Insekten essen: Gebrauchsanweisung für ein Nahrungsmittel der Zukunft

Buchvorstellung von Reiner Grundmann

Weisst Du was ein Palindrom ist? Richtig. Ein Wort oder ein Satz das/den man von vorne und hinten lesen kann wie: „Otto“
Gut. Zu kurz. Aber: Wie wärs mit dem Palindrom:
Hermine − sie mag Ameisen im Reh.
Reh? Mögen wir alle. Aber Ameisen essen? Lass uns ein wenig mehr darüber herausfinden.

Abb.: Larven und Puppen von Ameisen gelten in Südamerika und Asien als Delikatesse; Bildquelle: WebMD

Du hast noch nie Insekten gegessen? Insekten werden bei der Ernte von Rohprodukten mit eingefahren. Sie können bei und nach der Lagerhaltung nie ganz von Insekten befreit werden – es ist schlicht unmöglich. Insektenteile sind zu finden in Obst- und Gemüsesäften, in Marmelade, Tomatenprodukten, Nudeln, Schokolade, Erdnussbutter und Nusscrème.

Die Aufnahme beträgt geschätzt 250 g pro Nase und Person; per anno, bei Vegetariern und Veganern sogar das Doppelte. In den USA hat man sich im Gegensatz zu Europa auch schon näher mit dem Thema befasst.
Was darf in Lebensmitteln an Insekten enthalten sein?
* Erdnussbutter: 30 Insektenteile je 100 g
* Fruchtsäfte (in Dosen): 5 Fruchtfliegeneier und 1 bis 2 Fruchtfliegenlarven pro 250 ml
* Hopfen für Bierherstellung: bis zu 2.500 Blattläuse auf 10 g
* Nudeln: 225 Insektenteile je 225 g, anders formuliert 1 Insektenteil pro 1 g Nudeln.
* Schokolade: 60 Insektenteile pro 100 g
* Weizenmehl: 75 Insektenteile pro 50 g

Diese Grenzwerte wurden nicht aus gesundheitlichen sondern aus ästhetischen Gründen so festgelegt, weil die Insektenteile sonst vom Verbraucher wahrgenommen und als abstoßend empfunden werden könnten.

Was Menschen nie daran gehindert hat Insekten auch pur zu verspeisen. Ein Beispiel aus vielen in dem Buch: bis Mitte des 20. Jahrhunderts war das Verspeisen von Maikäfern in Deutschland und Frankreich gang und gäbe. Man kannte sie gezuckert oder kandiert als Naschwerk.

Ein aktuelles und sogar höchst lebendiges Beispiel, das sogar ich kenne ist Casu marzu.

Abb.: Casu marzu; Bildquelle: Wikipedia

Auf Sardinien in Italien gibt es den berühmten und eigentlich für den Verzehr verbotenen Casu marzu, den wörtlich übersetzt verdorbenen Käse. Also speist man heimlich in Hinterzimmern mit viel Brot und noch mehr Wein.

Dieser Schafskäse erhält seine schleimige Konsistenz und den ausgeprägten Geschmack durch die lebendigen Larven der Käsefliege, die sich darin befinden. Dazu werden Löcher in die Rinde eines reifen Pecorino Sardo gebohrt und dann im Freien aufbewahrt. (…meistens Bruchware aus der Gesamtproduktion wird hier genommen.) Es dauert nicht lange und die Fliegen kommen und legen ihre Eier im Käse ab. Die Maden wachsen heran und ernähren sich vom Käse. So verändern sich Konsistenz und Geschmack.

Wer also glaubt, dieser Käse könne in Cagliari oder Olbia gekauft werden, der irrt. Diesen Käse gibt es nur bei bestimmten Bauern und die sind ein Geheimtipp. Was man isst, ist also Schafskäse, der zu einem großen Teil in Ausscheidungsprodukte der Larven verwandelt wurde. Inklusive der lebenden Larven. Nicht umsonst geht das nur mit viel viel Wein.

Doch sind wir ehrlich – Honig wird weltweit tonnenweise – nämlich 24 Kilogramm pro Kopf und Jahr in Deutschland, auf Brot, im Tee, pur oder als Zutat beim Kochen verwendet – und was ist er anderes als ein Ausscheidungsprodukt der Biene, die diesen mehrfach auswürgt mit Speichel und Enzymen angereichert, und wieder schluckt in den Honigmagen?

