Der gemeine Lumpfisch

Buchvorstellung von Werner Berens

Der gemeine Lumpfisch ist Titel des im Liebeskind Verlag erschienenen Romans von Autor Ned Beauman. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Englischen.

Wer erwartet, dass es nun in erster Linie um Fische gehe, liegt ein wenig daneben. Der gemeine Lumpfisch ist der Aufhänger eines dystopischen Romans. Die Hauptperson Mark Halyard, ein für gutes Essen brennender Manager, verspekuliert sich an einer zukünftigen Börse mit Auslöschungszertifikaten. So heißen die von der WKBA, einer mächtigen überstaatlichen Artenschutzorganisation, zugeteilten Berechtigungen, Spezies quasi auszurotten, indem man z.B. beim Abbau von unterseeischen Manganknollen ihren Lebensraum vernichtet. Um die Zerstörung des Planeten und das Artensterben einzudämmen, müssen Unternehmen diese Zertifikate erwerben. Damit nicht „alles“ verloren ist, werden in so genannten Biobanken genetische „Abbilder“ (Gewebeproben etc.) der ausgerotteten Lebensformen zwecks vorgeblicher Wiederbelebung gepeichert und die WKBA errichtet „Inseln“, in denen geschützte Tierarten leben können.

Halyards Spekulationsgebäude bricht zusammen, als ein Hack der Biobanken alle diesbezüglichen Abbilder vernichtet und Halyard sich finanziell und strafrechtlich nur retten kann , wenn er ein lebendes Exemplar des Lumpfisches auffindet, damit dieser nicht als ausgerottet gilt. Dieser Versuch gemeinsam mit der Lumpfisch-Expertin Karin Resaint ist der rote Faden der Handlung. Die erwähnten Personen bewegen sich auf einer zukünftigen Erde, auf der der technische Fortschritt, namentlich im Bereich KI, Spindrifter, künstliche Lebensformen (Mücken), autarke im Meer treibende Städte, virtuelle persönliche Diener und vieles anderes erzeugt, was in seiner Gesamtheit das Bild einer dystopischen Welt generiert, in der – bis auf einige Wissenschaftler und  Aktivisten gegen das System – offenbar jeder und jede danach strebt, sich nach „börsenkapitalistischen“ Regeln ein Stück vom Kuchen abzuschneiden.

Leseerlebnis

Der Autor versucht durch die Beschreibung einer von Konzernen und KI durchmechanisierten Welt das Bild einer Zukunft zu zeichnen, die sich insoweit selbst behindert, als ihre technischen und politischen Regeln sich teilweise widersprechen und gegenseitig ausbremsen. In der Beschreibung bleibt der Autor aber so unbestimmt und ungenau, dass (Spindrifter sind Doppelrumpfschiffe, auf denen ein Rotor, der sich offenbar selbst antreibt oder vom Wind angetrieben wird, Wasser in die Luft wirbelt ). der Leser sich in einer von Maschinen beherrschten Welt wiederfindet, von der er nicht versteht, wie genau sie funktioniert und warum sie/die Maschinen was tun. Ob das Absicht ist oder lediglich das Unvermögen des Autors, klar und knapp zu beschreiben, muss ich offen lassen. Auch die Vergleiche und Metaphorik des Autors sind gewöhnungsbedürftig.
»Halyard nahm einen kleinen Schluck. Er war hinreißend, wie das reine Destillat von tief stehender Herbstsonne, während dein Hund durchs Laub wühlt«.

Durch das Nebulöse und deshalb Unheimliche der Beschreibung erzeugt der Autor beim zeitgenössischen Leser das Bild einer Welt, die er nicht versteht und in der er als Zukunftsvorstellung nicht leben möchte, weil nichts mehr kalkulierbar erscheint. Als Leser muss man sich frei machen von der Erwartung, man bekäme Einblick in die genaue Funktion und die physikalischen Grundlagen der technischen Errungenschaften und sich damit abfinden, dass man lediglich erfährt, welchen Zwecken die Dinge dienen, deren Funktion man nicht versteht. Immerhin – Sex, epikureische Genusssucht und Kapitalismus scheinen immer noch auf die alt hergebrachte Weise zu funktionieren und alles andere „irgendwie“ anders.

Aber die abbildbare Handlung ist nicht alles.

Gedankengänge, Reflexionen über den Zustand der Welt, der handelnden Personen und unterschiedliche Wertigkeiten laden den Leser zum „Verweilen“ inmitten einer nicht lebenswerten Zukunft ein.
»Es war ein Verstoß wie kein anderer je zuvor, ein Vergehen, das auf keiner existierenden Skala gemessen werden konnte. Die Vielfalt des Lebens auf Erden war (soweit man wusste) das Majestätischste im ganzen Universum, und der Mensch war (soweit man wusste) als einziges Lebewesen in der Lage, das Majestätische daran zu begreifen, zu würdigen, und doch war der Mensch auch derjenige, der dieses Majestätische auslöschte, nicht absichtlich, sondern achtlos, beiläufig, und dabei ließ er nichts zurück außer ein paar Scans und Proben, die sich niemand jemals wieder ansehen würde.«
»Dir gefällt der Gedanke nicht, dass alles irgendwann zusammenbricht. Das tut es aber. Wenn du so besorgt über das Artensterben bist, dann warte mal ab, bis du vom Wärmetod des Universums hörst.«
»Ich würde mich auch über den Hitzetod des Universums aufregen, wenn die Menschen ihn um das Hundertfache beschleunigen würden.«
»du weißt schon, diese Amöben … sollten die genauso wichtig sein wie … der Hund meiner Eltern«.

