Feuer fangen: Wie uns das Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution

Buchvorstellung

Was waren die entscheidenden evolutionären Impulse, die uns vom Affen zum Menschen werden ließen? Wie kam es zum aufrechten Gang, dem Gebrauch von Werkzeugen und zur Sprache? Der in Harvard lehrende Anthropologe Richard Wrangham stellte in seinem 2009 auf Englisch und Deutsch erschienen Buch „Feuer fangen“ die These auf, dass es das Kochen war, was uns seit den Zeiten des Homo habilis vor 1,8 Millionen Jahren körperlich und geistig so veränderte, dass es Affen letztlich zu Menschen machte.

Wranghams Theorien sind mit leichter Hand und ohne Fachjargon geschrieben. Sie erklären elegant komplexe Zusammenhänge: Gekochtes Essen ist nährstoffreicher und giftärmer, so dass es sich leichter vom Magen verarbeiten und in Energie verwandeln lässt. Nicht nur der Verdauungstrakt, auch die Kiefer der Affenmenschen konnten schrumpfen, was das Sprechen erleichterte (War das erste Wort „Nachschlag!“?). Das energieintensive Gehirn heutiger Menschen fordert bei einem Bruchteil der Körpermasse 20 % der Energie ein. Durch die Einnahme gekochter Nahrung war mehr Treibstoff übrig, der es wachsen ließ. Durch den Verzehr von gegrilltem oder gekochten Fleisch entstand ein so hohes Energieplus,  dass neben dem Gehirnwachstum mehr freie Zeit heraus sprang, die man sinnvoller verwenden konnte. Schließlich mussten unsere Ahnen nicht mehr den ganzen Tag wie Affen herumhockend, Blätter und Früchte kauen.  Ebenso konnte sich durch das Feuer auch das Fell zurückbilden. Die Nacktheit der Läufer steigerte in den Savannen Afrikas deren Ausdauer und somit den Jagderfolg*. Diese Kombination von mehr Energie, Intelligenz, Zeit und Jagderfolg löste alle weiteren Entwicklungsschübe aus.

Entgegen allen populären Mythen gibt es weltweit auch unter den letzten Jägern und Sammlern nicht eine Kultur, in der nicht regelmäßig gekocht und gebraten wird. Nur in sehr wenigen klimatisch bevorzugten Regionen konnten es sich Menschen bis vor kurzem leisten, auf Fleisch und Fisch zu verzichten ohne Mangelernährungen in Kauf zu nehmen.

Diejenigen Affen, die immer noch auf vegetarische Rohkost bestanden, mussten auf den Bäumen bleiben.

Nach Wranghams Erkenntnissen war diese Entwicklung für Frauen nicht nur positiv: Die Zubereitung von Nahrung mit Hilfe von Feuer verstärkte die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Da Frauen bis in geschichtlich neue Zeiten in ihren körperlich vitalsten Lebenszeiten meist schwanger waren oder sich um ihre Kinder kümmern mussten, blieben sie in der Nähe des Lagers beim Feuer, arbeiteten dort und kochten. So stellten Anthropologen in den siebziger Jahren fest, dass bei fast 98 Prozent von 185 Kulturen das Kochen Frauensache ist. Die Frauen, die darauf angewiesen waren, dass die Jäger zu ihnen zurückkamen, wurden in ihrer Autonomie erheblich geschwächt. Dies war einer der Gründe, weswegen das Patriachat weltweit gesellschaftlicher Normalzustand wurde.

Die Rache der kochenden Frauen an ihren Unterdrückern ist, dass diese gutversorgten Paschas mit der Zeit immer fetter werden, als sich nur frugal ernährende Junggesellen. Irgenwann werden sie zum Infarkt bekocht und können durch etwas Frisches ersetzt werden und das Spiel geht von vorne los. Ehemänner die an sich eine stetige Gewichtszunahme beobachten, sollten sich Gedanken darüber machen, energieärmere vegetarische Rohkost zu sich zu nehmen, da schon die Ablösung in den Startlöchern steht.

 

* Die Jäger des als „Buschmänner“ bezeichneten Volkes der San hetzen in den Savannen und Wüsten Südafrikas immer noch zu Fuß Großwild bis zur Erschöpfung der Beute.

 

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

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Feuer fangen

Titel: Feuer fangen: Wie uns das Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (9. November 2009)

Autor: Richard Wrangham

ISBN: 978-3421043993  

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Link zum Autor auf Harvard: http://heb.fas.harvard.edu/people/richard-w-wrangham

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