Abb.: Riesenwasserwanzen; Bildquelle: WebMD

„Mausi, ich will heut was besonderes kochen, du liebst ja diese knusprigen und knirschenden Delikatessen mehr als ich, ich brauch aber noch ’ne Zutat dafür. Spring doch mal schnell bei der Tanke vorbei und besorg mir noch eine Tüte Glänzendschwarzer Getreideschimmelkäfer, manchmal steht auch Buffalowürmer drauf. Das Zeug is eigentlich für Nachbars Eidechse, aber ich hab das ma probiert, das geht gut im Backofen mit Blätterteig oder in der Pfanne mit Jalapuenos und roter Currypaste.“

Abb.: Glänzendschwarze Getreideschimmelkäfer (Alphitobius diaperinus); Bildquelle: Wikipedia


Wenn Du glaubst, „das is doch Fiktion“: Stimmt. Richtig ist, dass man Glänzendschwarzer Getreideschimmelkäfer als Futter für Fische und Echsen verwendet.

Abb.: Geröstete Vogelspinnen in Kambodscha; Bildquelle: Wikipedia

Hältst Du folgendes Zwiegespräch auch für Fiktion?
„Herr Ober Ich hätte gerne a`la carte, und zwar als Vorspeise: Nachos mit einer Salsa aus Grillen und Cherrytomaten, dann
Seebarsch mit Ameisenkaviar und Crepe suzette mit Seidenraupen-Eis.
„Sir, Seidenraupe ist aus, aber wir können wärmstens ein zweites Hauptgericht empfehlen, das aber auch gut als herzhaftes Dessert gehen kann: Flügellose langhörnige Grashüpfer an frischen Kräutern und Parmesan-Käse.

Nun, ich muss Dich enttäuschen. Das ist nicht das Menü in der Kantine von Raumschiff Enterprise, sondern das bekommst Du genau so im Restaurant Insects in the backyard in Bangkok (siehe: http://insectsinthebackyard.com/), und zwar als Teil eines 6-Gänge Menüs. Dort kannst Du dann auch noch Delikatessen wie den Großen Kolbenwasserkäfer (Hydrophilus piceus) und die Bambus-Raupe degustieren, sie sind Bestandteil der Extra-Karte.

Wenn Du dort isst, kannst Du auch, je nachdem wie Du gestrickt bist, als Beitrag sehen, um die Eiweißlücke zu schließen oder Du genießt einfach die raffinierte Vielfalt der Ingredienzen aus welchen diese bunten und phantasievollen und exotischen Speisen auf der Basis von Insekten kreiert sind.

Abb.: Insekten als Fingerfood; Bildquelle: WebMD

Das Buch Insekten essen von Florian J. Schweigert, erschienen im Verlag C.H. Beck, führt umfassend und für mein persönliches Empfinden zu sachlich in die Thematik ein. Umgekehrt ist es natürlich auch so, dass manches meiner Rezepte, die ich auf KRAUTJUNKER vorstelle, vielleicht als zu unsachlich kritisiert werden dürfte. Ein Einwand, den ich durchaus auch teils nachvollziehen kann, aber zum einen mag ich bildhaft und phantasievoll geschriebene Essays lieber als reine wissenschaftliche Abhandlungen. Zum anderen bin ich noch formbar, aber über weite Strecken leider, manchmal muss man auch sagen, meinen Leidenschaften und Obsessionen verhaftet, welche dann in meine Rezepte einfließen.

Abb.: Witchetty-Maden können mancherorts in Australien abgepackt im Supermarkt gekauft werden; Bildquelle: Wikipedia

Der Autor schreibt: „Meine Mutter war der festen Ansicht, dass Dreck das Immunsystem stimuliert, und so stopfte ich mir als kleines Kind in unserem Garten unter den wohlwollenden Blicken von ihr auch einmal Gras oder einen Klumpen Erdreich in den Mund. Dabei mag ich wohl auch das eine oder andere Insekt – in welchem Stadium der Morphose auch immer – zu mir genommen haben. Meine erste bewusste Begegnung mit Insekten als Nahrungsmittel ereignete sich im Zusammenhang mit einer Mutprobe. Unsere Kinderclique – 12 bis 14-jährige Jungens und Mädchen – hatten an einem Wasserkanal ein Lager errichtet wo wir Rat hielten über Mutproben. Renè, einer der Jungen, brachte eines Tages Mehlwürmer mit. Eine alte Sardinen-Fischdose war schnell organisiert, um die Mehlwürmer an einem kleinen Lagerfeuer darin zu kochen. Die Würmer schmeckten deshalb folgerichtig nach Fisch, also wenig delikat, und von 12 Mehlwürmern schaffte ich nur die Hälfte.«