Quintessenz

Das Buch ist nicht einfach zu lesen, Sprache, beabsichtigte oder unbeabsichtigte Unklarheiten erzeugen eine gedachte Zukunft, die auch deshalb unheimlich, fremd und kaum kontrollierbar erscheint, weil sie ein mehrschichtiges Bild erzeugt. Was ist gut an dieser Zukunft, was schlecht? Ist unter dem Guten nicht doch das ein oder andere Schlechte und umgekehrt? Nicht einfach zu lesen, bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man innehält, die Verhältnisse reflektiert, den teilweise philosophischen Gedankengängen der Akteure hinterherdenkt und sie weiter führt. Artensterben, die mögliche kommerzielle Verwertung eben dieses Artensterbens, die Versuche Inseln der aus sich selbst funktionierenden Natur zu erhalten, all das ist ein weitaus komplexeres Feld als es in den aktuellen Debatten erscheint. Das bewusst zu machen ist aus meiner Sicht die Hauptleistung des Romans.

Was soll man tun mit und in einer Welt, in der nur noch Sex, epikureische Genusssucht, und die Börse auf die bekannte Weise funktionieren? Der gemeine Lumpfisch ist für ein Publikum, welches sich „nur“ unterhalten lassen will, trotz der durchaus leisen Ironie, nicht unbedingt die erste Wahl. Der reflektierende Leser hingegen findet eine schillernde Fundgrube neuer Denkansätze.

*

Pressestimmen

Ned Beaumans neuer Roman behandelt das ernste Thema Artensterben konsequent absurd und ist ein großes Lesevergnügen.
―Deutschlandfunk Kultur

Ned Beauman hat ein Buch geschrieben, das überquillt von verrückten Einfällen, immer wieder wechselt er die Perspektive. Er konstruiert eine Welt, die Handel treibt mit der ökologischen Katastrophe. Chaotisch, mal absurd, zum Kopfschütteln. Ein Science-Fiction-Roman und Öko-Thriller zum Lachen, wäre die Handlung nicht so schrecklich realistisch.
―Bild der Wissenschaft

Near Future, Climate Fiction und Road Trip in einem. Spannend und rasant geschrieben und sehr originell. Die Fabulierwut von Beauman macht echt Freude.
―RBB KULTUR

Eine grandiose Groteske.
―FOCUS

Klimakatastrophe und Artensterben sind kein Spaß. Aber genau den bereitet uns Ned Beauman.
―THE SUNDAY TIMES

Artensterben, satirisch betrachtet: Clever wie smart verpackt Beauman Themen wie Klimakatastrophe und Artensterben in einen humorvollen Roman. Edutainment vom Feinsten.
―TREND

Beauman lässt kaum ein aktuelles Thema aus, seine schnell zum sarkastischen Ökothriller mutierende Kapitalismuskritik spinnt Handlungsfäden um Leerverkäufe, Bankenkrisen, Klimawandel, Künstliche Intelligenz und Data-Mining mit ein. Der Autor webt die Fäden meisterhaft.
―Handelsblatt

Ned Beauman bringt Elemente des Wissenschaftsthrillers, von Science Fiction, Nature Writing und Politsatire in begeisternder Weise zusammen. Ohne Scheu gleitet er durch die verschiedenen Genres, geht mit stilistischer Finesse Zeit und Technik Sprünge an, erlaubt sich grobe Scherze mit dem Zustand des Planeten. Die Übersetzerin Marion Hertle sorgt dafür, dass dies auch im Deutschen überzeugend ist. Ein Buch auf der Höhe unserer Zeit.
―Frankfurter Rundschau

Ein hochliterarischer, intellektuell anregender Ökothriller: glänzend recherchiert und großartig geschrieben. Beaumans Überlegungen zur Situation des Planeten sind so luzide wie zappenduster. Sein Hang zum Absurden sorgt dafür, dass der Roman dennoch eine vergnügliche Lektüre ergibt.
―Falter

*

Ned Beauman

Ned Beauman wurde 1985 in London geboren. Er studierte Philosophie in Cambridge und arbeitete als Redakteur für verschiedene Magazine, unter anderem für den Guardian sowie Dazed & Confused. Weiterhin ist er Redakteur des Another Man Magazine, Online-Redakteur von Dummy und in England einer der führenden Experten für Comics und Graphic Novels. 2010 erschien sein Debütroman Flieg, Hitler, flieg!, 2013 war sein Roman Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort für den Booker Prize nominiert. Ned Beauman wurde u.a. mit dem Encore Award und dem Somerset Maugham Award ausgezeichnet und steht auf der Granta-Liste der Best of Young British Novelists.

*

Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.

Hier findet Ihr Werner Berens‘ Bücher auf Amazon und hier auf Facebook und hier auf dem KRAUTJUNKER!

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Porzellantassen. Weitere Informationen hier: https://krautjunker.com/2024/12/16/krautjunker-tassen/

Titel: Der gemeine Lumpfisch

Autor: Ned Beauman

Übersetzung: Marion Hertle

Verlag: Liebeskind

Verlagslink: https://www.liebeskind.de/buecher/backlist/der-gemeine-lumpfisch

ISBN: 978-3954381586


Entdecke mehr von KRAUTJUNKER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Linsenfutter Linsenfutter sagt:

    Den Namen habe ich noch nicht gehört …..

    Like

    1. Avatar von KRAUTJUNKER KRAUTJUNKER sagt:

      Der „Gemeine Lumpfisch“ ist im Lebensmittelhandel bekannt unter der Bezeichnung „Seehase“. Aus seinen gefärbten Eiern wird der Arme-Leute-Kaviar gemacht, den ich mir manchmal am Sonntag aufs Frühstücksei gebe, um mich dem Gefühl hinzugeben, ein klitzekleiner Großfürst zu sein.

      Like

Hinterlasse einen Kommentar