von Benjamin Haag
Flockenstieliger Hexen-Röhrling
(Neoboletus erythropus)
Steckbrief
Jahreszeit Frühling bis Herbst
Aussehen stattlicher Pilz aus der Familie der Dickröhrlingsverwandten; feinfilziger, brauner Hut, polsterförmig, mit dem Alter verkahlend ; Schwamm mit roten Röhrenmündungen; oft bauchiger Stiel mit roten Flöckchen auf gelbem Grund; gelbes Fleisch, das aufgeschnitten sofort blau verfärbt
Gattung Neoboletus
Sporenabdruck olivbraun
Verwechslungspartner Netzstieliger Hexen-Röhrling und weitere Hexen-Röhrlinge
Fundorte Mykorrhizapilz im Mischwald bei Rotbuche und Fichte, bevorzugt saure Böden
Etymologie der blitzartige Farbwechsel ins Blaue konnte im alten Volksglauben nur durch Hexerei erklärt werden
Geruch unauffällig
Speisewert schmackhaft und ergiebig, da selten wurmstichig; roh giftig wie viele Speisepilze, muss gut gegart werden
Namen Blaupilz, Gauklerpilz, Rotstrumpferter, Samtkappe, Schusterpilz, Tannen-Röhrling, Teufelspilz

„Den kann man aber nicht essen, oder?“ Das bin ich mehr als einmal auf Pilzwanderungen gefragt worden, wenn ein Prachtexemplar des Flockenstieligen Hexen-Röhrlings unseren Weg kreuzte. Die einzig richtige Antwort lautet dann: „Doch, einen besseren Speisepilz wirst du kaum finden!“ Neoboletus erythropus will Pilzsammler allerdings etwas anderes glauben machen – und ist ziemlich überzeugend darin. Mit imponierendem Rot und Gelb als klassischen Warnfarben schmückt er sich stolz unterm Hut und auch am Stiel. Sein Fleisch ist gelb, jedoch nur für einen kurzen Moment. Schneidet man den Pilz an, beginnt sogleich ein fulminantes Farbenspiel. Aus Gelb wird Blau, erst wie Tinte, schnell dunkler werdend, zuletzt fast Schwarzblau. Ein phänomenaler Farbumschlag! Ist der von Kennern auch liebevoll „Flocki“ genannte Pilz also ein Signalfälscher und täuscht nur vor, gefährlich zu sein? Nicht ganz. Im rohen Zustand sind Flockenstielige Hexen-Röhrlinge tatsächlich giftig für Menschen, sie müssen also vor dem Verzehr gut gegart werden.
Wollte man einen Pilz zum König der Farben krönen, so müsste es dieser sein. Schauen wir uns die gesamte Farbpalette von oben bis unten einmal genauer an: Flockis Hut ist tabakbraun und wildlederartig weich, gelegentlich mit olivgrünem Schimmer. Die auf den ersten Blick sichtbaren Röhrenmündungen sind prachtvoll rot, Röhrenschicht und Röhrenboden hingegen gelb. Auch das Pilzfleisch ist gelb. Der Stiel ist flockig punktiert. Ganz jung wirkt er fast rot, erst im gestreckten Zustand rücken die Flöckchen auseinander, und der gelbe Grund tritt zutage. Flocki tritt immer bunt auf, einzeln oder in Grüppchen. Sein Rot lässt sich verschieden vorfinden: orangerot, mennigrot, karminrot, blut- oder purpurrot. Sein Gelb: Für das Hutfleisch hat die Zitrone Pate gestanden, für das Stielfeisch der Safran. Ein Fest für Farbenfreunde. Und dann das blitzartige Blauen! Spätestens jetzt entpuppt sich der Flockenstielige Hexen-Röhrling als echter Gauklerpilz – so einer der vielen volkstümlichen Namen. Übrigens verliert sich die Blaufärbung nach einiger Zeit. Von Schnecken verursachte Fraßstellen am Hut zeigen nach ein paar Stunden wieder die ursprüngliche Gelbfärbung. Auch die Farben der Fruchtkörper ändern sich naturgemäß im Laufe der Zeit, wenn diese heranreifen und vergehen. Die Fruchtschicht verfärbt durch das gereifte, olivbraune Sporenpulver. Der Hut bleicht aus, wird kartonbraun und mitunter (gelb-)fleckig. Witterung und genetische Variation spielen zudem eine Rolle. Markante Farbveränderungen gibt es zwar auch bei anderen Pilzen, so etwa bei gilbenden Karbol-Egerlingen, rötenden Wald-Champignons, grünenden Fichten-Reizkern, schwärzenden Rotkappen und bräunenden Kremplingen. Beim Flocki aber sind Buntheit und Farbenpracht besonders beeindruckend.

Das auffällige Farbenspiel könnte man fast als Schutzmimikry missverstehen, als Warntracht zur Abschreckung von Fressfeinden. Das macht bei Pilzen allerdings wenig Sinn, denn die Sporen zur Pilzvermehrung werden zu einem guten Teil auch dadurch verbreitet, dass sie von Tieren gefressen und dann andernorts unbeschadet ausgeschieden werden. Bei menschlichen Pilzliebhabern jedenfalls stehen Flockis hoch im Kurs, denn sie sind aromatisch, fest und dickfleischig, selten madig und daher ergiebig. Das nach Berührung und Anschnitt entstandene Blau entfärbt beim Braten wieder, das Pilzfleisch wird erst schwärzlich und dann ocker- und umbrafarben. Ganz ohne Warnfarben, eher unauffällig, aber nur vermeintlich harmlos, begegnen uns andere Pilze in Wald und Flur – wohlriechend sogar, und doch tödlich giftig. Flocki ist dagegen ein harmloser Gaukler.
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Benjamin Haag

Benjamin Haag absolvierte sein Studium in Germanistik, Geschichte sowie Philosophie. Bei seinen Streifzügen durch die heimischen Wälder Hessens machten die Pilze Jagd auf ihn. Am Anfang waren es Krause Glucke und Steinpilze, später folgten Pfifferlinge, Edel-Reizker und Spitzmorcheln. Jede Tour in das faszinierende Reich der Fungi beschert ihm bis heute neue, unerwartete Entdeckungen. Ein persönlicher Favorit des Autors ist der Flockenstielige Hexen-Röhrling – wegen seiner Optik und Vielseitigkeit auch als Gauklerpilz bekannt. Hauptberuflich gibt er sein Wissen als Pilzsachverständiger und PilzCoach-Ausbilder der Deutschen Gesellschaft für Mykologie weiter.
https://indiepilze.de/
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Anmerkungen

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Titel: Samtfuß, Holzstielchen und Zottelmähne: Ein Pilzatlas
Autor: Benjamin Haag
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Verlagslink: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/samtfuss-holzstielchen-und-zottelmaehne.html
ISBN: 978-3751840330
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