Meine Erfahrungen mit Insekten, die meiner Verdauung zugeführt wurden beschränkt sich auf wenige Exemplare, die fühlbar bei Fahrradtouren im offenen Mund einschlugen. In diesem Zusammenhang fällt mir wieder die alte Scherzfrage ein:
„Woran erkennt man den freundlichen Motorradfahrer? An den Fliegen zwischen den Zähnen.“

Abb.: Frittierte Heuschrecken auf dem Markt von Agadez, Niger; Bildquelle: Wikipedia

Ich bin einst ein sehr konzentrierter, entspannter und begeisterter Leser von allem gewesen, was technisch, spannend und oder unterhaltsam war. Zu diesem Behufe saß ich oft in der Küche. Meine Mutter, las und ich aß, ohne hinzusehen Rosinen direkt aus der Tüte. Ein kurzer Blick lies mich einer winzigen Bewegung zwischen den Trockenfrüchten gewahr werden. Ich sah mir die Tüte, wenige Zentimeter vor meine Augen haltend, genaustens an. Mit bloßem Auge konnte ich da jetzt nur erahnen, dass da etwas zwischen den Rosinen war, das da nicht hin gehörte. Kurzerhand schüttete ich die Rosinen in ein Glas, das ich zur Hälfte mit Wasser gefüllt hatte. Wie erwartet trennte sich Fremdes von Fruchtigem. Im Glas setzen sich nun die Rosinen am Boden ab und oben schwammen dreierlei Arten von Insekten. Zwei Arten unterschiedlich großer brauner Käferpopulationen – in der Tüte geboren, in der Tüte aufgewachsen und eine Art weißer Würmer von 1,5 bis 2 cm Länge. Gut. Was soll ich sagen? Ich hatte die Tüte schon zur Hälfte leer gegessen. Die Möglichkeit, dass aus meinen Innereien bereits Einladungen an die anderen Verwandten in der Tüte zum Leichenschmaus rausgingen war sehr wahrscheinlich.

Und dann gab es bei meinem Stamm-Mexikaner in Neumarkt/Oberpfalz, der Bodega el Cid , schon Ende der 80er Jahre noch einen Mezcal in einer kleinen Flasche. Darin dümpelte ein Mehlwurm, den man – Kopf in den Nacken – mittrinken konnte. Unter meinen Freunden gab es, wie in fast jeder Clique, den Showman, der den Wurm nicht gleich schluckte. Er ließ ihn zwischen den Lippen hervorschauen, wieder verschwinden und dann wieder und wieder rausschauen.

Einige Mezcal-Marken enthalten eine Schmetterlingsraupe der Art Aegiale hesperiaris (Familie der Dickkopffalter) oder der Art Hypopta agavis (Familie der Holzbohrer) in der Flasche.[4] Diese Raupen werden oftmals als „Wurm“ (spanisch gusano) bezeichnet.; Text- und Bildquelle: Wikipedia

Professionell oder regelmäßig mit Genuß betrieben nennt sich das Verspeisen von Insekten sehr sachlich Entomophagie.

»Entomophagie ist seit Jahrtausenden bekannt. In Asien, Afrika, Australien und Lateinamerika essen über zwei Milliarden Menschen Käfer, Raupen, Bienen, Wespen oder Ameisen. Nicht nur sind Insekten – insbesondere in Entwicklungsländern – eine wichtige Ergänzung zu den kohlehydratreichen, aber proteinarmen Grundnahrungsmitteln wie Reis, Getreide, Kartoffeln oder Maniok, manche von ihnen gelten als wahre Delikatesse.«

Mein Freund, Pastor Asiimwe Tobius aus Uganda, der sich in maximaler Selbstaufopferung in Kampala um dreißig Waisenkinder kümmert, hat Grashüpfer und Heuschrecken als Nahrungsmittel ganz selbstverständlich auf seinem Speiseplan.

