Als Wild unsere Welt war – der Stiersaal von Lascaux

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Wer heute den Stiersaal von Lascaux betrachtet, schaut nicht einfach auf uralte Dekoration. Er blickt in eine Bildwelt, in der Wild in Bewegung und Jagdglück in eine archaische Form gebracht wurden, die uns noch immer unmittelbar packt. Für Betrachter mit Sinn für das Wilde und die Jagd liegt genau darin der Reiz: Diese Malereien zeigen eine tiefe Vertrautheit mit den Bewegungen wilder Tiere in freier Natur.

Abb.: Malerei im Axialen Divertikel: Rote Kuh und „Chinesisches“ Pferd (Replik); Bildquelle: Wikipedia

Die Höhlenkunst des frankokantabrischen Raums gehört zu den ältesten Kunstwerken der Menschheit. In Südfrankreich und Nordspanien haben sich an Höhlenwänden und -decken Werke aus der Steinzeit erhalten, die über viele Jahrtausende hinweg entstanden. Neben Ritzungen, Reliefs, Gravuren und plastischen Arbeiten finden sich dort auch Handabdrücke und Zeichen, vor allem aber Tierdarstellungen – und zwar nicht irgendwelche, sondern die großen Wildtiere ihrer Zeit.

Abb.: Riesenhirsch, Pferde und Zeichen; Bildquelle: Codex auf Wikpedia

Lascaux in der Dordogne nimmt unter diesen Fundorten eine Sonderstellung ein. Die Höhle wurde 1940 entdeckt und enthält mehrere hundert Malereien, die etwa zwischen 17.000 und 15.000 v. Chr. entstanden. Zu sehen sind Pferde, Hirsche, Auerochsen, Steinböcke, Bisons, Raubkatzen und weiteres Großwild. Besonders berühmt ist der sogenannte Stiersaal, wobei der Name fast ein wenig in die Irre führt: Dominant sind dort vor allem monumentale schwarze Auerochsen, dazu kommen Pferde, Hirsche und sogar ein Bär – der einzige in der ganzen Höhle.

Höhlenmalerei im Stiersaal; Bildquelle: Wikipedia

Gerade dieser Stiersaal ist mehr als eine Ansammlung schöner Tierbilder. Er wirkt wie eine Inszenierung von Kraft, Unruhe und Verdichtung. Die Tiere stehen nicht brav nebeneinander, sondern überlagern sich, schieben sich in den Raum und nehmen die Wände in Besitz. Ein schwarzer Auerochsen-Bulle misst über fünf Meter und gehört damit zu den größten bekannten Tierdarstellungen der eiszeitlichen Höhlenkunst. Allein dieses Maß zeigt, mit welchem Anspruch hier gearbeitet wurde: nicht illustrativ, sondern überwältigend.

Was diese Bilder für den heutigen Betrachter so stark macht, ist ihr erstaunlicher Wirklichkeitssinn. Obwohl die Maler nur über einfache Mittel verfügten und bei kümmerlichem Licht arbeiteten, wirken viele Tiere lebendig, wach und körperhaft. Wer als Naturliebhaber das Wild betrachtet, erkennt schnell, dass hier nichts erfunden wurde. Da war Kenntnis vorhanden – von Proportionen, von Spannung in der Muskulatur, vom Charakter eines springenden, ziehenden oder sichernden Tieres. Das ist keine Kunst aus der Distanz, sondern aus unmittelbarer Nähe zur Natur und zum Wild.

Vor dem Malen wurden die Wandflächen vorbereitet. Man säuberte und glättete sie, bevor Farbe aufgetragen wurde. Die Künstler nutzten die Unebenheiten des Kalksteins gezielt aus: Wo sich eine Wand wölbte oder eine Kante verlief, wurde daraus Schulter, Flanke oder Hals. Genau dadurch entsteht jener Eindruck von Körperlichkeit, der den Stiersaal bis heute so modern wirken lässt. Das Gestein ist hier nicht bloß Untergrund, sondern Teil des Bildes – fast wie ein frühes Zusammenspiel von Darstellung und Raumgestaltung.

