Nordwasser

am

Buchvorstellung von Martin Wind

„Nordwasser“, so lautet der Titel eines Kriminalromans aus dem Hause „mare“. „Nordwasser“, das klingt kalt, das klingt klar, das wirkt geheimnisvoll. Und genauso stellt sich auch der Plot der erzählten Geschichte dar: Es ist kalt, es wird schnell klar und es gibt einige – zum Teil grausame, zum Teil aber auch eher nur „erklärende“ – Geheimnisse, die im Erzählverlauf gelüftet werden. Da begibt sich der Arzt der britischen Kolonialarmee, nach seiner unehrenhaften Entlassung in einer verzweifelten Situation im Jahr 1859 auf Walfangfahrt. Er heuert bei einem Reeder mit zweifelhaften Ruf an und taucht in eine völlig verrohte und verwahrloste Welt ein. Er trifft auf harte Offiziere, die zwar Prinzipien hochhalten, diesen aber selbst in keiner Weise gerecht werden wollen. Er hat mit Mannschaften zu tun, die keinerlei Gewissen kennen und in jeder Situation ausschließlich an sich selbst denken.

»„Inkompetente und Wilde. Abschaum und Dreck des Hafenviertels. Ich bin Walfänger, aber so läuft der Walfang normalerweise nicht ab. So nicht, das kann ich Ihnen versichern.“«

So bleibt es kaum verwunderlich, dass es zwischen Habgier und Verkommenheit schnell zu Brüchen und Spannungen innerhalb der Schiffsbesatzung kommt. Als würde das nicht genügen, treibt die Drogensucht den Arzt auch noch in depressive Parallelwelten, in denen er dem Sinn des Lebens nachzuforschen versucht. Die skrupellose Triebbefriedigung unter Deck ist für den seefahrtsunerfahrenen Arzt so schockierend, dass er die Folgen gegenüber dem Kapitän des Schiffs zur Sprache bringt. Doch damit setzt er eine verhängnisvolle Abfolge gegenseitiger Verdächtigungen und gewaltsamer Auseinandersetzungen in Gang.

»„Es ist wirklich ungeheuerlich“, sagt Brownlee. „Haben Sie jemals so etwas gehört? Ein kleines Mädchen ist eine Sache. Ein kleines Mädchen, das könnte ich noch halbwegs verstehen. Aber doch keinen verdammten Schiffsjungen, Herrgott, nein. Wir leben in bösen Zeiten, Campbell, das dürfen Sie mir glauben. Böse und widernatürlich.“
Campbell nickt.
„Ich nehme an, der liebe Gott verbringt nicht viel Zeit hier oben im Nordwasser“, sagt er mit einem Lächeln. „Höchstwahrscheinlich mag er die Kälte nicht.“«

Das alles wird von Autor Ian McGuire auf 302 Seiten durchaus kurzweilig dargestellt. Die Story hat einen stringenten Handlungsfaden, der jedoch wenige Male von philosophischen oder auch psychedelischen Exkursen und Tagträumereien durchbrochen wird. Deren tieferer Sinn erschließt sich nicht unbedingt oder helfen gar dabei das Verständnis für den Ablauf des Geschehens zu erhellen. Es sind reine Beschreibungen der inneren Befindlichkeiten des Protagonisten. Man könnte dem Autor mit ein wenig gutem Willen zu Gute halten, dass er sich mit diesen Exkursen um mehr Atmosphäre in seinem doch recht schnörkellosen Erzählstrang bemühen will.

Überhaupt krankt die Darstellung der Geschichte an einem Übermaß von „Atmosphäre“: Der Detailreichtum der dargestellten Widerwärtigkeiten ist derart überfrachtet, dass sicher viele Leser sich hier und da angewidert abwenden. Es muss nicht unbedingt jede Ausdünstung jeglicher Körperöffnungen, nicht jede Ausscheidungen bei ihrem vulgärsten Begriff benannt werden, um deutlich zu machen, wie heruntergekommen die beschriebene Mannschaft ist, welchen abstoßenden Erkrankungen und Lebensumständen sie ausgesetzt sind und wie man sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen oder gar nehmen kann. Und es ist für den weiteren Verlauf der Handlung auch völlig überflüssig zu beschreiben, was genau sich bei einem Blinddarmdurchbruch aus einer notfallmäßig geöffneten Bauchhöhle ergießt. Weder die Menge, noch die Farbe oder gar der Geruch sind entscheidend dafür, was im weiteren Verlauf geschieht.

Es drängt sich der Eindruck auf, der Autor habe eine kindische Freude daran, möglichst obszön zu schildern, wie sich die negativen Lebensumstände in der Arktis auswirken können. Mit dem Kriminalfall hat das wenig bis nichts zu tun. Doch leider ist das nicht das einzige Ärgernis, das das Buch zu bieten hat. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass der Autor eines historisierenden Romans sich über die Gegebenheiten der Kulisse, in der er seinen Roman spielen lässt, vertraut ist. Doch schon im zweiten Kapitel schießt McGuire einen fulminanten Bock, der das Vertrauen in seine weiteren Schilderungen der Umstände massiv erschüttert. Die Handlung des Romans ist in der Arktis des Nordatlantiks verortet. Zum Ende des zweiten Kapitels lässt er seinen Doktor zu den „Wundern“ schweifen, die dieser dort wohl zu sehen bekommen wird. Unter anderem erwähnt er „Seeleoparden“, „Albatrosse“ und den „Weißflügel-Sturmvogel“. Peinlich nur, dass diese drei Tierarten in der skizzierten Gegend nicht vorkommen. Sie sind Bewohner der Antarktis, haben somit in der Arktis keine Vorkommen und dort schlicht nichts zu suchen. Wie soll man da den weiteren Schilderungen des Seelebens und des Überlebenskampfes seiner Figuren trauen? Schade – denn der Grundgedanke der Geschichte ist spannend. Für mich verliert das Buch durch seinen Ton und solche Fehler.

Mit seinem dunklen Zauber bildet der Roman eine wuchtige und gnadenlose Unterhaltung. Allerdings nur für Leser ohne Skrupel vor der detaillierten Darstellung von Gestanksnuancen, Exkrementen, und Brutalitäten, eingebettet in das raue Wetter und die rauen Sitten der Nordlandfahrer. Ich empfand diese rohe und blutrünstige Überlebenskampferzählung, von den nördlichen Grenzen der Menschlichkeit, als sehr harten Tobak.

 

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Nordwasser_Cover_U1.indd

Titel: Nordwasser

Autor: Ian McGuire

Übersetzung: Joachim Körber

Verlag: Mare Verlag

ISBN: 978-3-86648-267-8

Verlagslink: https://www.mare.de/nordwasser-8267

 

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