Abb.: Assimwe Tobius, Pastor in Kampala; Bildquelle: Reiner Grundmann

Ich hab ihn heute morgen noch einmal inquisitorisch zu dem Thema befragt. Kaufen kann er das Krabbelgetier lebend auf Märkten und Marktstraßen in Kampala, der Hauptstadt. Zu Hause angekommen, reißt er ihnen Flügel und Beine aus, wäscht sie und brät sie in einer Pfanne in Erdnussöl (from groundnuts) dann gibt er Zwiebeln und Tomaten dazu und würzt sie mit Salz. Und – so sagt er – sie schmecken sehr deliziös, besser als Fleisch vielleicht noch. Außerdem isst er Ameisen aus Ameisenhügeln (für mich sehen die Zeichnungen aus, wie Termitenhügel, vielleicht ist es auch das, aber er nennt es weiße Ameisen).

Abb.: Termiten sind in Afrika und anderen Teilen der Welt ein selbstverständliches Nahrungsmittel; Bildquelle: WebMD

Wenn sie alt werden, dann wachsen ihnen Flügel und eines Nachts zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens schwärmen sie von ihren Ameisenhügeln aus. Man nimmt Elefantengras und zündet es an. Die Ameisen fliegen direkt auf das Feuer zu und man kann sie mit der Hand einzeln aus der Luft fangen und im Netz sammeln. Eine weitere effektive Möglichkeit, sie zu fangen ist es, neben dem Ameisenhügel ein kleines Loch zu graben und das Elefantengras darin anzuzünden. Das Erdloch wirkt wie eine Falle, sie fallen hinein und man kann sie auch dort einfach einsammeln. Gebraten schmecken sie ebenfalls vorzüglich – sagt Pastor Asiimwe Tobius.

Und so schreibt folgerichtig Florian Schweigert: »Auch in Afrika, wo sie auf Märkten und am Straßenrand verkauft werden, werden vielerorts Heuschrecken verspeist, wobei ebenfalls den Weibchen der Vorzug gegeben wird, wie in Thailand und Papua Neuguinea.

Abb.: Heuschrecken-Fingerfood; Bildquelle: WebMD

Die Eier, die besonders reich an Protein und Fett sind, werden gern als Suppenzutat verwendet. Laubheuschrecken sind zum Beispiel ein gängiges Essen in weiten Teilen des östlichen und südlichen Afrikas. Im südlichen Afrika ist die Mopane–Raupe (Gonimbrasia belina), die geröstet, gebraten oder geschmort und manchmal auch roh gegessen wird, sehr gefragt und teils sogar beliebter als Fleisch.

Abb.: Eingesammelte Mopane-Raupen; Bildquelle: Wikipedia

Die Mopane-Raupe ist eine Stufe der Morphose zur Kaisermotte, und seit 2001 haben Botswana und Simbabwe schon erkannt, dass eine Übernutzung der Resourcen insbesondere des Bestandes der Kaisermotte absehbar ist und um diese nicht weiter zu gefährden, werden die Mopane-Raupen in Mikrofarmen gezüchtet, um Natur und Nahrungsangebot zu schützen.«

Und um mal etwas ganz sachlich zu der wirtschaftlichen Bedeutung von Insekten auf dem Weltmarkt zu sagen, hier nur die Mopane Raupe betreffend, also ein kleines Fenster im Gesamtvolumen. Es werden 10 Milliarden Mopane Raupen gesammelt und erzielen einen Umsatz von 85 Millionen US Dollar.
»In Namibia verpachten Bauern die Mopane–Bäume saisonal an Wanderarbeiter. Die Sammler können je Tag etwa 18 Kilogramm der Raupen einsammeln und damit ein Einkommen erzielen, das viermal höher ist als das Durchschnittseinkommen des Landes.«
[gekürzt / angepasst]

»In Afrika finden zahlreiche weitere Insektenarten ihren Weg auf den Speiseplan. Termiten werden vor allem zu Beginn der Regensaison gegessen, wenn die fortpflanzungsfähigen Tiere auf Hochzeitsflug gehen. Dann fliegen sie in Schwärmen auf und können leicht mit großen Netzen eingefangen werden.
Oder es werden gleich die Hügel mit Netzen abgedeckt. Gern helfen Einheimische den Termiten auf die Sprünge, indem sie rund um die Termitenhügel mit Stöcken und dergleichen ein Trommelkonzert auf dem Boden veranstalten, um so das Aufklatschen der Regentropfen nachzuahmen.