Auch die technische Seite verdient Aufmerksamkeit. Verwendet wurden unter anderem roter und gelber Ocker, Mangan und Holzkohle für dunkle Töne sowie helle mineralische Stoffe für Weiß. Die Pigmente konnten trocken eingesetzt oder mit Wasser oder Tierfett angerührt werden. Aufgetragen wurden sie mit Fingern, einfachen Werkzeugen, Haarpinseln, Moos oder durch Blasrohre aus Knochen oder Schilf. Gearbeitet wurde im Schein kleiner Steinlampen, die mit tierischem Fett brannten. Wer sich diese Bedingungen vor Augen führt, kann kaum übersehen, welche Konzentration, Planung und Routine hinter solchen Bildern gestanden haben müssen.

Beeindruckend ist auch, wie die Maler Bewegung erzeugten. Manche Tiere erscheinen nur als Umriss, andere sind farbig modelliert und an einzelnen Stellen verwischt, damit Fell, Volumen und Dynamik entstehen. Dazu kommt die Überlagerung der Figuren: Tiere schneiden einander, laufen ineinander, scheinen gemeinsam in eine Richtung zu drängen. Das wirkt fast wie eine eingefrorene Szene aus einer Drückjagd oder wie ein flüchtiger Augenblick, in dem sich die Herde sammelt, wendet oder auseinanderzieht.

Aus jagdlicher Sicht liegt genau darin vielleicht der spannendste Punkt. Der Stiersaal zeigt Wildtiere in ihrer ganzen ursprünglichen Wucht, ihrer Schnelligkeit und ihrer Eigenständigkeit. Ihre Darstellung belegt, dass die Künstler über eine Wahrnehmung verfügten, die auf Erfahrung, Respekt und intensivster Beobachtung gründete. Die steinzeitlichen Menschen von Lascaux lebten bewusst mit und von wundervollen Wildtieren.

Wozu diese Bilder genau dienten, weiß bis heute niemand. Dass Menschen nur im vorderen Bereich der Höhle wohnten, während der bemalte Komplex tiefer hineinreichte, spricht jedoch dafür, dass die Malereien nicht einfach Wohnraumschmuck waren. Diskutiert werden seit langem verschiedene Deutungen: Jagdmagie, Erinnerungsbilder, Erzählungen, Initiationsriten oder schamanische Handlungen. Womöglich veränderte sich ihre Bedeutung auch im Laufe der Jahrtausende.

Die Vorstellung, dass der Stiersaal in irgendeiner Weise die Jagd ritualisiert, liegt nahe, denn hier wurden Wildarten dargestellt, von denen das Überleben der Sippe abhing. Vermutlich waren sie Teil eines Weltbildes, in dem Mensch und Tier enger, existenzieller und geheimnisvoller miteinander verbunden waren, als wir es heute noch nachvollziehen können. Gerade für Jäger hat dieser Gedanke Gewicht: Wer auf Wild blickt, blickt nie nur auf Fleisch oder Trophäe, sondern auf ein Lebewesen, dessen Sinne und Fähigkeiten ihm überlegen sind und das Aufmerksamkeit, Erfahrung und Ehrfurcht verlangt und verdient.

Abb.: Fries der schwimmenden Hirsche (Replik, Musée d’Aquitaine, Bordeaux); Bildquelle: Wikipedia

Dazu passt, dass der Stiersaal keine nüchterne Bestandsaufnahme liefert. Er ordnet, vergrößert, verdichtet und überhöht. Die Tiere erscheinen monumental, fast übermenschlich. Der Raum wird zu einer Bühne, auf der nicht der Mensch, sondern das Wild die Hauptrolle spielt. Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis von Lascaux: Die Maler haben nicht nur abgebildet, was sie jagten. Sie haben sichtbar gemacht, was sie am Wild faszinierte, forderte und womöglich auch einschüchterte. Diese Höhlenkunst zeigt, wie früh der Mensch den Versuch unternahm, das Wild nicht nur zu verfolgen, sondern auch bildlich zu bannen – in seiner Kraft, seiner Schönheit und seiner Unverfügbarkeit. Die Wirkung der Bilder beruht darauf, dass sie uns an eine lange Epoche erinnern, in der die Jagd keine Freizeitbeschäftigung, sondern unser unmittelbares Verhältnis zur Welt war.

Abb.: Sogenannte „Schachtszene“, Darstellung im Schacht (Ausschnitt); Bildquelle: I, Peter80 auf Wikipedia

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https://archeologie.culture.gouv.fr/lascaux/de

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