Rehfütterungen führt hier ein Schotterweg, den ein stets hilfsbereiter Bauer auch im tiefsten Winter möglichst befahrbar hält. Dort lasse ich den Jahrling zurück und hole den Pajero, um meine Beute aufzuladen.

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Zum Autor

Leif-Erik Jonas, Jahrgang 1993, selbständig, passionierter Bergjäger.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Auf schroffen Höhen: Vom Jagen im Gebirge

Autor: Leif-Erik Jonas

Fotos: Leif-Erik Jonas

Verlag: BoD – Books on Demand; 1. Auflage (5. August 2020)

Verlagslink: https://www.bod.de/buchshop/auf-schroffen-hoehen-leif-erik-jonas-9783751977074

ISBN:  978-3751977074

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