In Lateinamerika werden die Termiten mit Palmenblättern gesammelt, die in die Gänge der Nester eingeführt werden. Die Soldaten verbeißen sich in den Blättern und können so ganz einfach herausgeholt werden.«

Vielleicht wär das ja eine neue Taktik für die US ARMY, wenn feindliche Soldaten sich herausziehen lassen, weil sie sich in Blätter verbeißen, mal mit Tabak- oder Cannabis-Blättern versuchen?

Sachlich wird es bei dem Thema »Insekten und ihr Wert für Natur und Mensch.« In 400 Millionen Jahren hat sich eine Vielzahl von Insekten entwickelt, die sich optimal an die jeweiligen Umweltbedingungen angepasst haben. Das Wort Insekt oder Insect leitet sich nicht von der Tatsache ab, dass sie da so gerne drin schwimmen, sondern von insectum (sektieren, abspalten, Sektion) was eingeschnitten bedeutet und sich von der in der Regel deutlich sichtbaren starken Abgrenzung zwischen Kopf, Brust und Hinterleib herleitet – Philip von Zesen (1919 -1689) der gegen das Einfließen von Fremdwörtern in die deutsche Sprache ankämpfte, inspirierte zu der heute als veraltet geltenden Bezeichnung: Kerbtier.

Carl von Linnè (1707 -1778) zählt die Klasse der Insekten zum Stamm der Gliederfüßer (Anthropoden). Etwa eine Million Arten wurden bisher beschrieben, doch nach Schätzungen gibt es fünfmal so viele. Vor allem in den tropischen Regenwäldern vermutet man noch unzählige unentdeckte Arten. Absteigend sind am weitesten verbreitet innerhalb der 30 Ordnungen die Käfer; die Schmetterlinge; die Motten; die Fliegen; die Bienen; die Ameisen und Wespen, die Heuschrecken einschließlich der Grillen und die Pflanzenläuse, Zikaden und Wanzen.

Eine der wichtigsten Aussagen für Menschheit und Naturschützer:
»Insekten sind von zentraler Bedeutung für unsere Natur, zum Beispiel für die Fortpflanzung von Pflanzen. 90 % aller Blütenpflanzen und – für uns Menschen weit wichtiger – 75 % aller Getreidearten sind auf Bestäuber angewiesen. Und 98% der Bestäuber sind Insekten. Auch wenn wir zur Zeit ein Hauptaugenmerk auf die Honigbiene und auf die Bedeutung ihres Sterbens für die Bestäubung richten, müssen wir uns klar darüber sein, dass Hunderte anderer Insektenarten wie Hummeln und Fliegen ebenfalls einen ganz wesentlichen Beitrag zur Bestäubung leisten.«

Insekten spielen auch eine große Rolle beim Abbau von „biologischem Abfall“. Larven, Fliegen, Ameisen und andere zerlegen organische Stoffe, wie umgestürzte Bäume, Tierkadaver oder Dung bis zu einer Größe, dass sich Pilze und Bakterien davon ernähren können.

In der Forensik sind die Arten und die Anzahl von Insekten, die man an einer Leiche vorfindet, ein wichtiges Indiz für den Todeszeitpunkt, beziehungsweise dafür, wie lange eine Leiche bereits an ihrem Fundort liegt.

Häufig bringt erst die forensische Entomologie*, also die Insektenkunde, im Dienst der Aufklärung kriminalistischer und rechtsmedizinischer Fragen die entscheidenden Hinweise.

Abb.: Kühlraum in der Rechtsmedizin der Charité Berlin; Bildquelle: Wikipedia

Die klassischen Merkmale, anhand derer der Todeszeitpunkt eines Opfers ermittelt wird, wie Abfall der Körpertemperatur, Leichenstarre und Leichenflecken, sind nach zwei Tagen nicht mehr auswertbar.
Da kommen dann sogenannte nekrophage (leichenfressende) Insekten ins Spiel, denn aus dem Umstand, welche Insekten sich in welcher Anzahl an einer Leiche gütlich tun, können wertvolle Rückschlüsse gezogen werden. Schmeißfliegen sind dabei sozusagen die Spürhunde. Sie registrieren den Tod bereits zu einem Zeitpunkt, an dem wir Menschen ihn noch nicht wahrnehmen können, und legen dann ihre Eier auf der Leiche beziehungsweise vorzugsweise in Körperöffnungen ab, zum Beispiel in der Nase oder einer Wunde.

