von Rainer Korn
Es war die Bedienung in einem Restaurant in Å auf den Lofoten vor etlichen Jahren, die mir von dem Haill erzählte (sie sprach es hall aus, mit offenem A).

Da hörte ich das erste Mal davon, das nordnorwegische Fischer ein gutes „Haill“ bräuchten, um viele Fische fangen zu können. Dieses „Haill“ hat mir unserem Petri Heil nichts zu tun, sondern stammt aus dem Altnorwegischen. Guter, befriedigender Sex am Abend vor dem Fischzug sollte den Fangerfolg steigern. Dann hätte der Fischer ein gutes „Haill“ und bräuchte mehr Fisch an Land.

Dieser Mythos ist Teil der jahrhundertealten Küstenkultur in Nordnorwegen, erklärte Dr. Torunn Christiansen, Fachärztin für Allgemeinmedizin im Krankenhaus Nordlandsykehuset, in einem Vortrag beim Skreifestivalen in Myre vor einiger Zeit. Und die Ärztin gab auch gleich eine mögliche wissenschaftliche Erklärung zu diesem Mythos ab, der an der nordnorwegischen Küste, von woher auch sie stammt, heute eher augenzwinkernd humorvoll verwendet wird. Laut Dr. Christiansen ist Dopamin der Schlüssel zum guten „Haill“. Dieser Botenstoff im Gehirn nimmt nämlich bei sexueller Aktivität zu. Dadurch wird die kognitive Funktion des Fischers verbessert, was bedeutet, dass er klügere Entscheidungen träfe, die Netze oder Köder an der richtigen Stelle setzt und dann letztendlich ein gutes Ergebnis in Form von ausreichend Fisch erzielt.

Haill und Heilbutt
Bis mindestens in die 1930er Jahre ging es beim „Haill“ hauptsächlich um den Fang von Heilbutt (norw. Kveite). Konnte ein Fischer trotz widriger Umstände auf See einen kapitalen Heilbutt von über 200 Kilo anlanden, hätte er möglicherweise ein Auskommen für ein ganzes Jahr für seine Familie gewonnen. Die Volkskundlerin Marit Anne Hauan vom Tromsø Museum ist sich deswegen sicher, dass der Begriff „Haill“ früher eher nicht oder nicht nur sexuell bestimmt war, sondern vielmehr bedeutete, dass die Wahl der „richtigen“ Frau dem Fischer zu mehr Glück im Leben und dann eben auch beim Fischen verhalf. Familie glücklich, Fischer glücklich, mehr Fische fangen – sdie Kurzformel fürs „Haill“ laut Hauan.

Modernes Haill
Dr. Christiansen würde diesen wichtigen Teil der nordnorwegischen Volksseele gern weiter erforschen und vielleicht auch auf die Moderne übertragen. „Wenn wir einen guten Zusammenhang zwischen Haill und einem guten Arbeitsergebnis nachweisen können, wäre das ein Riesenspaß“ so Christiansen und weiter: „Es ist ein spannender Gedanke, sich vorzustellen, dass sich dies auch auf andere Berufsgruppen übertragen lässt.“ Die Ärztin sucht nach freiwilligen Fischern als Probanden, um das „Haill“ wissenschaftlich zu ergründen. Wenn es neue Erkenntnisse zu dieser Studie gibt, wird Kutter & Küste seine Leserinnen und Leser selbstverständlich informieren, übers „Haill“ und die ganze Wahrheit dahinter. Also: Gutes „Haill für Ihre nächsten Angelausflüge!

*
KRAUTJUNKER-Kommentar: Zu Sex auf den Lofoten fällt mir dieses Gedicht von Robert Gernhardt (* 1937; † 2006) ein:
Wie tun es die anderen?
Heute: Die Inselbewohner
Man tuts auf den Komoren
mit angelegten Ohren
Man tuts auf den Lofoten
mit schräggestellten Pfoten
Man tuts auf den Kykladen
mit abgespreizten Waden
Man tuts auf den Molukken
genauso, nur im Ducken
Man tuts auf den Seychellen
an höchstversteckten Stellen
Man tuts auf den Kurilen
nach stundenlangem Zielen
Man tuts auf den Antillen
in Trance, wie wider Willen
Man tut es auf der Insel Juist
indem man durch den Schniepel niest.
***

Anmerkungen
Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Porzellantassen. Weitere Informationen hier: https://krautjunker.com/2024/12/16/krautjunker-tassen/

Titel: Das große Handbuch der Meeresangel-Praxis
Herausgeber: Rainer Korn
Verlag: Müller Rüschlikon
Verlagslink: https://motorbuch-versand.de/shop/42343-das-grosse-handbuch-der-meeresangel-praxis
ISBN: 978-3-275-02343-1
Erste Leseprobe aus dem Buch: https://krautjunker.com/2025/05/10/hornhechte-die-ersten-sind-die-grosten/
Entdecke mehr von KRAUTJUNKER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
