Eine kurze Kulturgeschichte der Fliese (Teil 1: Am Anfang war der Nilschlamm)

In der mittleren Bronzezeit, also vor 3.600 Jahren, als unsere Vorfahren unrasiert in den dünn besiedelten Wäldern Mitteleuropas hausten, erfreuten sich die Fellachen bereits unter Königin Nofretete dem Glanz ihrer Hochkultur. Gab es in unserer Heimat Dörfer mit allenfalls 30 Gehöften und nutzte man Natursteine höchstens für Fundamentstreifen, errichteten die Ägypter schon seit mehr als tausend Jahren monumentale Pyramiden aus gebrannten Ziegeln. Seitdem sie ab ungefähr 1.400 v. Chr. begannen, Ziegel zu glasieren und als Wandverkleidungen vorzumauern ist kein neuer Baustoff erfunden worden, der so widerstandsfähig gegen alle Umwelteinflüsse seine Schönheit und Materialeigenschaften bewahrt. Freuen sich die Archäologen in Deutschland, wenn sie im Schlamm unserer Seen die Fundamentpfosten hölzerner Pfahlbauten entdecken, werden im Orient Prachtbauten mit keramischen Wandbekleidungen und Bodenbelägen aus der Erde gebuddelt, welche die Jahrtausende besser überstanden, als viele Häuser hier die Jahrzehnte.

Das farbenprächtige Ischtar-Tor ist eines der atemberaubendesten Beispiele zeitlos schöner Baukunst dieses Erdenknödels. Das zu einer Prozessionsstraße gehörende Bauwerk wurde in der Regierungszeit des biblischen Herrschers Nebukadnezar II. (605-562 v. Chr.) errichtet und bildete einen Teil der nördlichen Stadtmauer Babylons. Es zählte zu den sieben Weltwundern der Antike, bis die Stadt im Wüstensand versank und der Leuchtturm von Alexandria ihren Rang einnahm.

Zu den Aufgaben und Machtbefugnissen der Göttin Ischtar gehörten der Krieg und die Liebe. Eine Kombination die zeitgenössischen, männlichen Mitteleuropäern nur solange widersprüchlich erscheint, bis sie ihre Angebetete geheiratet haben. Einer der Sternstunden der deutschen Archäologie verdanken wir es, dass man die mit phantastischen Reliefs geschmückten, tiefblau glänzenden Mauern, durch die einst Alexander der Große schritt, seit 1930 im Berliner Pergamon-Museum bewundern kann. Die Geister der für ihre Bartwuchs bekannten Babylonier wird es vielleicht sentimenal stimmen, wenn Berliner Hipster ihre flauschigen Vollbärte zwischen den blauen Mauern Gassi führen.

Auf den Boden des heutigen Deutschlands brachten erst die Römer Ziegel und Fliesen, als sie ungefähr 15 v. Chr. das heutige Trier gründeten. Mit der Völkerwanderung verschwand das Wissen um Herstellung und Bau bis Ritter- und Mönchsorden es auf den Reisen im Rahmen der Kreuzzüge wieder entdeckten.

Glücklicherweise muss man heute kein orientalischer Gottkönig sein, um Wände und Böden seiner Wohnung mit keramischen Fliesen zu verkleiden, die pflegeleichte Schönheit mit Haltbarkeit vereinen. Und sollte Ihr Haus aufgrund eines Unglücks verschüttet werden, besteht sogar die tröstliche Chance (die auch nicht unrealistischer als ein Lotteriegewinn ist), dass man es in mehreren hundert oder gar tausend Jahren wieder ausgräbt und es das Prunkstück eines zukünftigen Museums wird, durch das andächtige Bildungsbürger oder gelangweilt popelnde Schulklassen pilgern. Beziehen Sie diesen verführerischen Gedanken bei der Wahl Ihrer Fliesen mit ein. Ihr Architekt berät sie gerne bei der Schaffung Ihres eigenen unsterblichen Denkmals.

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