Da der Entwicklungszyklus der Schmeißfliege bekannt ist, kann aus dem Entwicklungsstadium auf den Zeitpunkt des Eintritts des Todes geschlossen werden: Aus den Eiern entwickeln sich rasch, oft innerhalb eines Tages, Larven, die den Leichnam als Nahrungsquelle nutzen. Die Larven häuten sich dann zwei mal, durchlaufen also drei Wachstumsstadien, bevor sie die Leiche schließlich verlassen, um sich zu verpuppen. Bei 15° dauert der Verpuppungszyklus 40 Tage, bei 35° nur 8 Tage. Die Käsefliege legt ihre Larven erst ab, wenn die Leiche sich in einem fortgeschrittenen Zeitpunkt der Verwesung befindet, der Speckkäfer mag es, wenn die Leiche bereits auszutrocknen beginnt. Mit der Zeit ergibt sich so eine sehr typische Leichenfauna. Diese gibt den Spezialisten Informationen darüber, wie lange die Leiche, bei welchen Witterungsbedingungen am Fundort liegt und ob der Auffindeort identisch ist mit dem Tatort. Auf Wohnungsleichen finden sich üblicherweise nämlich keine Insekten, die in Wäldern vorkommen. Aus Maden kann man Stoffe extrahieren, die Auskunft geben über einen Drogenkonsum und sogar, ob der Verstorbene an einer Überdosis aus dem Leben geschieden ist. Maden in Kraftfahrzeugen geben einen Hinweis darauf, dass das Fahrzeug zum Transport einer blutenden Leiche benutzt wurde.

In der Wohnung über mir wurde im letzten Jahr ein junger Mörder verhaftet, der seiner Geliebten versprochen hatte, ihren Ehemann und den zweiten Liebhaber aus dem Leben zu komplimentieren. An dem Tag, an dem er die Leiche des Liebhabers in einem nahen Wäldchen verschwinden ließ (malträtiert, erstochen, erwürgt) fuhr er im Anschluss noch im Aufzug mit mir und wirkte nachträglich betrachtet sehr eigenartig. Riesenaugen, die nicht wussten ob sie mich ansehen sollten oder nicht. Noch am selben Abend wurde der junge Mann verhaftet und die Insekten um ihr Mahl gebracht. Das Auto – entweder der Tatort oder das Transportmittel für die Leiche – stand vor dem Haus, wo die Kripo es innen mit einer Speziallampe ausleuchtete, die das Blut wieder sichtbar machte – er hatte es in einer Autowaschbox eines Laufer Reifenhändlers gründlich gereinigt. Vielleicht hätte er der Leiche im Wald auch das Mobiltelephon wegnehmen sollen, in dem Handy war sein Name und seine Telefonnummer gespeichert. Das hat den krabbelnden und nekrophilen Ermittlern aus dem Insektenreich die Arbeit abgenommen.

Weißt Du übrigens, dass afrikanische Mistkäfer in australischen und afrikanischen Safariparks Vorfahrt haben und es verboten ist über Misthaufen zu fahren? Im Gegensatz zu australischen Mistkäfern sind sie nämlich in der Lage Rinderdung zu verwerten.

Weißt Du, dass Insekten und Käfer seit Jahrtausenden in der Medizin Anwendung finden? Bei den Ägyptern wurde der hochverehrte Skarabäuskäfer zur Behandlung von Malaria und allerlei Behexung verwendet schreibt Otto Keller in Antike Tierwelt:
»Nimm einen großen Skarabäuskäfer, schneide ihm Kopf und Flügel ab, siede ihn, tue ihn in Öl und lege ihn auf. Danach koche man seinen Kopf und seine Flügel, tue sie in Schlangenfett, siede es und lasse es den Patienten trinken.«
Laut Otto Keller habe sich dieses Rezept bis in die Neuzeit (1913) unverändert in Ägypten so erhalten.

In Deutschland war das Verschlucken von Raupen ein probates Mittel gegen Mandelentzündung, ein anderes Rezept schreibt vor – man möge um Mitternacht auf dem Kirchhof Kellerasseln sammeln, diese tocknen, ulverisieren und mit Wein trinken, als Behandlung von Blasensteinen. Moderne Laborversuche zeigen, dass Schaben und Heuschrecken Moleküle produzieren, welche wirkungsvoll gegen resistente Keime angewendet werden können, wie gegen den Krankenhauskeim Staphylococcus aureus (MRSA). 90% der Erreger wurden durch die Insektenmoleküle abgetötet. Für Menschen erwies sich das Insektenantibiotikum jedoch als harmlos.

