Der halbe Mond

Buchvorstellung

Die Geschichte der besonderen deutsch-türkischen Verbindungen begann bereits vor den „Gastarbeitern“ vor einem halben Jahrhundert. Da Deutschland seit langem nicht an den Kriegen und Krisen beteiligt war, die über Jahrhunderte Südosteuropa erschütterten, gab es keine emotionalen Vorbehalte, die Partnerschaften zwischen beiden Ländern behindern konnten. Bereits 1898 besuchte Kaiser Wilhelm II. mit seiner Gattin das Osmanische Reich auf einer ausgedehnten Reise. In der Folge intensivierte er die guten Beziehungen zwischen beiden Reichen durch einen Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag. Der Bau der Bagdadbahn in der Türkei wurde ebenfalls fortgesetzt.

In seiner impulsiven Art äußerte sich Wilhelm II. mehrfach sehr positiv über sein Verhältnis zu den Türken und der islamischen Welt. Kühlere Köpfe unter den Berlinern Ministern und Diplomaten erwarteten jedoch in den folgenden Jahren den Kollaps des osmanischen Reiches. Der wissenschaftliche, technologische und kulturelle Abstand zwischen „dem kranken Mann am Bosporus“ und der westlichen Welt war seit dem 16ten Jahrhundert immer größer geworden. Auf Jahrhunderte des Niedergangs folgten ab 1908 in schneller Folge Erschütterungen durch den Putsch der Jungtürken, innere Unruhen und Balkankriege. Nachdem ab 1913 deutsche Offiziere die osmanische Armee reformiert hatten, trat der Sultan an der Seite des deutschen und des österreichisch-ungarischen Kaisers in den Ersten Weltkrieg ein.

In diese Welt wurde Hasan Cobanlis Vater Feridun geboren. Sprachlich elegant und reizvoll zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her springend, erzählen die Autoren den Lebensroman Feriduns zwischen 1920 und 1960. Die osmanischen und preußischen Großeltern, seine Mutter Benita, geb. von Roon und Hasan selbst, tauchen in verschiedenen Szenen auf, wobei sich Hasan Cobanli in der dritten Person als Romanfigur schildert.

Während sein Vater, Cevad Pascha, unterstützt durch deutsche Offiziere, erfolgreich die Dardanellen verteidigte und zum Kriegshelden avancierte, wurde der Sohn im Berliner Kadettenkorps zum Gardejäger ausgebildet. Als angenehmes Kontrastprogramm zum preußischen Drill und Kasernenleben verwöhnten die Familien preußischer Adeliger „den Prinzen aus dem Morgenland“ an den Wochenenden auf ihren Landgütern. Einem besonders aufmerksamen ungarischen Dienstmädchen verdankte er es, nicht als Jungfrau Frontsoldat zu werden.

Der Leser begleitet den ehemaligen türkischen Offizier des deutschen Kaisers dabei, wie er Diplomat Atatürks wird. Während der Begründer und erste Präsident der Türkei, aus den Trümmern des noch im Mittelalter verhafteten osmanischen Reiches einen modernen säkularen Staat formt, verwandelt sich seine zweite Heimat Deutschland durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten und den Zweiten Weltkrieg in einen Alptraum, in dem vieles zu Asche wird.

Privat ist der weltgewandte und charmante Gentleman Feridun ein leidenschaftlicher Jäger, wobei seine Passion für schöne Frauen noch etwas größer ist, als die für jagdbare Wildtiere. Nur folgerichtig sind daher seine beruflichen Erfolge substantieller als seine familiären.

Das Besondere an diesem Buch ist, wie unterhaltsam es den Leser an dem Leben der oberen Gesellschaftsschichten in untergegangenen Reichen teilhaben lässt. Das deutsche Kaiserreich, das Deutsche Reich, das osmanische Reich und Atatürks säkulare Türkei, in allen Ländern gab es unterschiedliche Werte, Gesetze und Lebensformen. Und alle diese starken Staaten sind auf dem Trümmerhaufen der Geschichte gelandet. Die Familien jedoch leben weiter und in ihnen das Geschehene mit seinen Licht- und Schattenseiten. Durch Der halbe Mond sieht der Leser die Umbrüche des letzten Jahrhunderts durch die Augen von Zeitzeugen und nicht die von Geschichtslehrern. Mich regte das Buch dazu an, die eigene Familiengeschichte zu betrachten, um meine, in ihren Wertvorstellungen verhafteten Ahnen in ihrer Epoche besser zu verstehen und daraus zu lernen. Höchste Zeit für eine türkische Ausgabe.

 

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der halbe mond hasan cobanli

Titel: Der halbe Mond

Autoren: Hasan Cobanli + Stephan Reichenberger

Verlag: Langen-Müller

ISBN: 978-3784433776

Verlagslink: http://www.herbig.net/gesamtverzeichnis/belletristik/romane/einzelansicht/product/finden-2/der-halbe-mond/der%20halbe%20mond.html

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hasan Cobanli sagt:

    Danke!

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    1. krautjunker sagt:

      Keine Ursache. Ich freue mich schon auf den zweiten Teil.

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  2. krautjunker sagt:

    Ein Artikel im CICERO des Autors Hasan Cobanli zu den politischen Ereignissen der letzten Tage: http://www.cicero.de/weltbuehne/tuerkei-in-riesenschritten-nach-erdoganistan

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