Aber kehren wir von Tatortermittlungen, trockenen Zahlen und medizinischen Versuchen doch noch einmal zurück zum Ursprung – dem Essen der Kerbtiere. Erinnerst Du Dich an das eingangs erwähnte thailändische Lokal und die Tageskarte daselbst?

Der Ernährungs-Wissenschaftler Florian J. Schweigert schreibt zu seinen Erlebnissen in diesem Lokal:
»Jahre nach meinem fischigen Mehlwurmmahl aus Kindertagen führte mich eine Summer School der Universität Potsdam zu dem Thema, wie wir in 50 Jahren die Welt mit Proteinen und Nährstoffen versorgen werden können, nach Vietnam.
Bei einer Veranstaltung an der Universität von Thai Nguyen nördlich von Hanoi waren auch Insekten als Nahrung der Zukunft ein wichtiger Diskussionspunkt. Unser Gastgeber dort lud mein Team und mich für den nächsten Tag zu einem Ausflug an einen malerischen See in der Nähe von Thai Nguyen ein. Zu unserer Überraschung brachte er am nächsten Morgen seine beiden Kinder, sechs und zwölf Jahre alt, mit. Der Grund dafür sei, so erklärte er uns, das Restaurant, in dem wir mittags einkehren würden, was er ihnen bislang aber nicht verraten habe. Als er es ihnen verriet, brach bei den Kindern unbändige Freude aus. Ich verstand zwar nichts von dem, was da in der mir fremden Sprache gesprochen wurde, war mir aber sicher, dass nicht der Name McDonalds gefallen war… In dem sehr traditionellen Restaurant gab es neben klassischen regionalen Speisen eine hervorragende Auswahl an Käfern und Raupen verschiedenster Art. Das weckte mein Interesse als Ernährungswissenschaftler und ich war sehr neugierig und gespannt, was mich wohl erwartete. Mein Gastgeber bestellte und die Kinder warn außer Rand und Band als sie hörten was ihr Vater orderte. Das Restaurant zog sich über einige hundert Meter am Seeufer entlang, einfache Tische und Bänke, offene Küchen an mehreren
Stellen, das wars. Kein Schnickschnack, kein Chichi. Die Kellnerin kam mit mehreren schuhkartongroßen hübschen Schachteln an unseren Tisch und reihte sie vor uns auf. In den Behältnissen hüpften, krabbelten und krochen verschiedenste Raupen und Käfer, die von uns geprüft wurden, bevor sie in die Küche zu Bereitung gingen. Frischer geht’s nicht. Was uns kredenzt wurde waren kross gebratene schwarze Käfer, in einer kräftig roten Sauce, ein prächtiger Kontrast für das Auge; Seidenwürmer in Ei, farblich nicht sonderlich spannend, Ton in Ton; Raupen in einer gelben Sauce, und zig weitere Varianten. Die Kinder waren nicht mehr zu halten, was von mir und meinem Team nicht behaupten konnte. Doch nach den ersten Bissen schon verschwanden die Vorbehalte. So ungewohnt die Gericht vor allem im Hinblick auf die Textur waren, so spannend war die Vielfalt an Geschmackserlebnissen.
Nussige Käfer, fruchtige Maden und dergleichen. Weniger gut mundeten mir die gekochten Sagowürmer, denn wenn man sie zerbiss, entleerte sich eine etwas zähe klebrige Flüssigkeit in den Mund. Nicht unbedingt meine Sache – aber ich mag ja auch nicht jedes deutsche Essen.
Alles in allem schmeckte es jedenfalls vorzüglich.«
[gekürzt / angepasst]

Abb.: Ein Teller Bienenlarven; Bildquelle: WebMD

So reite ich also auch morgen wieder hinaus und folge einer Herde Kakerlaken. Mein Lasso bringt einige von ihnen zu Fall und ihr Schicksal ist besiegelt. Auf meinem Grill werden sie zu einer sehr schmackhaften nussigen Delikatesse. Im Sonnenuntergang träume ich von der Romantik des Kellerassel-Cowboys. Bis ich es sein werde, begnüge ich mich mit dem Verzehr dieser cock-roaches, der Kakarlaken aus Kalifornienes Roadhotels, wo man sie von Spiegeln im Badezimmer kratzen kann, oder von den Fliesen auf der Terrasse, wo irgend eine Sandaletten–Sohle sie flach getreten hat.
Banause.

Abb.: Eigentlich auch nicht unappetitlicher als Krabben; Bildquelle: WebMD

Lebend finde ich ihre Artgenossen dann an warmen Abenden auf dem Weg zu Wendys, Schnitzels und Mc Donalds Restaurants. Da ich kein Auto habe, rede ich regelmäßig mit ihnen auf dem Weg zum Flugplatz von Van Nuys, California, east of Los Angeles.

Gruselig ist, dass sie auf mich zu reagieren scheinen.

Den Cockroach-Burger mit Kakerlaken-Patties (Kakerlaken lieben Senf, Eier und Gewürze – ich auch) bereite ich mir dann selber.
Danke Ronald.
Danke Florian J. Schweigert.

Abb.: Florian J. Schweigert; Bildquelle: C.H. Beck Verlag

*Entomologie: Insektenkunde; im Gegensatz zur Entomophagie. Entomo (griech.) Insekt; phagus (latein.) Speiseröhre, und da müssen sie halt mal alle durch, durch die Speiseröhre, die Rehmedaillons, die Hühnersuppen, die Kartoffeln, dein Bier und die gegrillten Heuschrecken.

*

KRAUTJUNKER-Rezensent und Blogger Reiner Grundmann:
Reiner, geboren 1962 da, wo der Lebkuchen und die Rostbratwust mit Sauerkraut und Brot herkommt. Nürnberg, Mittelfranken in Bayern. Nirgends gibt es eine so hohe Brauereidichte, wie da. In seiner Baby-Milchflasche war trotzdem kein Bier, was er seinerzeit nicht als Verlust empfunden hat. Als ausgewachsener Franke würde er das heute anders sehen. Bevor er für KRAUTJUNKER kochte, war er Protokollführer beim Amtsgericht Fürth und bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg in Jugendstrafsachen und Ehescheidungen, Personalgefreiter bei der Luftwaffe, Holzhändler, Buchautor, Fluglehrer, Pilot für Geschäftsreiseflüge (23 Jahre und 6500 Flugstunden lang), auch Lieferant von Frühstücksbrötchen und Aufsichtspersonal beim 1. Fussballclub Nürnberg.

Abb.: Reiner Grundmann (links) mit Schöneichs Hendrik; Bildquelle: Reiner Grundmann

Geflogen ist er eigentlich überall. Europa, Russland, USA. Wo er hingekommen ist hat er, wie die alten Chinesen – alles probiert und gegessen, was essbar aussah. Und gekocht hat er irgendwie auch schon immer. Am liebsten für schöne Frauen, wenn es denn auch dann oft nur beim Essen und das Schlafzimmer eine verkehrsberuhigte Zone blieb, „fast a su schäi wäi der obere Marktplatz in Laff.
Seine ersten Rezepte stammten aus dem Roman um den Geheimagenten wider Willen Thomas Lieven, alias Jean Leblanc, alias Pierre Hunebelle, Es muss nicht immer Kaviar sein von Johannes Mario Simmel.
Reiners Motto lautet: „Reisender, wenn du nach Franken kommst wisse, dass du nicht mehr in Deutschland bist – aber auch noch nicht in Bayern!“

Besucht Reiners Blog!
https://foodartandcircumstances.wordpress.com/

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Insekten essen: Gebrauchsanweisung für ein Nahrungsmittel der Zukunft

Autor: Florian J. Schweigert

Verlag: C.H.Beck

Verlagslink: https://www.chbeck.de/schweigart-j-insekten-essen/product/30934929

ISBN: 978-3-406-75645-0

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Barbara Fohrer sagt:

    Herzlichen Dank für diesen wahrhaft meisterlichen Artikel! Ich bin in vielen Regionen der Welt mit Insekten und ihrem Verzehr „Bekanntschaft“ gemacht, nicht gewollt. Aus Höflichkeit habe ich im zarten Alter von 23 Jahren als Mitglied der deutschen Olympiadelegation in Mexiko den „Gusano“ schlucken müssen… was war mir schlecht!

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  2. reinerart sagt:

    Barbara das war 1986 – ich hab nicht nachgesehen ;o)

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